ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Fußball in Prag: Klobása, Pivo und ganz viel Fußballkultur

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In unserer Reihe „Global Game“ stellen wir in Ausgabe 8 kein ganzes Land vor, sondern lediglich eine Stadt. Das aber ist eine ganz besondere: Prag. Hier ein paar Auszüge und Eindrücke aus und von den insgesamt zwölf Seiten im Heft.

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Global Game: Städtereise Prag

Keine Lust auf moderne Arenen mit all dem Schnickschnack, der im großen Fußball heute so unverzichtbar scheint? Mal wieder Fußball zum Anfassen, ganz unaufgeregt, alltäglich und riech- wie beißfest? Dann ist Prag die richtige Adresse! Prag bietet alles, was man sich als leicht nostalgischer Fußballfan nur wünschen kann. Eine Vielzahl von namhaften Vereinen auf engem Raum, Stadien mit Charakter und Geschichte, legendäre Spielergenerationen, ein fachkundiges Publikum, das mehr am Spiel als am Event interessiert ist und eine Verwurzelung der Vereine in ihren Stadtteilen, wie sie früher überall Usus war. Dazu kommen ein großartiger und kostengünstiger Nahverkehr, all die anderen touristischen Attraktionen, die Prag so zu bieten hat sowie natürlich die dort noch immer gelebte Fußball-Gourmetkultur aus Pivo und Klobása; Bier und Bratwurst.

„Vítám tì v Praze“ – willkommen in Prag!

Klobása, Pivo und viel Fußballkultur

Geschichte und Tradition wabern in Prag aus jeder Pore. Das gilt auch für den Fußball. Prag war eines der ersten brodelnden Fußballzentren in Mitteleuropa und schon vor dem Ersten Weltkrieg stilbildend. Aus jenen Tagen stammen der Ruhm der Slavia sowie der Sparta, und damals wie heute versuchten sich Klubs wie Bohemians oder Viktoria Žižkov daran, die beiden Großen gelegentlich zu ärgern. Als Fußball in Deutschland in den 1920ern allmählich zum Volkssport wurde, war er in Prag längst lebendiger Bestandteil der Alltagskultur, wurden bereits Kinofilme im Zusammenhang mit dem Fußball gedreht, trafen sich in den Kaffeehäusern Intellektuelle und diskutierten über die Chancen ihrer Teams.

Böhmens Leistungsfußball bestand damals aus einer besseren Stadtliga, an der ausschließlich Prager Mannschaften teilnahmen und die 1925 als eine der ersten in Europa auf Vollprofibedingungen umstellte. Auch international waren Prager Mannschaften führend und gewannen zwischen 1927 und 1938 drei Mal den Mitropa-Cup, so etwas wie der Vorläufer des Europapokals.

Die politischen Turbulenzen der 1930er-Jahre mit der Abtrennung des Sudetenlandes und der Zerschlagung der Tschechoslowakei 1938 war ein Einschnitt, von dem sich Prags Fußball nie wirklich erholte. Zumal die neue politische Führung nach dem Zweiten Weltkrieg alles grundlegend umkrempelte. Sämtliche Traditionsvereine verschwanden bzw. bekamen andere Namen. Zum neuen Star am Prager Fußballhimmel wurde Armeeklub Dukla, den abgesehen von Militärs und Parteikadern jedoch kaum jemand sehen wollte. Sparta, Slavia, Bohemians etc. blieben auch unter verfremdeten Namen die Lieblinge des Volkes.

Nach dem Ende des Staatssozialismus folgte 1992 mit dem erneuten – und diesmal dauerhaften – Auseinanderbrechen der Tschechoslowakei der nächste große Einschnitt. Er korrespondierte mit existenziellen Finanzproblemen vieler Klubs, den Umwälzungen im europäischen Fußball vor dem Hintergrund der Champions-League-Reform und einem schier endlosen Exodus der heimischen Fußball-Talente.

Heute ist Prag – Tschechien – wie so viele vergleichbare Städte bzw. Länder aus dem ganz großen Fußball ausgeschieden. Man ist nur noch zweite Wahl im Glitzerlicht der globalen Marken aus Madrid, London und München. Selbst der langjährige Vorzeigeklub Sparta Prag kann kaum noch mithalten und erreichte zuletzt 2004 das Achtelfinale der Champions League. Zuletzt gelang in der Europa League immerhin der Gruppensieg, unter anderem errungen durch ein 3:1 über Inter Mailand. Doch die nostalgische Rührung, die Besucher in Prags charaktervollen Fußballstadien fast unweigerlich überkommt, hat zweifelsohne auch eine bedrohliche Seite.

 

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