ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

25. Mai 2017
von Hardy Gruene
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Fußball in Prag: Klobása, Pivo und ganz viel Fußballkultur

In unserer Reihe „Global Game“ stellen wir in Ausgabe 8 kein ganzes Land vor, sondern lediglich eine Stadt. Das aber ist eine ganz besondere: Prag. Hier ein paar Auszüge und Eindrücke aus und von den insgesamt zwölf Seiten im Heft.

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Zeitschriftenhandel. Infos und Bestellung hier

 

Global Game: Städtereise Prag

Keine Lust auf moderne Arenen mit all dem Schnickschnack, der im großen Fußball heute so unverzichtbar scheint? Mal wieder Fußball zum Anfassen, ganz unaufgeregt, alltäglich und riech- wie beißfest? Dann ist Prag die richtige Adresse! Prag bietet alles, was man sich als leicht nostalgischer Fußballfan nur wünschen kann. Eine Vielzahl von namhaften Vereinen auf engem Raum, Stadien mit Charakter und Geschichte, legendäre Spielergenerationen, ein fachkundiges Publikum, das mehr am Spiel als am Event interessiert ist und eine Verwurzelung der Vereine in ihren Stadtteilen, wie sie früher überall Usus war. Dazu kommen ein großartiger und kostengünstiger Nahverkehr, all die anderen touristischen Attraktionen, die Prag so zu bieten hat sowie natürlich die dort noch immer gelebte Fußball-Gourmetkultur aus Pivo und Klobása; Bier und Bratwurst.

„Vítám tì v Praze“ – willkommen in Prag!

Klobása, Pivo und viel Fußballkultur

Geschichte und Tradition wabern in Prag aus jeder Pore. Das gilt auch für den Fußball. Prag war eines der ersten brodelnden Fußballzentren in Mitteleuropa und schon vor dem Ersten Weltkrieg stilbildend. Aus jenen Tagen stammen der Ruhm der Slavia sowie der Sparta, und damals wie heute versuchten sich Klubs wie Bohemians oder Viktoria Žižkov daran, die beiden Großen gelegentlich zu ärgern. Als Fußball in Deutschland in den 1920ern allmählich zum Volkssport wurde, war er in Prag längst lebendiger Bestandteil der Alltagskultur, wurden bereits Kinofilme im Zusammenhang mit dem Fußball gedreht, trafen sich in den Kaffeehäusern Intellektuelle und diskutierten über die Chancen ihrer Teams.

Böhmens Leistungsfußball bestand damals aus einer besseren Stadtliga, an der ausschließlich Prager Mannschaften teilnahmen und die 1925 als eine der ersten in Europa auf Vollprofibedingungen umstellte. Auch international waren Prager Mannschaften führend und gewannen zwischen 1927 und 1938 drei Mal den Mitropa-Cup, so etwas wie der Vorläufer des Europapokals.

Die politischen Turbulenzen der 1930er-Jahre mit der Abtrennung des Sudetenlandes und der Zerschlagung der Tschechoslowakei 1938 war ein Einschnitt, von dem sich Prags Fußball nie wirklich erholte. Zumal die neue politische Führung nach dem Zweiten Weltkrieg alles grundlegend umkrempelte. Sämtliche Traditionsvereine verschwanden bzw. bekamen andere Namen. Zum neuen Star am Prager Fußballhimmel wurde Armeeklub Dukla, den abgesehen von Militärs und Parteikadern jedoch kaum jemand sehen wollte. Sparta, Slavia, Bohemians etc. blieben auch unter verfremdeten Namen die Lieblinge des Volkes.

Nach dem Ende des Staatssozialismus folgte 1992 mit dem erneuten – und diesmal dauerhaften – Auseinanderbrechen der Tschechoslowakei der nächste große Einschnitt. Er korrespondierte mit existenziellen Finanzproblemen vieler Klubs, den Umwälzungen im europäischen Fußball vor dem Hintergrund der Champions-League-Reform und einem schier endlosen Exodus der heimischen Fußball-Talente.

Heute ist Prag – Tschechien – wie so viele vergleichbare Städte bzw. Länder aus dem ganz großen Fußball ausgeschieden. Man ist nur noch zweite Wahl im Glitzerlicht der globalen Marken aus Madrid, London und München. Selbst der langjährige Vorzeigeklub Sparta Prag kann kaum noch mithalten und erreichte zuletzt 2004 das Achtelfinale der Champions League. Zuletzt gelang in der Europa League immerhin der Gruppensieg, unter anderem errungen durch ein 3:1 über Inter Mailand. Doch die nostalgische Rührung, die Besucher in Prags charaktervollen Fußballstadien fast unweigerlich überkommt, hat zweifelsohne auch eine bedrohliche Seite.

 

19. Mai 2017
von Hardy Gruene
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Fußballvereine und ihre Geldgeber

Spitzenfußball ist ohne externe Geldgeber nicht möglich. Das gilt nicht nur für die Gegenwart, das galt auch schon vor einem Jahrhundert. In unserem 40-seitigen Leitartikel in Ausgabe #8 gehen wir auf eine vielschichtige und aufregende Zeitreise durch die turbulente Beziehung zwischen Fußballvereinen und ihren Geldgebern. Zum Einstieg nachstehend ein paar Auszüge aus der gedruckten Ausgabe.

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Zeitschriftenhandel. Bestellungen über „Abo und Bezug“.

Gönner, Mäzene, Investoren. Fußballvereine und ihre Geldgeber

Geld macht den Unterschied. Im Fußball wie im „richtigen“ Leben. Wer es hat, dem bieten sich Möglichkeiten. Wer es nicht hat, der kämpft ums Überleben. Oder sucht sich einen Geldgeber. Besser noch: wird von einem Geldgeber gefunden. Dann wird alles gut, locken die großen Erfolge und schillernden Stars. Zumindest manchmal.

Denn die Zahl der Vereine, die an ihrem Ehrgeiz zerbrochen sind, ist groß. Geldgeber und Fußballvereine, das ist oft eine toxische Beziehung. Fragen Sie mal bei München 1860 nach.

Seit sich Unternehmen wie Red Bull, Volkswagen und SAP im großen Fußball tummeln, hat sich die Rolle externer Geldgeber verändert. Fußball ist von der Nische ins Zentrum gerückt. Im Fußball verbrennt man kein Geld mehr (wie es der klassische Mäzen über Jahrzehnte tat), im Fußball verdient man heute Geld. Fußball hilft, Produkte zu vermarkten und das eigene Unternehmen zu stärken. Das Engagement von Volkswagen beim VfL Wolfsburg dient vor allem zwei Zwecken: der Imagewerbung für den Autobauer und der Verbesserung der Lebensqualität für die Mitarbeiter und ihre Familien am Hauptstandort Wolfsburg; einer Stadt, die nicht zu den attraktivsten des Landes zählt.

Dass Geld im Spitzenfußball der entscheidende Unterschied ist, sorgt seit mehr als einem Jahrhundert für Gesprächsstoff unter Fans, Medien und Spielern. Die Auseinandersetzung um RB Leipzig ist insofern nur die aktuelle Variante einer Diskussion, die schon lange vor dem Ersten Weltkrieg begann. Spätestens als Fußball aus der Unschuld fröhlicher Freundschaftskicks gerissen wurde und sich ein Ligabetrieb mit Meistern, Aufsteigern und Absteigern entwickelte, wurde Fußball zum „Markt“ – und Märkte sind nun mal dem Gesetz von Angebot und Nachfrage unterworfen. Wer Erfolg haben will, braucht wirtschaftliche Stärke, und wer diese nicht hat, wird über kurz oder lang verdrängt.

Hartes Brot für Romantiker, denn Leistungsfußball wird dadurch zu einem Spagat gezwungen, den er gar nicht leisten kann. Einerseits soll er im strengen Wettbewerb bestehen und Erfolge feiern, andererseits authentisch bleiben. Für viele Fans ist Fußball ein mit Erwartungen und Hoffnungen vollgepumpter Sehnsuchtsort. Der eigene Verein repräsentiert eine idealisierte und „heile“ Welt, in der ausgeblendet wird, was das eigene Empfinden irritieren könnte. Eine an der Börse geführte Aktiengesellschaft kokettiert widerspruchslos mit dem Slogan „Echte Liebe“, ein Hauptsponsor aus einer umstrittenen Wirtschaftsregion eckt nur bedingt an einem Vereinsgeist an, der sich auf Kumpeltradition beruft und ein Steuersünder erhält kurz nach der Entlassung aus der Haft nahezu 100 Prozent Zustimmung bei der Wahl zum Klubpräsidenten. Fußballvereine genießen Freiheiten, die gewöhnlichen Wirtschaftsunternehmen oder Institutionen niemals zugestanden würden.

Die Verbindung zum Fußballverein ist eben in erster Linie eine emotionale und das Thema „Geldgeber“ ein brisantes. Es erschüttert jeden Fan tief in der Seele und kollidiert auch schon mal mit dem eigenen Weltbild. Darin unterscheiden sich der millionenschwere Champions-League-Teilnehmer, der ambitionierte Viertligist oder der aus der Kreisklasse strebende Dorfverein kaum. Das Warten auf den „reichen Onkel“, der sich des eigenen Klubs annimmt und ihn mit ein paar Tausendern oder auch Millionen aufpäppelt, ist liga- wie millieuübergreifend anzutreffen. Zwar ist die Zerrissenheit, die das hervorruft, bei Klubs wie München 1860 oder Schalke 04 deutlicher zu spüren als in Hoffenheim oder Leipzig. Insgesamt aber gilt, dass die Bereitschaft, unangenehme Entwicklungen hinzunehmen, wohl nirgendwo größer ist als im Fußball. Und was bleibt dem Fan auch? Wo er beim Konsumprodukt zur Konkurrenz greifen könnte, wenn die eigenen ethischen Maßstäbe nicht (mehr) erfüllt werden, ist dies im Fußball nicht möglich. Soll der Schalker etwa zum Dortmunder werden oder der Sechz’ger zum Bayern-Fan?

Mit dieser einzigartigen Kombination von hochemotionaler, treuer Verbundenheit und knallhartem Kommerz ist der Fußball sowohl Novum wie Schattenwelt. Ihm gelingt, woran Marketingexperten aus aller Welt regelmäßig scheitern: eine Verbindung zwischen Herz und Geldbörse.

 

Im weiteren Verlauf des Heftes rücken wir der Beziehung zwischen Geldgebern und Fußballvereinen zunächst historisch auf den Leib. Dazu gibt es zahlreiche Fallbeispiele. Nachstehend der Zeitraum bis 1920, in dem die Grundlagen für die Beziehungen zwischen Geld und Sport gelegt wurden.

 

Wenn „Kanonen“ wechseln

Geld und Fußball begannen ihre ewige Liaison zur Jahrhundertwende, als nach Einrichtung eines Ligaspielbetriebs ambitionierte Klubs mit verlockenden Zuwendungen talentierte Spieler anderer Vereine abwarben. „Ziehen“ oder „keilen“ nannte man das damals – und sorgte für Erregung gegenüber den abwerbenden Klubs, die keinerlei Respekt vor der Vereinszugehörigkeit, damals quasi in Stein gemeißelt, hatten. Zunächst ging es nur um erlassene Mitgliederbeiträge oder freies Essen und Trinken im Klubheim. Schon bald aber wurden erste „Handgelder“ bezahlt, bei der Vermittlung einer günstigen Wohnung oder eines attraktiven Arbeitsplatzes geholfen, wenn eine „Kanone“ (so der zeitgemäße Begriff für „Spitzenspieler“) die Trikotfarben wechselte.

Profitum bringt die ersten Mäzene

Vorbild war Großbritannien. Dort entwickelte sich schon in den 1880er-Jahren ein regelrechter Transfermarkt, wechselten zahlreiche schottische Fußballer nach England, wo es attraktives Geld zu verdienen gab. In der Textilstadt Preston entstand Mitte der 1880er-Jahre eine Mannschaft, die den Beinamen „The Invincibles“ (Die Unbezwingbaren) erhielt und der neben sechs Schotten und einem Waliser lediglich zwei aus Preston stammende Akteure angehörte. Geködert worden waren die „Legionäre“ durch nominelle Arbeitsplätze in der örtlichen Baumwollindustrie.

Basis war der Profifußball, dessen Vorkämpfer in den frühen 1880er-Jahren der nur kurzzeitig bestehende Klub Blackburn Olympic gewesen war. Das vor allem mit Fabrikarbeitern bestückte Team gewann 1883 den FA-Cup und beendete damit die Epoche der reinen Amateurmannschaften, die häufig mit Bildungseinrichtungen verbunden waren. Auch in Blackburn hatte man seinen Spielern arrangierte Jobs sowie Vorteile im Alltagsleben verschafft. 1885 gab die FA widerwillig das Profitum frei, und 1888/89 nahm die erste Fußballliga der Welt ihren Spielbetrieb auf.

Getragen wurde das Profitum durch innovative Geschäftsmänner und Großindustrielle; in der Regel Fabrikbesitzer, die in einer erfolgreichen Fußballmannschaft ein geeignetes Werkzeug sahen, die Bindung der Arbeiter an ihr Unternehmen zu festigen. Eine Konsequenz aus der Industriellen Revolution, in deren Verlauf viele Städte im nordenglischen Industriegürtel rasant angewachsen waren. Den aus dem ländlichen Raum stammenden Neubewohnern fehlte es jedoch an emotionalem Halt im neuen Lebensmittelpunkt, der mit seiner industriellen Taktung und den dichtgedrängten Wohnverhältnissen stark gewöhnungsbedürftig war. Über den Fußballklub glückte diese Bindung, trugen die Investitionen in die Vereine also insofern „Rendite“, als die Zuzügler sesshaft wurden und sich ein Sozialleben um die Vereine entwickelte.

Erfolgsrezept: Verbindung zum vermögenden Bürgertum schaffen

Während Englands Topvereine über das Profitum schon früh auch wirtschaftlich ausgerichtet waren und in ihren Strukturen an Unternehmen erinnerten, war die Vereinslandschaft im Deutschland der Jahrhundertwende geprägt von Gemeinschaften, die vornehmlich Sport treiben und die Geselligkeit fördern wollten. Dennoch schälten sich auch im Reichsgebiet bald erste Vereine heraus, die den Fußball unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachteten und sich entsprechend strukturierten. Der erste deutsche Meister VfB Leipzig (1903) beispielsweise war ein für seine Zeit hochmodern geführtes Fußballunternehmen, das einen enormen Ehrgeiz an den Tag legte. Das Leipziger Meisterteam war Stück für Stück zusammengestellt worden, bis es die stärksten Balltreter der Stadt vereinte.

Auch in Kiel und Karlsruhe ging man schon in den Nullerjahren strategisch vor. In beiden Städten war es das gebildete Bürgertum, das sich im Fußball engagierte. Durch gesellschaftliche Verbindungen zu Geldgebern aus der Kaufmannsgilde konnten einerseits Finanzmittel akquiriert werden, mit denen man talentierte Spieler anderer Klubs anlockte, während es andererseits gelang, Fußball in der Mitte des gesellschaftlichen Lebens vor Ort zu verankern – Grundvoraussetzung für seinen weiteren wirtschaftlichen Aufschwung. Elementar dafür war wiederum der Bau eines eigenen Sportplatzes mit einer „gedeckten“ (= überdachten) Tribüne, auf der die finanzkräftige Lokalprominenz im Trockenen saß und sich auch bei schlechtem Wetter nicht die Schuhe dreckig machte. Vereine wie Karlsruher FV, Holstein Kiel oder SpVgg Fürth verschafften sich dadurch eine stabile lokale Unterstützung, die sich in sportlichen Erfolgen auszahlte, was wiederum das Standing vor Ort weiter verbesserte. Holstein Kiel konnte so bereits 1910 zwei dänische Nationalspieler verpflichten, die das sportliche Niveau der Mannschaft heben sollten.

Steigbügelhalter beim Aufstieg der SpVgg Fürth war der Sportpark Ronhof, der seiner Zeit voraus war.

Wirtschaftliche Strukturen waren für die Spitzenklubs spätestens mit der Ausweitung des Ligaspielbetriebs auf großräumige Spielklassen unabdingbar. 1907 wurde in Süddeutschland eine Liga eingerichtet, die den Großraum Mannheim-Karlsruhe-Freiburg-Stuttgart abdeckte und die beteiligten Vereine damit vor erhebliche Herausforderungen stellte. 1909 startete im Westen eine ähnliche Spielklasse, und 1913 hob man in Norddeutschland eine „Verbandsliga“ aus der Taufe, die die räumlichen Dimensionen der heutigen Regionalliga Nord hatte. Regelmäßige Ligaspiele zwischen Holstein Kiel und Eintracht Braunschweig oder dem Freiburger FC und dem VfR Mannheim mit längeren Bahnfahrten und sogar Übernachtungen waren allein durch Mitgliederbeiträge und Zuschauereinnahmen jedoch nicht refinanzierbar, weshalb es externe Geldgeber brauchte. Das waren in der Regel aus der Kaufmannsgilde stammende Männer, die altruistische Gründe antrieben und die im Gegenzug über die Vereine für ihre Betriebe warben.

Neben dem wachsenden Kostenapparat war es die zunehmende Attraktivität des Fußballs auf das zahlende Publikum, die eine Kommerzialisierung nach sich zog. Zunächst waren es Gaststätten und Brauereien, die Verbindungen mit Klubs eingingen, von der beide Seiten profitierten: Die Gaststätten erhielten über Vereinsveranstaltungen feste Termine mit planbaren Umsätzen, die Vereine konnten ihre Ausrüstung (Tore, Bälle etc.) unter der Woche unterstellen und durften „Sitzungszimmer“ nutzen bzw. gestalten. Auch Medien entdeckten früh die öffentliche Wirkung des Fußballs. 1907 stiftete der Verleger des „Frankfurter Generalanzeigers“ einen Wanderpokal, und in Wien hatte das „Neue Wiener Tageblatt“ 1900 sogar die Grundlage zu einem ersten Ligaspielbetrieb gelegt.

Davon wiederum profitierten in erster Linie die attraktiven Topklubs, womit sich die Schere zwischen „armen“ und „reichen“ Klubs allmählich öffnete.

FALLBEISPIELE

Preston North End

William Suddel war ein entschlusskräftiger und visionärer Mann. 1850 in der nordenglischen Textilstadt Preston geboren, hatte er diverse Sportarten ausprobiert und war schließlich beim Fußball gelandet. Ab 1878 kickte er für den lokalen Klub Preston North End. Sein Talent war jedoch überschaubar, und so wechselte er rasch auf den Vorstandsposten des Vereins und wurde zum Geburtshelfer des Profifußballs. 1883 reiste er nach Schottland und brachte mehrere Spieler aus Glasgow mit, denen er in Preston attraktive Jobs in der von ihm als Manager geleiteten Baumwollspinnerei verschaffte. Die Spieler standen dort zwar auf dem Gehaltszettel, mussten aber nicht in Vollzeit arbeiten. Außerdem gab es Handgelder. Nach Prestons Sieg im FA-Cup-Finale 1884 gegen Upton Park kam es zu Protesten der Amateurverfechter gegen diese Praxis, woraufhin die FA über Sanktionen nachdachte. Gemeinsam mit William McGregor von Aston Villa mobilisierte Sudell daraufhin rund 30 Vereine vor allem aus Nordengland und drohte mit der Gründung eines Profiverbandes. Nach der erstrittenen Freigabe des bezahlten Fußballs verfolgten McGregor und Sudell umgehend ihr nächstes Ziel: die Einführung eines Spielbetriebes mit „regelmäßigen Paarungen“. 1888 nahm „The Football League“ in zunächst einer Klasse ihren Spielbetrieb auf und eröffnete das Zeitalter des Ligafußballs. Sieben Jahre später stellte sich heraus, dass Sudell mehr als 5.000 Pfund aus der von ihm geleiteten Baumwollspinnerei veruntreut hatte, um sein Team zu finanzieren. Ein Gericht verurteilte ihn zu drei Jahren Gefängnis, hielt aber anerkennend fest, dass er die Tat nicht zur persönlichen Bereicherung begangen habe. Nach seiner Freilassung emigrierte Sudell nach Südafrika, wo er 1911 an Lungenentzündung starb.

Karlsruher FV

Dass Leistungsfußball und Amateurgedanke nicht wirklich harmonieren, erkannte man beim Karlsruher Pionierklub KFV schon sehr früh. Bereits vor der Jahrhundertwende präsentierten sich die Rot-Schwarzen sowohl ambitioniert als auch erfolgreich. Im Bürgertum verankert, vermochte der Klub dank einiger zahlungskräftiger Mitglieder Mittel zu generieren, die es ihm 1905 ermöglichten, an der Telegrafenkaserne ein seinerzeit hochmodernes Stadion zu errichten. Dazu gehörte nicht nur eine gedeckte Tribüne sondern auch ein Sanitärtrakt mit Duschen (damals ein absolutes Novum!), was den KFV zu einer noblen Adresse werden ließ. Mit William Townley verpflichtete man zudem einen renommierten englischen Fußball-Lehrer, der zuvor erfolgreich beim DFC Prag gewirkt hatte. 1.000 Goldmark wurden dafür fällig. Der „Verein konnte dies wagen, weil ein opferbereiter, vertrauensvoller Mitgliederstamm vorhanden war, der […] das Risiko einer Traineranstellung bejahte“, heißt es in den Quellen. Unter seiner Führung entwickelten sich bis zum Ersten Weltkrieg sieben Nationalspieler und verhalfen dem Verein 1910 zum Gewinn der Deutschen Meisterschaft.

Berliner BC

Ganze 18 Jahre bestand der 1903 gegründete Berliner Ballspiel-Club – und doch steht er für eine Epoche, in der sich Fußball grundlegend veränderte. Gründer waren abtrünnige Mitglieder des noblen Berliner FC Preussen, dessen Klubführung darauf bestand, keinerlei finanzielle Entschädigung oder Prämien an seine Spieler zu zahlen. Einige Akteure riefen daraufhin mit dem BBC einen Klub ins Leben, in dem die finanziellen Mittel spürbar freier flossen – natürlich „unter der Hand“ bzw. „schwarz“. Wie ein frühes Real Madrid lief man in schneeweißer Spielkleidung mit schwarzen Stutzen auf, erklomm 1904 Berlins höchste Liga und gewann 1914 die Stadtmeisterschaft. In der anschließenden Endrunde um die Deutsche Meisterschaft unterlagen die liebevoll „Babies“ genannten BBCler erst im Halbfinale dem späteren Meister SpVgg Fürth. Nach dem Ersten Weltkrieg war es mit der Herrlichkeit vorbei. Schwarz bezahlter Fußball wurde nun Usus (allerdings noch immer nicht beim Stammverein BFC Preussen), und der BBC hatte weder eine geografische Heimat noch einen stabilen Rückhalt in Berlin. Über verworrene Fusionswege finden sich seine Spuren heute im Regionalligisten FC Viktoria 89 wieder.

Vereinigte Breslauer Sportfreunde

1910 übernahm der jüdische Kaufmann und Kunstsammler Leo Levin den Vorsitz über den SC 04 Breslau, der kurz zuvor in die höchste Spielklasse aufgestiegen war. Levins Vision war der Aufbau eines Spitzenklubs, der den Fußball in Breslau revolutionieren und auch auf Reichsebene mithalten können sollte. Nach Umbenennung des Vereins in Breslauer Sportfreunde lockte er im Oktober 1912 mit Camillo Ugi einen renommierten deutschen Nationalspieler nach Breslau, indem er ihm eine Werkstatt für Kinomaschinen einrichtete. Mit Ugi wurden die Sportfreunde 1913 erstmals Meister von Breslau. Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zum Anschluss des Stadtrivalen SC Preußen, und bis weit in die 1920er-Jahre dominierten die Sportfreunde den Fußball in Schlesien. Die Verbindung zwischen Klub und Levins Textilfabrik waren vielfältig und schlussendlich folgenschwer: Als das Unternehmen 1927 in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, stürzten auch die Sportfreunde ab. Vor dem Hintergrund des politischen Stimmungswechsels in Deutschland emigrierte die Familie Levin in den 1930er-Jahren nach London.

SpVgg Fürth

Am Fürther Ronhof begann Mitte der Nullerjahre der Aufstieg eines Klubs, der ursächlich von der Konkurrenz zwischen Nürnberg und Fürth angetrieben war. Um mit dem dominierenden „Club“ aus der größeren Nachbarstadt mithalten zu können, heuerten die Kleeblätter 1908 Verteidiger Karl Burger vom TV 1876 Augsburg an, der sich mit seiner stämmigen Gestalt zur Fürther Galionsfigur aufschwang. Der Lohn: Im November 1910 gelang der erste Sieg über den FCN. Die wirtschaftliche Basis des modernen und ambitionierten Vereins war seine große Mitgliedschaft. Bis 1914 sollte die SpVgg Fürth zum mit über 3.000 Mitgliedern größten Sportverein in Deutschland aufsteigen. Das verschaffte ihr ein Finanzpolster, mit dem sie sich eine moderne Infrastruktur schuf. Im September 1910 eröffnete mit dem Ronhof Deutschlands damals größte und modernste Spielstätte, die mit ihrer überdachten Sitzplatztribüne nicht nur die Clubberer vor Neid platzen ließ, sondern dem Klub vor allem Zugang zu einflussreichen und zahlungskräftigen Kreisen verschaffte. Finanziert wurde der 30.000 Mark teure Bau durch Anteilsscheine der Mitglieder, wobei eine lokale Brauerei das Geld als Darlehen komplett vorstreckte. 1911 lockte die Spielvereinigung mit William Townley den renommiertesten englischen Fußball-Lehrer Deutschlands jener Tage von Karlsruhe nach Franken. Townley brachte KFV-Nationalspieler Julius Hirsch mit und führte die Spielvereinigung 1913 erstmals zur Deutschen Meisterschaft.

 

Neugierig geworden? Den Rest des Leitartikels gibt es in der aktuellen Ausgabe. Zu beziehen über „Abo und Bezug“.

Unsere weiteren Themen in Ausgabe 8

Legende: Viktoria Köln
Global Game: Städtereise Prag
Gästekurve: FC 08 Homburg/Saar
Überleben im Turbokapitalismus: Die verschiedenen Regionalliga-Modelle
Unterwegs: Afrikacup 2017 in Gabun
Lost Grounds: Weidenpescher Park, Köln

… sowie die üblichen Rubriken wie Zeitspiel International, Willmanns Kolumne, Krisensitzung, Neues aus dem Unterbau, Wappenstube, Eintagsfliege, Abstauber, Echte Liebe, Collectors Corner, Nacdelkissen, Singing Area, Unverzichtbares Wissen, Buchmacher, Stimme aus dem Kuchenblock etc.

17. Mai 2017
von Hardy Gruene
Keine Kommentare

Zeitspiel-Ausgabe #8 ab sofort erhältlich

Da ist sie, unsere achte Ausgabe mit dem Schwerpunktthema „Gönner, Mäzene, Investoren – Fußballvereine und ihre Geldgeber“.

Frisch aus der Druckerei, sind die Hefte bereits an Abonnenten und Vorbesteller unterwegs und sollten demnächst in euren Briefkästen ankommen.

Unsere Themen diesmal:

Leitartikel: Gönner, Mäzene, Investoren. Fußballvereine und ihre Geldgeber
Legende: Viktoria Köln
Global Game: Städtereise Prag
Gästekurve: FC 08 Homburg/Saar
Überleben im Turbokapitalismus: Fokus auf die diversen Regionalliga-Modelle
Unterwegs: Afrikacup 2017 in Gabun
Lost Grounds: Weidenpescher Park, Köln

… sowie die üblichen Rubriken wie Zeitspiel International, Willmanns Kolumne, Krisensitzung, Neues aus dem Unterbau, Wappenstube, Eintagsfliege, Abstauber, Echte Liebe, Collectors Corner, Nacdelkissen, Singing Area, Unverzichtbares Wissen, Buchmacher, Stimme aus dem Kuchenblock etc.

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Zeitschriftenhandel. Infos und Bstellung hier

3. Mai 2017
von Hardy Gruene
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Ausgabe #8 nun im Druck

Es ist vollbracht! Der letzte Buchstabe ist getippt, die finale Korrektur vorgenommen. Nun rotieren die Druckmaschinen, ist Zeitspiel-Ausgabe #8 auf ihren finalen Weg. Die Auslieferung der Hefte an Abonnenten und Einzelheftbesteller erfolgt in der zweiten Hälfte der kommenden Woche; Mitte des Monats sollten sie dann in Euren Briefkästen eintrudeln (ins Ausland dauert der Postweg wie immer etwas länger).

In unserem Leitartikel geht es diesmal um den recht zeitlosen Komplex „Fußballvereine und ihre Geldgeber“, der uns einige Erinnerungen aber auch diverse Überraschungen beschert hat. Von wegen „früher war alles besser“… 😉 Unsere weiteren Themen sind:
Global Game: Städtereise Prag
Überleben im Turbokapitalismus: Quo vadis Regionalligen?
Fankurve: FC 08 Homburg
Legende: FC Viktoria Köln 1904 e.V.
Zeitspiel Unterwegs: Afrika-Cup Gabun 2017
Lost Grounds: Weidenpescher Park, Köln
und die üblichen Rubriken wie Krisensitzung, Neues aus dem Unterbau, Abstauber, Singing Area, Zeitspiel International, Buchmacher, Collectors Corner, Willmanns Kolumne etc.

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Handel. Infos und Bestellungen http://www.zeitspiel-magazin.de/wir-fuer-euch-abo-und-bezug

26. April 2017
von Hardy Gruene
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„Gönner, Mäzene und Investoren – Fußballvereine und ihre Geldgeber“

Fußballvereine und Geldgeber – das ist das Thema unseres Leitartikels in Ausgabe 8, mit der wir uns gerade auf der Zielgeraden befinden (Auslieferung Mitte Mai).

Fußball und Geld ist kein neues Thema, ebensowenig wie Gönner, Mäzene und Investoren neue Phänomene im Fußball sind. Das Umfeld allerdings hat sich über die Jahrzehnte immer wieder verändert und angepasst. Unsere Reise durch die Welt der Geldgeber im Fußball beginnt lange vor dem Ersten Weltkrieg und führt direkt in die aktuellen Diskussionen um Projekte wie RBL und TSG Hoffenheim.

Weitere Themen im Heft:
Legende: Viktoria Köln
Global Game: Städtereise Prag
Zeitspiel unterwegs: Afrika-Cup 2017
Fankurve: FC 08 Homburg
Überleben im Turbokapitalismus: Quo vadis Regionalligen?
sowie die üblichen Rubriken wie Singing Area, Collectors Corner, Abstauber, Neues aus dem Unterbau, Krisensitzung, Zeitspiel International etc.

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Zeitschriftenhandel. Infos und Bestellungen