ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Buenos Aires: Die Seele des Fußballs

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Irgendwie sind wir ja grade alle so ein bisschen in Buenos Aires. Trotz Corona-Beschränkungen und mit traurigem Herzen. Der Tod von Diego Armando Maradona flutet die sozialen Netzwerke und zeigt, dass Fußball so viel mehr als nur ein Spiel ist. Selten hat der Tod eines Fußballers derart vielschichtige Reaktionen ausgelöst. Oft sogar im kleinen Rahmen, nämlich in uns selbst. Wenn vor dem inneren Auge die freche „Hand Gottes“ und dieser unfassbar schöne Alleingang zum 2:0 miteinander konkurrierten, wenn wir den in fast kindlich unbefangener Freude auftretenden Fußballer und den aus sämtlichen Rahmen platzenden Suchtabhängigen sehen. Diego Armando Maradona war ein Mensch von überwältigender menschlicher Authentizität.

Unser Mitherausgeber Hardy Grüne hat Buenos Aires mehrfach besucht und ging in dem riesigen Moloch auf die Suche nach der Seele des Fußballs in der Metropolregion. In seinem Buch „Buenos Aires -Eine Reise in die Seele des Fußballs“ sind die einzelnen Stationen in Wort und Bild zu besuchen. Nachstehend veröffentlichen wir den Einstiegstext zum Buch, in dem es natürlich auch um Diego geht.

Hasta siempre Diego!

Fußball als Spiegelbild der Seele

Buenos Aires ist die Stadt mit der weltweit höchsten Rate von Psychologen im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Die Porteños zaudern, hadern und leiden eigentlich immer mit sich und ihrem Schicksal. Zu den Orten, an denen sie Entspannung vom Alltag suchen, gehören Fußballstadien. In der Cancha des eigenen Klubs findet die ganze Seelenpein des Alltags seine Entladung. Im Kollektiv wirft man sämtliche Sorgen ab und swingt sich durch das leichte Leben – auch wenn der Fußball natürlich gelegentlich neues Seelenpein beschert. Die Identifikation ist unzerbrechlich. Kaum vorstellbar, dass sich ein argentinischer Hincha jemals von seinem Team abwendet. Die Liebe steckt im Blut, sie ist unauflöslich. Und sie reicht weit über den Alltag hinaus.
Das hat zunächst historische Hintergründe, denn Argentinien ist ein Land, in dem erst der Fußball da war und dann die Städte wuchsen. In Europa war das andersherum; dort kam der Fußball in bereits etablierte Städte. Als der Fußball Buenos Aires erreichte, gab es viele der heutigen Hochburgen der Fankultur noch gar nicht. Insofern ist Argentiniens Fußballgeschichte zugleich Argentiniens Geschichte (mehr dazu ab Seite 50).
Der Klub wird einem in die Wiege gelegt. Es ist selbstverständlich der des eigenen Wohnviertels (Barrio), und er wird hineingelegt von einer Familie, die seit Generationen genau diesem Verein folgt. Man muss sich noch nicht einmal für Fußball interessieren, um Fan zu sein. In der WG, in der ich während meines Aufenthalts in Buenos Aires unterschlüpfte, lebte eine junge Frau, die sich aus Fußball nichts machte und mich spöttisch belächelte, wenn ich von meinen Ausflügen erzählte. Als ich abreiste, überreichte sie mir einen Kaffeebecher der Boca Juniors und meinte: „Das ist mein Team, damit behälst Du mich in Erinnerung“. Ich schaute sie erstaunt an. „Ich denke, Du machst Dir nichts aus Fußball?“. „Mache ich auch nicht, aber das ist der Klub meiner Familie. Ich bin Boca!“
Würde man in die Stammbäume der Hinchas schauen, ergäben sich in vielen Fällen Verbindungen zur Gründergeneration der Klubs. Denn als die Migrantenströme Ende der 20. Jahrhunderts im Hafen von La Boca anlegten und sich eine neue Heimat suchten, schufen sie die Grundlagen der heutigen Barrios, in dessen Mitte stets ein Fußballfeld lag. Zwischen 1897 und 1914 entstanden im Großraum von Buenos Aires die meisten der heute bestehenden Klubs. Es waren familiäre Klubs mit großem Zusammenhalt, entstanden, um die Migrantengemeinden zusammenzuhalten und eine gemeinsame Begegnungsstätte zu schaffen. Eine erste Heimat in der neuen Heimat.
Die darin innewohnende Kraft transportierte die Vereine durch sämtliche Höhen und Tiefen – sei es sportlich, wirtschaftlich oder politisch. Bis heute stellen Fußballvereine in Barrios wie Chacarita, Tigre, Banfield oder La Boca die zentrale Reibungsfläche des sozialen Lebens dar. In den armen Gegenden sind sie oft sogar der einzige Anlaufpunkt und damit der zentrale Anker im Viertel. Die Canchas spiegeln die wirtschaftlichen und sozialen Realitäten ihrer Umgebung anschaulich wider, denn die liebenswerte Ranzbude von Defensa y Justicia in der Vorstadt Florencio Varela passt ebenso perfekt dorthin wie das gemütliche Dorfplatzambiente des Zweitligisten CA Brown in die schicke Gartenstadt Adrogué.

Nur der Fußball hat die Kraft, Menschen unterschiedlicher Herkunft, Berufe, politischer Einstellung, Religionen und Geschlecht zu verbinden. Weltweit ist er damit das vielleicht letzte Refugium neben den Resten der (noch) nicht kommerzialisierten Rockmusik, in denen die Liebe zum Objekt wichtiger ist als Geld. In Buenos Aires ist das in einer Vielfalt (80 Vereine!) und Intensität zu spüren, die überwältigt. Bemerkenswert zudem: während Gründervereine in vielen Ländern der Welt (auch in Deutschland) oft schon vor langer Zeit in Fusionen verschwanden, haben die allermeisten Klubs in Buenos Aires trotz der dortigen Vereinsdichte ihre Eigenständigkeit bewahrt. Und dass es kaum möglich ist, eine neue Identität aufzubauen, zeigt das Beispiel des Arsenal FC, der 1957 vom langjährigen Verbandschef Julio Grondona gegründet wurde und trotz erstaunlicher sportlicher Erfolge von den meisten links liegen gelassen wird. Arsenal, umringt von Klubs wie Boca, Racing, Independiente, San Telmo und Dock Sud, fehlen Barrio, Heimat und Tradition. Es ist ein Kunstprodukt.
Die meisten meiner Ausflüge führten mich in den unterklassigen Fußball. Dort, wo der Stadionbesuch existenziell ist und kein durchchoreografiertes Event, mit dem irgendjemand das große Geld machen will. Vor allem bei den kleinen Klubs hat man das Gefühl, dass jeder jeden kennt und jeder seinen Stammplatz hat. Es ist wie der Familienbesuch am Sonntagnachmittag, und manchmal war mir, als sei ich fast in eine intime Runde unter Freunden eingedrungen. Obwohl mir überall neugierige und freundliche Offenheit entgegengebracht wurde, blieb mir der Zutritt zur Seele stets verschlossen. Es ist eine Zone, in die nur gelangen kann, wer den Virus lebt. An dieser Stelle wird der Besucher zwangsläufig zum Zuschauer, während der Hincha auf der Couch seines Therapeuten (= Fußballklub) liegt und mutig in die Tiefen seiner Seele hinabsteigt.
Das ist nicht immer romantisch, und seit 2013 herrscht in Buenos Aires auch ein rigoroses Gästefanverbot. Grund ist die ausufernde Gewalt. Nachdem man bis 1990 insgesamt sieben Tote bei Fußballausschreitungen registriert hatte waren es seitdem weit über 200. Die Macht der Barras war – und ist – nicht zu zügeln, und die schwierige soziale Lage vor allem südlich des Dreckskanals Riachuelo sorgt ohnehin für viel sozialen Zündstoff. Für das Stadionerlebnis ist das bedauerlich, denn zu einer guten Atmosphäre braucht es zwei Pole. Bei vielen Spielen habe ich diese Polarität vermisst, und auch für die Hinchas ist es natürlich bedauerlich, selbst wenn sie sich nach so vielen Jahren wohl längst daran gewöhnt haben. Damit unterbleiben auch die ebenso kultigen wie legendären Anfahrten von johlenden Fanmassen per Stadtbus, von denen es im Internet eine Menge beeindruckender Videos zu sehen gibt. Sie dokumentieren die selbstvergessene Intensität, mit der man in Argentinien seine eigenen Farben liebt.
Die einzigen Gästefans erlebte ich bei internationalen Spiele. Darunter war die Copa-Libertadores-Partie zwischen Lanús und Peñarol aus Montevideo, bei der mir die Bedeutung konkurrierender Fanblöcke für die Atmosphäre im Stadion noch einmal deutlich vor Augen geführt wurde. Allerdings auch ein Problem, denn in Argentinien gilt die Regel, dass, wenn Gästefans zugelassen sind, diese zuerst das Stadion verlassen. Die Heimfans müssen bis zu 30 Minuten vor verschlossenen Türen warten. Eine echte Geduldsprobe. In den letzten Jahren wurden mehrere Versuche vor allem in der Primera División unternommen, das Gästeverbot bei ausgewählten Spielen aufzuheben, doch wann (und ob) es vollends fällt, steht in den Sternen. Für die überwältigende Zahl der argentinischen Hinchas gilt übrigens, dass sie die Nase voll vom gewaltgeschwängerten Zustand ihrer Kurven haben und sich eine Rückkehr zu normalen Verhältnissen wünschen. Mehr zur Fankultur und ihren Verbindungen zur Gewalt auf Seite 88.
In Buenos Aires liebt man den körperintensiven Fußball, die bedingungslose Bereitschaft zu kämpfen und zu raufen. Und natürlich die Schlitzohrigkeit, die den Südamerikanern so gerne nachgesagt wird. Denken wir an Diego Armando Maradona, denken wir an die WM 86, an den verdutzten Peter Shilton und die entwaffnende Logik, das sei die „Hand Gottes“ gewesen. Genauso sieht sich der Porteño (wenn er nicht beim Psychologen ist…). Zugleich liebt man selbstverständlich die Ästhetik, die, und da sind wir erneut bei Maradona, niemand perfekter verkörperte wie El Diego. Das der „Hand Gottes“ folgende 2:0 ist eines der vollendetsten Tore der Weltgeschichte. Dass Porteños Ästheten und Genießer sind hört man übrigens vor allem am verzückten „¡Que Golazo!“ – was ein Tor!
Und noch etwas: Buenos Aires ist keine Stadt der Mode oder der Eleganz. Wer in Buenos Aires lebt legt nicht viel Wert auf Pomp und schicke Kleidung. Praktisch muss sie sein, und in den langen und heißen Sommern heißt das bei Männern meistens Baggy- oder Sport-Shorts und ausgeleierte T-Shirt. Das sieht nicht immer schön aus. Auch die Umgangsmethoden sind gewöhnungsbedürftig. Mit ihrer oft rüpelhaften Art verschrecken die Porteños Besucher aus der Alten Welt, die sich über die rauen Sitten auf den Straßen und in Bus und U-Bahn aufregen. Buenos Aires ist eben keine reiche Stadt oder eine Stadt, die von ihrem kulturellen Mythos lebt und einen entsprechenden Stil pflegt. Der Großraum Gran Buenos Aires ist zunächst eine Ansammlung von schätzungsweise 13 Millionen Seelen, die nach ihrem ganz persönlichen Glück suchen (womit wir wieder bei den vielen Psychologen der Stadt sind) und deren Alltag oft voller Sorgen ist. Viele Porteños haben (zu) wenig zum Leben, das Bildungsniveau ist gering und die Ellenbogen geben Schutz im Menschenmeer. Dennoch ist man aufmerksam und fürsorglich – oft wurde mir spontan Hilfe angeboten, wenn ich mit dem Stadtplan umherirrte oder mal wieder die richtige Bushaltestelle suchte. Denn eigentlich wollen Porteños, dass sich jeder in ihrer Stadt wohl fühlt.

Dieser Text aus aus dem Buch „Buenos Aires – Eine Reise in die Seele des Fußballs“ von Hardy Grüne. Das Buch ist direkt über den Zeitspiel-Shop und nicht im Buchhandel zu erwerben. Weitere Informationen:

„Buenos Aires ist die Welthauptstadt des Fußballs. Ein Großraum mit 13 Millionen Einwohnern, deren Fußball-Liebe sich nicht nur auf Boca und River verteilt, sondern auf insgesamt 82 Profi- und Halbprofiklubs. Damit gliedert der Fußball die riesige Region in überschaubare Häppchen, denn jedes Stadtviertel hat seinen eigenen Verein mit seiner ganz eigenen Ausstrahlung und natürlich seinem eigenen Stadion, Cancha genannt.

Fußballweltreisender Hardy Grüne hat sich in diesem endlosen Häusermoloch auf die Suche nach der Seele des Fußballs gemacht. Hat Spiele besucht, Stadien besichtigt, ist durch Barrios geschlendert, sprach mit Fans und Anwohnern über Fußball und die Liebe zum eigenen Verein. Seine Reportagen und Bilder geben Einblicke in die vielfältige Fußball- und Lebenswelt von Buenos Aires und verdeutlichen die immense Bedeutung, die der Fußball vor allem in den ärmeren Vierteln hat.

Auf 208 Seiten und mit über 500 Abbildungen nimmt er den Leser und Betrachter mit auf seine Reise in diese einzigartige Fußballwelt, die natürlich Station macht bei großen Klubs wie Boca und River, Racing und Independiente, San Lorenzo und Huracán, die aber auch in Gegenden wie Claypole, Florencio Varela oder General Rodríguez führt, wo unterklassige Mannschaften häufig vor beeindruckenden Kulissen aufspielen.

Dazu gibt es eine „Kurze Geschichte des Fußballs in Argentinien“ sowie eine historische Reise durch die Entwicklung der einzigartigen und nicht immer einfachen Fankultur am Río de la Plata.

Hardy Grüne

BUENOS AIRES

Eine Reise in die Seele des Fußballs

208 Seiten, 21×30 cm, Hardcover, ca. 580 Abbildungen

Edition Zeitspiel, Zeitspiel-Verlag

ISBN: 978-3-96736-003-5

Hier direkt bestellen im ZEITSPIEL Shop. (Bestellung aus dem EU-Ausland) (Bestellung Rest der Welt)

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