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Forever blowing bubbles? – West Ham United am Scheideweg

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Umzug in eine ungewisse Zukunft

Neues Stadion, anderer Klub? Bei West Ham United hat sich offensichtlich nicht nur der Spielort verändert. Ein Beispiel dafür, wie ein Klub seine Wurzeln verlieren kann.

von Mario Rauch

Schon der Weg zum Stadion war ein Erlebnis. Wer die Underground-Station Upton Park verließ, war mitten drin im Trubel, der an Spieltagen hier herrschte. Über die berüchtigte Green Street führte der Weg schnurstracks zum Boleyn Ground – dem Stadion, das aber eigentlich jeder nur Upton Park nannte, die Heimat des Premier League-Klubs West Ham United. Aus dem Queen’s Market mit seinen überdachten Markthallen drang auf diesem Weg der Geruch exotischer Früchte. In geselligen Snackbars entlang der Straße wurde multikulturelles Essen geboten. Und gegenüber vom Stadion blickten die Anwohner neugierig aus den Fenstern der Häuser, die sich nur einen Steinwurf entfernt vom Haupteingang des Stadion befanden.

Im Inneren waren die Fans nah dran am Geschehen. Das enge Stadion verhalf den nicht immer spielstarken Hausherren oft zu Außenseiter-Siegen gegen die Großen der Liga. Alles Geschichte. Längst haben die Abrissarbeiten am Upton Park begonnen. Im Mai 2016 fand nach 112 Jahren das letzte offizielle Spiel im Stadion von West Ham United statt. Die „Irons“ besiegten Manchester United 3:2. Es war ein schwacher Trost für die Fans, die schon damals ahnten, dass der Abschiedsschmerz noch lange nachwirken würde.

Mehr als ein halbes Jahr später hat sich diese Vorahnung bestätigt. Es ist ein kühler Februar-Abend, an dem wir in einem Pub in der Londoner Bow Road eintreffen. West Ham trifft später auf Manchester City. Die Bow Road liegt zwei Bahnstationen entfernt von der neuen fußballerischen Heimat des Klubs. Die „Hammers“ spielen seit Saisonbeginn im Londoner Olympiastadion, das inzwischen den Namen London Stadium trägt. Aber wahrscheinlich auch nicht mehr lange – die Verantwortlichen sind aktuell auf der Suche nach einem namensgebenden Sponsor. Im Pub treffen wir Francis Turner, den seine Freunde in Anlehnung an den bekannten Musiker nur Frank rufen. Mit dem Songwriter hat er jedoch nur den Namen gemeinsam. Er entspricht eher dem Klischee der früheren West Ham-Fans. Arbeiterklasse, schlecht gestochene Tattoos am Unterarm. Aber auch Typ raue Schale, weicher Kern, dem ohnehin anzumerken ist, dass seine wilden Zeiten hinter ihm liegen.

Er sitzt mit seinem 21-jährigen Sohn Marc am Tresen. Francis ist 47 und „schon immer“ West Ham-Supporter. Er weiß genau, worauf wir hinaus wollen. „Frag mich bloß nicht nach dem neuen Stadion“, sagt er mit einem freundlich-sarkastischen Unterton. Sein Sohn und einige andere West Ham-Fans im Pub springen ein, als Turner schweigt. Das größte Problem ist offensichtlich: Das London Stadium ist einfach kein klassisches Fußballstadion. Es wurde für die Leichtathletik-Wettbewerbe der Olympischen Spiele und der Paralympics im Jahr 2012 gebaut. „Viele Jahre haben wir leicht verächtlich in andere Länder geschaut und die Zuschauer in den Stadien in Rom oder Berlin belächelt, die meilenweit vom Geschehen entfernt sind. Jetzt wird über uns gelacht“, sagt Marc Turner. Doch nicht nur die fehlende Atmosphäre und Distanz innerhalb des Stadions ist ein Kritikpunkt. Das London Stadium liegt mitten im schicken Olympiapark. Allein der Fußweg von der nächstgelegenen Bahnstation (Stratford) dauert mindestens zehn Minuten. Und der führt nicht etwa über eine atmosphärische Straße wie die Green Street, sondern über abgesperrte Schnellstraßen und sterile Wege des Olympiaparks. Urige Pubs in Stadionnähe? Fehlanzeige. Auf dem Weg liegt nur noch die Stadium Bar Lounge. Der Name ist Programm. Francis Turner und seine Kumpels kann man sich in dem durchgestylten Lokal jedenfalls kaum vorstellen.

Spektakulär ja. Aber auch atmosphärisch? West Hams neue Heimat. (Foto Mario Rauch)

Im Stadion können sich die Fans passenderweise sogar Wein an den Getränkeständen bestellen. „Vielleicht war das im Upton Park sogar auch möglich. Aber im neuen Stadion fällt es besonders auf, weil es irgendwie symptomatisch ist“, sagt ein West Ham-Fan, den wir auf den Weinverkauf ansprechen. West Hams Hooligan-Legende Cass Pennant postete auf seiner Facebook-Seite ein Foto eines Fans, der während des Spiels im London Stadium einen großen Becher Popcorn futterte. „Das wäre im Upton Park niemals passiert. Auf keinen Fall“, lautete Pennants Kommentar. West Ham United setzt auch auf die Erschließung neuer Zielgruppen. Nicht nur die typischen Fußballfans sollen kommen. Wie andere Vereine wollen die Eigentümer des Klubs auch ein „family-friendly environment“, ein familienfreundliches Umfeld, erschaffen. Dass mit dieser Vorgabe auch mal zwei Welten aufeinanderprallen, zeigte sich bei den ersten Spielen im neuen Stadion. Schon im Vorfeld hatten Fans darauf hingewiesen, dass der Klub den Dauerkartenverkauf nicht in ihrem Sinne gesteuert habe. 50.000 Dauerkarten verkaufte West Ham. Die Folge war, dass supportwillige Fans und typisches Sitzplatz-Publikum sich vermischten. Dieses Szenario endete im Spiel gegen Watford in einer handfesten Keilerei, als die supportenden Fans sich weigerten zu sitzen. „New breed fans“ nennt Cass Pennant die neu erschlossenen Publikumsschichten, die im neuen Stadion ihre Chance nutzten, eine Dauerkarte zu ergattern.

Auch wenn es von den Verantwortlichen niemand öffentlich ausspricht: Mit dem Umzug ist offensichtlich auch der Klub im Wandel. Damit verbunden ist die Hoffnung, regelmäßig im Konzert der Großen der Premier League mitzuspielen. Wirtschaftlich war der Umzug in das London Stadium daher zunächst ein nachvollziehbarer Schritt. Zu neuen Vermarktungsmöglichkeiten kommt die Tatsache, dass West Ham lediglich 2,5 Millionen Pfund Miete pro Jahr an den Eigentümer, die öffentlich-rechtliche London Legacy Development Corporation (LLDC), zahlt. Alle weiteren Betriebskosten trägt der Eigentümer selbst. West Ham United musste sich zuvor zudem mit 15 Millionen Pfund an den Umbaukosten für Fußballbetrieb beteiligen. Angesichts der Gesamtkosten von insgesamt rund 272 Millionen Pfund für den Umbau ein geringer Betrag für einen Premier League-Klub.

Im Upton Park gab es keine Möglichkeit der Expansion. Trotz der Investitionen in das neue Stadion, mit denen unter anderem die Leichtathletik-Bahnen teilweise mit Tribünen überbaut wurden, ist die Distanz zum Feld von einigen Plätzen immer noch groß. Statt steiler Ränge erwartet die Fans eine Schüssel, die wie eine moderne Version des Wiener Ernst-Happel-Stadions wirkt. David Goldstone, Geschäftsführer der LLDC, ist trotz der Kritik vom Stadion überzeugt: „Es ist fantastisch geeignet für Rugby, Fußball und Konzerte. Es ist ein großartiger Multifunktions-Veranstaltungsort.“ Doch schon das Wort „multifunktionell“ löst bei vielen Fußball-Romantikern Allergien aus. Es steht quasi im Gleichklang mit Gewinnmaximierung und Kunden statt Fans.

„Viele Jahre haben wir leicht verächtlich in andere Länder geschaut und die Zuschauer in den Stadien in Rom oder Berlin belächelt, die meilenweit vom Geschehen entfernt sind. Jetzt wird über uns gelacht“ (Foto Mario Rauch)

Vielleicht ist es angesichts der Veränderungen rund um West Ham United logisch, dass mit Red Bull das Synonym der fortschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs seine Chance witterte. Angeblich gab der Brausekonzern ein Gebot zum Kauf des Klubs ab. Es dauerte mehrere Wochen, bis Red Bull dementierte, was weiteren Nährboden für Spekulationen bot. „Es wäre eine außerordentliche Dummheit, nach dem erfolgreichen Engagement in Leipzig jetzt auch an irgendeine Ergänzung in England zu denken“, betonte RB-Boss Dietrich Mateschitz dann allerdings gegenüber den „Salzburger Nachrichten“. Während das Schreckgespenst Red Bull also anscheinend zunächst kein Thema mehr ist, bleiben immer wieder Gerüchte über eine Übernahme des Vereins durch chinesische oder amerikanische Investoren.

Seit 2010 sind die Briten David Sullivan und David Gold Mehrheits-Eigentümer von West Ham United. Sie besitzen gemeinsam über 86 Prozent Anteile am Klub. „Wir werden ganz sicher nicht an ein chinesisches oder amerikanisches Konsortium verkaufen“, sagt David Sullivan. Der Geschäftsmann aus Wales verdiente sich seine erste Million übrigens mit Erotikshops und der Produktion von Softpornos. Und sein Treueschwur zu West Ham United geht noch weiter: „David Gold und ich gehen davon aus, dass irgendwann unsere Kinder übernehmen. Wir lieben West Ham und wir haben nicht vor, den Klub zu verlassen.“ Die Vehemenz des Dementierens spricht dafür, dass die Eigentümer angesichts der Identitätskrise der „Irons“ diesen heiligen Gral nicht auch noch opfern wollen.

Dass sich ein Premier League-Team heutzutage noch in britischen Händen befindet, ist schon fast eine Besonderheit. Mehr als die Hälfte der Klubs ist im Besitz ausländischer Investoren. Für Francis Turner im Pub an der Bow Road nur ein schwacher Trost. „So groß wäre der Unterschied bei anderen Investoren wahrscheinlich auch nicht“, sagt er fast resigniert. „West Ham United wird immer mein Klub bleiben. Daran wird sich nichts ändern. Aber unsere Beziehung war schon leidenschaftlicher“, betont er und seine Freunde am Tresen nicken zustimmend. Dass es nicht nur ihnen so geht, wird einige Stunden später deutlich. West Ham unterliegt an diesem Abend chancenlos mit 0:4 gegen Manchester City. Bereits eine halbe Stunde vor dem Abpfiff hat sich mehr als die Hälfte der 57.000 Zuschauer auf den Heimweg gemacht. „Das kommt davon, wenn man Kunden statt Fans möchte“, sagt John, ein älterer Mann neben uns auf der Tribüne. Er hatte uns zuvor noch erzählt, dass er kürzlich einen Brief seines Vereins erhalten habe, in dem er als „Dear customer“ angesprochen wurde. „Irgendwie bezeichnend“ fand er das.

Der verbliebene Rest der Zuschauer stimmt kurz vor Schluss im London Stadium noch einmal die inoffizielle Hymne des Klubs an: „I’m forever blowing bubbles“. Träume, die zerplatzen wie Seifenblasen. Darum geht es unter anderem in dem Song. West Ham United muss aufpassen, dass das Lied im Jahr 2017 nicht aktueller denn je wird.

Forever blowing bubbles? (Foto Mario Rauch)

 

 

 

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