ZEITSPIEL

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KLARTEXT: Anmerkungen zum „Fall Gütersloh“

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Anmerkungen zum „Fall Gütersloh“

von Dietrich Schulze-Marmeling

 

Am 1. Januar dieses Jahres meldete der westfälische Oberligist FC Gütersloh 2000 Insolvenz an. Für viele war dies ein Beleg dafür, was im Verhältnis des „großen Fußballs“ zum „Amateurfußball“ falschläuft. So heißt es in einer Erklärung des FC Eintracht Rheine, der ebenfalls in der Oberliga Westfalen spielt: „Der FC Gütersloh ist leider nicht der erste Oberligist, der diesen bitteren Schritt in der jüngeren Vergangenheit gehen muss: 2015 meldete der VfB Hüls die Zahlungsunfähigkeit an und zog sich aus der Oberliga Westfalen zurück. Mitte des letzten Jahres ging der TuS Lingen in der Oberliga Niedersachsen den gleichen Weg. Es ist zu befürchten, dass zukünftig weitere Vereine auf der Strecke bleiben und unter der finanziellen Last eines ambitionierten Amateurvereins kollabieren. Während im internationalen Profifußball hohe Millionenbeträge für durchschnittliche Fußballer (Julian Draxlers Transfer zu Paris als aktueller Gipfel des Wahnsinns) gezahlt werden, TV-Gelder in schwindelerregende Höhen steigen, Millionen von Zuschauern in die Multi-Funktionsarenen pilgern, bleibt der Amateursport brutal auf der Strecke. Der Zuschauerrückgang in der gesamten Oberliga ist erschreckend, im Schnitt kommen gerade mal 271 Zuschauer zu einer Oberliga-Begegnung (Fupa). Dazu tragen auch die Anstoßzeiten in der ersten Bundesliga bei, in der kommenden Spielzeit gibt es neben dem 17:30, 15:30 nun auch ein 13:30 Uhr-Spiel am Sonntag – Es gab mal Zeiten, da gehörte der Sonntag dem Amateursport. Hinzu kommen Verbandsabgaben und Auflagen, die viele Vereine kaum noch schultern können, denn auch ehrenamtliches Personal (nicht nur in der Vorstandstätigkeit) zu finden, gestaltet sich zunehmend schwierig. Wenn sich diese Entwicklung weiter fortsetzt, dann werden wir uns wohl oder übel an solche Meldungen wie aus Gütersloh gewöhnen müssen. Jeder kann für sich selbst entscheiden, ob er das gut findet oder nicht.“

An dieser Erklärung ist wenig auszusetzen. Sie gibt die Tendenz korrekt wieder. Und die Klagen sind berechtigt. (Im Übrigen könnte man auch noch die Anstoßzeiten der 3. Liga hinzufügen, die unter der Obhut des DFB kickt. 14:00 Uhr, für einen Verein wie Preußen Münster, aber auch für die Amateurvereine in Münster und Umgebung ganz schlecht, denn rund um diese Zeit sind noch viele Jugendtrainer und Jugendmannschaften selber im Spielbetrieb involviert.) Trotzdem taugt der FC Gütersloh nur eingeschränkt für die Erörterung der Probleme des Amateurfußballs im Allgemeinen und der „ambitionierten Amateurvereine“ im Besonderen. Wobei der Begriff „ambitionierte Amateurvereine“ ja schon andeutet,  dass man eigentlich mehr als nur ein Amateurverein sein will. Und dies ist vermutlich ein Teil des Problems.

Gütersloh ist eine Stadt mit Fußballtradition, die mit der DJK und dem SVA sogar zeitweise gleich zwei Regionalligisten (damals 2. Liga) stellte. 1978 fusionierten die beiden Klubs zum FC Gütersloh, der dann in den 1980ern mit einem „Amateurskandal“ für Schlagzeilen sorgte, als er in der damals höchsten Amateurliga (Oberliga) einigen Akteuren bundesligataugliche Gehälter zahlte. Der FCG wurde zum Zwangsabstieg verurteilt, der dann aber in einen Punktabzug umgewandelt wurde. 2000 war der Klub restlos pleite, wurde aufgelöst und als FC Gütersloh 2000 neu gegründet. 2014 stand auch der neue FCG vor der Insolvenz, weil man die Sozialversicherungsbeiträge nicht gezahlt hatte. Finanzielle Probleme wie ein gewisser finanzieller und sportlicher Übermut ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Gütersloher Fußballs.

Der FCG ist in einem Raum zuhause, der zwar nicht besonders dicht bevölkert ist (die unten aufgelisteten Städte und Gemeinden ergeben unterm Strich eine Bevölkerung von ca. 1,1 Mio.), in dem sich aber eine hohe Zahl von Vereinen der 6. Liga (Westfalenliga) bis 2. Bundesliga konzentriert. Vermutlich eine zu hohe Zahl, denn bereits in der Westfalenliga sind Jahres-Budgets von deutlich über 100.000 Euro keine Seltenheit. Bei einem Zuschauerzuspruch, der bei vielen Klubs die 100 kaum überschreitet.

Auf eine Bevölkerung von ca. 1,1 Mio. kommen ein Zweitligist (Arminia Bielefeld), ein Drittligist (SC Paderborn), vier Regionalligisten (RW Ahlen, SV Rödinghausen, SC Verl, SC Wiedenbrück), sechs Oberligisten (Bielefeld II, FC Gütersloh, Hammer SV, SV Lippstadt 08, Paderborn II, Westfalia Rhynern) und sechs Westfalenligisten (Viktoria Clarholz, SC Delbrück, SC Herford, SC Spexard, Rödinghausen II, Westerkotten).

Betrachtet man die Größe ihrer Standorte, dann spielen, salopp gesagt, einige Vereine einige Klassen zu hoch: Clarholz (6.000), Spexard (9.000), Rödinghausen (10.000), Verl (25.000), Rhynern (18.000), Westerkotten (4.200). Wobei Rhynern zu Hamm gehört, vom Stadtkern aber relativ weit entfernt liegt und ein starkes Eigenleben führt. Im Falle der Hammer SV (180.000) könnte es ein, zwei Ligen höher sein, im Falle von Gütersloh (98.000) vielleicht eine. Dass sich das kleine Rödinghausen eine Regionalliga- und eine Westfalenligamannschaft leisten kann, ist einem extrem spendablen Mäzen geschuldet. Hier spielt man schon heute Bundesliga. Seinen VIPs bietet er „78 Business-Seats im Außenbereich der neuen Tribüne“ an, wo sie die „einzigartige Stimmung hautnah im Herzen des Häcker Wiehenstadions erleben“. Weiter lesen wir auf der Homepage: „Mit unserem VIP-Angebot haben Sie die Möglichkeit in exklusiver Atmosphäre nicht nur schönen Fußball, sondern auch bestes Catering zu genießen. Fußball – Live dabei und fast mittendrin! UNSER INDIVIDUELLER SERVICE FÜR SIE: 78 Komfort-Sitzplätze mit bester Sicht auf das Spielfeld, Zugang zur VIP-Lounge im Häcker Wiehenstadion 1h vor dem Spiel bis 1h nach Spielende, Reservierter Sitzplatz in der VIP-Lounge, Hochwertiges kalt-warmes Buffet inklusive Getränke, Informationen rund ums Spiel auf den Monitoren, Übertragung von Fußballsendungen (Pay- und Free-TV) auf den Monitoren, Limitierte Parkplätze.“ Nein, wir befinden uns nicht auf der Homepage eines Bundesligisten, sondern eines Viertligisten.

Wir haben es also mit einem Raum zu tun, der auf mittlerem Niveau (Westfalenliga bis Regionalliga) überfüllt ist, weshalb man in Gütersloh und Wiedenbrück schon mal über eine Fusion nachdachte (und eine solche 1985 in Paderborn vollzog, s.u.). Unterhalb der 3. Liga ist es sehr schwierig, sich von der Konkurrenz abzusetzen. Zumal in der Regionalliga, wo neben der Nachbarschaft auch noch Vereine wie Rot-Weiss Essen, Alemannia Aachen, Rot-Weiß Oberhausen und der Wuppertaler SV mitreden, die sich hier deutlich unterbewertet fühlen. Das Risiko, viel zu investieren, aber am Ende der Saison trotzdem mit leeren Hände dazustehen, ist also extrem hoch. Man könnte auch sagen: In der Region wird zu viel geträumt – und dies auch noch zu dicht nebeneinander. Als Gütersloh in der 2. Liga spielte, gab es die Konkurrenz aus Verl, Rödinghausen, Wiedenbrück und Paderborn noch nicht. Das Problem des FCG sind nicht nur die Sonntagsspiele, sondern auch neue Player, die über bessere finanzielle Möglichkeiten verfügen. So wie einst der FC Gütersloh mal mehr Kohle hatte als der Rest der Region, ausgenommen Arminia Bielefeld. Dann kam der TuS Schloss-Neuhaus mit seinem Mäzen Josef Peitz (der TuS fusionierte 1985 mit dem SC Paderborn zum TuS Paderborn-Neuhaus, aus dem 1997 der SC Paderborn 07 wurde), als nächstes der SC Verl usw.

Vor einigen Jahren hatte ich familiär bedingt das Vergnügen, ein wenig die Westfalenliga zu bereisen. Damals gab es hier noch einen weiteren ambitionierten Player, den in einem Vorort von Bielefeld beheimateten TuS Dornberg. An einem Mittwochabend spielte hier der 1. FC Gievenbeck vor, ein Stadtteilverein aus Münster mit vorzüglicher Jugendarbeit und einer ersten Mannschaft, deren Kader zu einem erheblichen Teil bereits in der Jugend dort gekickt hat. Der Haushalt der Gastgeber betrug in etwa das Zehnfache des Gievenbeckers. Dornberg konnte an diesem Abend sein Meisterstück bauen und damit den Aufstieg in die Oberliga perfekt machen. Weniger als 80 Zuschauer wollten dabei sein, obwohl es keine Konkurrenz durch Champions-League-Spiele gab. Gespielt wurde auf einem Kunstrasen. Werbebanden gab es nicht, nur zwei Werbetransparente der örtlichen Sparkasse am Fangzaun hinter einem der Tore. Während der Sportplatz eher dem eines B- oder C-Ligisten ähnelte, war die Players Lounge (sie hieß wirklich so) vom Feinsten: Ledersesseln, riesige Fernseher etc. Möglich gemacht hatte diesen sportlichen und sonstigen Luxus Hartmut Ostrowski, Ex-Vorstandschef der Bertelsmann AG. Ostrowski zog sich später zurück, in der Saison 2016/17 tritt Dornberg in der Bezirksliga an.

Einige Monate zuvor spielte Gievenbeck in Gütersloh. Das Spiel fand an einem Freitagabend statt, und mir wurde empfohlen, unbedingt dorthin zu fahren. Dies sei der absolute Auswärtshöhepunkt der Saison. Ein richtiges Stadion mit großen Flutlichtmästen und so. Man hatte mir nicht zu viel versprochen. Die Gastgeber hatten mächtig aufgefahren. Für die ca. 800 Zuschauer wurde ein Security-Unternehmen engagiert, das mich kontrollierte, als würde ich ein Bundesligastadion betreten. Und dann noch Hamm. Während des Spiels flitzten ständig in Schwarz und mit weißer Schürze bekleidete Servierinnen an mir vorbei, auf ihren Tabletts frisch gezapfte Pils. Ich dachte zunächst, hier würde irgendwo noch eine andere Veranstaltung stattfinden. Aber nein, das Ziel der fleißigen Damen war der VIP-Raum unter der mächtigen Haupttribüne, auf der sich u.a. Laurenz Meyer, der Ex-Generalsekretär der CDU, auf einem gepolsterten Sitz lümmelte. Das Spiel sahen ca. 250, die auch hier von einer professionellen Security betreut wurden.

Warum ich das hier schreibe? Weil vielleicht ein Problem des „Amateurfußballs“ ist, dass er ständig den „großen Fußball“ kopieren will, einschließlich dessen Begleitmusik, ohne hierfür die Voraussetzungen zu besitzen. Wir beklagen (zu Recht) das Auseinanderreißen des Fußballs, die immer größere Kluft zwischen dem „großen“, „mittleren“ und „kleinen“ Fußball, aber wir ziehen daraus keine Konsequenzen.

In meinem Heimatklub in einem Ort von 10.000 Einwohnern haben wir vor 15 Jahren, da gab es noch keine Sonntagsspiele, die Parole ausgegeben: „Lieber professionelle Amateure als amateurhafte Profis.“ Wir hatten erkannt, dass sich das Freizeitverhalten verändert hatte, dass die Zeiten, in denen 1.000 Zuschauer zu einem Nachbarschaftsderby in der Kreisliga kamen, Vergangenheit waren. Der Fokus wurde nun auf die Nachwuchsarbeit gelegt. Mit dem Ziel, so gut auszubilden, dass auch beim Weggang von Spielern zu größeren Vereinen, was heute bereits ab der D-Jugend stattfindet, genügend Potenzial übrig bleibt, um eine schlagkräftige Mannschaft zu stellen. Der Verein aus unserer Kreisstadt hat uns dafür ausgelacht und prahlte gerne mit den Summen, die er seinen Spielern zahlte. Tolle Stories kursierten, etwa die von dem Funktionär, von Beruf Zahnarzt, der mit dem Bohrer in der Hand unter seinen Patienten um Sponsoren warb. Oder von dem Restaurant, in dessen Separee hinter zugezogenem Vorhang Verhandlungen mit Spielern geführt wurden. Oh, was sind wir wichtig!

Heute spielt dieser Verein genau eine Liga höher (Landesliga) als unser Verein, ist allerdings vom Abstieg bedroht, während wir in Richtung Landesliga schielen. Der Zuschauerzuspruch ist in etwa identisch. Während in unserem Verein – trotz regelmäßiger Abgänge zu größeren Vereinen – C- bis A-Jugend in der Bezirksliga spielen, ist der Verein aus der Kreisstadt mit keiner Nachwuchsmannschaft überkreislich vertreten. Nun lese ich in der Zeitung, dass man sich dem einst belächelten Modell meines Vereins annähern will…

Natürlich stieß diese Politik auch in unseren eigenen Reihen auf Widerspruch. Ich erinnere mich noch an den Obmann, der Spielern Geld geben wollte, die gar nicht danach gefragt hatten. Das gehöre doch einfach dazu… Das Gequatsche über Ablösesummen, Prämien und sonstige Zuwendungen ist bis in die C-Liga hinein schick. Dann sollte ein Spieler geholt werden, der gefühlt bei bereits 23 Vereinen gekickt hatte, zeitweise sogar richtig gut, aber das war schon Jahre her. Aber der Spieler hatte immer noch einen Namen, die Zeitungen hätten wohl berichtet, hätte er bei uns angedockt. Der Spieler wurde uns wie Sauerbier angeboten, weil sein bisheriger Finanzier, der wenig später mal wieder in den Knast wanderte, ihn nicht mehr bezahlen konnte. Ich habe im Amateurfußball so viele lächerliche Stories erlebt, mit ihnen könnte man problemlos ein Buch füllen. Und häufig ging es darum, mal am großen Rad zu drehen, so zu ticken wie die Großen, wie Reiner Calmund oder Uli Hoeneß.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin kein Anhänger einer Amateur-Ideologie. Ich habe keine prinzipiellen Einwände gegen Zahlungen auch im „Amateurfußball“.  Aber man sollte nicht permanent versuchen, den „großen Fußball“ zu kopieren. Denn eine Kopie ist halt nur eine Kopie. Und manchmal mutet das, was da veranstaltet wird, ziemlich skurril und lächerlich an. Und anstatt immer nur eine Entwicklung zu beklagen, die sich bereits seit Dekaden abzeichnet und nicht aufzuhalten ist, sollte man stärker an einer Identität arbeiten, die auch einem ambitionierten Amateurverein von den Dingen, die auf der großen Bühne passieren, ein gewisses Maß an Unabhängigkeit sichert.

Im Übrigen gehe ich nicht davon aus, dass der DFB dem „Amateurfußball“ in irgendeiner Weise helfen wird. Der wird nicht einmal der 3. Liga helfen, obwohl sie in seine Zuständigkeit fällt. Die Milchkuh des Verbands ist die Nationalelf, und hier spielen keine Akteure vom FC Gütersloh. Hier ist der DFB auf ein gutes Verhältnis zu den Lieferanten angewiesen, ansonsten machen diese sich irgendwann vom Acker. Der Verband wird seit einigen Jahren selber abgehängt und reagiert darauf mit Opportunismus: siehe Reform des DFB-Pokals, wettbewerbsmäßig die letzte Klammer zwischen Oben und Unten. Die Grindels und Co. möchten aber beim großen Spiel weiterhin dabei sein, als Advokat des Amateurfußballs schaffst du es bestenfalls ins Regionalfernsehen. (Grindels Vorgänger Niersbach hat kaum einen Hehl daraus gemacht, dass ihn nur die Nationalmannschaft und der Franz interessieren.) Mehr als nette, aber letztlich substanzlose Imagekampagnen kann man nicht erwarten. Die Richtung des Balles wird nicht in der DFB-Zentrale bestimmt.

5 Kommentare

  1. Ein fachkundiger Artikel, der in vielen Punkten die eigentlichen Probleme des Amateurfußballs anspricht: Großmannssucht, Selbstüberschätzung, kurzfristiges Denken, Fehleinschätzung des Umfelds und nicht zuletzt unfähige Funktionäre. Diese zahlen schon in der Kreisliga Auflauf- oder Punktprämien, obwohl einige Spieler kaum fehlerfrei geradeaus laufen können. Ich will nicht falsch verstanden werden, Fußball sollte für Spieler jeglichen Spielvermögens für alle Leistungsbereiche möglich sein. Aber man muss dafür kein Geld bezahlen. Und daran gehen die meisten ambitionierten Amateurvereine kaputt.

    In Berlin gibt es jede Menge abenteuerliche Beispiele. Gerade versucht der Club Italia einen neuen Anlauf mit Icke Häßler als Trainer, der zwischen Dschungelcamp und Trainingsplatz die richtige Balance für das Team finden muss. Der Verein sah sich schon einmal kurz vor dem Profifußball, bis der große Absturz kam. Nun also der nächste Versuch, auf den man Wetten abschließen kann, wann er scheitert. Andere ehemalige Größen wie Wacker 04 oder Spandauer SV sind von der Landkarte komplett verschwunden oder finden sich wie Rapide Wedding (nach Fusion Nord Wedding), BSV 92, Alemania 90 oder Kickers 1900 heute in unteren Ligen wieder.

    Eine Vielzahl von Berliner Vereinen finanziert sich über große Geldgeber. Ob das nun Bauunternehmer, Anwaltskonsortien oder vermögende Privatierleute sind. Und das Ergebnis? Beim Spitzenspiel der 4. Liga kamen im Derby zwischen dem Berliner AK und Viktoria 89 gerade einmal 400 (zahlende?) Zuschauer, obwohl an dem Wochenende keine Bundesligapartien liefen. Beide Vereine arbeiten im Prinzip unter Profibedingungen und operieren mit siebenstelligen Etats, wie durchaus gut informierten Fachkreise berichten. Wacker Nordhausen soll angeblich vorne sogar eine 3 im Millionenetat stehen haben. Neulich sagte mir eine seriöse Beraterin aus Süddeutschland: „Es ist schon irre, was Spieler in der Regionalliga Nordost verdienen können. Das kann ja gar nicht gutgehen.“

    Aber man muss gar nicht bis in die 4. Liga gehen, um absurde Summen zu beschreiben. Auch wenn im so genannten Amateurbereich keine siebenstellige Etats zu finden sind, über 100.000 dürften einige der selbst ernannten „Top“-Clubs schon kommen. Bei einem Schnitt von rund 50 Zuschauern!!! Irgendwann hat der Geldgeber keine Lust mehr, erleidet einen Herzinfarkt oder verstreitet sich mit dem Vorstand. Und dann geht es steil nach unten. Mitleid muss man nicht haben. Leider wird bei den meisten der gesamte Jugendbereich mit nach unten gezogen. Überhaupt ist es bei fast allen Vereinen so, dass die Jugendbeiträge dafür verwendet werden, um den Herrenspielern Prämien zu zahlen. In vielen Vereinen sind Jugend und Männer einander daher auch in inniger Abneigung verbunden.

    Das Hauptproblem liegt inzwischen darin, dass es immer weniger gut geführte Jugendabteilungen gibt. Die Anforderungen von Verbandsseite steigen, Eltern werden immer anspruchsvoller bis hin zu Unverschämtheiten und Drohungen, die Rahmenbedingungen haben sich durch Ganztagsschule, flexibilisierte Arbeitswelt deutlich verschlechtert. Selbst Stundenten sind kaum noch in der Lage, um 16.30 Uhr auf dem Platz zu stehen, um Kinder zu trainieren, Paketboten auch nicht mehr. Zudem verlangen die Mitglieder von Fußballvereinen niedrige Beiträge, um ihr Kind an anderen Tagen für 50,– Euro pro Stunde zum Klavier- oder Reitunterricht zu schicken. Hinzu kommen Anforderungen wie Kinderschutz, gut ausgebildete Trainer mit hoher Sozialkompetenz, integrative Ansätze, Sport für Geflüchtete, Zeit für Elterngespräche und einiges mehr.

    Alles Dinge, die absolut lobenswert sind. Aber sie sind für einen Jahresbeitrag von 100 Euro nicht hinzukriegen. Und schon gar nicht findet man genügend Ehrenamtler, um das zu organisieren. Sehr jungen Leuten fehlt oft die Erfahrung, Menschen zwischen 25 und 55 konzentrieren sich lieber auf die berufliche Karriere, die eigene Familie oder das Eigenheim. Und die zunehmend zur Verfügung stehenden Rentner sind oft weit vom Denken der 50 Jahre jüngeren Jugendlichen und deren Eltern entfernt – Ausnahmen bestätigen die Regel. Das heißt aber nicht, dass man die Flinte ins Korn werfen muss, denn natürlich gibt es funktionierende Modelle, z. B. Mentoring, Sandwichlösungen oder zeitliche Flexibilisierung. Nur sind die aufwändiger und zeitintensiver.

    Zwar glaube ich auch nicht, dass der DFB den Amateuren helfen wird, ihre Probleme zu lösen. Aber er könnte ein Signal an die Landesverbände geben, die Sorgen und Nöte ihrer Vereine ernster zu nehmen. Er wird nicht verhindern, dass Vereine sich überschätzen und trotz fehlender nachhaltiger Strukturen in die 3. oder 4. Liga wollen. Denen ist nicht zu helfen. Aber die Tausende von Vereinen, die einfach nur ordentlichen Amateurfußball fördern und betreiben wollen, die brauchen Unterstützung. Die kann nur über die Landesverbände kommen. Der von den Verbandsfunktionären so gern gerühmte DFB-Masterplan mit seinem Vereinstalk wird es nicht sein. Schon gar nicht, wenn die Landesfürsten nach zwei Stunden wieder abreisen und es hinterher keine Rückmeldung gibt. Sinnvoller wäre eine aktive Unterstützung für Vereine. Der DFB sitzt auf Hunderten von Millionen. Das Bundesleistungszentrum allein soll 150 Mios kosten, was am Ende bestimmt nicht ausreichen wird. Da müssen doch ein paar Millionen für die Hilfe an der Basis drin sein. Bei 10 Millionen, entspräche das gerade mal einem Betrag von 400,– Euro pro Verein, aber immerhin könnte man damit den Amateuren beratend unter die Arme greifen. 50 Millionen wären natürlich besser.

    Denn von allein werden die meisten Vereine es nicht mehr schaffen, für genug Ehremamtler, Sponsoren oder Trainer zu sorgen. In Berlin findet der Verband, es sollten mehr Vereine fusionieren. Als würde das die Probleme in einer wachsenden Stadt mit einer katastrophalen Sport-Infrastruktur lösen. Der Ärger mit Eltern, Sportämtern oder Politik wird dadurch nicht geringer. Der Verband hätte es leichter, aber die Club-Vorstände… Letztlich müssen die Vereine sich selbst organisieren. Sie wählen ihre Landespräsidien, sie sind im Prinzip der Verband. Eigentlich eine höchst demokratische Veranstaltung. Nun ist Demokratie im Land zurzeit nicht so hoch im Kurs, vielleicht weil Meckern einfacher ist.

    Aber die Vereine müssen sich das Heft des Handelns zurück holen und wieder mehr Demokratie wagen. Indem sie sich zusammenschließen, gemeinsam Forderungen und Ideen entwickeln, womit sie die Landesverbände konfrontieren. Es wird künftig nicht mehr reichen, sich in ein Beiratsamt wählen zu lassen, in den Verbandssitzungen abzunicken und hinterher zu meckern. In Berlin schließen sich gerade einige engagierte Vereine zusammen, um ihre Vorstellungen zu formulieren. Im Herbst ist hier der Große Verbandstag. Bis dahin sollten sie ihre Hausaufgaben gemacht haben. Falls nicht, kann man hinterher wenigstens 4 weitere Jahre jammern. Ob das zielführend ist, sei dahin gestellt.

  2. Ein sehr guter Kommentar zur Gesamtlage des Amateurfussball im Allgemeinen und dem FC Gütersloh in Besonderen.

    Nur eines muss ich anmerken: „Als Gütersloh in der 2. Liga spielte“, da spielten sowohl der SC Paderborn als auch der SC Verl schon seit zehn Jahren und mehr in der dritten Spielklasse. So zu tun als wäre diese regionale Konkurrenz erst kürzlich erwachsen ist also nicht korrekt.

  3. Vergessen Sie in Ihrem Artikel nicht Auflagen vom DFB und Gesetzgeber ?
    Viele Sicherheitsmaßnahmen sind leider Auflagen !

  4. …“und nichts als die Wahrheit!“ Treffender geht es nicht. Kompliment. Anmerkung für den DFB: „Wann denkt ihr, dass nur noch ausländische Stars in der Bundesliga spielen? Nachwuchs aus dem Amateurbereich gibt es bald nicht mehr…

  5. Sehr interessanter Beitrag, dem ich in sämtlichen Details nur zustimmen kann.

    „Gütersloh“ existiert im deutschen Amateurfußball überall und dies seit gefühlten „Fußball-Ewigkeiten“.

    Ich kenne vor allem die Münchner-Amateur-Fußballszene – auch da ist und war es ein ständiges Auf und Ab, vor allem bei den Vereinen im Münchner Umland: Die Geschichte der drei benachbarten Vereine FC Ismaning, Grüne Heide Ismaning und FC Unterföhring ist stellvertretend. In den 80er Jahren alle in den damaligen A- und B-Klassen beheimatet schnellte in den folgenden Jahrzehnten jeder dieser Vereine – durch einen finanzkräftigen Mäzen gestützt – in den Ligen nach oben … und stürzte wieder ab, natürlich im Wechselspiel.
    Allerdings muss man sagen, dass diese Klubs wenigstens langfristig davon profitiert haben, indem sie alle nun wesentlich größere und schönere Sportanlagen als früher haben.

    Viel schlimmer erging es meinem Stammverein, dem SV Daglfing, im Münchner Osten. Ende der 1970er Jahre holte man sich mit Rudi Zeiser („Meister-Löwe“ von 1966) einen namhaften, aber auch teuren Trainer. Man stieg sofort in die Bezirksliga (damals 5. Klasse) auf, alle Jugendmannschaften spielten in hohen Ligen. 1982 scheiterte man nur hauchdünn im Aufstiegsrennen in die Landesliga Süd (4. Liga). Sportlich und finanziell ging es in den folgenden Jahren dann nur noch bergab. Gerade die Verpflichtung von Rudi Zeiser hatte verheerende finanzielle Auswirkungen.
    In den Folgejahr(zehnt)en entwickelte sich der SVD zu einer Fahrstuhlmannschaft und der Verein musste für sein Überleben sogar mit Helios, einem anderen Münchner Traditionsverein (zwischenzeitlich Bayernligist = damals Drittligist), fusionieren. Heute „dümpelt“ Helios-Daglfing in den unteren Münchner Fußballligen herum.
    Selbst komme ich in dieser Geschichte auch vor: Als ich 1983 nach Ismaning wechseln wollte, weil dort mittlerweile einige Freunde von mir spielten, wäre der Wechsel beinahe gescheitert. Obwohl ich in der Saison zuvor als Wehrpflichtiger kaum spielen konnte, verlangte Daglfing von Grüne Heide eine unverhältnismäßig hohe Ablösesumme. Bei Nicht-Zahlen wäre ich für ein halbes Jahr gesperrt worden. Die Summe wurde erst aufgrund meiner Ankündigung, dass ich dann eben ganz mit Fußball aufhören würde, reduziert.

    Gütersloh 2017, München in den 80er Jahren ff. – dieses Szenario existiert in ganz Fußball-Deutschland!

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