ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Fußball in Ecuador – ein Stadionbesuch

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P1060061Nachdem der Fußballstreik in Ecuador am Donnerstag wie berichtet beendet wurde, war der Weg für mich frei, vor dem Start des Radrennens The Andes Trail am Freitag doch noch ein Spiel der Nationalliga „Copa Pilsener 2014“ zu verfolgen. Leider waren alle attraktiven Mannschaften Quitos – LDU, El Nacional und Deportivo – auswärts unterwegs, so dass ich mit der Nummer vier Universidad Católica vorlieb nehmen musste, die gegen Mushuc Runa aus Ambato antrat.

catolicaGanz im Sinne der ZEITSPIEL-Philosophie will ich Euch nun aber nicht mit irgendwelchen Spielberichten bzw. -analysen langweilen, denn vermutlich wird sich ohnehin niemand wirklich für den unter dem Strich verdienten 1:0-Sieg der Gäste interessieren, sondern stattdessen einen kleinen Blick hinter die Kulissen werfen. Fangen wir mit den beiden Mannschaften an. Der Club Deportivo Universidad Católica wurde am 26. Juni 1963 aus einer Mannschaft der katholischen Universität (Pontificia Universidad Católica del Ecuador) gegründet und stieg 1965 erstmals in die 1. Liga auf. 1974 sowie 1980 nahm man jeweils nach Vizemeisterschaften an der Copa Libertadores teil. 1993 erstmals abgestiegen, wurde der Klub zur Fahrstuhlmannschaft zwischen erster und zweiter Liga. Zuletzt gelang der noch immer mit der katholischen Universität verbundenen Mannschaft 2012 die erneute Rückkehr ins Oberhaus, in dem sich „El Trencito Azul“ („der blaue Zug“) bzw. „Los Santos“ („die Heiligen“) nun wieder dauerhaft etablieren wollen. Große Erfolge sind ebenso rar wie große Anhängerscharen – Católica ist in Quito bestenfalls das vierte Rad am Wagen.

mushuc runaGegner Mushuc Runa Sporting Club indes ist ein höchst interessanter Verein. Angesiedelt in dem 180.000 Einwohnerstädtchen Ambato, das auf rund 2.600 Metern ziemlich im Landeszentrum inmitten der Andenkette liegt, ist der Verein erst am 2. Januar 2003 gegründet worden. Das Besondere: er ist als Klub der indigenen Bevölkerung ins Leben gerufen worden und trägt den vielsagenden Spitznamen „El equipo cooperativista“ – das „Kooperativenteam“. Der Klubname Mushuc Runa stammt aus der indigenen Sprache Quechua und steht für „neuer Mensch“. Die in Orange auflaufende Elf schaffte erst in diesem Jahr erstmals den Aufstieg in die 1. Liga, wo sie sich seitdem mit beachtlichem Erfolg schlägt.

Mit dem Erfolg ist Mushuc Runa allerdings offensichtlich auch ein bisschen die Philosophie abhanden gekommen, denn in dem Team standen – ebenso wie beim Gegner – überwiegend afrikanischstämmige Spieler. Und auch das Publikum setzte sich zu beachtlichen Teilen aus Afrolatinos zusammen, wobei ich den Eindruck hatte, dass sich alle irgendwie kannten. Das insgesamt eine ziemlich familiäre Atmosphäre herrschte, lag aber auch daran, dass das über 40.000 fassenden Nationalstadion Estadio OlÍmpico Atahualpa ziemlich leer war, wobei die Partie aber auch zur höchst ungewöhnlichen Zeit um 12.30 Uhr mittags an einem ganz gewöhnlichen Mittwoch angepfiffen wurde.

P1060026Wohlwollend 400 Seelen verloren sich auf den Rängen, und von den auf der spanischen Wikipedia-Seite angegebenen „barras“-Gruppen des CD Universidad Católica – „La Chatobarro“, „La Mafia Celeste“ sowie „la culta barra de la Universidad Católica“ – war weit und breit nichts zu sehen. Statt dessen eine kleine Handvoll Herren im gesetzten Alter und teilweise Anzug und Krawatte, die mit einem Megafönchen hantierte, Fähnchen schwang und mehrfach versuchte, die schweigende Masse mit „CA – TÓ – LI – CA – CATÓLICA“ – Rufen mitzureißen. Das gelang tatsächlich, doch die Stimmungsaufwallungen dauerten jeweils immer nur Bruchteile von Sekunden. Die fliegenden Händler auf der überdachten Tribüne – im Übrigen der einzige Stadionbereich, der geöffnet war – bewiesen jedenfalls deutlich mehr Durchhaltevermögen und priesen während der gesamten Partie ununterbrochen ihre Produkte an („Cervzea“, „Vitamines“, „Papa Fritas“).

 

Católicas "Ultra"-Block.

Católicas „Ultra“-Block.

Zumindest die schwerbewaffene Polizei, die mit Pferden, Hunden und schwerer Ausrüstung in bemerkenswerter Mannschaftstärke angerollt war, konnte dem Treiben angesichts dessen (Gästefans erblickte ich lediglich einen) entspannt zusehen und sich am herrlichen Wetter im sonnengefluteten Nationalstadion erfreuen. Allerdings werden die Jungs unter ihren schweren Rüstungen vermutlich ordentlich geschwitzt haben.

Zum Spiel selbst will ich nicht viele Worte verlieren. Ich würde das Niveau auf Regionalligafußball in Deutschland ansetzen. Viele individuelle Fehler, eigennützige Stürmer, die aus 30 Metern unmotiviert aufs Tor hämmern, nervöse Verteidiger, die einen Bock nach dem anderen schießen – guter Fußball sieht zweifelsohne anders aus. Dafür war es zumindest spannend, denn nachdem Mushuc Runa kurz nach dem Seitenwechsel in Führung gegangen war drängte der Gastgeber mächtig auf den Ausgleich, der ihm jedoch verwehrt blieb. Die größte Chance hatte ausgerechnet der Católica-Torwart, der beim letzten Angriff mit nach vorne ging und dessen Kopfball knapp über die Latte strich.

Das brachte abermals Wallung in das spärliche Publikum, nachdem man sich kurz zuvor schon einmal mächtig aufgeregt hatte, als sich ein Mushuc-Runa-Spieler ein hässliches Foul leistete und dafür vom Platz flog. Das Publikum kommentierte die offenkundige Tätlichkeit übrigens mit einigen recht derben Bemerkungen (u.a. „Puta“), die sicher alles andere als christlichen Ursprungs waren und ihre Urheber vermutlich nach der Partie direkt zur Beichte in die lokale Kirche zwangen.

Leere Ränge und Werbung für die Live-Übertragungen der Spiele aus Europa.

Leere Ränge und Werbung für die Live-Übertragungen der Spiele aus Europa.

Insgesamt war es ein interessantes wenngleich ernüchterndes Erlebnis und ein trauriger Beweis dafür, dass es um Ecuadors Ligafußball nicht allzu gut bestellt ist. Zwar gelingt es den hiesigen Vereinen dank der stabilen und guten Wirtschaftslage, Legionäre aus umliegenden Nationen anzulocken, die heimischen Stars aber verlassen überwiegend das Land. Von den 23 Spieler des ecuadorianischen WM-Kaders 2014 waren lediglich acht noch in der Heimat aktiv. Und was das Publikumsinteresse betrifft, so konzentriert sich das fast ausschließlich auf die „großen Fünf“ LDU, El Nacional und Deportivo Quito sowie Emelec und Barcelona Guayaquil. Zugleich stehen natürlich auch in diesem Winkel der Welt die europäischen Topligen hoch im Kurs, werden deren Spiele auch in Ecuador live via Pay-TV gezeigt.

So ist er eben, der moderne Fußball. Ein bisschen monopolistisch und schwierig zu managen für jene, die nicht daran teilhaben können.

Das Nationalstadion ist übrigens sichtlich in die Jahre gekommen und benötigt dringend eine Renovierung. Pläne dafür existieren auch schon – auf großen Schautafeln wird Werbung für eine moderne und komplett überdachte Arena gemacht.

Model des neuen Nationalstadions.

Model des neuen Nationalstadions.

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