ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

15. Mai 2019
von Hardy Gruene
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Wanderausstellung „Fan-Tastic Females“

Seit September 2018 tourt die Wanderausstellung Fan.Tastic Females – Football Her.Story durch Deutschland, die über die Entwicklung im Frauenfußball informiert. Aktuell ist sie in Duisburg zu sehen, hier die weiteren Orte, in denen sie bis in den Herbst 2019 gastiert. Die Journalistin Mara Pfeiffer hat in unserer aktuellen Ausgabe #14 mit dem Leitartikel „Frauen und Fußball“ auch über die Ausstellung berichtet und sich mit Sue Rudolph aus dem Orga-Team unterhalten.

 

Weibliche Fans als Inspiration

Von Mara Pfeiffer

Die Geschichte(n) weiblicher Fankultur erzählt die Ausstellung Fan.Tastic Females – Football Her.Story, die erstmals im September 2018 in Hamburg gezeigt wurde und seit Oktober auf Tour ist. Unter der Federführung von Football Supporters Europe (FSE), die auch Träger der Ausstellung sind, haben rund 70 Ehrenamtliche aus Europa und der Türkei (Frei-)Zeit, Arbeit und Herzblut investiert, um weibliche Fankultur jenseits der gängigen Stereotype zu zeigen. Die Ausstellung vereint 80 Videos von Frauen aus 21 Ländern, für die Teams von Freiwilligen monatelang durch Europa reisten, um Interviews zu führen. Dabei haben die Macher*innen auf die Bedürfnisse der Fans behutsam Rücksicht genommen, wenn diese beispielsweise ihr Gesicht nicht zeigen oder auch anonym bleiben wollten, was in manchen Ländern schon aus Selbstschutz notwendig ist, oder aber dem Schutz der Fangruppe dienen kann.

„Ohne eine stabile Vertrauensbasis, die über Jahre erarbeitet wurde, wäre das Projekt nicht möglich gewesen“, erklärt Sue Rudolph aus dem Orga-Team. So gelingt es, die ganze Vielfalt weiblicher Fans zu zeigen: Kutten bis Ultras, Frauen in Führungspositionen oder nationalen Netzwerken. Damit kann das Anliegen der Macher*innen gelingen, „Vorbilder zu schaffen, die vielleicht sogar andere Frauen inspirieren, sich ihren Platz auf der Tribüne zu erobern.“

 

Sue Rudolph (links)

Interview mit Sue von den Fantastic Females

Wie sehr überschneiden sich die Frauen hinter F_in und die hinter den Fantastic Females?

Da Football Supporters Europe (FSE) Träger der Ausstellung und F_in Mitglied bei FSE ist, gibt es durchaus einige Überschneidungen zwischen F_in und Fan.Tastic Females.

Es waren sowohl Frauen vor, als auch hinter der Kamera, die bei F_in aktiv sind. Da F_in ein hauptsächlich deutschsprachiges Netzwerk ist, beschränken sich die Überschneidungen vor der Kamera auf Fans aus Deutschland und Österreich, aus dem Orga-Team sind mindestens zwei Personen auch bei F_in aktiv, eine davon ist eine der Projektkoordinatorinnen.

Wie viele Mitstreiter*innen aus anderen Ländern sind an Bord, wie viele Menschen haben die Ausstellung insgesamt auf die Beine gestellt?

Insgesamt haben unter Federführung von FSE circa 70 Menschen ehrenamtlich an der Realisierung der Ausstellung mitgewirkt, viele davon aus anderen (fußball-)europäischen Ländern. Alle Details wurden in vielen abendlichen internationalen Skype-Konferenzen besprochen und Unterthemen in kleinere internationale Arbeitsgruppen zur Realisierung aufgeteilt. So gab es zum Beispiel auch eine Gruppe, die Hintergrundinformationen zu und die Historie von Frauen im Fußball recherchiert hat. Eine andere hat sich mit Merchandise beschäftigt, wieder andere gemeinsam mit unserer Grafikerin mit dem Design und so weiter. Generell ist aber schon ein kleiner deutscher Schwerpunkt zu erkennen, da auch die meisten der Organisator*innen, Geldgeber*innen und Unterstützer*innen aus Deutschland kommen.

Wie lange war die Vorbereitungszeit?

Die Idee für eine Ausstellung über weibliche Fankultur kam erstmals 2010 bei einem Workshop zum Thema weibliche Fußballfans beim FSE-Fankongress in Barcelona auf. Danach verschwand sie für eine Weile wieder in den Schubladen, bevor sie, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, unter anderem bei einem F_in-Treffen wieder thematisiert und schließlich mit FSE konkret an ihr Realisierung weitergearbeitet wurde. In den letzten eineinhalb Jahren vor Eröffnung sind dann Teams von Freiwilligen durch ganz Europa gereist, um über 80 Frauen aus insgesamt 21 Ländern zu interviewen. Die meiste Arbeit war aber wahrscheinlich das Schneiden, Übersetzen und Transkribieren der ganzen Interviews.

Wie habt ihr die Frauen gefunden? Wie habt ihr sie vor die Kamera gebracht?

Wir haben natürlich durch die beteiligten Personen, Initiativen, Netzwerke und Organisationen viele Kontakte in die verschiedensten Fanszenen, national wie international. Allein bei FSE sind Personen aus über 48 UEFA-Ländern organisiert. Wir haben mit Frauen von Norwegen bis Italien, von Frankreich bis Russland gesprochen – sogar Frauen aus den USA und dem Iran kommen zu Wort.

Ein schöner Nebeneffekt der Ausstellung war, dass mit dem Bekanntwerden des Projektes auch immer mehr Personen von sich aus auf uns zugekommen sind und fan.tastische Frauen aus ihren Fanszenen vorgeschlagen haben. So haben sich automatisch immer mehr Menschen mit dem Thema auseinandergesetzt und sich Gedanken über die Frauen in ihren Fanszenen gemacht oder ihre scheinbare Abwesenheit hinterfragt.

Je tiefer man in die jeweiligen Fanszenen eindringt, desto schwieriger wird es, aus den verschiedensten Gründen, Menschen vor die Kamera zu holen. Ein paar der Frauen wollten zwar mitmachen, weil sie hinter der Sache stehen, aber anonym bleiben oder ihr Gesicht nicht zeigen – was wir selbstverständlich auch genau so umgesetzt haben.

Generell kann man sagen, dass die Frauen, die mitgemacht haben, den Frauen, die es organisierten, vertraut haben. Ohne eine stabile Vertrauensbasis, die sich über Jahre erarbeitet wurde, wäre das Projekt nicht möglich gewesen.

Was war euch besonders wichtig?

Wir wollten weibliche Fankultur jenseits medialer Stereotype einmal in ihrer ganzen Vielfalt von Kutten bis Ultras so zeigen, wie sie wirklich ist. Um die Rolle endlich positiv zu besetzen und die Geschichten der vielen großartigen Frauen mit der Welt zu teilen. Um Vorbilder zu schaffen, die vielleicht sogar andere Frauen inspirieren, sich ebenfalls ihren Platz auf der Tribüne zu erobern.

Die Ausstellung und die durch sie entstandene Aufmerksamkeit für das Thema hat bereits diverse vereinsübergreifende Initiativen angestoßen und bei fast allen Beteiligten und Ausstellungsorten dazu geführt, dass eigene Frauengruppen, Netzwerke oder Treffen angestoßen wurden. Gemeinsam mit den Vereinen wird jetzt vielerorts daran gearbeitet, nicht nur die bereits aktiven weiblichen Fans sichtbarer zu machen und mehr auf sie einzugehen, sondern auch neuen weiblichen Fans den Zugang zu erleichtern und sie besser zu integrieren.

Was waren prägende Begegnungen? / Welche Erkenntnisse über Frauen in den Kurven habt ihr während der Zeit gewonnen?

Jede der Interviewerinnen hat wahrscheinlich eine Interviewpartnerin, die sie persönlich am meisten beeindruckt hat. Viele Geschichten sind sehr bewegend und nicht selten waren die Gespräche auch emotionale Reisen ins eigene Ich, aus denen Freundschaften entstanden sind.

Was aber neben den besonderen (Einzel-)Begegnungen alle Beteiligten enorm geprägt, gestärkt und beflügelt hat, ist die Erkenntnis, wie viele verschiedene tolle Fanfrauen es überall in der Fußballwelt gibt. Als Frau ist man im Fußball meist in der Unterzahl oder bei Treffen und in Gremien sogar nicht selten „DIE Frau“ allein unter Männern. Dies kann dazu führen, dass man die eigenen Positionen manchmal vielleicht als weniger wichtig empfindet oder sich schlechter durchsetzen kann. Wenn dann aber einige Frauen den Anfang machen, einen Schritt vortreten und sichtbar werden, sieht man auf einmal, dass wir viele sind und gemeinsam alles erreichen können. Und das macht allen Mut und stärkt das Selbstbewusstsein enorm.

Es war schon faszinierend, wie gut sich alle Beteiligten bereits bei ihrer ersten großen Begegnung bei der Ausstellungseröffnung am Millerntor verstanden haben und wie schnell sich ein Zusammengehörigkeits- beziehungsweise Gemeinschaftsgefühl etabliert hat. Der heimliche Star dieses Treffens war sicherlich die heute 79-jährige Maria Petri, die seit 50 Jahren kein Heimspiel ihrer Gunners verpasst hat. Mit ihrer Persönlichkeit und ihrem reichen Erfahrungsschatz, ihrer Sanges- und Lebensfreude war sie uns allen ein großes Vorbild – und unsere Vorsängerin.

Wie finanziert ihr euch? Inwiefern erfahrt ihr Unterstützung durch die gelisteten Partner?

Wir verlangen von ausstellenden Profivereinen, Museen oder ähnlich professionell aufgestellten Organisationen eine kleine Leihgebühr, die wir ausschließlich zur Deckung der laufenden Kosten für die Hintergrundorganisation verwenden. Die gelisteten Unterstützer und Partner haben das Projekt oder Teile davon mitfinanziert, bei Recherchen geholfen oder mit kompetenter fachlicher Hilfe bei der Umsetzung, sprich Frauenpower. Des Weiteren gibt es auch die Möglichkeit, uns über den „Donate“-Button auf der Webseite der Ausstellung (fan-tastic-females.org) mit Spenden zu unterstützen, selbstverständlich erhält man hierfür auf Wunsch eine Spendenquittung.

Was müssen Veranstalter tun?

Die Idee hinter dem Projekt war von Beginn an, die Ausstellung möglichst vielen Fans und für unterschiedlichste Orte und Begebenheiten in ganz Europa zugänglich zu machen. Deshalb ist das Projekt als eine multimediale Wanderausstellung konzipiert, um sie auf relativ einfache und kostengünstige Weise von A nach B transportieren zu können. Die Inhalte werden auf Deutsch und Englisch auf mobilen Displays und Bannern dargestellt, Videos sind über QR-Codes auf Smartphones einscann- und ansehbar. Auf diese Weise soll es Fans oder Organisationen mit relativ geringen Eigenmitteln ermöglicht werden, die Ausstellung zu zeigen. Ebenso können aber auch Aussteller*innen mit entsprechendem Equipment (wie Vereinsmuseen) die multimedialen Teile auf eigenen Bildschirmen in ihren Räumlichkeiten darstellen.

Im Grundsatz funktioniert es etwa so:

Die Aussteller*innen an der jeweils nächsten Station übernehmen die Versandkosten vom letzten Ausstellungsort in ihre Stadt.

Zusätzlich ist eine Kaution in geringer Höhe zu hinterlegen, damit beschädigte Ausstellungsteile gegebenenfalls ersetzt werden können – wenn alles heil geblieben ist, gibt es die Kaution natürlich in voller Summe zurück.

Bei ausstellenden Profivereinen, Museen oder ähnlich professionell aufgestellten Organisationen wird zudem eine kleine Leihgebühr fällig, die wir ausschließlich zur Deckung der laufenden Kosten für die Hintergrundorganisation verwenden.

Wer die Ausstellung zeigen möchte, kann sich an exhibition@fanseurope.org wenden, sich kurz vorstellen und am besten auch gleich sagen, wann man die Ausstellung in welchem Rahmen gerne zeigen möchte.

 

9. Mai 2019
von Hardy Gruene
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Neu in der Zeitspiel Edition: „Ohne Fußball ist alles nichts“ von Hardy Grüne

Frisch aus der Druckerei angeliefert: unser neues Buch in der Edition Zeitspiel: „Ohne Fußball ist alles nichts – Geschichten und Kolumnen von Hardy Grüne“

 

Seit mehr als 20 Jahren begleitet unser Mitgründer und -herausgeber Hardy Grüne den Fußball als Fan, Reisender, kritischer Beobachter und Journalist. Eine Menge Bücher und Texte sind dabei zusammengekommen, und von der „FAZ“ wurde er einst als „Gedächtnis des Fußballs“ geadelt.

Sein Fokus liegt auf dem Fußball, der nicht dem grellen Scheinwerferlicht ausgesetzt ist. Anders gesagt: Hardy Grüne berichtet lieber über Bayern Hof als über Bayern München. Seit 2015 ist er zudem Mitherausgeber des Quartalsmagazins „Zeitspiel“, das sich vornehmlich um den Fußball unterhalb der Kommerzebene kümmert und Fußball-Zeitgeschichte mit Fußballkultur verbindet.

In diesem Sammelband sind Texte, Kolumnen, Kommentare, Beobachtungen und Reiseberichte aus 20 Jahren versammelt. Es geht um Reiseabenteuer in Ecuador oder Afrika, es geht um Liebe zum Verein und Leiden mit dem Verein, es geht um all die Veränderungen, die der Fußball in den letzten 20 Jahren durchgemacht hat. Und vor allem geht es um das, was Fußball für Fans ausmacht – ein emotionaler Anker, der irrationales Verhalten als Normalität erscheinen lässt. Denn „Ohne Fußball ist alles nichts“.

Auf 268 Seiten sind 60 Geschichten versammelt, die irgendwann zwischen 1997 und 2019 entstanden sind. Dazu kommen Interviews mit Hardy Grüne sowie als besonderes Bonmot zwei Artikel aus dem legendären Göttingen-05-Fanzine „Der Schlafende Riese“.

Wer schon immer den „ganzen Grüne“ haben wollte – hier ist er!

 

Hardy Grüne

Ohne Fußball ist alles nichts

268 Seiten, A5, Paperback

15 Euro (inkl. Porto/Verpackung) innerhalb Deutschlands, Edition Zeitspiel

Das Buch gibt es nicht im Handel sondern nur im Zeitspiel-Shop. Bestellung Inland hier. (EU-Ausland hier, Nicht-EU-Ausland hier)

 

BUCHTIPP: „Ohne Fußball ist alles nichts“ bis einschließlich 31. Mai 2019 zum Freunde-Preis erwerben!

Für Dauer-, Förder- und Dauerförderabonnenten von ZEITSPIEL gibt es das Buch „Ohne Fußball ist alles nichts“ bis einschließlich 31. Mai 2019 zum Freunde-Preis von 10,00 Euro inkl. Porto (innerhalb Deutschlands, 15 Euro EU-Ausland, 22 Euro Nicht-EU-Ausland)!

UND: Wer bis zum 31. Mai ein neues Dauer-, Förder- oder Dauerförderabo  von ZEITSPIEL ordert, kann das Buch ebenso vergünstigt in seinen Shop-Warenkorb legen – zusammen mit dem gewünschten Abo.

 

 

13. April 2019
von Hardy Gruene
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KLARTEXT Der DFB muss mehr Demokratie wagen

Der DFB muss mehr Demokratie wagen

Von Gerd Thomas

Jeden Tag werden neue Namen für den Posten des DFB-Präsidenten gehandelt. Einige sagen gleich ab, andere halten sich alles offen, wieder andere hoffen noch darauf, gefragt zu werden. Doch warum die Eile? Mein Vorschlag wäre, jetzt erst einmal nachzudenken und dann in Klausur zu gehen, wie ein moderner DFB eigentlich aufgestellt sein müsste. Mit Rainer Koch und Reinhard Rauball gibt es zwei Leute, die die Amtsgeschäfte mit großer Routine ein oder gar zwei Jahre im Tandem führen könnten. Sollte Rauball nicht länger wollen, wird sich ein anderer finden. Was soll passieren? Die großen Meilensteine sind gesetzt. Löw wird die Qualifikation zur EM schaffen, die Akademie wird gebaut, Vertreter für FIFA und UEFA werden sich finden.

Wichtiger als ein neuer Name ist jetzt, den gesamten Fußball mitzunehmen. Vielleicht ist es die allerletzte Chance, Amateure und Profis zu einen, statt die Schere weiter auseinandergehen zu lassen. Die Frage ist doch: Ist der DFB in dieser Form überhaupt zeitgemäß aufgestellt? Wie ist es um die Demokratie im größten Sportverband der Welt bestellt? Es gibt keine Gegenkandidaten bei Wahlen. Deren Ergebnisse liegen meist bei 100 %, das hätte sich nicht mal die DDR-Führung getraut. Widerspruch wird meist als Majestätsbeleidigung empfunden, übrigens auch in den Landesverbänden. Kritiker werden in die tägliche Arbeit nicht eingebunden, weswegen auch wenig Neues entstehen kann. Es gibt aber auch kaum konstruktive Runden außerhalb der „ehrenamtlichen“ Spitzen. Bilden sie sich doch mal ohne Zutun der Verbände, werden sie als Gefahr, von einigen gar als Feinde betrachtet.

Ich hatte vor einiger Zeit einen „Think Tank“ für den Amateurfußball angeregt. Als Delegierter des DFB-Amateurfußball-Kongresses musste ich jüngst erleben, wie die DFB-Spitze sich so etwas vorstellt. Langweiliger Frontalunterricht durch Wissenschaftler und unverständliche Vorträge von UEFA-Vertretern, noch langweiligere Podiumsdiskussionen mit dem verflossenen DFB-Präsidenten, nur sehr wenig Diskussion und Austausch in Workshops oder Arbeitskreisen. Am Ende hatten die meisten Delegierten gar das Gefühl, die Themen hätten eh schon vorher festgestanden, womöglich sogar die Ergebnisse und Prioritäten? Digitalisierung, Qualifizierung und Infrastruktur sind natürlich wichtig, für den DFB aber auch leicht zu steuernde Themengebiete. Die beiden ersten Punkte werden verordnet, über den dritten lautstark geklagt, ohne sich wirklich für Gespräche mit der Politik vorzubereiten und Konzepte auszuarbeiten.

Die Delegierten aus den Vereinen umtrieb vor allem das Thema Ehrenamt und die zunehmende Verantwortung, die Belastung, die Überforderung. Einige forderten zumindest höhere Steuerpauschalen, was vom Ex-Präsidenten Reinhard Grindel zurückgewiesen wurde. Er könne sich nicht vorstellen, dass mehr finanzielle Anreize helfen würden, denn das Ehrenamt müsse von Herzen kommen. Ein Mann, der fast eine Millionen jährlich für sein Ehrenamt bekam und nicht wusste, dass man eine Luxusuhr nicht einfach so annehmen darf, verhöhnt die delegierten Amateure. Und ihm wird von keinem seiner Kollegen widersprochen. Ist das wirklich der Stellenwert der Amateure im DFB? Falls ja, muss sich noch viel mehr ändern, als ohnehin schon passieren muss.

Es braucht jetzt eigentlich gleich den nächsten Kongress hinterher. Vielleicht nicht so opulent, auf jeden Fall aber ergebnisoffener. Und vielleicht mit Profis und Amateuren an einem Tisch. Denn wenn es die DFB-Spitze jetzt nicht schafft, dem Breitensport Aufbruch, Leidenschaft und Spaß an der Sache zu vermitteln, wird auch der nächste Präsident sehr schnell den Gegenwind der Amateurfußballer zu spüren bekommen. Moderne Führung setzt auf Motivation, auf Partizipation, auf Visionen.

Der DFB könnte eine der größten gesellschaftlichen Kräfte sein, aber er muss es auch wollen. Die gesellschaftliche Verantwortung muss endlich wahrgenommen werden. Nicht zuletzt daran wird sich der/die nächste Präsident/in messen lassen. Es reicht nicht, jährlich zwei oder drei Preise zu vergeben und den Nationalspielern ein paar „Respekt“-TV-Spots zu verordnen. Der größte nationale Einzelsportverband der Welt stellt mehr als 150.000 Teams im Spielbetrieb, er ist neben Schulen und Kitas der größte Träger der Kinder- und Jugendhilfe, auch wenn das nie jemand reklamiert. Zunehmende sportliche Seniorenarbeit und Gesundheitsprävention tragen ebenfalls zum Wohlbefinden der Gesellschaft bei. Warum eigentlich definiert sich der DFB immer noch in erster Linie über die Nationalmannschaft, den DFB-Pokal und Männerfußball in Ober-, Bezirks- oder Kreisliga? Der Fußball besteht aus weit mehr als Bayern gegen Dortmund und der anschließenden Pay-TV-Runde Rummenigge plus Watzke. Die großen gesellschaftlichen Errungenschaften liegen im klassischen Breitensport, bei den fast 25.000 Vereinen, von denen nur 56 (inkl. 3. Liga) im Profibereich tätig sind. Also nur rund 0,2 %, die aber den absoluten Löwenanteil der Berichterstattung für sich reklamieren und bekommen.

Es ist an der Zeit, dass die Amateurvereine endlich ihren Platz am Tisch einfordern. Ein bayerischer Kollege brachte beim Amateurfußball-Kongress in Kassel die Idee eines Amateur-Beirats beim DFB auf. Ich halte diesen Vorschlag für sinnvoll, die Umsetzung geradezu als notwendig. Denn auch in den Landesverbänden, die angeblich die Basis vertreten, sind kaum Leute im Amt, die wirklich noch wissen, wie es auf und neben dem Platz aussieht. Reinhard Grindel war viel an der Basis unterwegs, das muss man ihm lassen. Und dennoch kann ein hauptamtlich ehrenamtlicher Funktionär niemals ein adäquater Vertreter von Vereinen sein. Weil er nicht täglich erlebt, wie es ist, Trainer zu suchen, Eltern zu beschwichtigen, sich mit Behörden zu streiten, fehlende Beiträge einzuholen oder neue Schiedsrichter zu finden. Denkbar wäre auch ein Aufsichtsrat, bestehend aus Amateurvertretern und Profis, denn beide brauchen einander. Die Vertreter des Breitensports, also von 99,8 % der Vereine, müssen endlich in das Verbandsgeschehen des DFB eingebunden werden. So viel Mitbestimmung muss ein Verband in einer Demokratie aushalten. Besser noch wäre, die jetzigen Funktionäre würden proaktiv an solchen Partizipationsmodellen arbeiten.

Aber wollen die Amateure das überhaupt? Wollen die nicht lieber jammern als sich einmischen? Haben die meisten nicht längst resigniert? Viele Interviews dieser Tage vermitteln diesen Eindruck. So lange sie das Gefühl haben, sie werden nur zu Alibi-Treffen eingeladen und hinterher ändert sich nichts, werden sie maximal einmal mitmachen. Aber wenn sie ehrlich vermittelt bekommen, ihre Ideen sind gewünscht und können wirklich eingebracht werden, sogar mit Aussicht auf Umsetzung, dann werden sie sich engagieren. Leider verfestigt sich der Eindruck, dass 95 % der Funktionäre kein Interesse an solchen Prozessen haben. Der Rücktritt von Grindel bietet aber eine einmalige Gelgenheit zur Erneuerung auf breiter Basis. Vielleicht ist es die letzte.

Gerd Thomas

1. Vorsitzender des FC Internationale Berlin 1980 e. V.

 

Unsere aktuelle Ausgabe #14 mit folgenden Themen:

Leitartikel: Die andere Hälfte – Frauen und Fußball
Legende: Altona 93
Global Game: Fankultur Brasilien
Überleben im Turbokapitalismus: 1. FC Bocholt, TuS Celle FC, DFB-Amateurkongress
Krisensitzung: u. a. Viktoria 89 Berlin, Wuppertaler SV, Wattenscheid 09
Ausland: Notts County FC
Jays Corner: First Vienna FC 1894
Mottenkiste: Die ersten Länderspiele

… sowie die üblichen Rubriken wie Zeitspiel International, Willmanns Kolumne, Wappenstube, Gästeblock, Eintagsfliege, Abstauber, Collectors Corner, Nadelkissen, Singing Area, Unverzichtbares Wissen, Buchmacher, Stimme aus dem Kuchenblock etc.

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12. April 2019
von Hardy Gruene
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Der Fußball der Zukunft – wie sehen wir ihn? Wir brauchen euch!

Liebe Zeitspiel-Gemeinde, jetzt brauchen wir Euch!

In der kommenden Ausgabe #15 wollen wir uns im Leitartikel „Überleben im Turbokapitalismus II“ mit dem Zustand des Fußballs unterhalb der Kommerzebene beschäftigen. Dabei wollen wir nicht nur jammern und stöhnen über all das, was vermeintlich „schlecht“ läuft, sondern vor allem schauen, wo es schon anders (besser) läuft und wie der Fußball eine überlebensfähige Zukunft bekommen kann.

Und da kommt Ihr ins Spiel: Zum einen suchen wir Vereine vorzugsweise ab 3. Liga bis 6. Liga, aber auch bis hinunter bis auf Kreisebene, die bereits neue Wege beschreiten. Die sich herausgelöst haben aus einem sich selbst verschlingenden Geldsystem und den Fußball und das Vereinsleben unter zeitgemäßem Rahmenbedingungen in den Vordergrund gerückt haben. Die nicht mehr um jeden Preis aufsteigen wollen sondern stattdessen darauf achten, sich nicht selbst ständig in Insolvenzgefahr zu bringen. Die zeitgemäße Nachwuchsarbeit betreiben, denen es gelingt, ihre Mitglieder für sich zu begeistern.


Gilt das für Euern eigenen Verein? Oder kennt ihr Vereine, bei denen das so ist? Dann gebt uns gerne einen Hinweis.

Zum anderen wollen wir von Euern Visionen, Utopien und Hoffnungen hören. Wie kann der Fußball im Jahr 2030 aussehen? Schickt uns kurze Statements, die wir sammeln und im Heft präsentieren. Dabei darf es sowohl um den „großen“ Fußball gehen als auch auf den in der Kreisklasse oder im Nachwuchsbereich.


Reclaim the game! Wir freuen uns auf Eure Beiträge unter redaktion (at) zeitspiel-magazin.de

12. April 2019
von Hardy Gruene
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Legende #15: Altona 93

Ein museumsreifes Stadion, ein Ruhm, der aus der Kaiserzeit stammt und ein Publikum, das so bunt wie fröhlich ist. Altona 93 ist kein gewöhnlicher Fußballklub sondern ein prächtiges Beispiel, wie Fußball auch in modernen Zeiten bodenständig und erfolgreich sein kann.

Wir haben den AFC besucht und einen prächtigen Nachmittag bei herrlichem Frühlingswetter in der Adolf-Jäger-Kampfbahn genossen. In unserer aktuellen Ausgabe #15 berichten wir auf zehn Seiten über den Hamburger Kultklub.

Die aktuelle Ausgabe jetzt hier bestellen. Oder gleich ein Testabo abschließen – zwei Ausgaben zum Probieren.