ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

7. April 2020
von Hardy Gruene
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ZEITSPIEL-Zukunftswerkstatt: Der Fußball nach Corona

ZEITSPIEL-Zukunftswerkstatt:
Der Fußball nach Corona

Von Tim Frohwein, Hardy Grüne, Holger Höck und Jonas Schulte

Nichts ist klar, und doch scheint eins gewiss: Nach Corona dürfte vieles nicht mehr sein wie vor Corona. Auch und gerade im Profifußball, der gegenwärtig kein allzu überzeugendes Bild abgibt. Ob die Blase tatsächlich platzt – oder möglicherweise schon zerplatzt ist – kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht seriös beantwortet werden. Klar ist aber: Sollte es dazu kommen, muss das nichts Schlimmes sein. Und es wäre ganz sicher nicht das Ende der Welt, sondern maximal das Ende einer vertrauten Welt. Einer Welt, die offenkundig ziemlich auf Sand gebaut ist und die nach Corona mit hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin anders aussehen wird.

Wir wollen in die Glaskugel schauen. Noch ist zwar alles ziemlich vernebelt, doch sicher ist: Wir befinden uns in einer historischen Situation. In der „ZEITSPIEL-Zukunftswerkstatt: Der Fußball nach Corona“ wollen wir Gedanken sammeln und analysieren, welche Szenarien es für den Fußball auf seinen unterschiedlichen Ebenen gibt. Als Vorbild dient uns ein Projekt des „Zukunftsinstitut“ Frankfurt, das vier Szenarien für die Welt nach Corona entwickelt hat.

Schon vor Corona wurden teils schlaue Gedanken über das mögliche/nahende Ende des Fußballbooms geäußert. Alle hatten zentral mit Geld zu tun, denn dass die Entwicklung nicht dauerhaft derart dynamisch weitergehen konnte, war klar. Nun hat die Pandemie für einen Stopp gesorgt, der brutaler ausfällt, als irgendjemand sich das hat vorstellen können. Ein weltweiter Stillstand des gesamten Fußballspielbetriebes war schlicht undenkbar. In dieser Einzigartigkeit steckt womöglich eine Chance. Denn der Stillstand betrifft ja alle globalen (Fußball-)Märkte und legt nicht nur den Spielbetrieb lahm, sondern auch das Geldsystem. Entscheidende Parameter, die den Profifußball in den letzten Jahren signifikant angetrieben und nicht zur Ruhe haben kommen lassen, liegen brach, und selbst einem Neymar dürfte es aktuell schwerfallen, Vereine gegeneinander auszuspielen. Wohin die Reise für die großen Medienplayer wie Sky oder DAZN – die zentralen Finanzierer des Booms/der Blase – beispielsweise hingeht, ist offen, zumal sich abzeichnet, dass Amazon einer der großen Profiteure der Krise ist und zu einem noch größeren Schwergewicht aufsteigen wird. Zur Erinnerung: Ab 2021/22 zeigt Amazon die Champions League im Livestream.

Hinzu kommt: Die Corona-Krise trifft den Fußball mitten in einer System-Krise, die schon seit geraumer Zeit zu spüren war. Nun droht der durch den Stillstand heißgelaufene Profifußball in Rekordzeit zu explodieren, weil kein Brennstoff (Geld) nachgeschoben wird. In Frankreich hat Canal+ bereits angekündigt, die fällige April-Rate nicht zu zahlen, weil keine Spiele gezeigt werden. In Deutschland droht einem Drittel der Profiklubs die Insolvenz noch in diesem Jahr, in England fürchtet man eine gigantische Rückzahlung aufgrund der ausgefallenen Übertragungen.

Dass das Geschäftsmodell Profifußball fragil ist, ist ein alter Hut – dazu siehe Hardy Grünes „Klartext“ in der aktuellen „Zeitspiel“-Ausgabe #18, die in der aufkommenden Pandemie entstand. Wie kaputt dieser obszön aufgeblähte Markt, dessen volkswirtschaftlicher Wert in Krisenzeiten wie diesen nachrangig ist, tatsächlich ist, zeigt sich nun mit ernüchternder Klarheit. So haben in England mehrere Klubs der Premier League Kurzarbeitergeld für ihre nichtfußballspielenden Angestellten beantragt, während die Spieler sogar auf Bitten bislang nicht bereit waren, ihre Saläre zu reduzieren. Begründet wurde dies mit ihren Steuerzahlungen, die dem Staat dann verloren gingen. Das klingt ein bisschen nach einer Geschichte aus dem Satiremagazin Postillion. Von den milliardenschweren Klubbesitzern hört man in Sachen „Lösung der Krise“ übrigens nichts. Ebenso wenig wie von Investmentbankern – der englische Politiker und Brexitvorkämpfer Jacob Rees-Mog wirbt mit seinem Unternehmen sogar mit „Chancen“, die der Markt gerade bietet.

In Deutschland sind laut einer McKinsey-Studie von 2015 110.000 Vollzeitjobs mit dem Profifußball verbunden. Das ist eine ordentliche Zahl, zumal darunter lediglich rund 1.000 Profis sind, der Rest also als „normale“ Arbeitnehmer in Lohn und Brot steht. Zugleich sind 110.000 Arbeitsplätze im Verhältnis zu den Summen, die im Profifußball kursieren, vergleichsweise wenige, und eine Systemrelevanz lässt sich daraus sicher nicht ableiten. Zum Vergleich: Im durch Corona schwer getroffenen Blumenhandel stehen gegenwärtig 150.000 Arbeitsplätze zur Disposition. Angesichts der existenziellen Situation in vielen Gewerbezweigen sind die Probleme im Profifußball zudem Luxussorgen. Denn im Gegensatz zu Kneipen, Cafés, Theatern und Veranstaltern steckt im Profifußball genügend Geld, um die aktuellen Herausforderungen alleine bewältigen zu können – es ist lediglich eine Verteilungsfrage. Das gilt selbst dann, wenn, wie von DFL-Chef Christian Seibert orakelt, im schlimmsten Falle nur noch acht Profiklubs in der Lage sein werden, nach Corona weiterzumachen. Denn das muss ja nicht zwangsläufig bedeuten, dass die Bundesliga tatsächlich nur noch mit acht Mannschaften spielt. Man könnte ja auch an der anderen Seite der Geldschraube drehen und es den finanziell überforderten Klubs in einem beruhigten Markt ermöglichen, weiterzuspielen.

Man ahnt, dass dieser Bruch ein tiefer, ein nachhaltiger sein wird. Zumal im Profifußball Faktoren hinzukommen, die, für sich genommen, marginal wirken, in ihrer Bündelung aber fatale Kräfte entwickeln. Die wachsende Konkurrenz durch andere Sportdisziplinen und Freizeitbeschäftigungen beispielsweise, die dem Fußball schon seit geraumer Zeit vor allem die Zielgruppe Jugend streitig macht. Beim DFB gab es in den letzten fünf Jahren einen Rückgang von etwa neun Prozent Aktiver im Jugendbereich. Dann die vor Jahren einsetzende Abwendung langjähriger Fans angesichts des wirtschaftlichen Overkills mit verengtem Terminplan, exorbitanten Gehältern, einer drastisch auseinandergehenden Schere sowie dem tumben Gefühl, ohnehin nur noch Melkkuh zu sein. Ersetzt wurden sie durch ein Eventpublikum, das einerseits ausgabefreudig ist, dessen Treue andererseits nicht mit der alter Fangenerationen vergleichbar ist. In einer sich wandelnden Freizeitgesellschaft müssen sich Profiklubs perspektivisch wohl auf einen Rückgang der Dauerkartenverkäufe einstellen, der nur bedingt durch den Verkauf von Tagestickets ausgeglichen wird. Und möglicherweise zeigt der gegenwärtige Lockdown dem einen oder anderen regelmäßigen Stadiongänger oder Sky-Abonnenten sogar, dass Fußball zwar ganz nett ist, so ein Wochenende aber auch noch andere Möglichkeiten der Freizeitgestaltung bietet. Das Fußball-Zwangsfasten könnte vor allem für jene, die ohnehin schon mit dem Gedanken an einen Abschied vom Fußball spielten, der Kick zum Absprung sein.

Der Fußballmarkt ist allerdings ein spezieller. Wie im Kulturbereich gibt es gegenwärtig überall Appelle auf Rückzahlungsverzicht nicht nutzbarer Eintrittskarten, Aufrufe zu Hamsterkäufen in den Fanshops und Spendenaktionen – mit dem Unterschied, dass es im Vergleich zum ohnehin oft prekären Kultursektor um millionenschwere Unternehmen geht. Unser Fußballklub ist gefühlt eben kein Unternehmen, sondern die Verlängerung der eigenen Identität. Mein Klub bin ich, ich bin mein Klub. Kritische Geister, die dieses System hinterfragen, werden abgebügelt. Aber müssen Fans den Profiklubs jetzt wirklich finanziell helfen? Jan-Hendrik Gruszecki, Fan von Borussia Dortmund, drückte sich kürzlich im „Sportstudio“ ebenso knapp wie deutlich aus: Nö, müssen sie nicht! Nicht, solange die Spieler und andere Profiteure einen erheblichen Beitrag zur Rettung geleistet haben. Dass in derselben Sendung Rouven Schröder, einer der ruhigen und gemäßigten Vertreter der Zunft und von einem Klub kommend, der wahrlich nicht zur Geldelite zählt (Mainz 05), daraufhin vor Populismus warnte, ist entlarvend. Ebenso wie Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, die entrüstet feststellte, die Fans müssen doch jetzt erst recht für die Vereine da sein.

Wir tun so, als sei der BVB eine selbstlose Solidargemeinschaft, die zerbricht, wenn jetzt nicht alle mal fix ein paar Euro beisteuern. In Dortmund ist es übrigens so, dass die Spieler auf 20 Prozent ihrer Bezüge verzichten (Vorschlag des Vereins, nicht der Spieler) und Marketingchef Cramer per Videobotschaft die Fans aufgefordert hat, Gelder zu spenden, damit den Angestellten des Vereins nicht gekündigt werden muss. Das hat dann tatsächlich für einen Aufruhr langjähriger Dauerkarteninhaber gesorgt, die es nicht fassen konnten. Dazu siehe auch der Kommentar „Geisterfahrer“ auf dem BVB-Blog Schwatzgelb.

Nichts ist klar, und doch scheint eins gewiss: Nach Corona dürfte vieles nicht mehr sein wie vor Corona. Wird der Profifußball nach Corona ein noch mehr zugespitzter Markt sein, in dem die Großen noch größer sind und die finanziellen Profiteure der Krise noch mächtiger? Oder werden Spieler und Berater durch die Verschiebungen auf den Finanzmärkten und vor allem der existenzbedrohenden Lage für den Mittelstand dauerhaft Einbußen hinnehmen müssen, kann Profifußball also zurück in die Mitte des Volkes rücken? Fällt 50+1, wie verändert sich die Medienlandschaft? Was passiert mit der 3. Liga, in der aktuell das größte Risiko eines kollektiven Crash auszumachen ist, wie überleben Regional- und Oberligisten – bzw. überleben sie überhaupt? Was tut ein Kreisligist, um Corona zu überstehen, gibt es unterschiedliche Herausforderungen für Stadt- und Landvereine, was können „kleine“ Klubs jetzt unternehmen, um die zu erwartende Lust auf Gemeinschaft und Erlebnis nach dem Lockdown auf ihren Sportplatz zu locken und damit den vermutlichen zeitlichen Vorsprung zum Profifußball, der auf absehbare Zeit nur im TV zu sehen sein wird, zu nutzen? Was bedeutet die Krise für die Bezahlkultur bis auf Kreisebene, wie präsentieren sich die Verbände als Krisenmanager?

Wir wollen es wissen. Gemeinsam mit euch wollen wir spekulieren und schauen, welche Möglichkeiten sich dem Fußball bieten. In der „ZEITSPIEL-Zukunftswerkstatt: Der Fußball nach Corona“, zu der wir euch einladen. Denn die gegenwärtige Situation ist so ungewiss und bedrohlich wie einzigartig. Bereiten wir uns auf die Zukunft vor. Und gestalten sie im Idealfall mit.

In den nächsten Wochen präsentieren wir Euch via Facebook, Twitter, Instagram und hier auf unserer Website regelmäßig Thesen, die wir zur Diskussion stellen. Kommentiert direkt auf der Plattform, sendet Eure Gedanken an zukunft(at)zeitspiel-magazin.de, schickt uns Eure Thesen. Wir sammeln alles, bereiten es auf und werten es für unsere Ausgabe #19 (erscheint im Juni) aus. Und nun auf in die Zukunft!

Beginnen möchten wir mit einer These unseres Mitherausgebers Hardy Grüne, der glaubt:

Erläuterung: Im Profibereich kommt es zu einer Schrumpfung des Marktes. Die Macht konzentriert sich noch stärker in den Händen einiger weniger großer Player – „Wer hat, dem wird gegeben“ (Matthäus-Effekt).

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7. April 2020
von Hardy Gruene
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Global Game: Hongkong

In unserer Reihe „Global Game“ blicken wir auf Fußball-Länder, die selten im großen Fokus stehen. Wie beispielsweise Hongkong, eine der wohl spannendsten Fußballnationen in Asien.

Als sich Fußball Ende des 19. Jahrhunderts weltweit ausbreitete, war die damalige britische Kronkolonie Hongkong einer der ersten Ankerpunkte in Asien. Lange Zeit blieb der kleine Stadtstaat Trendsetter in Sachen Fußball und machte immer wieder Schlagzeilen durch seine namhafte Legionäre anlockende Liga, in der es Anfang der 1970er Jahre zu einem der weltweit ersten großen Versuche einer kommerzialisierten Fußball-Liga gab. Zugleich sind die infrastrukturellen Voraussetzungen in Hongkong herausfordernd. Auf den lediglich 1.106 Quadratkilometern leben über sieben Millionen Menschen, womit Hongkong das nach Monaco am dichtesten besiedelte Gebiet der Welt ist (6.900 Einwohner pro km², Deutschland kommt auf 232). Das ist vor allem in Sachen Stadien/Sportplatz Erfindergeist gefragt.

In Ausgabe #18 erzählen wir die Geschichte des Fußballs in Hongkong, das 1936 als „China“ an den Olympischen Spielen in Berlin teilnahm, beleuchten die ewigen Animositäten zwischen Hongkong, China sowie Taiwan, die im Fußball diverse Klubgründungen nach sich zogen und porträtieren die bekanntesten Vereine des Landes. Außerdem gibt es ein ausführliches Gespräch mit den Machern der Seite „Grenzenlos Groundhopping„, die halb in Hongkong, halb in Deutschland ansässig sind, sowie dem in Hongkong lebenden Wiener Tobias Zuser, der die englischsprachige Seite www.offside.hk betreibt, über den Ligaalltag im Land.

Zeitspiel-Ausgabe #18 ist jetzt erhältlich. Als Einzelausgabe, im Testabo oder im Dauerabo. (Ausland siehe Shop)

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6. April 2020
von Hardy Gruene
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KLARTEXT: Wem gehört der Fußball?

Unmittelbar vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie auch in Deutschland beherrschte ein Thema die Fußballwelt: Die Hopp-Plakate. In unserer aktuellen Ausgabe 18 hat sich Mitherausgeber Hardy Grüne damit beschäftigt und die Diskussion in ein größeres Bild gebettet. Durch Corona mag das Thema gegenwärtig ein wenig in den Hintergrund gerückt zu sein – zugleich ist es jedoch aktueller als jemals zuvor.

KLARTEXT: Wem gehört der Fußball

Von Hardy Grüne

Es ist eine bizarre Finte der Natur, dass ausgerechnet ein Virus mit Ursprung China hierzulande die wohl spannendste Auseinandersetzung um den Fußball seit Langem stoppte. Eine Auseinandersetzung, die sich anfühlt(e) wie eine entscheidende Schlacht um die Frage „Wem gehört der Fußball?“.

Vorab: Wir müssen nicht über die Akzeptanz von Begriffen wie „Hurensohn“ oder Köpfen in Fadenkreuzen diskutieren. Aber es gibt in dieser Diskussion mehr als nur diese eine moralische Messlatte. Und die für rassistische Vorfälle oder fortgesetzt schwere Wirtschaftsvergehen auf Funktionärsebene beispielsweise sind geflissentlich ignoriert worden. Zu einer Diskussion über inakzeptable Schmähplakate gegen Dietmar Hopp gehören zumindest letztere jedoch dazu, denn sie sind Teil derselben systemischen Entwicklung, die den Fußball in den letzten beiden Dekaden grundlegend verändert hat und eine Welt aus wenigen Gewinnern und vielen Verlierern schuf.

Dass die Wortwahl derbe ausfiel, dürfte übrigens auch der den Protagonisten in den Kurven innewohnenden Aufmüpfigkeit zuzuschreiben sein. Wir reden hier schließlich immer noch von Jugendkultur, und jeder sollte sich mal an sein eigenes Weltbild in jenen Jahren erinnern, als man als junger Mensch nach Verlassen des Elternhauses (s)einen Platz in der Welt suchte. Eine differenzierte Meinung gehörte da sicher bei den Wenigsten zum Repertoire. Jugendkultur ist aufmüpfig, provokativ, grenzverletzend und -überschreitend, das gehört schlicht zum Prozess des „Erwachsenwerdens“. Dass dies in der blitzblanken Welt des Entertainmentfußballs, dessen Zielgruppe anderswo verortet ist und in der die aufmüpfigen Ultras zugleich eine nicht ganz unwichtige Staffage für die Attraktivität des Produktes darstellen, das eigene Weltbild irritiert und Karl-Heinz Rummenigge die Zornesröte ins Gesicht treibt, ist etwas, das der Fußball aushalten muss, wenn er Volkssport bleiben will.

Zugleich ist die derbe Wortwahl Ausdruck einer seit Jahren geführten Diskussion, in der es nur eine Richtung gab (immer mehr, immer bunter, immer schillernder, immer gespaltener) und in der kritische Stimmen zunehmend weniger Gehör fanden. Dass sich viele Fans in den Kurven selbst bei einem so durchkommerzialisierten Verein wie dem FC Bayern tatsächlich Sorge um einen Fußball machen, der ihnen als Jugendkultur Platz zum Ausleben und Austesten gibt, wird nur noch müde belächelt und als nervende Romantisierung betrachtet. Nicht nur bei den Funktionären, auch bei vielen Zuschauern und Fans.

Die Diskussionsparameter haben sich verschoben. Kürzlich postete ich auf meiner Facebook-Seite einen Beitrag zur Stadionsituation beim SC Verl, der möglicherweise in die 3. Liga aufsteigt, in dessen Stadion aber nur etwas mehr als 5.000 Menschen passen – statt der 10.001, die gefordert sind. Verl, darin sind sich alle einig, braucht kein 10.000-Plätze-Stadion. Meine Frage, warum es dann trotzdem nötig ist (und mein Verweis auf den englischen Premier-League-Klub Bournemouth, der seit Jahren mit einem 12.000-Plätze-Stadion in der exklusivsten Liga der Welt kickt), stieß auf taube Ohren. „Es ist eben so.“ Auch die 3. Liga ist längst zu einem Premiumprodukt geworden, in dem VIP-Plätze, komfortable Tribünen und Pressebereiche auf dem neuesten Stand der Technik erwartet werden. Fußball ist zu einem exklusiven Club geworden.

Dieses System in Frage zu stellen, bringt einem frappierend häufig den Vorwurf ein, ein verträumter Romantiker zu sein, der im Gestern lebt. Denn: „Es ist eben so!“ Die Diskussion wird bestimmt von den Befürwortern des vorherrschenden Credos „schneller, weiter, besser“. Mahnende Stimmen, die eine andere Entwicklung anstreben, in der auch über Geld und Gewinn hinausgehende Werte noch eine Rolle spielen, dürfen sich zwar an der Diskussion beteiligen, werden aber wenig ernstgenommen oder gleich niedergebrüllt. Offenkundig ist der Neoliberalismus von der breiten Masse absorbiert worden – auch beim Fußballpublikum, bei uns Fans und selbst unter weltgewandten Groundhoppern, die sich an viele Bequemlichkeiten gewöhnt haben und sie nicht missen möchten.

Wem gehört der Fußball?

Eine Antwort könnte lauten „uns allen“. Doch stimmt das? Differenzieren wir kurz: Fußball gehört zweifelsohne nicht nur den Fans, auch wenn das aus vielen Kurven angemahnt wird (wobei es mich immer etwas irritiert, wenn beispielsweise die Dortmunder Südtribüne das fordert und ich dann an einen Klub wie Westfalia Herne denke, der sicher nicht gemeint ist). Zur Wahrheit gehört auch, dass Fußball auch den Sponsoren, VIPs und Haupttribünenbesuchern gehört, denn die tragen erheblich dazu bei, dass das Geschäft funktioniert. Und er gehört auch, so bitter das nun wieder klingt, den Sky-Abonnenten, die nur selten (oder nie) ein Stadion von Innen sehen. Faktisch „gehört“ der Fußball, zumindest der große, natürlich seit Ewigkeiten dem Kapital – und daran kann auch die 50+1-Regelung, die beispielsweise in England als „Erfolgsmodell“ gefeiert wird, nichts ändern. Das sei jetzt ganz nüchtern gesagt, denn so ist es nun mal in kapitalistischen Gesellschaften. Und nein, ich will unser Wirtschaftssystem nicht durch ein Konstrukt ersetzen, das im letzten Jahrhundert u. a. in Osteuropa krachend gescheitert ist.

„Eigentum verpflichtet“, hieß es einst. Gilt das noch? Schaut man auf den Immobilienmarkt, tauchen Zweifel auf. Schaut man auf den Fußball, ebenfalls. Dietmar Hopp hat viel Geld für soziale Stiftungen ausgegeben und mit seinem Unternehmen erheblich zur Schaffung von Arbeitsplätzen beigetragen. Dietmar Hopp ist kein kühl kalkulierender Finanzhai, wie sie auch im Fußball anzutreffen sind und dort oft zerstörerische Kräfte entwickeln. Hopp hat seinen Heimatverein nachhaltig entwickelt und in die Bundesliga geführt. Kraft seines persönlichen Vermögens. Und genau da liegt einer der entscheidenden Gründe für die massiven Verschiebungen im globalen Fußball der letzten Dekaden: der unermessliche Reichtum Einzelner, die sich einen Bundesligist „kaufen“ können.

Die Argumentation „Er kann mit seinem Geld machen, was er will!“ ist zwar an dieser Stelle berechtigt, greift aber in meinen Augen trotzdem zu kurz. Denn geht es im Fußball (nur) um die Frage, was mir bzw. meinem eigenen Verein gut tut, oder geht es auch (und vor allem) um die Frage, was dem gesamten Fußball gut tut? Von wegen „Eigentum verpflichtet“?

In England erschien kürzlich eine Studie, die sich der Entwicklung im europäischen Spitzenfußball widmete. Sie zeigt eine verheerende Entwicklung und steht unter der Überschrift: „Ist der Fußball noch zu reparieren?“ Demnach haben sich in den letzten 15 Jahren die Abstände zwischen den Topklubs Europas (bzw. der Premier League) und dem Rest exponentiell ausgeweitet. Es ist längst eine zementierte Welt, die nicht mehr durchlässig ist. Überall fallen uralte Ligarekorde (Punkte, Tore, Kantersiege, Siegesserien etc.), sinken die Fehlerquoten der Topteams zusehends gen null, verliert Fußball sein Überraschungsmoment. Die sechs englischen Topklubs haben eine Wirtschaftsmacht, die nicht mehr zu durchbrechen ist, was strukturelle Folgen hat. Taucht bei einem Verein ein herausragendes Talent auf, wird es binnen kurzem zu einem der Top-6 transferiert. Schafft es ein Klub trotzdem, sportlich mitzuhalten, zahlt er kurz darauf die Zeche, denn die aufgerufenen Saläre für Topspieler sind nicht zu stemmen. „Ich hatte das Geld, um Spieler zu kaufen“, wird Southampton-Boss Nicola Cortese in der Studie zitiert, „aber ich hatte nicht das Geld, sie zu halten.“ 51,3 Prozent der Spielergehälter in der Premier League werden nur von den Top-6 bezahlt, die in den letzten sechs Jahren zugleich 93 Prozent der europäischen TV-Gelder einsackten. Es ist ein geschlossenes System.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Fußball selbst zerstört, weil das Kartell der Spitzenklubs nicht zur Lösung der Situation beitragen kann, denn es ist – zwangsläufig in einem neoliberalen Markt – getrieben von der Forderung nach „mehr“, vulgo von Gier. Beispiel Solidarzahlungen. 7,3 Prozent der zwei Milliarden Einnahmen der Premier League werden gegenwärtig an den unterklassigen Fußball verteilt. Nötig wären nach Expertenmeinung aber 20 Prozent, um wirklich einen Effekt zu erzielen und das Ligasystem nachhaltig zu stabilisieren. Das Interesse daran jedoch ist gering, und wann immer die Rede auf die Solidarzahlungen kommt, taucht die Drohgebärde „eigenständige Superliga“ auf. Ein Karl-Heinz Rummenigge will nicht teilen, er will herrschen, und all die Glazers und Abu Dhabis im großen Glitzerfußball haben kein Interesse daran, dass andere von einem Kuchen abbekommen, den sie ausschließlich für sich selbst reklamieren, weil sie für die verlockende Glasur sorgen. Dass die These von „der Markt regelt alles“ nicht zwingend zu für das Gemeinwohl verträglichen Lösungen führt, ist aktuell übrigens auf vielen Gebieten zu beobachten, nicht nur im Fußball.

Die gegenwärtige Diskussion um die Zukunft des Fußballs muss zudem vor dem Hintergrund der längst angelaufenen Diskussionen um ein Modell für den nächsten Zyklus ab 2024 gesehen werden. Überall werden gerade Pfründe verteilt und Pflöcke eingeschlagen. Die FIFA mit ihrer 24er-Weltliga, mit der sie den großen Konkurrenten UEFA schwächen will und ihre Basis in den Petrodollarscheichtümern zu festigen versucht. Die, glaubt man Insidern, längst beschlossene europäische Superliga, auf die man übrigens auch in Dortmund und beim FC Bayern zumindest auf den Chefetagen schon sehnsüchtig wartet. Das zunehmend realistischere Szenario eines Massencrashs von Vereinen der dritten und vierten Profiliga in England, wo nahezu jeder Klub am Rande seiner Möglichkeiten steht und das Finanzaus für den Bury FC im September hohe Symbolwirkung hatte.

Dass nun die Coronavirus-Pandemie eine zusätzliche Herausforderung heraufbeschwört, verschärft die Entwicklung rasant. Da auch in England die Saison inzwischen unterbrochen ist (und möglicherweise abgebrochen wird), fürchten Experten eine Pleitewelle. Denn im Gegensatz zu den großen Klubs, bei denen die Zuschauereinnahmen bestenfalls zehn Prozent vom Etat ausmachen, sind es bei Dritt- und Viertligisten 40 und mehr Prozent. Sie sind unverzichtbar. Für Deutschland gilt dasselbe.

Bewegende Zeiten für den Fußball. Dass ausgerechnet zur gerade aufkochenden Debatte um die Hopp-Schmähplakate ein globaler Virus schlagartig für Stillstand auf fast allen Ebenen des öffentlichen Lebens sorgt, kann jedoch ein Geschenk des Himmels sein. Denn auch im Fußball muss weiterhin (bzw. wieder) die Frage erlaubt sein: „Wem gehört der Fußball?“ Müssen Mahner abseits des herrschenden Turbokapitalismus wieder Gehör finden und Prozesse anregen. Sonst geht der Fußball möglicherweise wirklich kaputt.

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3. April 2020
von Hardy Gruene
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Schattenspieler: VfB Fichte Bielefeld

Aus Sicht so manch „großem“ Bundesligisten mag der DSC Arminia Bielefeld ein „kleiner Fisch“ sein, der im „Schatten“ steht. Dem wird man in Bielefeld und Ostwestfalen sicher vehement widersprechen. Denn in und um Bielefeld ist Arminia Kult, was man bis zum Corona-Lockdown mal wieder prima beobachten konnte.

Früher aber, da war nicht nur alles vermeintlich besser, da gab es in Bielefeld auch noch einen anderen großen Klub neben der Arminia. Den VfB 03, der seit einigen Jahren nach einer Fusion mit der SpVgg Fichte im VfB Fichte aufgegangen ist. Bespielt wird das Stadion Rußheide, und nachdem sich ein paar ambitionierte Träume von höherklassigem Fußball allzu schnell erledigt hatten kickt man nun in der Westfalenliga. Und hofft angesichts des Tabellenstandes wohl auf eine Saisonabsage, denn nach 19 Spielen waren die „Hüpker“, wie es im lokalen Slang heißt, mit 13 Punkten Vorletzter. Es droht also der Abstieg.

Wir haben uns umgeschaut im Stadion Rußheide, blicken ein bisschen zurück auf die ruhmreichen Geschichten der beiden Gründervereine und erinnern an ein legendäres Pokalspiel vor 8.100 Zuschauern gegen Borussia Mönchengladbach. Und siehe da: im vermeintlichen „Schatten“ blühen traditionsreiche und stolze Gewächse! Der VfB 03 beispielsweise brachte 1931 den damaligen Deutschen Meister Hertha BSC in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft an den Rand einer Niederlage, und Fichte war in den 1920er Jahren ein große Nummer im sozialdemokratischen Arbeitersport. Bis in die 1960er Jahre war man noch auf Augenhöhe mit der Arminia, dann begann die Schattenwelt. Doch auch die Gegenwart hat einiges zu bieten – zum Beispiel eine lustige Fanschar, die u.a. den Song „Fichte, Tanne, Nadelholz“ im Repertoire hat und für Fußballatmosphäre in der Rußheide sorgt.

Die ganze Geschichte zum VfB Fichte gibt es nun über vier Seiten in der aktuellen Ausgabe #18 von Zeitspiel. Zu ordern direkt über unseren Shop als Einzelheft oder gleich im Abo (bzw. Testabo)

1. April 2020
von Hardy Gruene
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Zeitspiel-Ausgabe 18: Blick ins Heft

Da ist sie, unsere 18! 100 Seiten, prallgefüllt mit Dingen aus der Welt der Fußball-Zeitgeschichte. Ob Corona oder Erster Weltkrieg, Bundesliga oder Kreisliga, wir sind mal wieder an verschiedensten Schauplätzen unterwegs und gucken in bewährter Zeitspiel-Manier auf gestern, heute und morgen.

Unser Leitartikel widmet sich dem Jahr 1920, in dem der Fußball zum Volkssport wurde. Überall entstanden Vereine und Mannschaften, wurden Spielklassen aus dem Boden gestampft, Stadien und Sportplätze gebaut. Wo vor dem Ersten Weltkrieg bestenfalls mal 10.000+ Zuschauer anzutreffen waren, strömten nun die Massen auf die Plätze. Fußball hatte seine erste Goldene Ära in den Goldenen Zwanziger. Wie vielschichtig das war und was davon heute, 100 Jahre später, geblieben ist schauen wir uns an, diskutieren wir mit Experten, beleuchten wir aus dem Blickwinkel von 1920 aber auch 2020. Eins jedenfalls wird rasch klar: Fußball war 1920 längst mehr als „nur“ ein Sport. Er war Hoffnungsanker, politisches Werkzeug, Streitobjekt, Bühne für Gewalt, Versöhner zwischen den Völkern, Finanzschauplatz und vieles mehr.

Die Rubrik „Legende“ führte uns ins Erfurter Steigerwaldstadion, wo die Bälle schon vor Corona dauerhaft weggeschlossen wurden. Wie geht es weiter mit dem zweifachen DDR-Meister (wenn es denn weitergeht), das diskutieren wir mit zwei langjährigen Begleitern des Klubs. Hongkong stand zuletzt durch die Proteste gegen China im Blickfeld, die auch im Fußballstadion zu sehen waren. Im „Global Game“ blicken wir zurück auf die Geschichte einer der einflussreichsten Wiegen und Verteilpunkte des Fußballs in Asien, die immer eine Sonderrolle gespielt hat. Warum das bis heute so ist verrät uns ein internationales Groundhopper-Kollektiv, das enge Bindungen nach Hongkong hat.

Was sonst noch drin ist? Reportagen über Rot-Weiss Essen und Türkgücü München, die trotz Corona auf einen Aufstieg in die 3. Liga hoffen, ein Schattenspieler-Besuch beim VfB Fichte Bielefeld im Stadion Rußheide, ein Blick nach Buenos Aires, ein Blick in die Kleiderkammer von Eintracht Frankfurt, die Entdeckung eines lange gesuchten Lost Grounds in Braunschweig, jede Menge Infos zum Fußball unterhalb der beiden Bundesligen sowie eine lustige Wappenähnlichkeit zwischen dem FC Deisenhofen und Dinamo Kiew. Und natürlich noch ne Menge mehr.

Also: Jetzt Zeitspiel-Ausgabe 18 ordern und schon morgen die Ausgangsbeschränkungen für einen Ausflug in die Welt der Fußball-Zeitgeschichte nutzen!

Das Heft gibt es als Einzelheft (Auslandsbestellung), im Testabo oder gleich im Abo bzw. Förderabo. Wenn euch unsere Arbeit gefällt und ihr uns in diesen turbulenten Zeiten unterstützen mögt dann geht das am besten durch ein Abo (darf gerne auch verschenkt werden) sowie Werbung für uns. Teilt diesen Beitrag, erzählt eurer Community von Zeitspiel und helft dabei, dass wir bekannter werden. Den Rest machen wir dann.

Kommt gut durch die Tage, bleibt gesund und solidarisch!

Frank, Hardy und das ganze Zeitspiel-Team