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Chinas globale Fußballoffensive – und was sie für Europa bedeutet

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Chinas Staatspräsident Xi Jinping ist nun endgültig in die Fußstapfen von Mao getreten. Auf dem Parteikongress in Peking wurde das „Xi-Jinping-Denken über den Sozialismus mit chinesischen Kennzeichen für eine neue Ära“ in die Statuten der Kommunistischen Partei aufgenommen worden – das hatte zuvor nur Mao Zedong geschafft. Nicht umsonst hat das US-amerikanische Magazin „The Economist“ Xi kürzlich als „The world’s most powerful man“ bezeichnet.

Xi hat großes vor mit China, das sich auch im Fußball im großen Aufbruch befindet. Und der umfasst bei weitem nicht nur den Transfer von Weltstars aus der zweiten Reihe ins Reich der Mitte. In unserer Ausgabe #7 haben wir Anfang des Jahres ausführlich über die vielfältigen Aspekte von „Chinas großer Fußballoffensive“ berichtet. Nachstehend sozusagen „Xi zu Ehren“ der komplette Leitartikel zum insgesamt 30-seitigen Schwerpunkthema.

Zu dem gehören außerdem noch die Artikel
Die politische Dimension der chinesischen Fußball-Revolution
Schwachpunkt Nationalmannschaft – Chinas quälende Wunde
Warum Fußball? – Chinas Obsesion mit Tradition und Luxusmarken
Die Spielmacher und die Spielfelder
Fußball in China – eine lange und kuriose Geschichte
Chinas Super League
Guangzhou Evergrande – der Premier Klub
Chinas Nachwuchsarbeit
Deutschland und China
sowie ein Interview mit Bea, Schalke-Fan, die 2016 mit den Königsblauen nach China reiste.

Ausgabe 7 ist – wie alle bereits erschienenen Hefte mit Ausnahme der Ausgaben #1 und #2 – noch hier erhältlich

 

Chinas globale Fußballoffensive – und was sie für Europa bedeutet

AC und Inter Mailand. Slavia Prag, ADO Den Haag, AJ Auxerre. OGC Nizza, Espanyol Barcelona, Atlético Madrid. Aston Villa, Wolverhampton Wanderers, Manchester City, der Schweizer Vermarkter Infront, Portugals 2. Liga. Die Spieleragentur GestiFute und selbst die FIFA. Große Namen des Weltfußballs, die eins gemeinsam haben: Investoren oder Besitzer aus China.

Mehr als 1,5 Milliarden Euro investierte China seit Ende 2015 in Beteiligungen und Übernahmen europäischer Vereine. Spieler- und Marketingagenturen von Weltruf kamen unter chinesische Verantwortung. Und auch die heimische „Chinese Super League” (CSL) öffnete ihre Schatullen. Im Frühjahr 2016 tätigten chinesische Klubs laut „transfermarkt.de” fünf der sechs größten Transfers, wechselten atemberaubende 300 Millionen Euro für Spielerpersonal die Seiten. Im Januar 2017 ging der Hype weiter, flossen schon in den ersten beiden Wochen nach Öffnung des Transfermarktes mehr als 150 Millionen Euro für Spieler wie Oscar und Carlos Tévez.

Gefühlt binnen eines Wimpern­schlages hat sich China von einer müde belächelten Fußballrentner-Destination zu einem einflussreichen Mitbewerber im Weltfußball aufgeschwungen. Mit seiner enormen Finanzkraft hat man inzwischen selbst zur englischen Premier League aufgeschlossen und erschüttert die alteingesessene (eurozentrische) Fußballwelt in ihren Grundfesten.

Eine Fußballkultur zu „kaufen” ist sicher kein neues Phänomen. Das gab es in den 1970ern in den USA, als vor allem Warner Brothers mit Cosmos New York für eine Fußball-Revolution sorgte. Oder in den 1990ern in Italien, als Auto-, Food- und Medien-Tycoons auf dem Höhepunkt ihrer Macht standen. In den 2010er Jahren in Russland und der Ukraine, als Oligarchen und andere Gewinner der politischen Entwicklung sich Fußballklubs als Spielzeuge leisteten. Und natürlich aktuell in England, wo Roman Abramowitsch eine Entwicklung einleitete, die zum Ausverkauf des dortigen Vereinsfußballs führte.

Doch der Fall China ist anders. Denn China ist nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Erde und das mit den weltweit meisten Milliardären, sondern vor allem ein Land, in dem der Fußball einen enormen Nachholbedarf hat und dessen politische Führung (der demokratische Entscheidungsprozesse ziemlich egal sind), die Fußballrevolution federführend anstieß und unterstützt. Das alles ergibt ein Potenzial mit nie zuvor erlebter Schlagkraft, über das Arsène Wenger im Herbst 2015 sagte: „Ich weiß nicht, wie groß das Verlangen in China ist, aber wenn es ein starkes politisches Verlangen ist, sollten wir uns sorgen.“

Fußball-Revolution als 50-Punkte-Plan

Es war der 23. Februar 2015, als sich die Geschicke des Weltfußballs entscheidend veränderten. Generalsekretär und Staatspräsident Xi Jinping bat die „Zentrale Führungsgruppe für Reform” zu einer Sitzung ins KP-Hauptquartier Zhongnanhai. Schon kurz nach seiner Wahl zum Staatspräsidenten im März 2013 hatte Xi – in den Medien gerne als „passionierter Fußball-Liebhaber“ dargestellt, ohne dass es dafür belastbare Belege gibt – eine Untersuchung über den Zustand des Fußballs im Land anordnet und radikale Reformen angekündigt. Denn für Chinas KP-Chef ist Fußball „eine Grundlage für Glück und Erfüllung in der modernen Gesellschaft”.

Nun lag das „Reform- und Entwicklungsprogramm für den chinesischen Fußball“ vor. Es begann mit den Worten: „Seit Kamerad Xi Jinping Generalsekretär des 18. Kongresses der Kommunistischen Partei Chinas (CCP) wurde, hat er die Entwicklung des Fußballs auf die Agenda gesetzt, um China zu einer großen Sportnation zu machen”. Herausragendes Ziel ist die Umsetzung eines drei Punkte umfassenden WM-Plans: 1.) Qualifikation zum Endturnier, 2.) Ausrichtung eines Endturniers und 3.) Gewinn bis 2050.

Nachdem Xi den Befehl zur „Wiederbelebung des chinesischen Fußballs“ gegeben hatte (O-Ton der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua), setzte sich das halbe Land in Bewegung. Liu Xiaoxin, Chefredakteur der Fachzeitung „Fußball“ prophezeite damals: „Wenn die Regierung sagt, Fußball ist Trumpf, dann heißt das: Alle werden sich nun auf den Fußball stürzen.“

Genau so kam es. Der Staatsrat, Chinas Regierung, verabschiedete umgehend einen 50 Punkte umfassenden Fußball-Aktionsplan. Offizielle von der obersten Zentralregierung bis hinunter auf die kleinste Provinzebene beeilten sich, Xis Visionen in die Realität zu übertragen. Landesweit entstanden Fußballplätze und Graswurzelvereine, wurde der Fußball in die Schulen getragen und zu einem fixen Bestandteil des Bildungswesens. Bis dato war er bei Chinas Eltern eher verpönt, wollte man den Nachwuchs lieber Wissen pauken sehen. Nun sollen bis 2017 rund 20.000 Schulen in Fußball-Akademien umgewandelt sein, die rund 100.000 Spieler „produzieren“; entstand in Guangzhou die weltweit größte Fußball-Akademie mit über 3.000 Schülern. Noch 2010 waren in China übrigens insgesamt lediglich 7.000 Fußballer registriert (Deutschland: 6,3 Mio.), sagte Bora Milutinović, der China 2002 zu seiner bisher einzigen WM-Teilnahme geführt hatte: „In jedem Land sieht man Jungs auf den Straßen oder in Hinterhöfen kicken. Nur hier nicht.“

Aufbau mit Plan und Ziel

Doch die Maßnahmen gehen noch weiter. Wer an einer chinesischen Hochschule studieren möchte, sollte künftig besser Fußballtalent mitbringen – dann wird er bei der Aufnahmeprüfung bevorzugt. Diverse Auslandstudium-Programme mit europäischen und südamerikanischen Topklubs wurden aufgelegt, während europäische Fußballschulen – darunter die von Real Madrid, Bayern München und Borussia Dortmund – Dependancen in China planen oder schon betreiben. Schließlich wurde eine Initiative gestartet, mindestens 35 internationale Stars nach China zu locken sowie Chinas Oligarchen mit der Aufforderung losgeschickt, sich bei traditionsreichen Fußballklubs weltweit einzukaufen bzw. sie ganz zu übernehmen.

China geht es offenkundig nicht (nur) um den schnellen und „erkauften“ Erfolg, sondern vor allem um eine tragfähige Basis mit der Perspektive, eines Tages die Früchte der Arbeit ernten zu können. Chinas Fußball-Revolution ist, das muss man neidlos anerkennen, durchdacht und hat Hand und Fuß. Genau das macht sie für die „alte“ Fußballwelt auch so bedrohlich. „Xi ist ein sehr ehrgeiziger Mann“, sagte Historiker und China-Experte Xu Guoqi dem englischen „Independent”: „Wenn er das hier schafft, wird er der Held Chinas werden“.

Fußball erfüllt eine zentrale Funktion in Xis Vision des China von morgen. Einerseits durch den erwähnten Drei-Stufen-WM-Traum, der das Land ins Zentrum der Fußballwelt rücken und ihm internationales Renommee verschaffen soll. Andererseits durch seine Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung der Volksrepublik. Als Chinas Wirtschaftswachstum 2015 erstmals bedrohlich abflachte, begann die Regierung, den Übergang von der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaft einzuleiten. Als massentaugliches Unterhaltungsformat gilt Profifußball als exzellente Dienstleistung. Xi hat bereits angekündigt, dass die heimische Sportindustrie bis 2025 zu einem 730 Milliarden Euro schweren Business ausgebaut werden soll – das wäre dann der weltweit größte Sportmarkt.

Plötzliche Geldschwemme

Nun sind finanzgespeiste Aufbrüche auch in Chinas Fußball nichts Neues. Schon mehrfach wurden Starspieler aus Europa ins Land der Mitte gelockt, und immer waren es die finanziellen Verlockungen, die Spieler wie Paul Gascoigne oder Nicolas Anelka reizten. Diesmal aber ist alles anders, denn zum einen ist Chinas Liga keine billige Zirkusveranstaltung mehr, sondern ein ernsthafter Markt und Konkurrent um begehrte Spieler, zum anderen hat die Kombination aus staatlicher Entschlossenheit und privaten Investoren das Potenzial, die bekannten Parameter im Weltfußball nachhaltig zu verrücken. Arsène Wengers Sorgen sind also berechtigt.

Die Voraussetzungen dafür wurden bereits 2010 geschaffen, als es gelang, die grassierende Korruption in der nationalen Profiliga endlich auszutrocknen. Neben dem entsprechenden politischen Willen lag das vor allem am Engagement schwerreicher Oligarchen. Als Immobiliengigant Evergrande seinerzeit Zwangsabsteiger Guangzhou in der 2. Liga übernahm, begann Chinas neuer Fußballweg. Binnen zwei Jahren investierte Besitzer Xui Jiayin rund 100 Mio. US-Dollar für Spieler wie Darío Conca oder den Ex-Dortmunder Lucas Barrios und feierte seit dem Wiederaufstieg in die CSL sechs Meisterschaften in Folge. Chinas Fußball war endlich stubenrein und konnte sich in eine lukrative Investitionsbühne verwandeln.

Größer, schneller, ambitionierter

Mit Xis 50-Punkte-Plan wurde es dann schlagartig rasant. Alles ist seitdem schneller, größer, ambitionierter. Zum Beispiel der neue TV-Vertrag für die CSL, der im Oktober 2015 abgeschlossen wurde. Es war das erste Mal, dass die Exklusivrechte frei verhandelt wurden. Das führte zu einem erbitterten Bieterwettstreit. Nachdem 2014 lediglich sieben Mio. und 2015 immerhin bereits 11,3 Mio. Euro von der staatlichen CCTV gezahlt worden waren, flossen 2016 sagenhafte 174 Mio. an die Ligaklubs. In den kommenden fünf Jahren werden es gigantische 1,13 Milliarden Euro sein – damit schaffte es China aus dem Stand in Dimensionen von Englands Premier League!

Angesichts derartiger Summen konnte die Volksrepublik im Frühjahr 2016 erstmals mit Spielern der gehobenen Gehaltsklasse regelrecht geflutet werden. Mit 56 Millionen Euro für den Brasilianer Hulk sorgte der staatlich subventionierte Klub Shanghai SIPG sogar für eine neue Rekordsumme, und insgesamt investierten chinesische Vereine rund 300 Millionen Euro für neues Spielerpersonal. Das war mehr, als die Klubs der englischen Premier League ausgaben (248 Millionen) und absurd mehr als die Transfers der Bundesliga (48 Millionen).

Kaum hatte sich das Transferfenster im Januar 2017 erneut geöffnet, ging es weiter. Der Brasilianer Oscar, der Belgier Axel Witsel, Carlos Tévez aus Argentinien – Namen wie Summen waren atemraubend. Tévez soll dem Vernehmen nach in Shanghai 110.000 Euro pro Stunde verdienen – das sind Dimensionen, bei denen sogar ein Zlatan Ibrahimović neidisch wird. Jeden Tag produziert die Gerüchteküche neue abstruse Geschichten. Für Aubameyang sollen angeblich 150 Millionen Euro Ablöse aufgerufen worden sein, und Jorge Mendez, Berater von Cristiano Ronaldo, ließ seinen Schützling angesichts einer 300-Millionen-Euro-Offerte (und 100 Millionen Euro Jahresgehalt) mit den Worten zitieren, „Geld sei nicht alles”. Inzwischen mehren sich jedoch auch in China kritische Stimmen, zumal die meisten der eingekauften Akteure Stürmer sind – und genau da hat Chinas Nationalmannschaft eine entscheidende Schwäche. Mitte Januar beschränkte Nationalverband CFA die Zahl der nicht-asiatischen Spieler überraschend von vier auf drei; außerdem muss künftig ein chinesischer U23-Spieler in der Startelf stehen. Dass die ¸nderung mitten in der Transferphase geschah sorgte für Unruhe.

Die Gelder fließen aber nicht nur nach Europa, sondern auch innerhalb Asiens. Asiatische Spieler sind begehrt, denn von den nunmehr insgesamt vier erlaubten Ausländern im Kader muss mindestens einer aus Asien stammen. Das treibt auch die Preise für regionale Akteure in exorbitante Dimensionen. Für den früheren Braunschweiger Chengdong Zhang zahlte Hebei China Fortune kürzlich 20 Millionen Euro an Beijing Guoan. Bei Transfermarkt.de wird der Spieler mit einem aktuellen Marktwert in Höhe von 475.000 Euro geführt.

Massive Investitionen in Europa

Hinzu kommen die millionenschweren Beteiligungen bzw. Übernahmen von Fußballklubs vor allem in Europa sowie finanzielle Engagements an wichtigen Schnittstellen wie dem Schweizer Vermarkter Infront, der portugiesischen Spieleragentur GestiFute (die u. a. Cristiano Ronaldo vertritt) oder der FIFA. Es sind stategische Investitionen. Nehmen wir die FIFA-Ebene. Im Februar 2016 schloss die mächtige Wanda Group von Milliardär Wang Jianlin einen Deal mit Rechtevermarkter Infront, der von Sepp-Blatter-Neffe Philippe Blatter geführt wird und über die asiatischen TV-Rechte für die WM-Turniere 2018 und 2022 verfügt. „Infront bringt China ein Stück näher an den Kern der Macht im Weltfußball“, kommentierte Liu Xiaoxin, Chefredakteur der Fußballzeitung „Zuqiu Bao“.

Nach Sepp Blatters Sturz klopfte Wanda umgehend beim neuen FIFA-Chef Gianni Infantino an und vereinbarte einen Sponsorenvertrag, der dem Weltverband für jeden der kommenden vier WM-Zyklen 150 Mio. US-Dollar beschert. All das steht vor dem überragenden Ziel, China eines Tages zum WM-Gastgeber zu machen. Die Chancen, dass man das Turnier 2030 übertragen bekommt, stehen nach Insidereinschätzungen gut.

Auch die Investitionen auf der Klubebene sind durchdacht und erfolgen mit Weitsicht. Xi will eine globale Offensive chinesischer Unternehmer, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit nationaler Firmen zu steigern. Der Fußball dient dabei als Steigbügelhalter. An rund 20 Vereinen sind chinesische Oligarchen inzwischen alleine in Europa beteiligt – dazu kommen Klubs wie Boca Juniors aus Argentinien und Newcastle Jets aus Australien.

Es gibt zwei Strategien: komplette Übernahmen oder Minderheitenbeteiligungen. Mehrheitsübernahmen wie bei Inter Mailand, Aston Villa oder OGC Nizza dienen vor allem der Kontrolle über die Klubpolitik und der Erschließung neuer Märkte. „Wir sind ein internationales Unternehmen und werden bald auch in Europa groß sein“, sagte Zhang Jindong, Boss der Elektromarkt-Kette Suning, nachdem man sich im Juni 2016 mit knapp 70 Prozent bei Inter Mailand eingekauft hatte. Und den OGC Nizza erwarb mit der Hotelkette Planeto ein Unternehmen, das erst seit kurzem auch in Europa aktiv ist. Auffällig: bei den Übernahmekandidaten handelt es sich häufig um wirtschaftlich angeschlagene Vereine, die auf der Suche nach Investoren bzw. Rettern sind.

Wo Klubübernahmen neben erhofften Renditen also den Bekanntheitsgrad des Investors erhöhen sollen, dienen Beteiligungen in erster Linie dazu, Know how abzusaugen. Die Idee, sich einzukaufen, um zu lernen, wie etwas funktioniert und das gewonnene Wissen dann nach China zu exportieren, ist aus der Industrie bekannt. Sie betrifft beispielsweise das Engagement zweier Staatsunternehmen bei Manchester City, dessen Nachwuchsschule „Etihad Campus“ als richtungsweisend gilt. An diesem spektakulären Deal war Chinas Regierung übrigens direkt beteiligt: Bei einem Besuch in Großbritannien hatte Staatspräsident Xi im Oktober 2015 in Manchester Station gemacht und dort mit David Cameron und Sergio Agüero für ein Selfie posiert. Die englische FA bemühte sich anschließend dienstbeflissen, Sun Jihai, dem ersten Chinesen, der in der Premier League ein Tor erzielte, einen Platz in der „Hall of Fame“ des National Football Museum zu verschaffen. Ein englischer Oppositionspolitiker bezeichnete das als „schmutzigen Deal“, mit dem Ziel, „sich Einfluss zu erkaufen“.

Oligarchen liefern das Geld

Doch wo kommt das Geld eigentlich her – wo Chinas Wirtschaft doch schwächelt und die Wachstumssraten signifikant zurückgegangen sind? Es sind vor allem schwerreiche Oligarchen wie der Internetmilliardär Ma Yun (im Westen bekannt als Jack Ma) von Chinas Amazon-Pendant Alibaba oder erwähnter Wang Jianlin, reichster Mann des Landes, dessen Wanda Group – ein Mischkonzern mit Schwerpunkt Luxusimmobilien – den geschilderten Sponsorenvertrag mit der FIFA schloss. Vor allem in drei Segmenten kann in China Vermögen angehäuft werden: Immobilien, IT und Massenproduktion. An reichen Männern hat die Volksrepublik China nach zweieinhalb Jahrzehnten des Volkskapitalismus übrigens keinen Mangel. Erhebungen zufolge gibt es aktuell zwischen 335 (Forbes-Report) und 596 Milliardäre (Hurun-Report). Geradezu explosionsartig hat sich ihre Zahl dabei zwischen 2013 (64 Dollar-Milliardäre) auf 358 2014 und 596 im Jahr 2015 erhöht (Zahlen jeweils Hurun-Report). Das zur Verfügung stehende Gesamtvolumen schätzte der „Billionaires Report“ 2015 auf 1,2 Billionen Euro. Die Fußballinvestitionen zahlt man also quasi aus der Portokasse.

Fußball-Sachverstand ist ebenso wenig vonnöten wie überhaupt Interesse am Fußball. Jack Ma, der 50 Prozent an Serienmeister Guangzhou Evergrande hält, gibt offen zu, dass ihn Fußball überhaupt nicht interessiert. Für ihn zählt nur die Rendite, und die ist im Fußball gegenwärtig traumhaft. Seit Präsident Xi das Zeichen zur Fußball-Offensive gegeben hat, haben sich die Kapitaleinlagen chinesischer Unternehmen in der Chinese Super League verdoppelt; schnellten die Aktienkurse der Firmen im Schnitt um 158 Prozent nach oben (November 2016). Fußball gilt als sichere Anlage, in die man investieren kann. Zudem sind die Werbezeiten im chinesischen Fernsehen teuer. Über Fußballvereine erhält man eine Dauerpräsenz, die sich rasch auszahlt.

Sport – und allen voran Fußball – soll aber nicht nur Türöffner zu Märkten und Quelle von Know how sein, sondern auch  als Verbindung zwischen Oligarchen und politischen Entscheidungsträgern dienen. „Die verschiedenen Unternehmen investieren im Interesse der Strategie-Planung der Zentralregierung“, sieht Sport-Experte Yan Qiang einen klaren Schulterschluss mit der Politik. Immobilientycoon Wang Jianlin (Wanda Group) sagte 2015 nach dem Erwerb von 20 Prozent Anteilen am zweifachen Champions-League-Finalisten Atlético Madrid (markierte damals den Beginn der chinesischen Fußball-Offensive auf dem europäischen Vereinsmarkt): „Der politischen Führung war dies sehr wichtig, und die Sportbehörde hat mehrere Aufrufe erlassen. Ich biete Chinas Fußball hiermit meine Unterstützung an.“ Angesichts der engen Verbindung zwischen dem Wanda-Chef und dem Politbüro glaubt die „New York Times“, dass Wangs Engagement nicht zuletzt aus „Pflichtbewusstsein gegenüber dem Vaterland” geschah. Übersetzt heißt das wohl nicht anderes als: „Du stützt den politischen Kurs der Regierung und wirst dafür mit Handelsspielräumen belohnt.” Hinzu kommt das berühmte „Guanxi“-Netzwerk aus persönlichen Beziehungen. Es sorgt dafür, dass sich chinesische Unternehmen vor allem bei Auslandsinvestitionen gegenseitig unterstützen.

Stärkung von Patriotismus und Kollektivismus

Simon Lang vom Mercator Institute for China Studies sieht noch einen weiteren Grund für Chinas Fußballrevolution: „Der Fußball dient der Regierung auch dazu, die legitimatorische Leere zu füllen. Sie hat sich jahrzehntelang über den Klassenkampf und zuletzt über ein starkes Wirtschaftswachstum gespeist. Wenn das nun wegfällt, bietet sich der Fußball als Vehikel eines neuen Nationalismus an.” Mit anderen Worten: Fußball ist in China auch Propagandawaffe. Dazu passt, was die „Zeit” im Herbst 2016 über das China des kürzlich zum „Paramount Leader“ mit einer seit Mao Zedong nicht mehr erlebten Machtfülle ernannten Xi Jinping schrieb: „Der Staat ist heute eine im Grunde ideologiefreie Parteidiktatur, sie wird dominiert von einem strammen, aber durchaus identitätsstiftenden Nationalismus, vermischt mit Kampagnen im Stile der Mao-Zeit“. Eine der Forderungen im staatlichen 50-Punkte-Fußball-Förderprogramm lautet übrigens, Fußball solle dazu dienen, „den Geist des Patriotismus und Kollektivismus zu fördern“.

Während die Zügel in Sachen Menschenrechte, Meinungs- und Pressefreiheit sowie Überwachung unter Xi also so straff wie lange nicht mehr gezogen sind, soll der Fußball „Brot und Spiele“ liefern und die vermeintliche Demokratietauglichkeit Chinas demonstrieren. Dafür entließ man kürzlich sogar den Nationalverband aus der (lt. FIFA-Reglement gar nicht zulässigen) staatlichen Überwachung bzw. Kontrolle.

Die Früchte der breitangelegten Offensive werden jedoch nur zeitversetzt sichtbar werden. China wird vermutlich nicht, wie der in Shenzen tätige Sven-Göran Eriksson glaubt, in „den nächsten zehn bis 15 Jahren Weltmeister“. Der Aufbau braucht länger. Doch wenn insbesondere die Entwicklung der Nachwuchsarbeit gelingt – und gegenwärtig spricht nichts dagegen – dann wird das Land mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern mittelfristig eine Macht im Weltfußball werden und ein WM-Titel 2050 allemal realistisch sein.

Blick in die Zukunft

Die große Frage lautet, wie nachhaltig das Ganze ist. Denn Chinas Wirtschaft steht auf wackeligen Beinen. Eine drohende Immobilienblase, die fragile Weltwirtschaft, die Folgen der Trump-Wahl, das Demokratiedefizit, die Zukunft des Einparteienstaates, Xis unvergleichliche Machtfülle und damit verbunden die Frage nach seinem Nachfolger (seine zweite und letzte Amtszeit endet 2023, schon 2017 steht ein Generationenwechsel beim Parteitag der KP an) – all das macht eine Vorhersage schwer. Und so kann die chinesische Fußballrevolution genauso gut in sich zusammenbrechen, wie sie die Fußballwelt auf den Kopf zu stellen vermag. Ersteres ist aber nicht wahrscheinlich. „Alle diese Deals sind Teil einer riesigen Finanz-Blase, die in naher Zukunft nicht platzen wird“, glaubt auch David Hornby, Sportwirtschafts-Direktor der in Shanghai ansässigen Mailman Group. Er ist überzeugt, dass „die ausufernden Investitionen noch mindestens zwei Jahre lang anhalten werden. Erst dann werden Chinas Firmen anfangen, ihre Investitionen auf Gewinne überprüfen. Dann könnte sich alles wieder ändern.”

Europa sollte sich also besser darauf einstellen, einen dauerhaften Konkurrenten an seiner Seite zu haben.

Zumal die politischen Unsicherheiten die Fußballinvestitionen sogar noch begünstigen. Denn viele Chinesen schaffen ihr Geld ins Ausland, weil sie fürchten, es zu verlieren, wenn sie bei der Regierung in Ungnade fallen. Neben den USA sind vor allem die Cayman-Inseln beliebtes Geldtransferziel. Aber eben auch Europa – und da stehen neben Wirtschaftsunternehmen und Immobilien auch Fußballklubs auf dem Einkaufszettel. Nach der ersten Übernahmewelle im Frühjahr 2016, die vor allem englische und italienische Klubs betraf, folgte im Herbst/Winter die zweite Welle, bei der neben als „Schnäppchen” geltende französische Teams wie Auxerre (kostete lediglich sieben Millionen Euro) erneut englische sowie italienische Vereine im Fokus standen. Auch in Deutschland wird längst über mögliche chinesische Beteiligungen diskutiert. Dort verhindert die 50+1-Regel aber bislang noch Beteiligungen bzw. Übernahmen. Betonung liegt auf „noch“. Im November schlossen der DFB und Chinas Nationalverband im Beisein von Kanzlerin Merkel und Chinas Premierministerin Liu Yangdong übrigens einen umfassenden Kooperationsvertrag.

Die Folgen dieser massiven Verschiebungen im Weltfußball sind nur zu erahnen. Dass die in erster Linie an Rendite interessierten Geschäftsmänner aus China ein Herzensinteresse an der Entwicklung ihrer erworbenen Klubs haben, ist jedenfalls zu bezweifeln. Vielmehr steht zu befürchten, dass sie sie fallenlassen, wenn es nicht gut läuft, der Werbeeffekt aufgebraucht ist oder allzu kritische Töne zu hören sind. Warnende Beispiele wie ADO Den Haag oder FC Sochaux gibt es bereits. Vor diesem Hintergrund wirkt es wie eine Drohkulisse, wenn angeschlagene Traditionsvereine überall in Europa fröhlich ihre Türen öffnen, um sich von Oligarchen aus der Volksrepublik unter die Arme zu lassen. Das Erwachen könnte bitter sein und unabsehbare Folgen für den dauerhaften Bestand der Vereine haben. Europa droht ein weiterer Ausverkauf seiner Fußballvereinskultur.

Vielleicht hilft ein Blick auf die Industrie. „Bislang haben die Regierungen des Westens keine Antwort parat, wie sie auf den ungezügelten Staatskapitalismus reagieren sollen“, schrieb die „Süddeutsche“ im Oktober 2016 mit Verweis auf die zahlreichen deutschen Industriebetriebe, die sich Übernahmebestrebungen chinesischer Investoren ausgesetzt sehen – darunter sensible Produktionsbereiche der IT-Industrie. Das Blatt mahnte dringend eine Revision des rein marktwirtschaftlichen Denkens an. „Nur noch etwa ein Viertel der 30 DAX-Konzerne leistet sich eine Grundsatzabteilung, in der über ökonomische und politische Ziele nachgedacht wird. Ansonsten regiert die Gewinnmarge.” Dieses kurzfristige Überlebens- und Gewinndenken herrscht auch im Fußball, und hier wie dort droht der Ausverkauf von Know how und damit perspektivisch der Verlust von Marktchancen. „Süddeutsche“: „Chinas Einkaufsliste ist von der Führung des Landes diktiert, und Deutschland wäre naiv, wenn es die strategische Absicht dahinter nicht zu erkennen vermöchte. An dieser Erkenntnis scheint es aber der Industrie zu mangeln“.

Für den Fußball scheint dasselbe zu gelten.

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