ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

14. Dezember 2018
von Hardy Gruene
Keine Kommentare

KLARTEXT: Von Insolvenzen und anderen Pleiten – der Fall Viktoria 89

Von Hardy Grüne

Es ist wie in jedem Jahr. Kurz vor Weihnachten klaffen bei vielen Vereinen plötzlich eklatante Etatlücken, wächst die Insolvenzgefahr. Beim FSV Zwickau sind es irgendwas zwischen 550.000 und 740.000 Euro, beim 1. FC Kaiserslautern spricht man von zwölf Millionen und aus Braunschweig kommen sehr unterschiedliche Signale. Der Insolvenzticker läuft mal wieder auf Hochtouren.

Und dann sind da noch Fälle wie TV Herkenrath, Wattenscheid 09 oder Viktoria 89 Berlin. Vereine, die sich in die fürsorglichen Hände von Geschäftsleuten begaben, die ihnen schöne bunte Bilder von einer Zukunft im Rampenlicht ausgemalt haben. Und dann die Lust verloren. Herkenrath, ein Ort, von dem außerhalb von Bergisch-Gladbach vermutlich niemand etwas gehört hat, dürfte im besten Fall die laufende Saison noch überstehen und dann zu einem Neustart irgendwo auf Bezirks- oder gar Kreisebene aufrufen. Jener Geldgeber, der den kleinen Klub binnen weniger Jahre aus den Niederungen der Kreisebene bis in die Regionalliga West geführt hat, verlor die Lust, und ohne ihn ist in Herkenrath alles nichts. Es steht aber nicht zu befürchten, dass man dort nun in großes Wehklagen ausbrechen wird – dem Heimspiel gegen Köln II wohnten handgezählte 80 Zuschauer bei.

Etwas anders sieht es in Wattenscheid oder Berlin aus. Der frühere Bundesligist Wattenscheid 09 kündigte im Sommer die bevorstehende Rückkehr in die Bundesliga an, nachdem er einen Deal mit einem Technologie-Startup unterzeichnet hatte. Das versprach u. a. eine Fan-App, mit der sich der geneigte Wattenscheid-09-Anhänger seine Halbzeitbratwurst auf die Tribüne liefern lassen konnte. Bevor es richtig losging, kam es jedoch zum Bruch, und nun sind Wattenscheids Kicker schon seit Wochen ohne Bezahlung, wartet man eigentlich nur noch auf den Zeitpunkt des Insolvenzantrags.

Gestern nun Viktoria 89 Berlin. Einer dieser sogenannten „Traditionsvereine“. Ein Begriff, der seine Unschuld verloren hat und zum Kampfbegriff zwischen Traditionalisten und Modernisten wurde. Viktoria 89 wurde 1908 und 1911 Deutscher Meister. Da darf man sich durchaus Traditionsverein nennen. Zugleich ist das aber auch schon ein paar Tage her, und Zeitzeugen dürfte es keine mehr geben. Als Viktoria 89 1982/83 zum letzten Mal vor seiner aktuellen Renaissance in der Oberliga Berlin kickte, lockte man pro Spiel 92 Zahlende an. Irgendwie lag die Tradition da wohl brach.

Auch Viktoria will dennoch nach oben. Dafür gab es zunächst eine Fusion mit einem der größten Nachwuchsvereine Deutschlands. Viktoria 89 lieferte den Namen, Fusionspartner Lichterfelde die Basis. Die Regionalliga wurde erreicht und gehalten. Für den nächsten Schritt suchte man einen „Partner“; sprich einen Investor. Und wurde fündig in … Hongkong. Plötzlich winkte das dicke Geld, war von 90 Millionen Euro die Rede. Neues Stadion, Ausgliederung als Kapitalgesellschaft, Berlins künftige Nummer 3, Perspektive Nummer 2, Nachwuchshochburg. The sky is the limit. Als Vorbilder wurden Hoffenheim und RB Leipzig genannt. Sympathie beim Fanvolk brachte das nicht. Viktoria wurde zum Retortenverein im Traditionsgewand.

Gestern nun kam die Meldung, dass der Partner aus Hongkong vorzeitig die Lust verloren hat und man deshalb einen Insolvenzantrag stellen müsse. Begründung des Vereins: „Aufgrund ausbleibender Zahlungen des chinesischen Investors, der Advantage Sports Union Ltd. (ASU), Hongkong, ist der Verein nicht mehr in der Lage, die auflaufenden Verbindlichkeiten zu decken. Zum Schutz des Vereins war es die unvermeidliche Pflicht des Vorstands, diesen Insolvenzantrag einzureichen.“

Mein Bedauern hält sich in Grenzen. Wer sich in die Hände des Raubtierkapitalismus begibt, muss damit rechnen gefressen zu werden. Viktoria ist ein weiteres Opfer dieser an Verzweiflung grenzenden Aktivitäten, seinen Verein an den längst auch in der vierten Liga grassierenden Turbokapitalismus anzupassen, indem man sich dem Motto „Mehr Geld, mehr Geld, mehr Geld“ unterwirft. Dabei ist die Schraube auch in der Regionalliga längst überdreht.

Bezahlen muss für das finanzielle Harakiri die Basis. Viktoria 89 hat 70 Mannschaften im Spielbetrieb. Während die hochdotierten Regionalligaspieler anderswo unterschlüpfen werden, ist der Spielbetrieb für alle Teams nun gefährdet. Keine Sorge, er wird gerettet werden, da habe ich keine Zweifel. Und das ist auch gut so. Aber wie sieht es mit der Verantwortung aus? „Nunmehr heißt es für unsere große Viktoria-Familie noch enger zusammenzurücken und unseren Traditionsverein für die Zukunft neu aufzustellen. Wir setzen dabei auf euer Vertrauen und wünschen uns, dass wir alle gestärkt aus dieser Situation hervorgehen“, fordert die Führung des FC Viktoria 89 die Mitglieder auf. Dieselbe Vereinsführung, die den Klub mit dem von Anfang an dubiosen Deal erst in die Gefahr gebracht hat. Unnötig in Gefahr gebracht hat?

Fußball ist nicht nur „ganz oben“ aus dem Ruder gelaufen. Super League, 48er-WM, absurde Prämien. Nie war „Brot und Spiele“ so real wie aktuell. Fußball ist auch auf der so romantisierten „Amateurebene“ längst aus dem Ruder gelaufen. Vereine wie Wattenscheid oder Viktoria Berlin werfen sich Spekulanten an die Brust und zerbrechen, wenn sie fallengelassen werden. In Zwickau, Chemnitz, Kaiserslautern etc. ruft man nach der öffentlichen Hand, um den nach jahrelanger Misswirtschaft angehäuften Scherbenhaufen wegzukehren oder redet von „Planinsolvenz“, um die Schulden loszuwerden und bei null anfangen zu können.

Wie wohltuend da der VfB Eichstätt, aktueller Tabellenführer der Regionalliga Bayern. Er verkündete gestern, auf den Aufstieg in die 3. Liga verzichten zu wollen. Wirtschaftlich sei das für den Verein nicht machbar. Als ich das in meinem „Insolvenzticker“ mit „Respekt VfB Eichstätt“ bedachte, kommentierte jemand „ein weiteres Zeichen, dass die Regionalliga Bayern weg muss. Wir brauchen Vereine, die auch aufsteigen wollen“. Keine Frage, der Druck auf die Vereine geht auch von uns aus. Ein Umdenken ist überfällig. Auf allen Ebenen.

13. Dezember 2018
von Hardy Gruene
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Zeitspiel Ausgabe #13: Wendejahre!

Diesmal war die Wartezeit etwas länger – dafür gibt es jetzt erstmals ein Buch über den Fußball in Montevideo in deutscher Sprache! -, doch nun ist es soweit: Zeitspiel-Ausgabe #13 ist da!

Im Leitartikel setzen wir uns diesmal über gleich 46 Seiten mit den Wendejahren 1989 bis 1991 auseinander – drei der wohl spannendsten und folgenreichsten Jahre in der jüngeren deutschen Fußballgeschichte. Dabei geht es u.a. um DFV und DFB, Hansa Rostock, die DDR-Nationalmannschaft, Stahl Brandenburg, den 1. FC Union Berlin, den 1. FC Magdeburg, die Fußball-Woche Berlin, Energie Cottbus, Stahl Eisenhüttenstadt, BFC Dynamo, FC Sachsen bzw. BSG Chemie Leipzig, Kali Werra Tiefenort und SVA Bad Hersfeld, Hooligans, eine gescheiterte DFB-Ligareform, die angehende DFL-Gründung sowie die schönsten Namen aus 40 Jahren DDR-Fußballgeschichte.

Weitere Themen im Heft: Fahnenstreit bei Tennis Borussia Berlin, Bezahlpolitik im unterklassigen Fußball, die Rückkehr von Nîmes Olympique, das Hermann-Neuberger-Stadion in Völklingen, das Moselstadion in Trier, Glanz, Gloria und Gegenwart beim TSV Schwaben Augsburg, die wahre Legende Rot-Weiss Essen, Fußball in Montevideo und vieles mehr.

Bestellung als Einzelheft oder gleich als Abo (zum Beispiel ein sich nicht selbst verlängerndes Probeabo aus zwei Heften).

7. Dezember 2018
von Hardy Gruene
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Weihnachtsaktion: 2 Hefte plus Tasse = 20 Euro

Wir haben ein kleines Weihnachts-Geschenkpaket für euch geschnürt!

Es enthält zwei bereits erschienene Ausgaben (#3 bis einschließlich #12, auswählen dürft ihr selbst) plus einen unserer formidablen Fußballtraditionalist-Bekenntnis-Kaffeebecher für alles zusammen schlappe 20 Euro bzw. 25 Euro im Ausland.
Bestens geeignet, um sich selbst zu beschenken oder aber anderen eine kleine Weihnachtsfreude zu bereiten. Ab sofort bis zum Heiligen Abend hier zu bestellen.

2. Dezember 2018
von Hardy Gruene
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KLARTEXT: Afrikameisterschaft 2019: der verkappte Machtkampf

Kamerun wird der Afrika-Cup 2019 entzogen – die späte Revanche des neuen CAF-Präsidenten

Von Olaf Jansen

Am Freitag tagte die Spitze des Afrikanischen Fußballverbandes (CAF) in Ghanas Hauptstadt Accra. Die Führungsriege um Präsident Ahmad Ahmad hatte sich verabredet, um endgültig zu entscheiden: Kann Kamerun tatsächlich die Endrunde des Afrika-Cups 2019 im kommenden Sommer ausrichten? Das Ergebnis lautete – wie von Insidern schon seit langem vorhergesagt – „Nein!“. Kamerun ist offiziell die Austragung entzogen worden. Ein Ersatzland soll noch in diesem Kalenderjahr bestimmt werden.

Die Spatzen pfeifen schon lange von den Dächern, dass dies Marokko sein dürfte. Ägypten und Südafrika sind auch im Gespräch. In allen drei Ländern ist die notwendigge Infastruktur schon vorhanden. Aber: Marokko liegt politisch vorn. Das Königreich bewirbt sich schon seit langem darum, nächster afrikanischer WM-Ausrichter zu werden. Und wird in diesem Unterfangen massiv von Ahmad und seinen Leuten unterstützt. Mit der kurzfristigen Ausrichtung des Afrika-Cups kann man der FIFA-Welt beweisen: Wir können Groß-Veranstaltungen.

Die andere Seite für das Aus von Kamerun ist in der ganz persönlichen Biografie von Caf-Präsident Ahmad Ahmad zu finden. Es war im März 2017, als sich der Mann aus Madagaskar – für Außenstehende völlig überraschend – bei den Präsidentschaftswahlen gegen Platzhirsch Issa Hayatou aus Kamerun durchsetzte. Vorausgegangen war eine kurze, aber heftige Schlammschlacht.

Als Hayatou 2016 bemerkte, dass ihm in Ahmad erstmals im Laufe seiner 29jährigen Amtszeit ein echter Herausforderer gegenüberstand, reagierte er wie immer: Er schickte seine Kavallerie los. Den Aufmüpfigen mundtot zu machen, war der Auftrag für Hayatous korrumpierte Entourage, die stets von Hayatous Prinzip des Geben/Nehmens profitiert hatte.

Es erwischte also Ahmeds Heimatland Madagaskar, das kurzerhand die Ausrichtung der U17-Afrika-Cup 2017 entzogen wurde. Zudem wurde Ahmad aus dem CAF-Exekutivkomitee geworfen. Doch zu spät: Auch mit der Unterstützung des neuen FIFA-Präsidenten Gianni Infantino hatte sich Ahmad selbst schon genügend Verbündete für einen Wechsel gesichert. Neue Transparenz und Anti-Korruptionseinheiten sollten den Knoten der jahrelangen persönlichen Bereicherungen in Afrikas Fußball zerschlagen.

Mit 39:20 Stimmen setzte sich der Reformer in den Wahlen 2017 gegen Hayatou durch. Und in Kamerun wusste man an diesem Tag: Das wird eng mit der Ausrichtung des Afrika-Cups 2019. Die Neuen würden wahrscheinlich genau hinschauen, ob man die bereitgestellten Gelder für den Ausbau der Infrastruktur auch tatsächlich sachgerecht verwendet hatte. Und tatsächlich kam noch im Frühsommer 2017 bereits die Gelbe Karte für Kamerun. Ein Vor-Ort-Untersuchungsausschuss der neuen CAF-Spitze hatte „beträchtliche Mängel“ beim Stand der Turniervorbereitungen ausgemacht.

Nun ist der Cup für Kamerun also weg, Ahmad und seine Leute haben sich etwas verspätet für Madagaskars Entzug des U17-Turniers revanchiert. Das einzig Überraschende daran ist eigentlich der späte Zeitpunkt. Man hätte dies auch bereits vor 12 Monaten so sagen können. Und fast tragisch ist das Ganze für die fußballverrückten Menschen in Kamerun. Die haben sich schon so lange drauf gefreut, auf das Turnier hingefiebert. Sie wieder einmal die Leidtragenden von politischen Ränkespielen und von Unfähigkeit eigener Politiker und Fußballfunktionäre. Sie sind nicht die ersten Opfer dieser Art in Afrika.

Olaf Jansen berichtet seit vielen Jahren vom Fußball aus Afrika und von den Afrikameisterschaften. Zur Historie des Turniers hat er gerade ein fast 600 Seiten starkes Buch vorgelegt, das für 19,90 Euro hier zu erwerben ist.

1. Dezember 2018
von Frank Willig
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Nummer 13 ist erschienen!

Unsere „Wendejahre-Ausgabe“ #13 ist aus der Druckerei gekommen und geht kommende Woche auf die Reise in die Briefkästen unserer Abonnenten und Vorbesteller! Wer mit an Bord sein möchte, kann sich mit einem Klick auf den nebenstehenden blauen Shop-Button über unser neues Heft informieren und bei Appetit natürlich auch ordern.