ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Als Messi auf Messi spielte

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Dem ganz „großen“ Fußball mag nicht unser Hauptinteresse gelten, doch natürlich registrieren auch wir die Ereignisse auf den „großen“ Fußballfeldern der Welt mit Aufmerksamkeit. So beispielsweise die Last-Minute-Qualifikation der argentinischen Nationalmannschaft für die WM 2018 in Russland. Dass die vor allem einem Mann zuzuschreiben war, der damit sein ganz persönliches „Endspiel“ gewann, erzählt Maximilian Lothar Klein exklusiv für Zeitspiel.

 

Messis Endspiel gegen Ecuador

Von Maximilian Lothar Klein

Das Nationalstadion von Quito, gelegen auf 2.800 Metern Höhe in Ecuador (Foto: Hardy Grüne).

Leo Messi konnte die großen Fußballträume seines Landes im Nationaltrikot bislang nicht erfüllen. Er war aber schon nah, sehr nah dran. Zweimal ging zuletzt das Finale der Copa América verloren, jeweils erst im Elfmeterschießen. Das WM-Finale 2014 in Brasilien, im Land des großen Rivalen, erst nach Verlängerung. Nun bot sich Messi die Gelegenheit, einen kleineren Traum der Argentinier, aber den aktuell präsentesten, Wirklichkeit werden zu lassen: Die Qualifikation zur WM-Endrunde in Russland. Es war auch eine Chance für Messi, seinem Land und der ganzen Welt zu beweisen, dass er auch in entscheidenden Momenten der Nationalmannschaft das Heft in die Hand nehmen und Argentinien zum Erfolg führen kann, dass er auch im Nationaltrikot ein Leader sein kann. Nicht auszudenken, wie es um Messis Vermächtnis bestellt wäre, ginge dieses Spiel gegen Ecuador und damit das Rennen um die WM-Teilnahme verloren. Die Frage, ob Messi womöglich der größte Fußballer aller Zeiten ist, ließe sich dann kaum noch ernsthaft stellen. Einige bezeichneten dieses Spiel dann auch als das wichtigste seiner Karriere. In jedem Falle war der Druck, der auf Argentiniens Nummer 10 lastete, enorm.

Das Spiel, welches auf 2.800 Metern Höhe in Quito stattfand, ging aus Sicht Argentiniens denkbar schlecht los, nach wenigen Sekunden kassierte man den 0:1-Rückstand. Die Albiceleste schien noch nicht wirklich auf dem Platz zu sein. Wer Messi nun aber infolge dieses frühen Rückschlags beobachtete, konnte etwas erkennen, das ihm in den letzten Jahren nicht immer eigen war. Der Blick einer festen Entschlossenheit. Und genau das, was sich darin andeutete, sollte sodann seine Umsetzung finden. Aber nicht nur das, sondern auch, was man von Messi ohnehin kennt: eine technisch-spielerische Brillanz, die man auf diesem Niveau – und das nunmehr seit mehr als einer Dekade – noch nirgendwo sonst sehen konnte. Und wohl nach seiner Zeit auch nicht so bald wieder bestaunen können wird.

Nahezu jeder Angriff läuft jetzt über „La Pulga“, er fordert den Ball, ist überall anspielbar, er ist der Fixpunkt des argentinischen Offensivspiels. Und, wie könnte es auch anders sein, ist er es, der schon nach etwa zehn Minuten den Spielstand egalisiert. Nach schönem Querpass von Kumpel Di Maria schiebt Messi das Leder vorbei am ecuadorianischen Keeper Banguera. Das ist aber nur die halbe Wahrheit zum Ausgleichstreffer: Entscheidend war, dass Messi den Ball in der gegnerischen Hälfte mit der ihm eigenen Robustheit behauptete und mit einem klugen Pass in den Lauf Di Marias im Grunde seinen eigenen Treffer maßgeblich einleitete. Messi auf Messi, könnte es heißen. Die Statistiker verzeichnen für den Assist indes Di Maria: Majestätsbeleidigung.

Wunderte man sich zu Beginn des Spiels und gerade nach dem Rückstand noch, warum nicht auch der äußerst formstarke Dybala oder Torjäger Icardi von Beginn an ran durften, treten diese Fragen nun völlig in den Hintergrund. Und weichen der Erkenntnis, dass es um Messi geht, nein, gehen muss. Es geht darum, das Spiel auf Messi auszurichten, es geht um ein Spiel, in dem möglichst wenige andere Spieler versuchen, das Spiel an sich zu ziehen. An diesem Abend ist an Teamfußball nicht zu denken. Man fühlt sich an Diegos Argentinien von 1986 erinnert.

Das Messi-Spektakel findet in der 20. Minute seine Fortsetzung: Nachdem er einem in Ehrfurcht erstarrten ecuadorianischen Verteidiger den Ball entschlossen abnimmt, dringt er in den Strafraum ein – und hämmert den Ball unter die Querlatte des kurzen Ecks. Wer jetzt noch an Messis Entschlossenheit zweifelt, dem ist nicht zu helfen.

Der unbedingte Wille des kleinen Argentiniers zeigt sich in jeder seiner Aktionen. Er beißt, er kämpft, er beackert den Gegner und gibt verloren geglaubte Bälle nicht auf. Auch das ist Messi an diesem Abend, es scheint, als wolle er all das vergessen machen, was ihm in den letzten Jahren – gerade bei Spielen der Nationalmannschaft – nicht ganz zu Unrecht vorgeworfen worden war. Und dabei behält er auch seine Mitspieler im Blick: In Minute 32 etwa bedient Messi eben jenen Di Maria, der ihm seinen ersten Treffer aufgelegt hatte, mit einem idealen Pass in die Spitze. Ein Zuspiel als „Dankeschön“ für Di Marias vorherige Vorlage, so könnte eine beliebte Deutung der Fußballwissenschaft lauten. Wie dem auch sei, Di Marias Schuss wurde letztlich übrigens von Banguera abgewehrt. Di Maria ist eben nicht Messi.

Die zweite Halbzeit verlief weniger ereignisreich als die erste, auch Messi beschränkte sich zeitweise auf das Nötigste. Der Höhepunkt dieser Spielhälfte sollte dann aber doch wieder ihm gehören. Nach sehenswerter Ballannahme nimmt Messi Tempo auf, zieht an mehreren Gegenspielern vorbei und hebt den Ball in vollem Lauf über Banguera hinweg ins Tor. Dieses Tor, das lässt sich an den Gesichtern der Albiceleste ablesen, musste die Teilnahme an der WM bedeuten. Es war ein schönes Tor. Davon hat Messi unzählige erzielt. Es war aber auch ein verdammt wichtiges – kaum einmal war ein Tor Messis so schön und bedeutend zugleich.

Mauro Icardi, der gegen Ende noch einige Minuten Einsatzzeit bekam, hatte in der Nachspielzeit noch die große Chance zum 4:1, er vergab. So, als wollte er die Bühne allein Messi überlassen. Diese Bühne gehörte Messi an diesem Abend aber sowieso schon, nur ihm. Er hat Argentinien in diesem Spiel nahezu im Alleingang zum Sieger gemacht, seinem Land die WM-Teilnahme gesichert und eine große Schmach abgewendet. Die im südamerikanischen Fernsehen, gerade in der gestrigen Nacht, immer wieder bemühten Bezeichnungen für Messi, „el genio, el número uno, el mago“, selten waren sie treffender als heute. Und doch braucht es im Sommer 2018 viele weitere magische und willensstarke Momente, um Messis außergewöhnliche Karriere mit dem WM-Titel krönen und ihn auf eine Stufe mit Maradona stellen zu können – und um ihn womöglich eines Tages tatsächlich als größten Fußballer aller Zeiten bezeichnen zu können. Sein Trainer Sampaoli griff da nach Spielende schon etwas voraus: „Messi schuldet Argentinien keine WM, der Fußball schuldet Messi eine WM. Er ist der beste Spieler der Geschichte!

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