ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

1920 – Als der Fußball Volkssport wurde

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„Die goldenen Zwanziger“? Richtig! Und nur bei Zeitspiel gibt es die ganze Geschichte dazu. Unsere Nummer #18 mit dem Leitartikel „1920 – Als der Fußball Volkssport wurde“ liefert sämtliche Entwicklungen und Hintergründe zu einem wegweisenden und bahnbrechenden Fußballjahr, das die Grundlagen des heutigen Fußballs schuf.

Vor 100 Jahren schaffte der Fußball ziemlich schlagartig den Durchbruch. Bis zum Ersten Weltkrieg war er eine Domäne des Bürgertums gewesen, nach dem Krieg drängte die während des Krieges zum Fußball gekommene Arbeiterschaft in Massen auf die Spielfelder und Tribünen. 1920 war das Jahr, in dem der Fußball in Deutschland zum Volkssport und Deutschland eine Fußballnation wurde. Das alles geschah vor dem Hintergrund vieler politischer Konflikte und eines umfassenden gesellschaftlichen Aufbruchs.

Wir haben uns auf 38 Seiten diesem faszinierenden Fußballjahr genähert und eine Reise in eine Zeit unternommen, in der Fußball binnen kurzem und auf zahlreichen Ebenen das wurde, was er heute ist. Dabei schauen wir nicht nur auf die offensichtlichen Ereignisse wie das Meisterschaftsendspiel 1920 zwischen Nürnberg und Fürth, sondern auch hinter die Kulissen. Analysieren die politischen und wirtschaftlichen Einflüsse, diskutieren mit Experten über die damalige Fankultur und die anbrechende Kommerzialisierung, hinterfragen die Rolle des DFB und vergessen natürlich auch den Arbeitersport nicht. Denn 1920 war das Jahr, das den Fußball veränderte.

Wie sehr die Ereignisse von damals bis in das heute wirken und was sie heute noch sagen, hat unser Mitherausgeber Hardy Grüne im Heft in seinem Text „1920: Als die Zukunft begann“ zusammengefasst, den ihr im Anschluss findet.

Zeitspiel gibt es nur im Direktvertrieb und nicht im Zeitschriftenhandel. Ausgabe #18 hier direkt ordern oder gleich als Abo bzw. Testabo.

1920: Als die Zukunft begann

Von Hardy Grüne

2020 ist das Jahr der großen Jubiläen. Überall im Land erinnert man sich an die aufwühlenden Tage vor 100 Jahren, als vom Ersten Weltkrieg gezeichnete und oft traumatisierte junge Männer beschlossen, etwas gegen ihre Langeweile zu tun und Fußballvereine gründeten. Bis in die kleinste Landgemeinde drang der Fußballvirus damals und legte den Grundstein für das heutige Vereins- und Ligaspielnetz. Die Gründungswelle begann 1919, erreichte 1920 ihren Höhepunkt und ebbte bis 1922 allmählich aus. Danach war Fußball in Deutschland nicht mehr nur ein Spiel der Städte, sondern auch eines der Dörfer.

1920 ist das Jahr, in dem der Fußball in Deutschland zum Volkssport wurde.

100 Jahre später sind viele der Jubiläumsfeierlichkeiten, mit denen die mutigen Pioniere von damals geehrt werden, überschattet von Sorgen. Dem Fußball in der Fläche geht es bekanntlich nicht allzu gut. Vereinssterben, der dramatische Rückgang an Ehrenamtlichen, ein im Vergleich zu 1920 unvorstellbar vielfältigeres Freizeitangebot sowie die Entvölkerung des ländlichen Raums haben Spuren hinterlassen. Von vielen Jubilaren hörte man, dass das 100. Jubiläum noch gefeiert werden soll, perspektivisch eine Fusion mit einem Nachbarklub aber unumgänglich sein wird. Zahlreiche Klubs, die vor 100 Jahren voller Euphorie und Schwung die Fußballwelt eroberten, haben bereits aufgegeben. Im südniedersächsischen Eichsfeld beispielsweise, direkt vor meiner Haustüre, sind drei regional ruhmreiche Klubs schon vor Jahren zu einer Spielgemeinschaft zusammengegangen. Zwei von ihnen entstanden 1920 als reine Fußballvereine, der dritte war ein Turnverein, der 1920 eine Fußballabteilung erhielt. 1920 war das Jahr, in dem die heutige SG Bergdörfer ihre drei Fußballwurzeln erhielt.

Wenig ist überliefert von der Gründergeneration, außer, dass es überwiegend junge Männer waren, die den Ersten Weltkrieg in den Schützengräben verbracht hatten und über ihre dort gemachten Erfahrungen nicht gerne redeten. Bisweilen waren es in sich gekehrte, leicht grimmige oder verschrobene Menschen, gebrochen von dem Leid, das sie im Krieg erfahren hatten bzw. mit hatten ansehen müssen. Fußball gab ihnen Freude, Leichtigkeit, Kameradschaft und ein Ventil für jenen Drang nach Kräftemessen, der ihnen im Krieg eingetrichtert worden war. Viele von ihnen hatten nie gelernt, ihre Emotionen friedlich in den Griff zu bekommen. Insofern war Fußball ein Kriegsprofiteur, und auf den Fußballfeldern anno 1920 ging es durchaus wild her. Wenn die Alten vor Ort über alte Derbys zwischen Arminia Fuhrbach und dem FC Brochthausen, zwei der drei Gründervereine der SG Bergdörfer, erzählen, klingt das, als würden heutige Fußballfunktionäre umgehend das ganz große Maßnahmenpaket aufschnüren und als würde 2020 vermutlich keine einzige Partie regulär beendet werden, weil es ständig zu Beleidigungen, Unsportlichkeiten und keineswegs nur verbaler Schiedsrichterschelte durch das Publikum kam. Nein, Fußball 1920 war kein Ponyhof.

Die Alten erzählen aber auch von großer Kameradschaft zwischen den Spielern aller Teams und rauschenden Festen unter den Vereinen. Dass man sich dazu gegenseitig besuchte und dass die Folgen dieser Feste bis heute in allen drei Dorfchroniken zu erkennen sind. Denn so manch Langenhäger (Langenhagen ist der dritte Ort im Bergdörfer-Bunde) hat einen Elternteil in Brochthausen oder Fuhrbach oder andersherum. Fußball war auch Kontaktbörse, zumal im ländlichen Raum.

100 Jahre danach ist Fußball domestiziert. Er wurde von einem zentralen Bestandteil des Alltagslebens, an dem man vor allem aktiv partizipierte, zu einer gewaltigen Eventmaschine, die man bevorzugt mit Chips und Bier auf dem heimischen Sofa goutiert. Fußball ist so populär wie nie zuvor, doch Arminia Fuhrbach, der FC Brochthausen und der VfR Langenhagen sind schon seit Jahren nicht mehr in der Lage, eigenständig zu arbeiten. Wo früher jeder Verein auch noch eine zweite Herren, bisweilen sogar dritte Herren hatte und die meisten Nachwuchsjahrgänge besetzen konnte, braucht es inzwischen Auswärtige, um die Erste zu bestücken, werden die fußballaffinen Kids ständig im Elterntaxi umherkutschiert, um sie in einem der drei Orte zum gemeinsamen Training zu versammeln.

Fußball steckt 100 Jahre nach seinem Durchbruch zum Volkssport mitten im Leben und ist doch klammheimlich dabei, aus dem Zentrum des Alltags zu verschwinden. Was sich vor 100 Jahren geradezu explosionsartig über das gesamte Land ausbreitete, hat sich inzwischen verdichtet, ist an seinem Kopf ein Milliardengeschäft geworden, während es an seinem Rumpf abstirbt. So hat der DFB in den letzten zehn Jahren mehr als 18 Prozent seiner Nachwuchsmannschaften eingebüßt – neun Prozent seiner jugendlichen Mitglieder!

Wie war das damals und was ist geblieben von 1920 – dem wollen wir im Leitartikel „1920 – als der Fußball Volkssport wurde“ nachspüren. Anlass ist nicht nur das Jubiläum, denn die gegenwärtige politische und wirtschaftliche Stimmung im Land wird von vielen Historikern ja gerne mit den 1920er Jahren und der Weimarer Republik verglichen: Eine verunsicherte Bevölkerung, eine zersplitterte Parteienlandschaft, erregte Diskussionen um die politischen Flügel rechts wie links. Ein Volk, für das ausgelassenes und innovatives Vergnügen wichtiger ist als das duckmäuserische Untertanentum der Kaiserzeit bzw. das biedere „Leistung lohnt sich wieder“ der Kohl-Ära. Ein schöner Vergleich, der freilich keiner eingehenden Untersuchung standhält, denn 1920 und 2020 sind dann doch zwei sehr unterschiedliche Zeiten und Welten.

Anregungen zum Hinschauen auch in der Gegenwart aber gibt es! 1920 beispielsweise wurde im Sport engagiert und bisweilen polemisch über den damals aufstrebenden Fußball innerhalb der sozialdemokratischen Arbeitersportbewegung diskutiert. Von vielen Seiten, selbst gemäßigten und weltoffenen wie „Kicker“-Gründer Walther Bensemann, wurde das Gespenst des Sozialismus und eines drohenden Übergreifens der russischen Revolution an die Wand geworfen. Und die Politik ermahnt, die „Auswüchse“ zu zähmen. Dass im selben Jahr rechtsgerichtete paramilitärische Freikorps über den Fußball um Mitglieder warben und marodierend durch die Städte zogen und politische Morde begingen, fand weniger Einfluss in die Diskussionen vor allem im bürgerlichen Lager der Mitte. Diese Blindheit auf dem rechten Auge führte 1933 in die Tragödie des „Dritten Reiches“ (zu dessen ersten Opfern die Arbeitersportler gehörten). Und dass der bürgerliche Fußball – also der DFB – nach 1945 großen Wert darauf legte, von nichts etwas geahnt und es schon gar nicht gewollt zu haben, ist auch so ein bisschen konstruiert, wie auf den folgenden Seiten zu sehen ist.

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