ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Fußball in der Migrationsgesellschaft

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In unserer dritten Ausgabe (Flucht, Vertreibung, Integration, Migration, Januar 2016) haben wir uns im Leitartikel ausführlich mit dem Thema Fußball und Migration beschäftigt und dabei einen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart geschlagen.

Kürzlich fand nun in Siegen eine Tagung zum Thema „Fußball in der Migrationsgesellschaft“ statt. Tim Frohwein hat daran teilgenommen und sich mit dem Mitinitator Carsten Blecher über den Stand der Dinge unterhalten.

„Vereine sollten sich hinterfragen, wie diversitätssensibel sie eigentlich sind“

Am 23.02.2017 fand an der Universität Siegen die 1. Siegener Fußball-Tagung statt. Über 70 Teilnehmer aus ganz Deutschland waren angereist, um über das Thema „Fußball in der Migrationsgesellschaft“ zu diskutieren – „und das zur Hochphase des Karnevals“, zeigt sich Mitinitiator Carsten Blecher mit der Resonanz zufrieden. Im Interview spricht er über den Sinn und Zweck der Veranstaltung – und gibt Einblicke in sein aktuelles Forschungsprojekt, in dessen Rahmen er untersucht, warum Menschen mit Migrationshintergrund in deutschen Fußballstadien unterrepräsentiert sind.

Herr Blecher, für die 1. Siegener Fußball Tagung haben Sie die Überschrift „Fußball in der Migrationsgesellschaft“ gewählt. Warum gerade dieses Thema?

Carsten Blecher: Mein Eindruck ist es – und diese Meinung teilen auch viele Kollegen –, dass das Thema „Migration im Fußball“ insgesamt eher unterforscht ist. Auf der Tagung sollten nun zum einen bisherige Forschungsergebnisse dazu vorgestellt und zum anderen ein Austausch unter themenverwandten Forschern ermöglicht werden. Dazu kommt bei mir ein ganz persönliches Interesse: Im Rahmen meines Promotionsprojekts beschäftige ich mich derzeit unter anderem mit der herkunftsbezogenen Zusammensetzung des Publikums in deutschen Fußballstadien.

Sie arbeiten nicht nur als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Siegen, sondern auch für das Kölner Fanprojekt, einer von der DFL und aus öffentlichen Töpfen finanzierten Einrichtung für Kölner Fußballfans. Waren es auch die Erfahrungen im Rahmen dieser Tätigkeit, die Sie dazu bewogen haben, dieses Promotionsprojekt zu starten?

Klar bekomme ich im Rahmen meiner Arbeit dort mit, wie sich zum Beispiel das Fanpublikum des 1. FC Köln zusammensetzt. Auch als regelmäßiger Stadionbesucher ist mir aufgefallen, dass man dort Menschen mit Migrationshintergrund unverhältnismäßig selten antrifft. Dazu kommt, dass ich mich seit Jahren mit Fußballforschung befasse. In Studien tauchte dabei immer wieder auf – meist als Nebenbefund –, dass das Fußballpublikum in Deutschland in Bezug auf die Herkunft tendenziell eher homogen ist. Systematisch hat sich diesem Phänomen bislang aber noch niemand wissenschaftlich angenähert. Und so kam mir die Idee, in diese Lücke zu stoßen und daraus mein Dissertationsprojekt zu machen.

Nun stecken Sie mittendrin in diesem Projekt. Was haben Sie bislang untersucht? Wie ist der aktuelle Stand der Ergebnisse?

Bislang habe ich mehrere fragebogengestützte Fanbefragungen bei Heimspielen des 1. FC Köln durchgeführt. Nach jetzigem Stand liefern die dort gesammelten Daten Hinweise darauf, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Fußballstadien eher unterrepräsentiert sind, dass sie dort also nicht so häufig anzutreffen sind, wie man es aufgrund ihres Anteils in der Gesamtbevölkerung annehmen müsste. Dazu habe ich noch qualitative Interviews mit fußballinteressierten Jugendlichen und mit Fanbeauftragen des 1. FC Köln geführt. Auch hier finden sich Belege für die These.

Bislang handelt es sich aber gewissermaßen nur um Vorstudien, die Ergebnisse erfüllen keinen Anspruch auf Repräsentativität. Jetzt gilt es, andere Vereine und deren Anhängerschaften in den Fokus zu nehmen.

Haben Sie auch schon Antworten darauf gefunden, warum Menschen mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert sind?

Ja, gerade die Interviews mit den fußballaffinen Jugendlichen waren hier sehr aufschlussreich. Unter den Befragten waren ja auch Jugendliche mit Einwanderungsgeschichte. Aus den Gesprächen mit ihnen geht hervor, dass die Vorliebe für einen bestimmten Verein – genauso wie bei deutschen Fußballfans eben auch – innerhalb der Familie weitergegeben wird. Man ist also Fan von Galatasaray Istanbul, weil zum Beispiel auch der Vater Fan dieser Mannschaft ist.

Die befragten Jugendlichen mit Migrationshintergrund gaben außerdem an, die Möglichkeit eines Stadionbesuchs gar nicht in Betracht zu ziehen, da sie nicht wüssten, wie sie an Karten für ein Heimspiel des FC kommen sollten. Das hat weniger mit mangelnden finanziellen Möglichkeiten zu tun, es fehlt ihnen vielmehr das Netzwerk.

Ein weiterer Grund, warum man von einem Stadionbesuch absieht, ist eine gewisse Furcht davor, diskriminiert zu werden. Eine türkischstämmige Befragte, die auch gelegentlich ins Stadion geht, gab beispielsweise zu Protokoll, dass sie sich in der Gesellschaft der überwiegend deutschen Fans dort unwohl fühle.

Gerade das letzte Beispiel zeigt ja, dass Vereinen hier gewissermaßen ein Fanpotenzial verloren geht. Sollte man nichts unternehmen, um das zu verhindern?

Zunächst mal glaube ich, dass man nicht versuchen sollte, Menschen die Vorliebe für einen bestimmten Verein einzureden. Trotzdem sollten sich Vereine, die gerne mehr Menschen mit Migrationshintergrund unter ihren Fans sehen würden, hinterfragen, wie diversitätssensibel sie eigentlich sind. Auf welche Zielgruppe sind die eigenen Kommunikationsmaßnahmen ausgerichtet? Wie tolerant stellt man sich in der Öffentlichkeit dar? Das sind Fragen, die sich die Vereinsverantwortlichen stellen sollten, wenn man dieses Fanpotenzial mobilisieren will. Allerdings: Handlungsdruck haben die Vereine hier eigentlich nicht, die Stadien in Deutschland sind ja voll.

Ökonomische Gründe, auf Fußballbegeisterte mit Migrationshintergrund zuzugehen, gibt es also weniger. Kann man den Vereinen stattdessen plausibel machen, dass es sehr wohl integrationspolitische Gründe gibt? Als Fan des ortsansässigen Fußballklubs dürfte man sich vermutlich in der Stadt, in der man lebt, noch ein Stückweit mehr zuhause fühlen.

Tatsächlich möchte ich Vereine mit meiner Forschung gerne auf diese Gründe aufmerksam machen. Gerade Flüchtlingen gelingt zum Beispiel die Eingewöhnung bestimmt besser, wenn sie sich mit dem lokalen Fußballverein identifizieren und sich dort als Teil einer Fanfamilie begreifen oder zumindest willkommen fühlen.

Interview: Tim Frohwein

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