ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Diego Maradona: Der Schatten eines schlechten Gewissens.

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Der Schatten eines schlechten Gewissens

Zeichnung: Diegolan Dibujos

Von Haziran Zeller

Die Geschichte von Diego Armando Maradona ist eine, die nur als Biographie funktioniert, weil sie ansonsten zu kitschig wäre. Sie handelt vom Aufstieg eines kleinen Jungen aus den Slums von Buenos Aires zum größten Fußballer aller Zeiten, also von der Realisierung eines Traums, den die meisten Grundschüler im Geheimen hegen. Eine allgemeine Form: Die Welt, wie sie eingerichtet ist, hält für Heranwachsende dieses Schema bereit, durch die konsequente Verfolgung ihrer Interessen zu weltweitem Ruhm gelangen zu können, welches Prinzip bei Maradona zielsicher zum Scheitern des Helden geführt hat, der stellvertretend für die anderen den Zusammenhang von Leidenschaft und Leiden durchleben musste. Aus passiver Duldsamkeit kann durchschlagende Aktivität werden, aber die Gegenrichtung ist auch wirksam: Was dich antreibt, kann dich töten.

Maradona lernte diese Lektion von Mühsal und Freude auf dem Bolzplatz in Villa Fiorito. Seine unschuldige Fähigkeit, besser zu spielen als alle anderen, hätte ihn selbst dann dazu verpflichtet, das Talent auch zu nutzen und Karriere zu machen, wenn er nicht in einer Wellblechhütte gelebt hätte, in der sich die Mutter abends das Essen vom Mund absparte, das der Vater bezahlte, indem er tagsüber 10 Stunden Säcke schleppte. Mit 15 spielt Maradona in der Profiliga, mit 16 debütiert er in der Nationalmannschaft, die er bei der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien mit nur 21 Jahren als Spielmacher anführte. Überflüssig zu erwähnen, dass der nächste logische Schritt ein Wechsel zu einem Top-Club wie dem FC Barcelona ist. Solche Transfers werden heute gern als „moderne Form des Sklavenhandels“ bezeichnet, wobei allerdings unklar ist, welche Seite gewinnt oder verliert, denn zwar müssen die jungen Spieler aus Südamerika ihre Haut zu Markte tragen, aber sie stürmen zugleich auch den prestigeträchtigen europäischen Markt, weshalb man ebenso gut von einer späten Revanche der Kolonien sprechen kann. Maradona misslingt das beim ersten Versuch: Die härtere Gangart der spanischen Liga zwingt ihn, den Überflieger, sich in Selbstgenügsamkeit zu üben, er erlebt Rückschläge. In dem Maße jedoch, in dem seine Erfolgsstory hier gestoppt wird, beginnt mit seiner Passionsgeschichte auch die seiner Heroisierung. Denn er stößt mit den Skandalen, die er im Nachtleben produziert, auf das Unverständnis eines sich professionalisierenden Fußballs, dessen Funktionäre die Eskapaden ihrer Bediensteten nicht dulden können. Die Widerstände des Geschäfts machen ihn zum Rebellen, der nach brutalen Fouls auch schon mal eine Massenschlägerei anzettelt (während der König zusieht!) oder in den Medien verkündet: „Egal, was sie sagen, ich gehe aus, solange ich will!“

Vom Verletzungspech geplagt, wechselt er 1984 für die höchste jemals gezahlte Summe von 24 Millionen D-Mark nach Neapel, als teuerster Transfer der Geschichte in die ärmste Stadt Italiens, deren Anhänger dem Chauvinismus der gegnerischen Fans aus dem reichen Norden ausgesetzt sind. Als Mailänder oder Turiner macht man sich über die deklassierten Bauern des Südens lustig, indem man singt: „Cholerakranke, Erdbebenopfer – ihr habt euch nie mit Seife gewaschen.“ Weil Maradona, Inkarnation des biblischen Davids, den Underdog des SSC Neapel zu internationalen Erfolgen führt, ist seine Person auf Ewig verknüpft mit dem Kampf der Schwachen gegen die Starken, seit er am 3.11.1985 den indirekten Freistoß in das Juventustor setzte, um den 1:0-Sieg danach im TV den verspotteten Neapolitanern zu widmen: „Dieses Tor war für euch, die man erniedrigt hat.“

Der lächerliche, vielfach kulturindustriell vermittelte Kult um seine Person, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Maradona ein exemplarisches Leben geführt hat, von dem sich die Menschen noch in Generationen erzählen werden, was der Religionswissenschaftler Jan Assmann „rekonstruktive Phantasie“ nennt. Ein dialektischer Gedanke: Der Blick zurück erzeugt erst den Ursprung der eigenen Erzählung. Während aber bei manchem christlichen Heiligen nicht einmal gesichert ist, ob es ihn überhaupt gegeben hat, oder seine Geschichte nur das Erzeugnis eines kirchlichen Fiktionsbedürfnisses ist, das einem gewöhnlichen Lebenslauf das religiöse Extra hinzugefügt hat, muss solcher Sinn bei Maradona nicht künstlich beigemengt werden, da sein Leben von sich aus zur Idee drängte. Sein mit der Hand (irregulär) erzieltes Tor bei der WM 1986 gegen das England Margaret Thatchers war, ist und bleibt die Rache Südamerikas an der Diktatur des IWF und wichtiger als der Jahrhundertlauf im selben Spiel kurz darauf. Es verhält sich zum Fairplay der FIFA wie der Terroranschlag zur regulären Armee, und in der subversiven Mittelwahl bündelt sich das Fragwürdige mit dem Anziehenden der Person Diego Maradona.

Diese Geschichte vom Befreiungskrieg gegen Fußballweltmächte erzählt sich in seinem Fall auch deshalb so plausibel, weil er ihr Erfinder ist und sich Zeit seines Lebens als Antiimperialist inszenierte, die USA „mit aller Kraft“ gehasst und George W. Bush mit Hitler gleichgesetzt hat. Er trug ein Tattoo von Che Guevara auf der Schulter und besuchte Fidel Castro in Kuba. Und das alles ist umso sympathischer, als sich dieser politischen Romantik nie wirklich der heute so verbreitete Moralismus gesellen konnte, da Maradona selbst vom Typus des Gesetzlosen war, dem kein Trick zu hinterhältig sein konnte und der in Neapel natürlicherweise mit der Camorra zusammengearbeitet hat. Nur weil er auch ein Betrüger ist, konnte er zur Lichtgestalt werden. Emir Kusturica hat einen sehr schönen Dokumentarfilm über ihn gedreht, in dem er auch beim gemeinsamen Fußballspiel mit Maradona gezeigt wird, was eine tolle Szene abgibt: Kusturica beschwert sich über sein Schuhwerk und der Zuschauer erwartet, jetzt müsste von Maradona eine sentimentale Reaktion kommen à la „als Kind haben wir ohne Schuhe gespielt, weil wir so arm waren“, was dieser sich aber spart und was er auch gar nicht sagen kann, weil er da im Pelzmantel steht und an jedem Arm eine Rolex trägt. Wie kaum jemand verkörpert Maradona die Get-Rich-or-Die-Trying-Attitüde der Rapmusik, ohne sie aber wie dort, zum Programm zu erheben, das für ihn objektiv die Gerechtigkeit des Weltganzen war und subjektiv eine nie erreichte Seelenruhe.

Bei allen Starallüren ist er immer der kleine Junge aus dem Vorort geblieben, der auch in den exzentrischsten Aktionen noch bemerkbar war – wie der Schatten eines schlechten Gewissens. Sein Fitnesscoach Fernando Signorini unterschied zwischen „Diego“ und „Maradona“ – der eine unsicher und verletzlich, der andere ein Rüpel, der sich beweisen möchte und deshalb den Respekt der Mächtigen sucht. „Mit Diego würde ich bis ans Ende der Welt gehen, mit Maradona keinen einzigen Schritt“, habe Signorini seinem Zögling einmal erklärt, worauf dieser spitzfindig geantwortet habe: „Aber ohne Maradona wäre Diego noch in Villa Fiorito.“ Dieser hundeäugige Zynismus spricht die Gebrochenheit der Kunstfigur Diego Maradona aus: Er ist der „gute Junge“, der das „Herz am rechten Fleck“ hat, einer, der „nicht vergessen hat, wo er herkommt“, zugleich aber seine Herkunft auch vergessen musste, um dort bleiben zu können, wo er einmal hingelangt war. Beide Welten ließen sich nicht vereinen und die politischen Gesten waren für diesen Widerspruch nur eine oberflächliche Kompensation: Im Namen aller stürmte er die Bastionen des Reichtums, aber weil seine Eroberung Privatsache blieb und bleiben musste, ging er an ihr zu Grunde. Die Geschichte seiner Kokainsucht ist bekannt. Sie begleitete ihn nach seiner aktiven Laufbahn in die obligatorischen Engagements als TV-Moderator und auf Trainerposten, die so kurios waren wie der bei einem mexikanischen Zweitligaverein. Von den Spätfolgen auch des Alkoholismus hat er sich nie mehr erholt. 

Man kann darüber streiten, ob das alles erwähnenswert ist. Man kann die Ansicht vertreten, dass der Sport, da er nicht diskursiv verfasst ist, anderen Erscheinungen des Geistes gegenüber minderwertig ist: Fußball als Idee funktioniere nicht, da hier kein Wahrheitsanspruch vorhanden sei. Aber was heißt das schon in postmetaphysischen Zeiten, da kein Werk der bildenden Kunst mehr einen vergleichbaren Begriff für sich reklamieren würde? Um wie viel übertrifft hingegen ein gutes Champions-League-Spiel den durchschnittlichen Theaterbesuch! Maradona hat sich kaum zufällig als Schauspieler verstanden. In einem Interview beklagte er sich einmal, dass er nicht nur die eigene Rolle beherrschen müsse, sondern auch derjenige sei, der den Text zu verfassen habe. Er war der traurige Autor seiner selbst: Weil das Genie Maradona nicht nur auf dem Platz darstellerischen Anspruch hatte, sondern in der Wirklichkeit den Zug zum Ganzen verspürte, sind wir ihm emotional und intellektuell verbunden. Er lässt uns spüren, dass auch der Sport über sich hinauswachsen kann. Auf die Frage, was passiert wäre, wenn Maradona einen anderen Beruf ergriffen hätte, gibt Kusturica ohne zu Zögern die Antwort: „Hätte er nicht Fußball gespielt, wäre er Revolutionär geworden.“ Am 25. November ist Diego Armando Maradona im Alter von 60 Jahren in der Nähe von Buenos Aires gestorben. 

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