ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

KLARTEXT: Alles „silly“ im Fußball?

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Silly steht im Englischen für „dumm, albern“, doch das, was die Band „Silly“ da gestern in Leipzig veranstaltete, fanden einige so gar nicht dumm. Darf man tatsächlich in „fremden“ Trikots zu einer Aufstiegsfeier eines Vereins gehen? Ja, darf man, wenn es nun mal nicht der eigene Verein ist, der da den Aufstieg feiert und man zwar mitfeiern möchte, sich aber nicht vereinnahmen lassen will. Ich bin auch schon mal in einem Göttingen-05-Trikot zu einer Feier von Eintracht-Braunschweig-Fans gegangen.

Lassen wir mal die Frage der tatsächlichen Beweggründe von „Silly“ für ihre Aktion außen vor (sind sie wirklich Fans der Vereine, oder war es eine geschickte Marketingaktion?), war es in meinen Augen eine durchaus gelungene Provokation. Und das sollten all die (sorry, Ironie) leidenschaftlichen RB-Fans spätestens mit dem Aufstieg ihrer Organisation in die Bundesliga zur Kenntnis nehmen: Im Fußball geht es auch um Rivalität. Dass man sich beispielsweise gestern in Zwickau gefreut hat, weil in Aue die Rückkehr in die 2. Bundesliga gefeiert wurde, dürfte ausgeschlossen sein. In Zwickau gönnt man dem FCE auch ohne Klebrige-Brause-Sponsor nicht allzu viel Gutes.

Seit einiger Zeit wird subtil und auf breiter Ebene versucht, RB Leipzig als „normalen Bestandteil“ des Fußballs in Deutschland darzustellen. Es müsse jetzt mal gut sein mit den Angriffen, und außerdem sei das Gebaren der anderen Klubs – gerne wird an dieser Stelle der FC Schalke 04 mit seinem Gazprom-Deal genannt – mindestens ebenso schlimm – wenn nicht schlimmer. Und dann kommt fast immer die Ostkeule. In der „Huffington Post“ wurde den Kritikern des RB-Konzeptes sogar vorgeworfen, sie wären „arrogante Wessis“, die „Leipzig die Bundesliga nicht gönnen (www.huffingtonpost.de/2016/05/09/arrogante-wessis-leipzig_n_9868654.html?ncid=chipfb). Dieselben „arroganten Wessis“ gönnen übrigens auch Hoffenheim die Bundesliga nicht. Aus ähnlichen Gründen.

Wollen wir nicht endlich mal weiterkommen in der Diskussion? Ich bin müde von allem. Von der Selbstüberhöhung der Kritiker wie Befürworter, der Ultras, der „Traditionalisten“, der „Modernen“. Von dieser Diskussion, ob nun Traditionsvereine mehr „wert“ sind als Kunstprodukte à la RBL oder Hoffenheim (nein, ich nenne jetzt absichtlich NICHT den VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen!), von dem Grabenkampf, der sich zwischen dem angeblich „guten, echten Fußball“ und dem „bösen gekauften, aseptischen Fußball“ abspielt.

Willkommen im 21. Jahrhundert. Einem Jahrhundert, das sich bislang durch exzessive Marktliberalisierung und Selbstoptimierung ausgezeichnet hat. Nicht nur im Fußball, sondern im gesamten Alltag. Schneller, besser, weiter, effizienter – davon kann doch jeder ein Lied singen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, die Sieger werden strahlender, die Verlierer sind inzwischen auch in der Mittelschicht in Massen zu finden. In Wolfsburg lassen sich Manager für Versagen mit „Prämien“ belohnen, anderswo machen sich Menschen, die seit fast 40 Jahren in der Arbeitswelt stehen, existenzielle Sorgen um ihre Rente. Mehr denn je ist unsere Lebenswelt Wettkampf, und Charles Darwin dürfte sich freuen, dass sein „survival of the fittest“ nun auch beim homo oeconomicus angekommen ist.

Und da soll der Fußball heile Welt sein? In der Werte, in der Moral, in der Ehre, Brüderlichkeit und Gleichheit noch zählen? Dass RB Leipzig in der Bundesliga spielt, liegt doch vor allem daran, dass sie es können. Dass ein Einzelner soviel Geld in die Hand nehmen kann, um ein ganzes Unternehmen nach seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen auszurichten und sich all das kaufen kann, was nötig ist, um die Bundesliga zu erreichen. So funktioniert nun mal der Kapitalismus.

Wieso erwarten wir in einer Welt, in der auf allen Ebenen und Gebieten die „Großen“ die „Kleinen“ fressen einen Fußball, in dem genau das nicht passiert? Warum jammern wir, wenn die Bayern wieder einen Dortmunder Leistungsträger kaufen (und die dann, nebenbei gesagt, Stade-Rennes deren Leistungsträger abwerben)? Weil wir das für unser eigenes Wohlbefinden brauchen? Weil uns ausgerechnet der Fußball die Illusion erhalten soll, es gehe im Leben nicht mehr nur noch um Geld, sondern auch um andere Werte? Kein globales Unternehmen würde sich die Chance entgehen lassen, einen kleineren Konkurrenten entweder aufzukaufen oder zu zerstören, wenn es die Gelegenheit hätte.

Wir haben die Geister, die (nicht nur) den Glamourfußball durchwehen, selbst gerufen. Und wir werden sie nicht wieder los, indem wir „Scheiß RBL“ rufen, Dietmar Hopp auf Zielscheiben pinseln oder gar zur Gewalt greifen. Wenn wir die Geister wirklich wieder vertreiben wollen, müssen wir uns zunächst nüchtern anschauen, in was für einer Welt wir eigentlich inzwischen leben. Und uns von diesem „blinden Fleck“ zu befreien, der viele vor allem alteingesessene Fußballfans noch immer verbindet. Wir wollen nicht wahrhaben, dass uns unser allerliebstes Spielzeug längst weitestgehend entglitten ist.

Wünschenswert wäre eine Rückkehr zur aktiven Mitgestaltung. Dazu gehört zunächst das Bewusstsein von der eigenen Konsumhaltung. Wenn ich ein Angebot der Eventindustrie in Anspruch nehme – und nichts anderes ist eine Eintrittskarte zu einem Spiel der Fußball-Bundesliga – dann erhalte ich ein entsprechendes Produkt. Entwickelt von Marketingexperten, die sich Gedanken darüber machen, wie man möglichst effektiv an die „schwachen Stellen“ der Kunden herankommen kann, um schlussendlich vor allem eins zu erreichen: ihre Geldbörsen.

Der Fußball des Jahres 2016 hat nun mal nichts mehr mit dem des Jahres 1986 zu tun. Ebenso wenig wie ein mp3-Song mit einer 45er-Single.

Und komme mir jetzt bitte niemand mit den Ultras und den „aktiven Fanszenen“. Auch sie sind Bestandteil der Konsumwelt und tragen zu deren Erfolg bei. Wenn ich ein Produkt nicht mehr will, beschwere ich mich entweder und dränge auf Änderungen oder verzichte auf den Erwerb. Basta! Wir aber rufen nach Gremien, die regulierend eingreifen sollen. Wer soll das sein? FIFA? UEFA? DFB? DFL? Die Bundeskanzlerin? Das Europaparlament? Ich bitte euch!

Der Verzicht ist im Fußball natürlich ungleich schwieriger als beim, sagen wir, Lieblingswaschmittel, das uns plötzlich nicht mehr gefällt; aber das ändert nichts an der Ausgangslage. Viele langjährige Bundesligafans haben sich in den letzten Jahren abgewandt und sich entweder ganz vom Fußball entfernt oder zum unterklassigen Fußball gewechselt. Als ich am Samstag auf dem Heimweg aus Frankreich vor der Wahl stand, Hoffenheim gegen Schalke in der Bundesliga oder Wormatia Worms gegen Neckarelz in der Regionalliga zu sehen, habe ich mich für Worms entschieden. Und etwas bekommen, das mir – trotz Sommerfußball – gefallen hat.

Fußball erfüllt heute ganz andere Funktionen. Dass der MDR die Meisterfeier von RB über Stunden live im gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen übertrug, dass eine aufgeregte Reporterin mit dem Mikrofon in der Hand von Star zu Star, von Zuschauer zu Zuschauer marschierte, um „Atmosphäre“ einzufangen und um „Atmosphäre“ zu versprühen, dass wir ein derartig exzessives Produktplacement hinnehmen – das alles sind in meinen Augen die wirklich beklagenswerten Aspekte des „modernen Fußballs“. Wir lassen uns auf Deutsch gesagt „verarschen“ und bezahlen auch noch dafür. Das ist ganz schön „silly“, oder?

Wenn der „Silly“-Auftritt dann auch noch, wie gestern kolportiert wurde, tatsächlich vom MDR bezahlt wurde, dann sind wir dem „Brot und Spiele“ von einst wirklich bedrohlich nahe.

Aber sind wir wirklich Lemminge, die zwangsweise dem hinterherrennen müssen, was ihnen vorgesetzt wird? In einer durchkapitalisierten Gesellschaft hat schließlich der Kunde die entscheidende Macht. Denn findet das Ziel aller Marketingaktivitäten – die Übergabe von Geld – nicht statt, verpuffen sie. Und es gibt ja – wie in jedem Markt – Alternativen. Freiburg ist nicht Hoffenheim, Leipzig nicht Bremen. Jeder kann frei entscheiden. Also lasst uns endlich aufhören mit dieser ewigen Diskussion und lasst uns handeln. Lasst uns unser Geld umverteilen!

Hardy Grüne

4 Kommentare

  1. Kann dem Text voll zustimmen. Letztlich ist man selbst dafür verantwortlich – jeder Einzelne. Ich schaue daher vorrangig nur noch Spiele ab Liga 4 abwärts. Natürlich geht es auch dort um Geld/Erfolg, auch am Samstag in Kehl (OL Baden-Württemberg) ging es letztlich um nichts anders. Aber ich mache mir im Gegensatz zu vielen anderen (z.B. diverse Ultras) nichts vor und richte meinen „Fußballkonsum“ anders aus. Fußball ist größtenteils ein reines Produkt und mit dem Konsum des unterklassigen Fußballs greife ich zumindest auf den noch eher ursprünglich gebliebenen Volkssport zurück.

    Ich fahre dann jetzt mal los nach Leipzig – die Stadtklasse (Liga 9) ruft!

  2. Schön die Widersprüche dieses Unterhaltungsangebot Fußball auf den Punkt gebracht. Mich beschäftigt das für den MSV Duisburg nicht erst seit dem Verweigern der Lizenz, seitdem aber besonders. Seitdem stehen die Vereinsverantwortlichen im Grunde vor der Aufgabe, die besondere Nähe der Anhänger zum MSV Duisburg als ideelle Idee in das Wirtschaftsunternehmen zu übertragen. Eigentlich unmöglich, wenn Zuschauer nicht immer wieder die Widersprüche ausblenden, sich Illusionen hingeben. Mit der Konsequenz, enttäuscht zu werden. Sportlicher Erfolg nur hilft darüber hinweg.

    Diese freie Entscheidung für das entsprechende Konsumangebot Fußballverein scheint mir übrigens nur in Grenzen eine Alternative zu sein. Da bleibt doch die regionale Verbundenheit eine sehr mächtige Entscheidungshilfe.

  3. Als Biologe und Bewunderer solch genialer Männer wie Darwin, der eine der herausragendsten Beiträge zum Verständnis der Welt aller Zeiten geliefert, möchte ich mich über die Bemerkung beschweren „Charles Darwin dürfte sich freuen, dass sein „survival of the fittest“ nun auch beim homo oeconomicus angekommen ist“.

    Er hat lediglich den Mechanismus der Selektion beschrieben und wäre nie auf den Gedanken gekommen, daraus ein Prinzip für menschliches Zusammenleben zu generieren! Im Gegenteil – das wäre im höchst zuwider gewesen! Nietsche und später die Nazis sind schuld an der Diskreditierung dieses Begriffes! Darwin wollte ursprünglich Pfarrer werden und hat sich viele Jahrzehnte gescheut, seine Erkenntnisse und Forschungsergebnisse zu veröffentlichen aus Rücksicht auf seine Umgebung und seine Mitmenschen (erst als er mitbekam, dass ein junger Wissenschaftler ähnliche Ideen entwickelt hatte, wurde er quasi zur Veröffentlichung seiner jahrzehntelangen Forschungsergebnisse „gezwungen“).

    Charles Darwin war wahrscheinlich ein sehr sozialer und über den Tellerrandschauender Mensch, der sich durchaus bewußt war, dass es eine besondere (menschliche) zivlisatorische Errungenschaft ist, dass wir nicht nur nach ökonomischen Zwängen und mit der Macht des Stärkeren zwangsläufig reagieren müssen. Mitleid, Mitgefühl und Solidarität gehören ebenso zu den uns angeborenen Eigenschaften, Fähigkeiten und Bedürfnissen. Diese Werte bewußt kulturell, gesellschaftlich zu verankern, enspricht unserer ganz spezifischen kulturellen Evolution.

  4. Respekt- für die klaren Gedanken. Letztlich kann man die Gegner eines RB Leipzig oder LR Ahlen oder Hoffenheim in 2 Gruppen teilen. Die Fundamentalisten des Alten („ehrlichen“), wie von Dir beschrieben und die der Betroffenen/ Konkurrenten die über Ihren Wert-/ Zuschauer-/ Ligaverlust klagen, da dieses auf unlautere Machenschaften zurückzuführen ist. Der Rest sympathisiert hier oder da. Was das Ganze aus meiner persönlichen Sicht so widerlich macht, ist die Tatsache dass selbst die letztere Gruppe mit allen Mitteln versucht auf dem Gebiet des Konsum/ Events zu Punkten, also versucht genau dasselbe zu tun, aber ehrlich zu wirken- wie Silly in diesem Beispiel. Wer diese „Gegenaktionen“ dann sympathisch findet hat schlussendlich den Pfad der alten Werte verlassen und sich dem Gegeneventismus angeschlossen. Ein Weg der aber nicht zu gewinnen ist. Ho Chi Minh hat gesagt wir können den Kampf nur gewinnen wenn wir die Regeln des Krieges nicht mitgehen. Wenn man sich also aktiv gegen RB Leipzig stellen will, sollte man nicht auf deren Bühnen stehen, wohl aber in deren Stadion sitzen und vor allem nicht nach deren Aufmerksamkeit gieren. Als Dynamofan sich nun über einen weiteren Marketinggag der Singegruppe im eigenen Stadion zu freuen, zeigt das Dilemma und die Hilflosigkeit beim Gegeneventen recht gut!

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