ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

28. August 2019
von Hardy Gruene
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KLARTEXT: Die Fälle Bury und Bolton – ein Plädoyer pro 50+1!

KLARTEXT Die Fälle Bury und Bolton – ein Plädoyer pro 50+1!

Von Hardy Grüne

Aus England bekommt man dieser Tage ein wunderbares Plädoyer für die 50+1-Regel geliefert. Mit dem Bury FC und den Bolton Wanderers sind zwei traditionsreiche Vereine mit 134 bzw. 145 Jahren auf dem Buckel in existenzbedrohende Krisen geraten. Ihre Fälle zeigen, dass Fußball am Scheideweg steht und zu einer gespaltenen Welt geworden ist, in der Einzelpersonen, deren Interessen unklar sind und die oft eine Biografie des Scheiterns hinter sich herziehen, Vereine regelrecht in Geiselhaft nehmen können. Vereine, die zugleich wichtige soziale Funktionen für die lokale Community haben. Es ist ein Lehrbeispiel, welche Auswirkungen Neoliberalismus auf „kleine“ Fußballklubs hat.

Vorab: sowohl in Bolton als auch in Bury ist man selbst verantwortlich für seine Krisen. Die Schuld liegt nicht bei Finanzplayern wie Premier League oder Sky, auch wenn die zerstörerische Strukturen gefestigt haben und gerne als Feindbild benutzt werden. In Bolton und Bury war es die pure Gier, die die Klubs in die Krise gestürzt hat. Und der Gleichmut viel zu vieler Fans, die viel zu lange zuschauten, in der Hoffnung, dass irgendjemand kommt und „alles wieder besser macht“. In Bolton setzte man alles auf eine Karte, um den Klub nach Europa zu bringen (klappte nur kurzzeitig, brachte 200 Millionen Pfund Schulden). In Bury wurde der Drittligaaufstieg im Sommer 2019 auf Pump gekauft. Die existenzbedrohenden Krisen sind bereits seit Anfang des Jahres bekannt, und es gab genügend Zeit und Gelegenheiten, sie zu lösen. Dass es nicht klappte, lag vornehmlich am Verhalten der Eigeninteressen verfolgenden Klubbesitzer bei beiden Klubs.

Zugleich steht die englische Fußball-Liga EFL in der Kritik. Ihr wird mangelnde Sorgfalt gegenüber ihren Mitgliedervereinen vorgeworfen. Sie ist verantwortlich für die ethische und wirtschaftliche Prüfung von Übernahmeangeboten („fit and proper person-test“) und hat in der Vergangenheit bei vergleichbaren Fällen in Blackpool, Coventry und Charlton ein schlechtes Bild abgegeben. So sind potenzielle Käufer beispielsweise nicht persönlich für die Folgen ihrer Finanzpolitik haftbar und können entsprechend ungestraft verbrannte Erde hinterlassen.

In Bolton war seit 2016 ein Finanzmogul Besitzer, zu dessen Vorgeschichte Firmeninsolvenzen, Behinderung von Behörden und Umsatzsteuerumgehung gehörte. Er war deshalb acht Jahre lang für jegliche Unternehmensbeteiligung gesperrt. Die EFL sah dennoch kein Problem in der Übernahme des Klubs. Es war eben dieser „Geschäftsmann“, der am Samstag kurz vor Ablauf eines Ultimatums des Ligaverbandes seine Unterschrift unter einem Kaufvertrag verweigerte, mit dem der Klub hätte gerettet werden können. In Bolton geht es u.a. um ein im Stadion integriertes Hotel. Seit gestern Abend droht dem Gründungsmitglied der Football League nun der sofortige Rauswurf aus dem Profifußball. Ihm bleiben noch exakt 12 Tage, um nachzuweisen, dass er die Saison finanzieren kann. Der bisherige Besitzer kann das nicht, und sollte er weiterhin stur bleiben und nicht verkaufen, wird das Aus unvermeidlich sein.

In Bury, zehn Meilen weiter südlich, sind die Lichter bereits spürbar runtergedimmt. Denn gestern Abend wurde der zweifache FA-Cup-Sieger aus der Football League geworfen, nachdem der Ligaverband dem Verein wiederholt neue Ultimaten eingeräumt hatte, um über seine Finanzverhältnisse aufzuklären. 134 Jahre Vereinsgeschichte gehen damit vermutlich zu Ende, denn eine Liquidierung dürfte unvermeidlich sein. Es ist das erste Mal seit 1992, dass ein Verein aus der Football League geworfen wurde. Damals traf es Maidstone, wo ein neuer Klub entstand, der sich langsam wieder hocharbeitete. Unklar ist, ob in Bury das Stadion an der Gigg Lane erhalten bleiben wird.

Fast schon symbolisch: Ein Aufkleber des französischen Fußball-Unternehmen Paris-SG auf dem Wegweiser zu Bury Stadion. (Foto: Michael Stoffl).

Bury hat eine wilde jüngere Reise mit mehrfachen Eigentümerwechseln hinter sich, und das Stadiongelände ist mit hohen Hypotheken belastet. Die Besitzverhältnisse sind unklar und führen u.a. nach Malta und auf die Britischen Jungferninseln. Verantwortlich dafür ist ein Projektentwickler aus Blackburn, der den Verein 2013 übernahm und ihn 2018 für die symbolische Summe von einem Pfund an den aktuellen Besitzer weiterverkaufte. Der investierte massiv in die Mannschaft und feierte den Aufstieg, blieb den Spielern zugleich aber ihr Gehalt schuldig. Zum Saisonstart hatte Bury keine Mannschaft beisammen und konnte kein einziges Ligaspiel bestreiten. Ein Novum in der Geschichte der Football League. Auch in Bury war es der aktuelle Besitzer, der sich einem Verkauf verweigerte und die Krise damit verschärfte. Einem übernahmewilligen Konsortium verweigerte er zunächst den Blick in wichtige Unterlagen bezüglich der Stadionsituation. Als er sie dann knapp zwei Stunden vor Ablauf eines Ultimatums durch die EFL endlich vorlegte zog sich die Gruppe zurück, weil man die Lage als unrettbar einschätzte.

Der EFL wird vorgeworfen, sowohl in Bolton als auch in Bury viel zu nachlässig die Eignung der Eigentümer geprüft zu haben und vor allem, in der Sommerpause nicht darauf gedrungen zu haben, dass die Verhältnisse vor dem Saisonstart geklärt werden. Nur so konnte es passieren, dass die schwelenden Konflikte in die laufende Saison getragen wurden und die League 1 nun mit nur 23 Mannschaften die Saison bestreiten wird. Für Kritiker hat sich einmal mehr bestätigt, dass die EFL ein zahnloser Tiger ist, wenn es darum geht, ihre Mitgliedervereine vor der Übernahme durch ungeeignete Geschäftsleute zu bewahren. Unglücklich auch die Entscheidung der EFL, Bury ein Ultimatum von 72 Stunden einzurichten, dabei aber zu übersehen, dass diese zu großen Teilen ein Wochenende und einen Feiertag umfassten. Dadurch fehlte dem Verein ein wichtiger Berater bei der Krisenbewältigung. Zugleich muss man allerdings feststellen, dass die EFL in beiden Fällen durchaus geduldig aufgetreten ist und die Fristen immer wieder verlängerte. Sowohl in Bolton als auch in Bury wurde das von den Besitzern vor allem genutzt, um dem Ligaverband regelrecht auf der Nase herumzutanzen.

Leidtragende in beiden Fällen sind zunächst die Fans und die Angestellten. In Bolton, langjähriger Premier-League-Klub, sind 150 Mitarbeiter von Arbeitslosigkeit bedroht. Die Ohnmacht, die man angesichts der Allmacht der Besitzer über den eigenen Verein verspürt, ist immens. In Bury befragte die BBC einen Fan, der seit 70 Jahren an die Gigg Lane marschierte, und der mit Tränen in den Augen verkündete: „Bury ist das letzte, was mir noch geblieben ist“.

Ein „next match“ wird es in Bury bis auf Weiteres nicht mehr geben. (Foto: Michael Stoffl)

Die Fälle Bolton und Bury dokumentieren zwei strukturelle Symptome. Zum einen scheint unterklassiger Fußball als funktionsfähiges Geschäftsmodell keine Zukunft mehr zu haben. Er ist schlicht zu teuer und wirft zu wenig ab. Eine fatale Entwicklung, denn der lokale Fußballklub ist häufig die älteste noch existierende Gemeinschaft und als solche ein elementarer Bestandteil der lokalen Community. Dass viele kleinere Gemeinden inzwischen selbst tief in der Krise stecken – in Bury musste man 2010 85 Prozent seiner Ausgaben einfrieren, weil die Stadtkasse leer war – zeigt die tiefe strukturelle Dimension, aus denen sich die Krisen der Fußballklubs entwickelt haben. Spitzenfußball ist in England zu einer Domäne der reichen Gemeinden geworden, während alte (und arme) Hochburgen der Industriekultur wie Bolton, Bury oder auch Blackburn hinten runter fallen. Nur wenige Meilen entfernt von den Fußball-Brandherden Bury und Bolton haben sich Milliardäre bei Manchester City und United schillernde Fußballunternehmen geschaffen und hantieren mit Summen, die man sich in Bolton und Bury kaum vorstellen kann. In diesem Sinne ist Fußball ein Mikrokosmos der allgemeinen Entwicklung: die Reichen werden immer reicher, die Armen abgehängt. Und welcher Reiche kauft schon einen Klub aus einer Stadt wie Bolton, deren Entwicklung seit vielen Jahren negativ ist?

Zum anderen zeigt sich, dass das in Deutschland so vehement verteidigte 50+1 ein Pfund ist, auf das man gut aufpassen sollte. Denn sowohl in Bury als auch in Bolton waren es egoistische Alleingänge Einzelner, deren Interesse nicht der Fußball sondern das Kapital war, durch die vorhandene Krisen zu existenziellen wurden. Englands unternehmensgeführter Profifußball war von seinen Strukturen nie vergleichbar mit dem in Deutschland, wo lange Zeit mitarbeitergeführte e.V. auch über die Profis das Sagen hatten. Und dass das keineswegs vor Pleiten schützte, dafür gibt es in der deutschen Fußballgeschichte zahlreiche Beispiele. Schaut man sich beispielsweise die Geschichte von Hannover 96 an, zeigt sich, dass auch in den 1980ern und 1990ern Jahren, als 96 noch ein e.V. war, Einzelpersonen existenzbedrohende Verschuldungen herbeiführen konnten und die Mitglieder alles ausbaden mussten.

Was jedoch in England deutlich wird: Fällt 50+1, wird es den „kleinen“ Vereinen nicht helfen, sondern nur die Spaltung zementieren. Stattdessen droht den „Kleinen“ endgültig der Ausverkauf. In England ist regelmäßig das Stadiongelände Hintergrund für Engagement von bevorzugt „property devolper“ – „Grundstückentwicklern“. Im Unterschied zu Deutschland befinden sich die Stadion in England oft in Vereinshänden. Und weil sie vielfach in begehrten Lagen liegen sind sie ein lohnenswertes Investment. Zugleich zeigt sich in England, dass seriöse Investoren um „kleine“ Klubs einen großen Bogen machen. Mein Verein Bristol Rovers, wie Bury und Bolton Drittligist, sucht seit mehr als einem Jahr einen Käufer. Der Verein hat einen Zuschauerschnitt von 8.000, bei Auswärtsspielen sind oft 1.000 und mehr Fans mit dabei. Es ist also eine gesunde Grundlage vorhanden. Und doch findet sich niemand, der den Verein entwickeln will. Nüchtern betrachtet ist er das Investment nicht wert, denn die Wahrscheinlichkeit, dass man als Besitzer draufzahlt, ist hoch. Man muss schon etwas masochistisch veranlagt sein, um einen Klub wie die Bristol Rovers zu übernehmen.

Die Schicksale von Bury und Bolton lösten eine Flut von Sympathiebekunden von Fans aus dem gesamten Vereinigten Königreich. Immer wieder wurde dabei darauf hingewiesen, dass allein das monatliche Salär eines einzigen Spielers von Manchester City genügt hätte, um die beiden Klubs zu retten. Doch welches Interesse sollte die Premier League haben, einen Wurmfortsatz wie den Bury FC zu retten? Zumal der Klub ja, wie gesagt, selbst für seine Überschuldung verantwortlich ist. Und wäre es nicht ein fatales Signal, wenn die Misswirtschaft ohne Konsequenzen bliebe? Auch wenn es für die betroffenen Orte und Vereine natürlich fatal ist. Die viel zitierte Spaltung ist in England längst Realität, und es wird Zeit, dass man sich bei den „Verlierern“ mit den Konsequenzen beschäftigt.

Nun wird befürchtet, dass Bury und Bolton lediglich Vorreiter für eine ganze Welle von Vereinspleiten sein werden. Zahlreiche Vereine der dritten und vierten Liga arbeiten im Tagesgeschäft mit Verlust, und in der Championship wird ohnehin mit extrem hohem Risiko gearbeitet. „Wir müssen diese Fußballinstitutionen unbedingt verteidigen und können es uns nicht erlauben, sie verschwinden zu lassen“, mahnte Boltons MP David Crausby auf dem Höhepunkt der Krise bei den Wanderers. Und sein Kollege David Jones aus Bury ergänzte, es sei der „Sargnagel für die ganze Stadt“, sollte der Klub liquidiert werden.

Hoffentlich wird er das nicht bald für den kompletten unterklassigen Profifußball.

Hinweis: In unserer nächsten Ausgabe, die Ende September erscheint, beschäftigen wir uns im Leitartikel ausführlich mit dem Thema „Unterbau in Europa“. Dabei geht es auch um England und die dortigen Strukturen.

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19. Juli 2019
von Hardy Gruene
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Versand Ausgabe #15

UPDATE Versand #15 Liebe Leute, leider gibt es immer noch Probleme mit dem Versand der #15, die noch längst nicht überall angekommen ist. Lasst euch versichern, dass uns das mehr als nur mächtig wurmt. Wir haben das Problem inzwischen auch analysiert und werden bei der nächsten Ausgabe entsprechend damit umgehen, damit dies nicht noch einmal passiert. Alle, deren Heft noch immer nicht angekommen ist bitten wir noch um ein kleines bisschen Geduld und Verständnis. Und sorry für den ganzen Trouble…

14. Juli 2019
von Hardy Gruene
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Legende: Hanau 93 – Zurück in die Zukunft!

Was macht man, wenn der Sportplatz keine Tribüne besitzt und man kein Geld hat, um eine zu bauen?
Man sammelt 276 Bierkästen und baut sich selbst eine! So geschehen in Hanau, wo kürzlich auf etwas verworrene Weise nach 33 Jahren die Rückkehr in die Hessenliga gefeiert werden konnte.
Wir waren vor Ort und haben uns umgeschaut beim 1. Hanauer FC 1893 – Hessens ältester Fußball-Club und seiner kreativen Fanszene.
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13. Juli 2019
von Hardy Gruene
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Der große Zeitspiel-Rückblick 2018/19

Über Bundesliga und 2. Bundesliga wissen wir so ziemlich alles. Über Champions League und Weltmeisterschaften noch viel mehr. Und die Regionalligen? Die Oberligen? Kaum mehr als die Endtabellen sind zu finden! Es ist daher eine Zeitspiel-Tradition, am Ende jeder Spielzeit einen genaueren Blick auf die Saison auf den Ligaebenen 4 und 5 zu werfen. Wie lief es, wer war Shootingstar, wer hat enttäuscht oder gar gepatzt? Und wer kommt hoch für die neue Saison. Da sind diesmal wieder ein paar interessante Mannschaften dabei. Schon mal was vom MSV Pampow gehört, beispielsweise? Wird sich vielleicht ändern, denn in der Schweriner Vorstadt leistet man ganz vorzügliche Arbeit! Ganz sicher in den Vordergrund schieben wird sich 2019/20 der bayerische Regionalligaaufsteiger SV Türkgücü, der sein Auftaktspiel gestern abend vor fast 2.000 Zuschauern in Schalding mit 4:0 gewann. Eine klare Ansage, denn Ziel ist der Durchmarsch in die 3. Liga.

Zum großen Zeitspiel-Saisonrückblick gehört natürlich auch die ausführliche Zuschauerstatistik aller 366 Vereine zwischen Bundesliga und den Oberligen. Nur bei Zeitspiel ist zu lesen, dass der SV Pullach mit durchschnittlich 89 Zahlenden deutschlandweites Schlusslicht ist. Oder dass die Stuttgarter Kickers mit durchschnittlich 2.805 Besuchern in der Oberliga Baden-Württemberg so manch Regionalligisten hinter sich ließen – sportlich allerdings auch die letzte Aufstiegskarte mit einem 1:1 in Alzenau vergeigten und deshalb 2019/20 wieder nur Teams wie TSV Ilshofen und SV Sandhausen II begrüßen werden.

15 Seiten geballte Infos zur Saison 2018/19. Nur bei Zeitspiel. Jetzt ordern! Als Einzelheft oder im Abo.

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12. Juli 2019
von Hardy Gruene
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Unser Leitartikel in Ausgabe 15: Überleben im Turbokapitalismus II

Leitartikel: Überleben im Turbokapitalismus II

Ist Fußball schon tot oder kann er noch repariert werden?

Überall wird gejammert. Über FIFA, UEFA und DFB, über das große Geld und dubiose Investoren, über die Pleiten-Strukturen im Unterbau. Über marode Sportplätze in den Metropolen und ausblutende Vereine im ländlichen Raum. Über Helikoptereltern und Nachwuchsleistungszentren, die den Talenten die Lust am Spielen nehmen. Über Pyrotechnik auf den Rängen und Gewalt in der Kreisklasse, die den Schiedsrichtern ihren Job vermiest.
Fußball, Deutschlands liebstes Freizeitvergnügen und Volkssport Nummer 1, scheint in einer umfassenden Krise zu stecken. Das tat er schon öfter, doch diesmal scheint sie strukturelle, sogar systemische Dimensionen anzunehmen.
Funktioniert Fußball nicht mehr?
Vier Jahre nach unserer Premierennummer, die den Titel „Überleben im Turbokapitalismus“ trug und den Fokus auf die Situation unterhalb des Profilagers richtete, wollen wir genauer hinschauen. Wollen uns mit dem Fußball in seiner gesamten Ausprägung und Vielfalt beschäftigen, also vom FIFA-Premiumprodukt Weltmeisterschaft bis hinunter in die Kreisklasse, vom tobenden Markt um talentierte Ausnahmefußballer bis in die Bambini-Liga. Vor allem aber wollen wir schauen, wie ein konstruktiver Umgang mit den diversen Krisenfeldern aussehen kann. Denn auf die Frage, ob Fußball schon tot ist oder noch repariert werden kann, darf es eigentlich nur eine Antwort geben.

Über mehr als 40 Seiten beschäftigen wir uns mit diversen Facetten des Themas. Es geht los mit einer Bestandsaufnahme, wie es um den Fußball insgesamt eigentlich aktuell bestellt ist. „Die Krise und ihre Klagen: Vom Zustand des Fußballs“ beleuchtet zahlreiche Felder von der Vergabe der WM nach Katar bis zum trendigen eSoccer und macht deutlich, das tatsächlich vieles in Bewegung und einiges in Schieflage ist.

In „Vom Umgang mit der Krise“ widmen wir uns Klubs, die bereits begonnen haben, mit den veränderten Rahmenbedingungen umzugehen und sich ihnen anzupassen. Beim 1. FC Union Berlin schaffte man es sogar bis in die Bundesliga, in Heidenheim vertraut man auf Geduld und regionale Verankerung, der FK Pirmasens will es aus eigener Kraft schaffen. In Leipzig hat sich die wiederauferstandene BSG Chemie als echtes Fußball-Biotop entwickelt, und bei der SG Egelsbach zog man die Konsequenzen aus dem Desaster „bezahlter Fußball“ und konzentriert sich inzwischen voll auf seine gesellschaftliche Verantwortung als Fußballklub.

Im Spannungsfeld „Digital vs. Analog“ stehen mit dem TC Freisenbruch der erste digitalisierte Fußballklub mit „Entscheidern“ selbst im fernen China sowie der HFC Falke, gegründet von HSV-Fans, die mit der Ausgliederung der Profis nicht einverstanden waren. Im „echten“ Unterbau schauen wir uns an, wie sich der Kieler Klub SC Fortuna Wellsee über die sozialen Netzwerke ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen hat, wie man im Bochumer Stadtteil Kaltehardt seiner sozialen Verantwortung in einer schwierigen Gemengelage gerecht wird und was der neue „Funino„-Trends für den Nachwuchsfußball bedeutet.

Im dritten Teil unseres Schwerpunkts schließlich nehmen wir uns die Frage „Wie kann der Fußball von morgen aussehen?“ vor. Hardy Grüne fragt, ob die Zukunft des Glitzerfußballs wirklich in Asien liegt. Gerd Thomas zeichnet das Bild eines zeitgemäßen Verbandswesen und Dietrich Schulze-Marmeling analysiert, was sich in der Nachwuchsarbeit ändern muss, um den gesellschaftlichen Veränderungen gerecht zu werden. Mit dem Werder-Blog „Vert et Blanc“ haben wir uns über den „modernen Fußball“ unterhalten, und ob eSport ein Mittel gegen den Nachwuchsmangel sein kann klärt Amateurexperte Tim Frohwein auf. Und weil wir in die Zukunft schauen gibt es da noch die leicht ketzerische Frage, ob „Traditionsvereine sterben“ dürfen, während Alina Schwermer in einem Klartext eine weit über den Fußball hinausgehende Systemfrage stellt.

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