ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

25. Mai 2016
von Hardy Gruene
Keine Kommentare

Zeitspiel „Special“ zur EM in Frankreich

IMG_5463ZEITSPIEL – Magazin für Fußball-Zeitgeschichte hat das etwas andere Sonderheft zur Europameisterschaft in Frankreich! Statt mit den Kadern der Teilnehmer, der Frage nach Favoriten und Außenseitern und den möglichen EM-Stars beschäftigen wir uns in unserem aktuellen Schwerpunkt „Le foot – Frankreich spécial“ nämlich intensiv und vielschichtig mit dem Fußball im Nachbarland.

Dabei geht es um folgende Themen:
Eine kurze Geschichte von Fußball in Frankreich
Politik, Profiteure, Strippenzieher
Fußball-Land Frankreich und seine großen Vereine
Les supporters sont déjá là – Fußballfans in Frankreich
Legenden unter sich: Stade Reims und AS Saint-Étienne
Paris: Wo die Liebe auf der Strecke bleibt
Marseille: Le Côte de l’O.M.
Bretagne: Frankreichs heimliches Fußballherz
Korsika: Wo Frankreich endet
Le Nord: Willkommen bei den Sch’tis
Elsass-Lothringen: Land zwischen den Ländern

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Zeitschriftenhandel. Bezug über http://www.zeitspiel-magazin.de/wir-fuer-euch-abo-und-bezug.

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23. Mai 2016
von Hardy Gruene
2 Kommentare

Stellungnahme Dietrich Schulze-Marmeling zum FC Bayern in der NS-Zeit

In der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ heißt es, neue Forschungen hätten ergeben, der FC Bayern sei entgegen des bisherigen Forschungsstands NICHT auf Distanz zur NS-Diktatur gegangen (http://www.spiegel.de/sport/fussball/bayern-muenchen-forschungen-korrigieren-rolle-des-fc-waehrend-der-ns-zeit-a-1093336.html).

Unser Redaktionsmitglied Dietrich Schulze-Marmeling ist Verfasser des Buches „Der FC Bayern und seine Juden. Aufstieg und Zerschlagung einer liberalen Fußballkultur“. Wir haben ihm die Gelegenheit zu einer persönlichen Stellungnahme zur aktuellen Berichterstattung und Diskussion gegeben.

 

Im Süden nichts Neues

„Neue Forschungen korrigieren das Bild des FC Bayern als Verein, der in der NS-Zeit Distanz zu den Nazis hielt. Vor allem bei der Arisierung ging der Klub ungewöhnlich gewissenhaft.“ So der reißerische Appetizer eines Artikels im „Spiegel“ (Ausgabe 21/20126), der sich allerdings bereits beim ersten Überfliegen als eine Mischung aus längst bekannten und veröffentlichten Dingen und einer guten Portion Hochstapelei entpuppt. Überschrieben ist der Artikel mit „Münchner Protokolle“. Möglicherweise ist hier etwas im Umbruch schief gegangen, denn der folgende Artikel ist mit „Alter Urin“ überschrieben, was viel besser gepasst hätte.

Der Berg hat also gekreißt und – noch nicht einmal – eine Maus geboren. Der Berg ist der „Historiker“ Markwart Herzog. So stellt jedenfalls der „Spiegel“ seinen Kronzeugen vor. Herzog ist allerdings kein „Historiker“ (ich bin es auch nicht), sondern Religionsphilosoph und sitzt im Kloster Irsee, von wo aus er bereits seit Jahren eine als Wissenschaft verbrämten Rachefeldzug gegen missliebige Wissenschaftler und Autoren führt und sich dabei immer wieder falscher Behauptungen bedient. Aber dies ist Stoff für eine eigene Story.

Der „Spiegel“ präsentiert als Enthüllung, dass schon die Vereinsführer Oettinger und Amesmaier den Nazis nahestanden bzw. NSDAP-Mitglied waren. Diese „Enthüllung“ kann man allerdings bereits in meinem Buch „Der FC Bayern und seine Juden“ lesen, 2012 in zweiter Auflage erschienen, überarbeitet und ergänzt (S.181/182). Dort erfährt man u.a. auch, dass das jüdische Mitglied Otto Albert Beer bereits zum Jahreswechsel 1930/31 vor einer Nazi-Fraktion im Verein warnte. Des Weiteren kann man dort einiges über den opportunistischen Umgang des Klubs mit seinem jüdischen Trainer Richard Dombi lesen, und wie der Klub versuchte, an der Auflösung des sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeitersports zu partizipieren. Nächste „Enthüllung“: „Am 27. März 1935 machten die Bayern Ernst mit der Ausgrenzung der Juden.“ Steht ebenfalls bereits in meinem Buch (S.175/176), einschließlich des angeblich erst von Herzog entdeckten Arierparagrafen. Dass es auch beim FC Bayern irgendwann einen solchen gab, ist nun wirklich keine Überraschung. Herzog wiederholt hier lediglich bereits Bekanntes und Veröffentlichtes und ergänzt den Stoff um einige Details – bestenfalls. Komplett aufgebauscht ist die Sache mit den „drei Arierparagrafen“. Sie ist im Übrigen auch nicht Bayern-spezifisch. Wie der „Spiegel“ selber schreibt, ist der Grund für den dritten Paragrafen 1940 eine neue Einheitssatzung, die der Reichsbund für Leibesübungen an alle Klubs verschickte. Der Hinweis auf den dritten Paragrafen besitzt deshalb null Erkenntniswert, wenn es um die Beurteilung des FC Bayern geht. Aber „drei Arierparagrafen“ hört sich natürlich bombastisch an.

 

Will man die Vorgänge korrekt sortieren, sollte man einen Blick in den von Lorenz Peiffer und Henry Wahlig geschriebenen Wälzer „Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland“ (Göttingen 2015) werfen. Der Ausschluss der Juden begann mit einer Erklärung südwestdeutscher Fußballvereine vom 9. April 1933, die auch vom „Spiegel“ zitiert wird. Am 19. April 1933 veröffentlichten dann der DFB und die Deutsche Sportbehörde folgende Erklärung: „Der Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes und der Vorstand der Deutschen Sport-Behörde halten Angehörige der jüdischen Rasse, ebenso auch Personen, die sich als Mitglieder der marxistischen Bewegung herausgestellt haben, in führenden Stellungen der Landesverbände und Vereine nicht für tragbar. Die Landesverbände und Vereinsvorstände werden aufgefordert, die entsprechenden Maßnahmen, soweit diese nicht bereits getroffen wurden, zu veranlassen.“ Am 23 April 1933 rief der Süddeutsche Fußball- und Leichtathletik Verband (SFLV) seine Vereine dazu auf, „die vom Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes (…) erlassenen Bestimmungen bezüglich Angehörigen der jüdischen Rasse bzw. der marxistischen Bewegung (sofort) zur Durchführung zu bringen.“ Im Februar 1934 veröffentlichte DFB-Führer Felix Linnemann im „Reichsportblatt“ einen Artikel, den man nur als Aufforderung verstehen kann, die noch in den Vereinen verbliebenen Mitglieder endlich auszuschließen. Bereits einige Monate vorher, im Oktober 1933, hatte Linnemann einen Entwurf für eine  neue Mustersatzung der Vereine im DFB im „Deutschen Fußballsport“ vorgestellt, in dem eine Abfrage zur Religionszugehörigkeit der Mitglieder eingefügt und durch einen Kommentar ergänzt war: „Die Frage nach der Religion ist so auszubauen, daß die Abstammung rassenmäßig überprüft werden kann.“

 

Was Herzog bewusst unterschlägt (und die „Spiegel“-Redakteure offenbar nicht wissen): Im Vergleich zum DFB und vielen anderen Vereinen war der FC Bayern mit dem Ausschluss seiner Juden ziemlich spät dran – wie im Übrigen auch Eintracht Frankfurt. Der 1.FC Nürnberg beispielsweise war diesbezüglich bereits im Mai 1933 aktiv geworden. Der FC Bayern fuhr einen Monat später nach Italien. Trainer war noch immer der Jude Richard Dombi, der die Reise „bis ins Kleinste ausgearbeitet und…ganz vortrefflich vorbereitet“ hatte, wie die „Club-Nachrichten“ einige Wochen später berichteten. Kurt Landauer war noch bis mindestens Mitte der 1930er im Klub aktiv. Die Nazifizierung des FC Bayern und der Ausschluss seiner jüdischen Bürger verlief eben nicht so schnell und reibungslos, wie der „Spiegel“ und sein Herzog suggerieren.

Die „Spiegel“-Schreiber haben Herzogs Einschätzung blind vertraut, anstatt diese einem ausgewiesenen Experten zur Prüfung vorzulegen: Beispielsweise Prof. Dr. Lorenz Peiffer, der zu diesem Thema erheblich mehr geforscht und publiziert hat als Herzog, oder Dr. Henry Wahlig, der im Deutschen Fußballmuseum arbeitet. Im Gegensatz zu Herzog handelt es sich bei ihnen um ausgewiesene Sporthistoriker.  Stattdessen wurde im Vorfeld der Veröffentlichung eine große Geheimniskrämerei veranstaltet. Ich vermute mal auf Anweisung von Herzog. Denn hätten die Redakteure auch nur etwas herumgefragt, wären sie vermutlich zu der Einschätzung gelangt, dass die Herzog’schen Erkenntnisse für einen Artikel nicht taugen. Aber man hat sich mit einem inquisitorischen Anruf bei Bayern-Archivar Andreas Wittner begnügt. Als Wittner nach den Quellen fragte, bekam er als Antwort, dass Herzog dem Magazin die Nennung dieser verboten habe. Und Herzog teilte Wittner mit, sein Buchverlag habe ihm dies untersagt. Herzog darf die Unterlagen dem „Spiegel“ vorlegen, aber nicht dem Bayern-Archivar. Wer soll denn diesen Quatsch glauben?

Herzog verweigert sich der gesamten Komplexität des FC Bayern, dessen Vereinsleben in den NS-Jahren von Animositäten geprägt war: zwischen Alten und Jungen, Fußballern – und Nicht-Fußballern, Nazis, Opportunisten und Verweigerern.  Die wirklich spannenden Dinge lässt er bewusst links liegen. Zu nennen sind hier u.a.: die Auseinandersetzung um den Mitte 1934 eingeführten Ältestenrat, in dem zunächst auch noch die jüdischen Mitglieder saßen und den die Nazis im Verein als Rückfall in die Zeit des Parlamentarismus brandmarkten, die gescheiterte „Juden-Zählung“ im Verein und der noch 1936 tagenden Bayern-Stammtisch, an dem, so seine vereinsinternen Gegner, „Menschen und unwürdiger Stämme und Rassen“ auftraten.

Eine interessante Information liefert Herzog dann doch noch. Der „Spiegel“: „Der Arierparagraf sei 1938 aus der Satzung verschwunden. Er wurde per Hand durchgestrichen, vermutlich vom damaligen ‚Vereinsführer‘ Nußhart. Historiker Herzog vermutet, dass den Bayern erst mit der Zeit klar geworden war, dass sie mit ihrer Satzung zu weit gegangen waren.“ Entweder ist Herzog hoffnungslos naiv, oder er hat unfreiwillig einen Beleg dafür geliefert, dass das von ihm gezeichnete Bild des Klubs nicht zutrifft. Nach den Olympischen Spielen hatte das Regime sein Vorgehen gegen jüdische Bürger und jüdische Organisationen weiter verschärft. 1938 war das Jahr der Reichspogromnacht, in der auch einige Bayern-Mitglieder, darunter Kurt Landauer, im KZ-Dachau landete. Beim FC Bayern gab es keine Juden mehr. Und schon gar nicht gab es im vorherrschenden politischen Klima irgendeine Notwendigkeit, einen Arierparagrafen zu streichen. Sollte Herzog hier Recht haben, sollte es beim FC Bayern ausgerechnet in der Zeit 1938 bis 1940 keinen Arierparagrafen gegeben haben, wäre dies eine Sensation. Aber es wäre – wie gesagt – eine, die Herzogs Bild vom FC Bayern eher widerlegt.

Man muss sich schon der gesamten Komplexität des Klubs widmen, um zu verstehen, warum der Münchner NS-Führung der FC Bayern immer etwas suspekt blieb. Und warum nach dem 2. Weltkrieg nicht nur Kurt Landauer, sondern auch weitere Juden, darunter der deutsch-jüdische Theaterintendant Kurt Horwitz und Hermann Schülein, Ex-Generaldirektor von „Löwenbräu“, dem Klub erneut beitraten und ihm sogar finanziell unter die Arme griffen.

Herzog konstatiert: „Eine Heldengeschichte des FC Bayern gibt es nicht.“ Eine solche hat auch niemand behauptet. Nicht der Landauer-Film, der tatsächlich historische Ungenauigkeiten beinhaltet, aber es ist halt „nur“ ein Spielfilm; nicht Dirk Kämper, Autor der ausgezeichnete Biografie „Kurt Landauer – Der Mann, der den FC Bayern erfand“, nicht Andreas Wittner vom FC Bayern-Archiv, nicht das Münchner Stadtarchiv und ich auch nicht. Auch dies ist eine typische Methode Herzogs: Der Mann widerlegt gerne Thesen, die niemand aufgestellt hat. Und behauptet gerne Dinge, die andere behauptet hätten, aber nicht behauptet haben, um dann deren angebliche Behauptung kräftig rundzumachen. Das Opfer muss dann erst einmal den Nachweis erbringen, dass die Behauptung der Behauptung nicht stimmt. Ein anderes Stalking-Opfer Herzogs schreibt mir zur „Spiegel“-Story: Viel befremdlicher ist, dass der ‚Spiegel“ seine Leser im Unklaren darüber lässt, um wen es sich bei Herrn Herzog auch handelt: um einen selbsternannten Fachmann in Fußballfragen, der jeden, der eine von ihm abweichende Meinung vertritt, auf Jahre hinaus mit unstillbarer Rachsucht verfolgt. (…) Herr Herzog scheint schon seit Jahren kein Fall mehr für die Geschichtswissenschaft zu sein, sondern für die Psychologie. Leider haben Sie das nicht erkannt und sich von ihm instrumentalisieren lassen. Oder wie man in den USA sagen würde: „Sorry, you’ve been played“.

Bleibt noch die Festschrift von 1950, die denjenigen, die sich bislang mit der Geschichte des Vereins befasst haben und die Herzog nun der Geschichtsfälschung beschuldigt, keineswegs als hauptsächliche Quelle diente, wie der Religionsphilosoph unterstellt. Auch in einem anderen Punkt irrt Herzog: Was dort über die NS-Zeit geschrieben steht, ist nicht in erster Linie auf Siegfried Herrmanns Mist gewachsen. Diese Jahre betreffend stammen die entscheidenden Informationen von Franz Nußhart – eben weil Herrmann, wie er selber schreibt, „ferne von München und vom Clubleben“ war. Über diese „Festschrift“ steht bei mir u.a. zu lesen. „Es ist auch das Werk einer ‚Jetzt-haben-wir-wieder-das-Sagen‘-Fraktion, die nun wieder im Besitz der Definitionshoheit über den Klub ist. Wie alle Festschriften verfolgt auch diese den Zweck, den Klub in einem möglichst positiven Licht erscheinen zu lassen.“ Wer so etwas schreibt, wird sich dem Werk wohl kaum als hauptsächliche Quelle bedienen. Im Übrigen ist Herzog der größte Klops in dieser Schrift entgangen. Josef Sauter, der letzte „Vereinsführer“ des FC Bayern, kommt in dieser extrem schlecht weg. Was möglicherweise damit zu tun hat, dass sich Nußhart und Sauter bezüglich der Bildung eines neuen Großvereins und eines damit verbundenen neuen Sportgeländes im Norden der Stadt nicht einig waren. Sauter starb bereits 1946, konnte sich somit gegen die „Festschrift“ nicht mehr wehren. Schenkt man den Nachfahren Josef Sauters Glauben, dann war der letzte „Vereinsführer“ kein Mitglied der NSDAP, sondern wurde nach Kriegsende von der amerikanische Militärregierung „auf den Posten des Vorsitzenden der Spruchkammer (Entnazifizierungsprozesse) in Günzburg/Donau berufen.“ Da kann der Herr Herzog nur hoffen, dass die „Festschrift“ wenigstens in Sachen Josef Sauter die Wahrheit erzählt.

Fazit: Im Süden nicht Neues. Und dies gleich im doppelten Sinne: Sowohl den FC Bayern und seine Geschichte in den NS-Jahren, wie die fragwürdigen Methoden des Religionsphilosophen aus dem Kloster Irsee betreffend.

 

Dietrich Schulze-Marmeling

17. Mai 2016
von Hardy Gruene
4 Kommentare

KLARTEXT: Alles „silly“ im Fußball?

Silly steht im Englischen für „dumm, albern“, doch das, was die Band „Silly“ da gestern in Leipzig veranstaltete, fanden einige so gar nicht dumm. Darf man tatsächlich in „fremden“ Trikots zu einer Aufstiegsfeier eines Vereins gehen? Ja, darf man, wenn es nun mal nicht der eigene Verein ist, der da den Aufstieg feiert und man zwar mitfeiern möchte, sich aber nicht vereinnahmen lassen will. Ich bin auch schon mal in einem Göttingen-05-Trikot zu einer Feier von Eintracht-Braunschweig-Fans gegangen.

Lassen wir mal die Frage der tatsächlichen Beweggründe von „Silly“ für ihre Aktion außen vor (sind sie wirklich Fans der Vereine, oder war es eine geschickte Marketingaktion?), war es in meinen Augen eine durchaus gelungene Provokation. Und das sollten all die (sorry, Ironie) leidenschaftlichen RB-Fans spätestens mit dem Aufstieg ihrer Organisation in die Bundesliga zur Kenntnis nehmen: Im Fußball geht es auch um Rivalität. Dass man sich beispielsweise gestern in Zwickau gefreut hat, weil in Aue die Rückkehr in die 2. Bundesliga gefeiert wurde, dürfte ausgeschlossen sein. In Zwickau gönnt man dem FCE auch ohne Klebrige-Brause-Sponsor nicht allzu viel Gutes.

Seit einiger Zeit wird subtil und auf breiter Ebene versucht, RB Leipzig als „normalen Bestandteil“ des Fußballs in Deutschland darzustellen. Es müsse jetzt mal gut sein mit den Angriffen, und außerdem sei das Gebaren der anderen Klubs – gerne wird an dieser Stelle der FC Schalke 04 mit seinem Gazprom-Deal genannt – mindestens ebenso schlimm – wenn nicht schlimmer. Und dann kommt fast immer die Ostkeule. In der „Huffington Post“ wurde den Kritikern des RB-Konzeptes sogar vorgeworfen, sie wären „arrogante Wessis“, die „Leipzig die Bundesliga nicht gönnen (www.huffingtonpost.de/2016/05/09/arrogante-wessis-leipzig_n_9868654.html?ncid=chipfb). Dieselben „arroganten Wessis“ gönnen übrigens auch Hoffenheim die Bundesliga nicht. Aus ähnlichen Gründen.

Wollen wir nicht endlich mal weiterkommen in der Diskussion? Ich bin müde von allem. Von der Selbstüberhöhung der Kritiker wie Befürworter, der Ultras, der „Traditionalisten“, der „Modernen“. Von dieser Diskussion, ob nun Traditionsvereine mehr „wert“ sind als Kunstprodukte à la RBL oder Hoffenheim (nein, ich nenne jetzt absichtlich NICHT den VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen!), von dem Grabenkampf, der sich zwischen dem angeblich „guten, echten Fußball“ und dem „bösen gekauften, aseptischen Fußball“ abspielt.

Willkommen im 21. Jahrhundert. Einem Jahrhundert, das sich bislang durch exzessive Marktliberalisierung und Selbstoptimierung ausgezeichnet hat. Nicht nur im Fußball, sondern im gesamten Alltag. Schneller, besser, weiter, effizienter – davon kann doch jeder ein Lied singen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, die Sieger werden strahlender, die Verlierer sind inzwischen auch in der Mittelschicht in Massen zu finden. In Wolfsburg lassen sich Manager für Versagen mit „Prämien“ belohnen, anderswo machen sich Menschen, die seit fast 40 Jahren in der Arbeitswelt stehen, existenzielle Sorgen um ihre Rente. Mehr denn je ist unsere Lebenswelt Wettkampf, und Charles Darwin dürfte sich freuen, dass sein „survival of the fittest“ nun auch beim homo oeconomicus angekommen ist.

Und da soll der Fußball heile Welt sein? In der Werte, in der Moral, in der Ehre, Brüderlichkeit und Gleichheit noch zählen? Dass RB Leipzig in der Bundesliga spielt, liegt doch vor allem daran, dass sie es können. Dass ein Einzelner soviel Geld in die Hand nehmen kann, um ein ganzes Unternehmen nach seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen auszurichten und sich all das kaufen kann, was nötig ist, um die Bundesliga zu erreichen. So funktioniert nun mal der Kapitalismus.

Wieso erwarten wir in einer Welt, in der auf allen Ebenen und Gebieten die „Großen“ die „Kleinen“ fressen einen Fußball, in dem genau das nicht passiert? Warum jammern wir, wenn die Bayern wieder einen Dortmunder Leistungsträger kaufen (und die dann, nebenbei gesagt, Stade-Rennes deren Leistungsträger abwerben)? Weil wir das für unser eigenes Wohlbefinden brauchen? Weil uns ausgerechnet der Fußball die Illusion erhalten soll, es gehe im Leben nicht mehr nur noch um Geld, sondern auch um andere Werte? Kein globales Unternehmen würde sich die Chance entgehen lassen, einen kleineren Konkurrenten entweder aufzukaufen oder zu zerstören, wenn es die Gelegenheit hätte.

Wir haben die Geister, die (nicht nur) den Glamourfußball durchwehen, selbst gerufen. Und wir werden sie nicht wieder los, indem wir „Scheiß RBL“ rufen, Dietmar Hopp auf Zielscheiben pinseln oder gar zur Gewalt greifen. Wenn wir die Geister wirklich wieder vertreiben wollen, müssen wir uns zunächst nüchtern anschauen, in was für einer Welt wir eigentlich inzwischen leben. Und uns von diesem „blinden Fleck“ zu befreien, der viele vor allem alteingesessene Fußballfans noch immer verbindet. Wir wollen nicht wahrhaben, dass uns unser allerliebstes Spielzeug längst weitestgehend entglitten ist.

Wünschenswert wäre eine Rückkehr zur aktiven Mitgestaltung. Dazu gehört zunächst das Bewusstsein von der eigenen Konsumhaltung. Wenn ich ein Angebot der Eventindustrie in Anspruch nehme – und nichts anderes ist eine Eintrittskarte zu einem Spiel der Fußball-Bundesliga – dann erhalte ich ein entsprechendes Produkt. Entwickelt von Marketingexperten, die sich Gedanken darüber machen, wie man möglichst effektiv an die „schwachen Stellen“ der Kunden herankommen kann, um schlussendlich vor allem eins zu erreichen: ihre Geldbörsen.

Der Fußball des Jahres 2016 hat nun mal nichts mehr mit dem des Jahres 1986 zu tun. Ebenso wenig wie ein mp3-Song mit einer 45er-Single.

Und komme mir jetzt bitte niemand mit den Ultras und den „aktiven Fanszenen“. Auch sie sind Bestandteil der Konsumwelt und tragen zu deren Erfolg bei. Wenn ich ein Produkt nicht mehr will, beschwere ich mich entweder und dränge auf Änderungen oder verzichte auf den Erwerb. Basta! Wir aber rufen nach Gremien, die regulierend eingreifen sollen. Wer soll das sein? FIFA? UEFA? DFB? DFL? Die Bundeskanzlerin? Das Europaparlament? Ich bitte euch!

Der Verzicht ist im Fußball natürlich ungleich schwieriger als beim, sagen wir, Lieblingswaschmittel, das uns plötzlich nicht mehr gefällt; aber das ändert nichts an der Ausgangslage. Viele langjährige Bundesligafans haben sich in den letzten Jahren abgewandt und sich entweder ganz vom Fußball entfernt oder zum unterklassigen Fußball gewechselt. Als ich am Samstag auf dem Heimweg aus Frankreich vor der Wahl stand, Hoffenheim gegen Schalke in der Bundesliga oder Wormatia Worms gegen Neckarelz in der Regionalliga zu sehen, habe ich mich für Worms entschieden. Und etwas bekommen, das mir – trotz Sommerfußball – gefallen hat.

Fußball erfüllt heute ganz andere Funktionen. Dass der MDR die Meisterfeier von RB über Stunden live im gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen übertrug, dass eine aufgeregte Reporterin mit dem Mikrofon in der Hand von Star zu Star, von Zuschauer zu Zuschauer marschierte, um „Atmosphäre“ einzufangen und um „Atmosphäre“ zu versprühen, dass wir ein derartig exzessives Produktplacement hinnehmen – das alles sind in meinen Augen die wirklich beklagenswerten Aspekte des „modernen Fußballs“. Wir lassen uns auf Deutsch gesagt „verarschen“ und bezahlen auch noch dafür. Das ist ganz schön „silly“, oder?

Wenn der „Silly“-Auftritt dann auch noch, wie gestern kolportiert wurde, tatsächlich vom MDR bezahlt wurde, dann sind wir dem „Brot und Spiele“ von einst wirklich bedrohlich nahe.

Aber sind wir wirklich Lemminge, die zwangsweise dem hinterherrennen müssen, was ihnen vorgesetzt wird? In einer durchkapitalisierten Gesellschaft hat schließlich der Kunde die entscheidende Macht. Denn findet das Ziel aller Marketingaktivitäten – die Übergabe von Geld – nicht statt, verpuffen sie. Und es gibt ja – wie in jedem Markt – Alternativen. Freiburg ist nicht Hoffenheim, Leipzig nicht Bremen. Jeder kann frei entscheiden. Also lasst uns endlich aufhören mit dieser ewigen Diskussion und lasst uns handeln. Lasst uns unser Geld umverteilen!

Hardy Grüne

28. April 2016
von Hardy Gruene
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Zeitspiel #4: Frankreich spécial

Wenige Wochen vor Beginn der Europameisterschaft rückt Frankreich allmählich in den Fokus. Auch für Zeitspiel, wobei wir die EM-Vorberichterstattung gerne den Kollegen von der Tagespresse überlassen (und schon mal auf das anstehende und garantiert wieder vorzügliche EM-Sonderheft des „ballesterers“ verweisen. In unserem Schwerpunkt „Le foot – Frankreich spécial“ beschäftigen wir uns in der aktuellen Ausgabe #4 stattdessen intensiv und vielschichtig mit dem Fußball im Nachbarland.

Folgende Themen werden auf über 40 Seiten abgehandelt:

Eine kurze Geschichte von Fußball in Frankreich

Politik, Profiteure, Strippenzieher

Fußball-Land Frankreich und seine großen Vereine

Les supporters sont déjá là – Fußballfans in Frankreich

Legenden unter sich: Stade Reims und AS Saint-Étienne

Paris: Wo die Liebe auf der Strecke bleibt

Marseille: Le Côte de l’O.M.

Bretagne: Frankreichs heimliches Fußballherz

Korsika: Wo Frankreich endet

Le Nord: Willkommen bei den Sch’tis

Elsass-Lothringen: Land zwischen den Ländern

Die nachstehenden Auszüge mögen einen kleinen Eindruck vom Inhalt vermitteln. Außerdem noch unser Einstiegstext in die Thematik.

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Zeitschriftenhandel. Weitere Infos über den Reiter „Abo und Bezug“ in den Kopfleiste.

Es waren wohl vor allem die Bilder der WM 1998, die vielen Franzosen in Erinnerung kamen, als ihr Land im Mai 2010 den Zuschlag für die EM 2016 erhielt. Ein fröhliches Fußballfest im Zeichen der Modernität und Toleranz. Mit einer Mannschaft, die wie die legendäre Elf von 1998 die Kulturvielfalt der Grande Nation spiegeln und hinter der mit Michel Platini eine nationale Legende stehen würde, der bei „seiner“ EM möglicherweise sogar frischgekürter FIFA-Präsident sein könnte.

Doch das Frankreich 2016 ist nicht mehr das vom Mai 2010 und schon gar nicht das von 1998. Die gewaltsamen Ausschreitungen in den Banlieues 2005, der schier unaufhaltsame Aufstieg des Front National unter Marine Le Pen und eine schwere Wirtschafts- und Strukturkrise haben Frankreich zutiefst erschüttert und gespalten. 2015 brach es dann mit voller Wucht über der Grande Nation ein. Erst ertranken Platinis Ambitionen im korrupten FIFA-Sumpf. Dann veränderten die Anschläge von Paris, mehr als nur symbolträchtig während des Länderspiels gegen Deutschland verübt, die Sicherheitslage fundamental und sorgten für allgemeine Verunsicherung. Und schließlich war da noch der Fall von Nationalspieler Karim Benzema, der als Mittäter bei einer Erpressung seines Mannschaftskameraden Mathieu Valbuena angeklagt wurde und damit das ohnehin schon mächtig angeschlagene „black, blanc, beur“ von 1998 in seinen Grundfesten erschütterte.

Dass der Fußball im Sommer 2016 noch einmal den Schwung zu einem fröhlichen Fest aufbringt und er zu einer integrativen Kraft werden kann wie 1998 ist nicht zu erwarten. Vielmehr steht zu befürchten, dass die Sorge um die Sicherheit von Spielern wie Besuchern viel Leichtigkeit raubt und der Kampf der Kulturen, in den Banlieues von Paris, Lyon und Marseille ohnehin so scharf geführt wie nie zuvor, kaum abflauen wird. Fast muss man da froh sein, dass Frankreich nicht Gastgeber einer WM mit zusätzlichen Konfliktfeldern wie Teilnehmern aus islamischen Ländern und/oder Nordafrika ist.

Wir wollen die EM nutzen und eine kleine Rundreise durch das fußballerische Hexagon unternehmen. Das Turnier selbst interessiert uns dabei nur peripher – es wird in der EM-Berichterstattung ohnehin genügend gewürdigt werden. Vielmehr wollen wir beleuchten, was die Fußballnation Frankreich eigentlich ausmacht – und was sie im Vergleich zu anderen Fußballnationen eben nicht ist.

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25. April 2016
von Hardy Gruene
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Legende: SV Waldhof Mannheim

Spätestens mit dem 4:0-Sieg auf dem Bieberer Berg in Offenbach hat Regionalligist #SV Waldhof Mannheim 07 e.V. vor einigen Wochen die sportlichen Weichen klar in Richtung Aufstiegsspiele zur 3. Liga gestellt – daran ändert auch die gestrige Niederlage in Steinbach nichts.
Wir waren im Carl-Benz-Stadion und haben uns umgeschaut und umgehört bei einem Verein, der mit sieben Bundesligaspielzeiten, Klublegenden wie Sepp Herberger und Otto Siffling sowie legendären Erfolgen in den 1930er Jahren über eine mächtige Tradition verfügt. In unserer Rubrik „Legende“ berichten wir, wie „der Waldhof“ Mannheim nun endlich wieder in den Profifußball zurückbringen will und wie die „Monnemer“ Fanszene mit einem nicht ganz einfachen Erbe umzugehen versucht.
Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Zeitschriftenhandel. Infos und Bestellungen über http://www.zeitspiel-magazin.de/wir-fuer-euch-abo-und-bezug
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