ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

„Der Fußball hat ein Riesenpotenzial“ – der FC Internationale und sein Wunschzettel an den DFB

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„Revolutionen im Fußball – wie China den Weltfußball erschüttert und der Unterbau in Europa aufmuckt“, heißt unser Schwerpunktthema in der aktuellen Ausgabe #7. Darin beschäftigen wir uns einerseits mit den Herausforderungen der chinesischen „Fußballrevolution“ für die „alte“ (also eurozentrische) Fußballwelt und andererseits mit den zunehmenden Protesten im unterklassigen Fußball in Europa.

Einer der diesbezüglich engagiertesten Vereine ist der Berliner Klub FC Internationale, der im November durch einen „Wunschzettel“ an DFB-Präsident Reinhard Grindel Schlagzeilen machte. Inititiator war Gerd Thomas (56), beim FC Internationale als 2. Vorsitzender verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit, Projekte und Sportliches. Für das aktuelle Heft haben wir uns mit ihm über die 11+1 Wünsche des Vereins, die Reaktion des DFB und die Lage des Amateurfußballs überhaupt unterhalten.

 

Gerd, Euer Wunschzettel an DFB-Präsident Reinhard Grindel hat ja einigen Wirbel ausgelöst. Was hat euch veranlasst, ihn zu schreiben?

Durch das, was man so liest und dann natürlich auch durch unsere eigenen Erfahrungen haben wir immer mehr den Eindruck gewonnen, dass der Fokus des DFB zunehmend auf die Nationalmannschaft gerichtet wird. Natürlich wird auch immer die großartige Jugendausbildung hervorgehoben. Aber auch da geht es doch in erster Linie um die weit unter einem Prozent von Jugendlichen, die wirklich in den Profibereich durchkommen.

DFB-Präsident Grindel hat mit einem sechsseitigen Brief geantwortet. Erstaunlich, oder?

Erstmal sind wir positiv überrascht, dass wir so eine lange Antwort bekommen haben. Inhaltlich gibt es aber Dinge, die wir anders sehen. Zum Beispiel Jugendarbeit. Grindel sagt, die Amateurvereine würden von DFB-Stützpunkten und Nachwuchsleistungszentren profitieren. Doch ich könnte zig Beispiele anführen, wo Talente dem Fußball genau durch den aufgebauten Druck verloren gegangen sind und damit auch den Amateurvereinen. Und dann die sogenannten „weichen Themen“. Also Integration, Prävention, Sozialkompetenz, Kinderschutz usw. Alles, was Vereine mittlerweile so aufgeladen bekommen. Als Verein soll man ja quasi alle zwei Wochen ein neues Plakat im Vereinsheim aufhängen. Ich würde mir einen stärkeren Standpunkt wünschen, mindestens so, wie einst unter Zwanziger. Doch das sieht Grindel ganz anders. Für ihn ist dies Aufgabe der öffentlichen Hand. Für mich ist es eine vertane Chance. Entweder ist sich der DFB wirklich nicht darüber im Klaren, welche sozial-integrative Kraft der Fußball gerade auch für junge Männer und Jugendliche hat, oder sie wollen einfach nicht.

Und wie war die Resonanz aus Kollegenkreisen, von anderen Vereinen?

Quer durch die Republik sagten viele, „ja, das ist genau das, was mal gesagt werden musste“. Es gab aber auch Irritationen, dass sich da jemand getraut hat, dem DFB-Präsidenten einen Brief zu schreiben. Wir haben hier in Berlin inzwischen eine kleine Gruppe von Vereinen gegründet, die langsam etwas größer wird. Eines unserer wichtigsten Themen ist Transparenz. Da sehen wir erheblich Defizite, auch auf der Landesebene. Dazu die Themen Partizipation und Kommunikation. Gerade an der Kommunikation müssen die Verbände besonders arbeiten.

Siehst Du Realisierungschancen, dass sich Vereine mehr verbinden und künftig mit gemeinsamer Stimme auftreten?

Das wäre in jedem Fall sinnvoll. Es müssen einfach ein paar Leute oder Vereine vorangehen, dann fassen andere auch Mut. Denn die Unruhe und Resignation in den Amateurvereinen ist riesengroß. Ich habe aber auch Kritik an vielen Vereinen selbst. Wenn man nur alle vier Jahre auf einen Verbandstag geht, dort die Hand hebt, um schnell wieder wegzukommen, weil um 15:30 Uhr Hertha spielt, dann ist das ein Demokratieverständnis, das sich von meinem unterscheidet. Vereine sollten nicht nur jammern, sie sollten auch formulieren, was verändert werden muss. Wir müssen auch selbst etwas leisten. Und die Verbände sollten sich freuen, wenn es Ideen gibt.

Wie bewertest Du die Verbindung zwischen der professionellen Amateurebene, also vierte bis sechste Liga, und dem „echten“ Amateurfußball, also ab Bezirksebene?

Fußball ist Wettbewerb und es gibt natürlich Konkurrenz zwischen den Vereinen. Abgesehen davon existieren unabhängig von der Liga aber gemeinsame Interessen. Ich bin beim Regionalligisten Babelsberg 03 im Aufsichtsrat. Die Probleme in der Infrastruktur sind da fast die gleichen wie beim FC Internationale in Berlin. Es ist kein Platz da. Oder anders gesagt: Der Sport schafft es nicht, Platz zu bekommen. Das ist natürlich ein spezielles Problem in den Ballungszentren, das wird im ländlichen Raum anders aussehen. Und dann wieder das Thema Kommunikation mit den Verbänden. Das kann in der vierten Liga genauso relevant sein wie in der Kreisliga. Viele Viert- oder Fünftligisten wissen gar nicht, wie viele Gemeinsamkeiten sie eigentlich mit den unterklassigen Vereinen aufweisen.

Wie finanziert sich Fußball auf der professionellen Amateurebene heute?

Das klassische Sponsorenmodell nach dem Motto „Biete ein gutes Produkt an, dann kommen auch die Sponsoren“, wie man es uns immer wieder erklärt, ist im Grunde genommen Selbstbetrug. Denn letztlich sind überwiegend die Vereine erfolgreich, wo ein reicher Privatmann sagt, „ach, die paar Hundertausend sind’s mir wert“. Entweder man findet so jemanden oder eben nicht. In Babelsberg wird ein wirklich guter Job gemacht mit verhältnismäßig geringem Etat, vielen Zuschauern, vernünftigen Strukturen und seriösen Leuten im Vorstand und Aufsichtsrat. Und trotzdem stehen die Sponsoren nicht Schlange.

Ist die Bundesliga Leitbild für den professionellen Amateurfußball?

Leider ja. Nehmen wir Hertha BSC. Da sagt man seit 15 Jahren, also seit der Ära Hoeneß, „wir warten auf den großen Investor“. Eigentlich ist also das Modell Abramowitsch oder Kühne geplant. Diese Großmannssucht geht direkt nach unten durch. Wacker Nordhausen soll in dieser Saison einen Etat von mehr als 3 Millionen Euro haben. Toni Sailer kassiert dort angeblich ein Zweitligagehalt. Die Vereine müssen sich auch an ihre eigene Nase fassen.

Wo liegen die Herausforderungen für Vereine in einer Metropole wie Berlin?

Wir haben hier ein großes Infrastrukturproblem. Die Stadt wächst und wächst. Gleichzeitig heißt es, wir hätten zu viele Vereine und es müsse zu Fusionen kommen. Dabei müssten wir vor allem aufpassen, dass wir nicht wie London oder Paris werden, wo es in der Innenstadt schon keine Fußballplätze mehr gibt. Und da verstehe ich jemanden wie Grindel nicht, der ja im Bundestag gesessen hat und beste Kontakte zur Regierungspartei hat. Der muss sich doch mit dieser Riesenlobby von über sechs Millionen Verbands-Mitgliedern hinstellen und für den Fußball kämpfen! Man hat jedoch den Eindruck, sie kämpfen zwar dann, wenn es um die Profis geht, nicht aber um den Basissport im Kiez. Natürlich ist das auch eine Neiddebatte. Aber es ist inzwischen einfach so, dass viele Vereine strukturell völlig überfordert sind.

Wie kann der DFB den Vereinen helfen?

Zum einen erwarte ich vom DFB, aber auch von den Landesverbänden, dass die politische Lobbyarbeit für die Amateure deutlich verbessert wird. Mit sechs Millionen Mitgliedern würde ein Verband der freien Wirtschaft viel mehr rausholen. Dann habe ich den Eindruck, dass Themen wie Ganztagsschule oder Flexibilisierung der Arbeitswelt beim DFB gar nicht auf dem Zettel stehen. Grindel hat mich in seiner Antwort ja gefragt, was ich mit einem „Innovationszentrum“ meine. Ich glaube, es gibt außerhalb des Verbandes ganz viele Ideen, die funktionieren können. Da würde ich mir wünschen, dass der DFB solche Sachen zusammenträgt. Diese Werbefilmchen auf fussball.de, wo einer mit ‘nem nagelneuen Trecker durch die Gegend fährt, und Werbung für den Amateurfußball macht, die haben doch mit der Realität gar nichts zu tun!

Du hast das Kommunikationsproblem zwischen Vereinen und Verbänden angesprochen. Wie sieht das konkret aus?

Der DFB müsste mehr zu den Vereinen gehen und zuhören. Sie sagen zwar, sie tun das über den DFB-Masterplan, aber was folgt aus den Anregungen der Vereine? Die haben eher das Gefühl, durch den Masterplan müssen sie immer mehr machen. Gebühren werden erhöht, Digitalisierung und Liveticker werden eingeführt. Ältere Schiedsrichter hören einfach auf, weil sie das nicht wollen. Und viele Jugendleiter sind längst im Rentenalter, weil eben nur sie genug Zeit haben. Natürlich ist die Angst vor Veränderungen bei den Menschen groß. Doch es ist Aufgabe des DFB und der Landesverbände, ihnen diese Angst zu nehmen. Man kann das den Menschen nicht einfach überstülpen.

Ist die Bereitschaft auf Verbandsebene vorhanden?

Die Frage ist wie in den Vereinen: Wieviel können ehrenamtliche Präsidiumsmitglieder leisten? Hier in Berlin haben wir wenigstens kurze Distanzen, in einem Flächenland wie Niedersachsen ist das ein Problem, wenn ich erst von Hannover nach Ostfriesland muss. Ich habe aber auch den Eindruck, dass sich die Verbände nur ungern helfen lassen. Da sitzen seit Jahrzehnten dieselben Menschen zusammen. Da ist insgesamt ganz wenig Fluktuation. Was ist denn passiert in den letzten zehn Jahren? Wer hat sich denn gegen Niersbach gestellt und ihm gesagt, „Pass mal auf, es geht hier nicht nur ums Kerngeschäft. Fußball ist mittlerweile viel mehr“?

Was rätst Du Vereinen, um sich besser für die Zukunft zu wappnen?

Nicht alles runterzuschlucken, was vorgegeben wird. Dinge hinterfragen und den Mut haben zu sagen, warum ist das eigentlich so, warum kann man das nicht auch anders machen? Vereine sollten sich zusammentun. Regelmäßige Treffen unabhängig vom Verband organisieren, auf denen man sich austauscht und gegenseitig hilft. Ich erlebe es hier in Berlin, dass oft schon die Jugendabteilung und der Rest des Vereins kaum noch miteinander sprechen. Auch da ist ein Kommunikationsdefizit. Es geht aber nicht darum, immer nur zu sagen, „die Verbände machen nur Mist“. Klar, es gibt diese SED-mäßigen Abstimmungen bei den Verbandstagen. Mir kann aber keiner erzählen, dass es bei allen Sachen immer 100 Prozent Übereinstimmung gibt. Vereine müssen sich auf Kreis- oder Bezirksebene auch mal zusammensetzen und überlegen, was zu tun ist. Letztlich wählen sie ihre Präsidien doch selbst. Dessen muss man sich aber auch bewusst sein.

Wie sieht die Zukunft des Amateurfußballs aus?

Viele Vereine werden sterben, weil sie keine Ehrenamtlichen mehr finden, die sich die Belastung antun. Beim FC Internationale bin ich aber optimistisch. Wir haben eine „AG Fortschritt“ gegründet, die sich monatlich trifft und überlegt, wie man den Verein für die nächsten fünf bis zehn Jahre entwickelt: Im Jugendbereich, mit Flüchtlingen oder bezüglich der Strukturen. Wir Vereine haben noch die Möglichkeit, alle – also Kinder, Jugendliche und Eltern – zu erreichen. Das geht an vielen andere Stellen gar nicht mehr. Dieses Riesenpotenzial erkennen aber weder die Politik noch die Verbände bislang hinreichend.

Danke für das Gespräch

FC Internationale Berlin

Wir sind ein relativ junger Verein. 1980 gegründet, Tradition an sich ist für uns kein Wert. Der Verein hat sich von Anfang an gesellschaftspolitisch engagiert und ist seit Langem in der Integrationsarbeit aktiv. Mittlerweise haben wir 50 Teams im Spielbetrieb und 1.200 Mitglieder. Bei uns wird kein Geld gezahlt, also keine Prämien, keine Handgelder. Das ist reiner Amateurfußball. Wir sind aber trotzdem ambitioniert. Die A-, B-, C-Jugend spielen alle in der höchsten Berliner Liga, die Frauen auch. Da wollen wir mit der 1. Herren auch hin, da fehlt uns aber noch eine Liga. Wir finanzieren uns über Mitgliedsbeiträge und Spenden, wenig über Sponsoren. Wenn man keine Spieler bezahlen muss, dann geht das. Und wir wollen langfristig einen Sozialarbeiter auf 300 Kinder und Jugendliche im Verein haben.“

 

 

Zum Thema „Überleben im Turbokapitalismus“ außerdem in der aktuellen Ausgabe von Zeitspiel – Magazin für Fußball-Zeitgeschichte:

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