ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Ist der hochklassige Amateurfußball noch zu retten?

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Für unseren Offenen Brief an Herrn Watzke haben wir viel Aufmerksamkeit bekommen.

Das freut uns, denn es lenkt das Interesse auf den Amateurbereich des Fußballs, der uns sehr am Herzen liegt. Wir haben einerseits viel Zuspruch und Zustimmung für unsere Worte erfahren, andererseits aber auch Kritik und den Vorwurf der Polemik. Dem stellen wir uns gerne und sind auch bereits dabei, eine Art Thesenpapier zum Zustand des Amateurfußballs zu erstellen, das demnächst an dieser Stelle veröffentlicht werden soll. Darin wollen wir u.a. folgende Fragen aufwerfen: Wie ist das Verhältnis zwischen Profi- und Amateurfußball? Braucht es eine Event-Kultur im Amateurfußball? Wie kann es dem unterklassigen Fußball gelingen, attraktiv und zugleich authentisch zu sein? Und nicht zuletzt: was suchen wir eigentlich im Fußball? – egal, ob in der Bundesliga, der Oberliga oder der Kreisklasse.

Daher zunächst der Aufruf an Kritiker wie Befürworter: bringt Euch ein in diese Diskussion, schickt uns Eure Thesen, Eure Vorstellungen, Eure Kritiken, Eure Lösungsansätze. Denn dieses Thema geht uns alle an! (Kommentarfunktion im Blog/auf Facebook oder via reaktion@zeitspiel-magazin.de)

In der Premierennummer von Zeitspiel haben wir uns im Leitartikel „Überleben im Turbokapitalismus“ intensiv mit der Frage beschäftigt, welche Rolle wirtschaftliche Zwänge im Fußball in der Vergangenheit gespielt haben und heute spielen. Schon den 1920er Jahren gab es erste Vereinspleiten, 1967 erfand Wormatia Worms die Trikotwerbung und seit den 1990er Jahren haben sich Insolvenzen und Mannschaftrückzüge exorbitant gehäuft. Eine Frage beschäftigt uns dabei besonders: wie kann der leistungsorientierte hochklassige Amateurfußball (vierte bis sechste Liga) in seiner schwierigen Lage zwischen kostenintensivem Spielbetrieb und übersichtlichen Einnahmen überleben?

Christian Jessen, als Redaktionsleiter bei Nord Sport täglich mit den Sorgen und Nöten der Vereine im ambitionierten Amateurfußball konfrontiert, hat sich darüber Gedanken gemacht. Hier sein Beitrag aus Heft #1 von Zeitspiel.

 

Ist der hochklassige Amateurfußball noch zu retten?#1_cover

Von CHRISTIAN JESSEN

Christian Jessen, Redaktionsleiter bei Nord Sport, beantwortet diese Frage mit zwei Gegenfragen: Kann der jeweilige Verein seinen eigenen Ansprüchen genügen, gehört er überhaupt in die Reihe der 56 Profiklubs unseres Landes? Und ist die aktuelle Ligenstruktur geeignet, um Traditionsvereinen gute Möglichkeiten zu bieten?

An der Basis herrscht an einigen Stellen Frust. Traditionalisten schimpfen auf Verbände und vermeintliche „Spielverderber“ wie Leipzig oder Hoffenheim. Vorstände suchen händeringend nach Einnahmequellen. In gefühlt immer schnelleren Abständen melden traditionsreiche Vereine Insolvenz an. Und selbst in alteingesessenen Traditionsklubs, die sportlich und wirtschaftlich einen gesunden Weg eingeschlagen haben, scheint längst nicht alles im Lot.

„Das sind alles ganz andere Dimensionen, der Sprung in die 3. Liga ist groß“, erklärte Andreas Popien, Finanzvorstand des VfB Lübeck, im Februar gegenüber dem regionalen Fachblatt Nord Sport. „Wir hätten es nicht geschafft, einen Etat für die 3. Liga zu stemmen“, wurde Hajo Sommers, Präsident von Rot-Weiß Oberhausen, wenige Wochen später im westdeutschen Fachblatt Revier Sport zitiert. Beide Regionalligisten, die sich sportlich wie auch finanziell nach einer Talfahrt auf dem aufsteigenden Ast befinden, verzichten schon vorab auf den Aufstieg. In Uerdingen, Wattenscheid, Mannheim oder Kassel wäre man froh, sich überhaupt mit höheren Ambitionen befassen zu können. Und ehemalige Bundesligisten wie Tennis Borussia Berlin, Wuppertaler SV oder SSV Ulm 1846 können derzeit schon von der Viertklassigkeit nur träumen.

Können solche Vereine unterhalb des Profifußballs dauerhaft überleben? Welche Perspektiven haben ambitionierte Klubs in der Regional- oder Oberliga? Oder, ganz konkret: Ist der hochklassige Amateurfußball noch zu retten?

Bei der Antwort auf diese Frage gilt es zunächst einmal zu unterscheiden: Vereine mit breiter Zuschauerbasis und herausragender Stellung in ihrer Umgebung, man denke an Rot-Weiss Essen, Kickers Offenbach, Alemannia Aachen oder den 1. FC Magdeburg, werden immer eine Grundlage haben, um gutklassigen Fußball anzubieten. Die Nachwuchsteams der Bundesligisten werden ebenfalls dafür sorgen können, dass das sportliche Niveau einen gewissen Level erhält. Für alle, die nicht zu diesen beiden Gruppen zählen, hilft nur eines: Konsequente Besinnung auf die eigenen Möglichkeiten.

Die erste Frage, die man sich dabei stellen muss: Welchen Anspruch kann ich als Verein eigentlich stellen? Ob in Oberhausen oder Lübeck, in Kassel, Zwickau oder Oldenburg – darf man da erwarten, zu den 56 deutschen Profimannschaften in den oberen drei Ligen zu gehören? 127 verschiedene Vereine weisen die „ewigen Tabellen“ in der 1. und 2. Bundesliga aus, hinzu kommen noch weitere 30 Ex-Erstligisten aus der ehemaligen DDR, die nach der Wende über Drittklassigkeit nicht hinauskamen. Man muss kein Mathematiker sein, um festzustellen, dass für deutlich mehr als die Hälfte dieser Klubs in den Profi-Ligen kein Platz ist. Als Vergleichsgröße darf dabei nicht die Treppenstufe auf der Ligenpyramide gelten. 1980 viertklassig zu sein, bedeutete Provinzfußball. 2015 ist die vierthöchste Liga die Schwelle zum Profibereich. Für eine realistische Einordnung „seines“ Vereins hilft eine Einstufung innerhalb der seit dem Krieg quasi unveränderten Regionalverbände. Nehmen wir die eingangs erwähnten Beispiele: Der VfB Lübeck ist aktuell im Norden die Nummer 15 (vier Bundesligisten, je zwei Zweit- und Drittligisten sowie die Spitzenteams der Regionalliga stehen vor dem VfB). Rot-Weiß Oberhausen ist im Westen die Nummer 17. Unter den Top 10 ihrer Region zu sein, war für beide Klubs jeweils der Höhepunkt der Vereinsgeschichte. In der Regionalliga bewegen sie sich also grundsätzlich im Durchschnitt dessen, was in den vergangenen 70 Jahren in ihrem Verein möglich war.

Die zweite Grundsatzfrage ist die nach der Ligenstruktur: Müsste die deutsche Fußball-Pyramide anders aufgebaut sein, um bessere Möglichkeiten für Traditionsvereine zu bieten? Veränderungen werden immer wieder gefordert. Unterhalb des Profibereichs wurden Reformen in den letzten 20 Jahren auch etwa im Fünf-Jahres-Rhythmus durchgeführt. Die Klagen haben sich dabei nur verschoben. Bis Ende der 1990er-Jahre war zwischen der Zweit- und Drittklassigkeit das „Nadelöhr“ – man erinnere sich an die Aufstiegsrunden oder spätere Zweitliga-Aufstiegsspiele der Meister Hannover 96 und Energie Cottbus. Bis 2012 lag das größte Problem dann unterhalb der Regionalliga, als beispielsweise jahrelang keine Oberligisten aus Hamburg, Schleswig-Holstein oder Bremen für den Aufstieg meldeten. Heute ist der Sprung in die 3. Liga wirtschaftlich wie sportlich das größte Problem. Jede Ligenreform würde das Problem nur erneut verschieben. Einzige Ausnahme: Gäbe es statt einer 3. Liga zwei Staffeln, wäre die darunter beginnende Pyramidenstruktur fast optimal. Nur ist die 3. Liga für sich betrachtet eben eine durchaus attraktive Liga und ihre Abschaffung entsprechend nicht realistisch. Wer TV-Gelder von rund 750.000 Euro einstreichen will, muss auch die Auflagen wie Flutlicht, Rasenheizung und Stadion-Infrastruktur akzeptieren. Diese sind im Profibereich größtenteils sinnvoll, weil nur durch sie quasi alle Zusatzeinnahmen, nach denen ja gerade die unterklassigen Traditionsvereine streben, möglich werden – sei es durch TV-Verträge, Zuschauerboom oder Werbemöglichkeiten. Mehr als eine gerechtere Aufstiegsrunde zur 3. Liga und vielleicht einen zusätzlichen Anreiz in Form einer Amateurmeisterschaft – mit Chance auf Preisgeld oder DFB-Pokal-Ticket – ist für die Amateurvereine vom DFB derzeit also nicht zu erwarten.

Das eindimensionale Schimpfen auf die „Reichen“, seien es Mäzenatenklubs oder Werksvereine, ist zudem wenig zielführend. Zum einen wünschen sich insgeheim mindestens 90 Prozent der Vereinsführungen und zumindest außerhalb des Ultra-Lagers auch ein Großteil der Fans einen solchen Großsponsor oder Konzern, dessen Geld den eigenen Verein voranbringt. Zum anderen verstecken sich hinter vielen Klubs, die nicht Red Bull, Hoffenheim oder Ingolstadt heißen, ähnliche Konstrukte. Vereine wie SC Paderborn, FC Augsburg, VfR Aalen, Holstein Kiel, Wuppertaler SV, VfB Lübeck und noch einige mehr, die von keinem Fan mit dem Stempel „Retorte“ versehen würden, hätten sich in den vergangenen Jahren nicht (vorübergehend) im bundesweiten Fußball etabliert, wenn sie nicht von Mäzenen die entsprechende Unterstützung erhalten hätten.

Die Vereine, die nicht über einen derartigen Gönner verfügen, müssen sich also arrangieren. Sich in einer regionalen oder lokalen Nische einzurichten, ist die Herausforderung, der sich die Klubs stellen müssen. Ein Image aufbauen, mit Identifikationsfiguren aus der Region arbeiten, statt geringfügig bessere Kicker aus der Republik zusammenkaufen. Kleinsponsoren aus der Umgebung für sich gewinnen und eine breite finanzielle Basis schaffen. Der Mann mit dem Geldkoffer, der pro Jahr eine halbe Million auf den Tisch legt, wird nicht kommen. Nach und nach hundert Sponsoren zu versammeln, die 5.000 Euro geben, ist realistischer. Nicht den Zuschauermassen der Vergangenheit hinterhertrauern, sondern denjenigen, die kommen, Wertschätzung entgegen bringen. Dabei ist zweifellos Geduld gefordert, nicht eben das Lieblingswort von Fußballfans und -funktionären gleichermaßen. Aber es gibt dazu keine Alternative. Finanzierung auf Pump ist in den seltensten Fällen gut gegangen. Sobald man in Konkurrenz zu Zuschauermagneten der Marke Essen und Offenbach oder nicht nur fußballerisch starken, sondern auch aufstiegswilligen U23-Teams steht, ist Verschuldung reines Harakiri.

Und dann sind wir wieder bei den eingangs erwähnten Beispielen. Auf die Drittliga-Lizenz freiwillig zu verzichten, mag auf den ersten Blick wie ein Misserfolg wirken. In Wahrheit ist es vorbildliches Verhalten der Vereine. „Ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, dass ein Familienvater sein Gehalt nicht pünktlich erhält. All das hatten wir schon einmal und es darf nicht mehr passieren“, begründete Oberhausens Präsident Sommers seine unpopuläre Entscheidung. In Lübeck erklärte Vorstand Popien schon vor Saisonbeginn: „Bei uns bekommt kein Spieler einen vierstelligen Betrag im Monat.“ An der Lohmühle wird seit der überstandenen Insolvenz Regionalliga-Spitzenfußball mit reinen Feierabendfußballern und einem Feierabendtrainer möglich gemacht. In Oberhausen wie auch in Lübeck wird nur noch ausgegeben, was auch eingenommen wird – und kein Cent mehr. Die Bedingungen wurden und werden daran angepasst, auch wenn es schwer fällt.

Es ist der Weg der Zukunft. Denn, machen wir uns nichts vor, der Fußball ist verwöhnt. Immer wieder wird gestöhnt, dass für Regional-, Ober- oder gar Verbandsligafußball mehr Geld nötig ist. Fernsehgelder werden gefordert – dabei lässt sich mit Fernsehübertragungen unterhalb der 3. Liga wirklich kein Geld verdienen. In Wahrheit will man nicht TV-Geld, sondern Subventionen durch die boomende Bundesliga. Um jeden Preis ein Stück vom Kuchen abbekommen – das steckt letztlich hinter solchen Forderungen ebenso wie hinter den Strategien unter dem Motto „Aufstieg – koste es, was es wolle“. Ein Blick nach links und nach rechts würde helfen. Der Eishockey-Regionalliga-Verteidiger, die Handball-Zweitligatorjägerin, der Basketball-Drittliga-Riese – sie kämen nicht im Traum auf die Idee, ihren Lebensunterhalt mit seinem Sport finanzieren zu wollen, nur weil sie mehrmals wöchentlich trainieren und am Wochenende auch mal von der Ostsee an den Bodensee oder von Wilhelmshaven nach Aue reisen müssen.

Mittlere vierstellige Gehälter für durchschnittliche Regional- oder Oberliga-Fußballer zu zahlen, ist das eigentliche Kernproblem. Nein zu sagen, wenn dies das eigene Budget nicht hergibt, ist der Weg. Denn unter dem Strich ist auch für einen Fußballverein eben nicht der sportliche Aufstieg, der euphorisierte Fan oder die Popularität der Vereinsführung das erste Ziel, sondern die schwarze Null in der Jahresbilanz. Dazu gehört, im Zweifelsfall auch einen Abstieg zu akzeptieren. Solange diese nüchterne Betrachtungsweise nicht Einzug hält in die Vereinsvorstände, ist der höherklassige Amateurfußball schwer zu retten. Aufstiege und Rückkehr zu den auch gern glorifizierten „guten, alten Zeiten“ lassen sich nicht versprechen. Aber eine Existenz, eine zufriedenstellende Zukunft – die ist allemal möglich. Oberhausen und Lübeck machen es vor.

Ein Kommentar

  1. Der „Spielverderber“ heißt nicht „Leipzig“ sondern „Red Bull“!
    Wenn Konzerne im Fußball „investieren“, dann tun sie das nicht aus Nächstenliebe oder aus Liebe zum Sport, sondern um ihre Gewinne zu maximieren, wobei der Fußball(verein) als Marketinginstrument dient.
    Die Frage, ob Amateurfußball eine Überlebenschance hat, können nur die Fans beantworten. Wenn sie in Massen nur noch zu den Kommerzclubs der 1. (und 2. (und 3.)) Fußballbundesliga pilgern, fallen die Amateure hinten runter und können nur noch ganz kleine Brötchen backen…

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