ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

22. Juli 2020
von Hardy Gruene
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Ausgabe #19: Leitartikel Großstadtfußball

In sich rasant wandelnden Zeiten gilt mehr denn je: Die Großstadt ist die große Petrischale des Fußballs. Dort wachsen Talente wie die Boatengs auf doppeldeutig „Käfige“ genannten ruppigen Spielfeldern, dort ist der Fußball sozialer Halt, Lernstube für interkulturelle Begegnung, Objekt der Kiezidentität und natürlich ein unergründliches Geschäftsfeld. Warum sonst geht ein Investor wie Lars Windhorst ausgerechnet in die Hauptstadt Berlin und verpulvert seine Millionen mit Weltbürgern, die in Bäckerstuben im Schwäbischen aufgewachsen sind?

Die Großstadt ist die historische Wiege des Fußballs in Deutschland und sein stärkster Antreiber. In der Bundesliga gab es nur fünf Vereine, die aus Orten unter 100.000 Einwohner kamen (das ist Voraussetzung für das Label „Großstadt“): Neunkirchen, Homburg, Unterhaching, Kaiserslautern (das allerdings von 1969 bis 2000 die 100.000er-Marke überschritt) sowie Hoffenheim, aber das ist eine andere Geschichte.

In den Großstädten und Ballungszentren der Republik haben sich all die Facetten ausgeprägt, die Fußball bieten kann: Im Ruhrgebiet der Kumpelfußball, in Hamburg das Mäzenatentum, in Frankfurt der Frauenfußball, in Berlin der Kiezgeist, in Hannover das Multikulturelle, in München der Bolzplatz. In den städtischen Menschenburgen ist Fußball auf allen Ebenen präsent: in seiner Glitzerversion, von der man auch bei der Hertha träumt. In seiner wirtschaftlich gebeutelten Leistungssportversion, die sich im Großraum Stuttgart zunehmend über die Stadtgrenzen in den „Speckgürtel“ verlagert hat. Natürlich als Breitensport, bei dem fast immer vor „Geisterkulissen“ gekickt wird. Als Jugend- und Kindersport auf Vereins- und Bolzplätzen, wo einerseits Talente groß werden, wo andererseits Fußball aber vor allem Schule des Lebens ist. Und Begegnungsfläche der Kulturen, bei der für einen türkischen Klub auch schon mal ein Nigerianer an der Seite eines Mongolen stürmen kann.

In unserer neuen Ausgabe #19 gehen wir im Leitartikel hinein in all die Facetten des Großstadtfußballs – und damit in einen Fußball, wie viele von uns ihn tagtäglich erleben. Als Spieler oder Fan, als Eltern fußballbegeisterter Kinder, als Nostalgiker, die beim Anblick alter Stadionwände einen verklärten Blick bekommen.

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Handel. Ausgabe #19 jetzt hier ordern. Oder gleich als Testabo (zwei Ausnahmen, keine Kündigung nötig) bzw. Dauerabo (mit jederzeitiger Kündigungsmöglichkeit).

15. Juli 2020
von Hardy Gruene
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Global Game: Irland

Irland trägt Trauer. Jack Charlton ist tot. Der Mann, der die verrückte Fußballnation und Grüne Insel auf die große Weltkarte des Fußballs brachte. Welt- und Europameisterschaften, intensiver, ehrlicher Fußball, fröhliche Fans, die nicht nur gigantisch singen sondern auch noch trinkfest sind. Spätestens 1990 wurde Irland bei der WM in Italien zu „everybody’s darling“ im internationalen Fußball.

Zugleich ist die Fußballgeschichte der Republik Irland wie alles geprägt von den politischen Auseinandersetzungen auf der Insel. Von den „troubles“ und der Spaltung, vom englischen Einfluss, der im Fußball schon früh zu einem Exodus der Spitzenspieler in die englischen Profiliga führte. Von einem nationalen Fußball, der sich in der Konkurrenz zum Gaelic Football und auch Rugby nur langsam vom Zentrum Dublin ausgehend über das ganze Land ausbreitete, nach Cork und Waterford, nach Ballybofey und Derry, nach Sligo und Limerick.

In unserer aktuellen Ausgabe #19 nehmen wir euch in der Rubrik „Global Game“ mit auf eine Reise durch die irische Fußballgeschichte und –Seele. Thomas Sachse, der seit vielen Jahren in Irland lebt, und Barry Worthington erzählen uns, was so besonders, so einzigartig, so liebenswert und auch so herausfordernd problematisch am Fußball in Irland ist. Dazu gibt es tolle Bilder, Porträts der wichtigsten Vereine und ein Interview mit einem Experten.

Ausgabe #19 mit dem „Global Game“ Irland gibt es direkt über unseren Shop. Als Einzelausgabe für 7,80 Euro, im Abo für 7 Euro oder im Testabo mit zwei Ausgaben ebenfalls für 7 Euro (Preise Ausland siehe Shop). Was wir sonst noch im Heft haben seht ihr hier.

Zeitspiel gibt es nicht im Zeitschriftenhandel sondern nur bei uns im Shop.

26. Juni 2020
von Hardy Gruene
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Neue Buchreihe: ZEITSPIEL Legenden Fußballvereine

Fußball-Zeitgeschichte ist unsere Passion, und die Träger dieser Zeitgeschichte sind die Vereine. Darum geht es in unseren Heften immer wieder, nicht zuletzt in der Rubrik Legende, für die wir aus dem Fokus gerutschte legendäre Fußballklubs besuchen.

Die Erinnerung an alte Erfolge von Mannschaften wie Bayern Hof, Altona 93, Hamborn 07, Borussia Neunkirchen oder Wismut Gera erstaunt heute bisweilen und löst vor Ort nostalgische Wehmut aus. Die Zeiten im Fußball haben sich geändert, und für viele Klubs ist schlicht kein Platz mehr im „großen“ Fußball. Das schafft Raum für eine Geschichtsschreibung, die zwar nicht abgeschlossen ist – denn natürlich spielt man in Hof, Neunkirchen, Hamborn etc. weiter -, die aber zugleich einen Rückblick erlaubt.

Mit unserer neuen Buchreihe ZEITSPIEL Legenden: Fußballvereine wollen wir an die großen Tage erinnern und erzählen, wie es damals war – und vor allem: warum es war. Wie konnte ein FC Bayern aus der abgelegenen Kleinstadt Hof ans Tor zur Bundesliga klopfen, was verband die Sportfreunde Hamborn 07 mit den Thyssen-Werken, warum ist man in Gera immer noch sauer auf die Querverbindungen nach Jena und Aue? Denn ZEITSPIEL Legenden: Fußballvereine betrachtet Fußballgeschichte nicht als 1:0-Erzählung, sondern als Teil der Gesellschafts- und Lokalgeschichte. Genau das, was Fußball ist, und was vor allem seine Vereine sind.

Der erste Band erscheint Ende Juli (168 Seiten komplett in Farbe, 18,90 Euro inkl. Porto und Verpackung), danach wird etwa im Dreiviertel-Jahr-Rhythmus ein weiterer erscheinen. So entsteht nach und nach eine Bibliothek der deutschen Fußballvereins-Legenden und lädt zur Zeitreise ein.

Band 1 kann ab sofort hier vorbestellt werden, die Auslieferung erfolgt ab Ende Juli. Der Band enthält große Porträts von

Altona 93
SC Leu 06 Braunschweig
Eintracht Osnabrück
Wuppertaler SV
Sportfreunde Hamborn 07
SC Jülich 10
FC Vorwärts Berlin
FC Vorwärts Frankfurt
BSG Wismut Gera
Borussia Neunkirchen
BSC Oppau
FC Bayern Hof
CSC 03 Kassel
FC Emmendingen
Notts County
Wiener Sport-Club
Huracán Buenos Aires

sowie Kurzporträts von

MTV Braunschweig, FC Stern Bremen, TSV Friesen Hänigsen, 1. FC LoLa Hohenlockstedt, BVH Dorsten, SV Brackwede, FC Hennef 05, Hellweg Lütgendortmund, TSG/FV Gröditz, SC Frankfurt/O., VfB/BSG MK Sangerhausen, BSG Baumechanik Neubrandenburg, SC Birkenfeld, Sportfreunde Herdorf, SC 07 Altenkessel, FC Penzberg, Olympia Lampertheim, Mannheimer FC Lindenhof, SG Lörrach-Stetten

Und hier noch ein paar optische Eindrücke aus dem ersten Band

25. Juni 2020
von Hardy Gruene
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Zeitspiel Ausgabe #19 jetzt ordern!

Zeitspiel-Ausgabe #19: Großstadtfußball

Wilde Zeiten, in denen hochbezahlte Geister über die Spielfelder der Profiligen hetzen. Corona hat auch den Fußball fest im Griff, und während „der da oben“ schon wieder funktioniert und die üblichen Gewinner produziert, steht „unten“ noch alles still. Wann wieder Wettkampfsport ausgetragen wird in den Kreis- und Bezirksligen steht in den Sternen. Jugendfußball ist immerhin schon wieder im Training möglich, doch vor allem in den Metropolen und Großstädten fehlt vielen Kindern, Jugendlichen, Männern wie Frauen und natürlich auch Alten Herren und Damen ihr liebstes Freizeitvergnügen. Von den Groundhoppern ganz zu schweigen, die pulken sich aktuell in Tschechien, wo ein Stückweit „Normalität“ herrscht.

Während Corona das Land in Lockdown nahm haben wir uns dem großen Thema „Großstadtfußball“ gewidmet. Fußball wurde in den 1880er Jahren geboren in den Städten, und dort wuchs er auch zu seiner heutigen Größe. Dabei bildeten sich viele Facetten heraus, zeigte sich, welch immense Bedeutung Fußball als aktives Spiel sowie als Zuschauersport für das gesellschaftliche Wohlbefinden hat. Wir haben uns ein paar dieser Schauplätze mal genauer angeschaut und verglichen, wie es ist und vor allem: warum es so ist. Unsere Reise führte uns nach Berlin, Hamburg, Frankfurt, München, Hannover, Wuppertal, Ludwigshafen, Bonn, Stuttgart, das Ruhrgebiet, Buenos Aires, Wolfsburg, Nürnberg, Köln sowie Bremen, wo wir sehr unterschiedliche Fußballstrukturen und Traditionen – auch im höherklassigen Fußball – vorgefunden haben.

Unser Leitartikel ist einerseits eine Erinnerungsreise in Zeiten, als ein BBC Südost noch ein beliebter Kreuzberger Kultklub war und Lichtenberg 47 als leicht aufmüpfiger Kiezverein direkt vor Mielkes Stasigebäude residierte, andererseits eine Hommage an den Fußball und seine Vielfalt. So wie in Stuttgart, wo wortwörtlich im Schatten des VfB-Stadions zahlreiche kleine Vereine erblühen, in Hamburg, wo man schon vor der Jahrhundertwende das Mäzenatentum im Fußball erfand, in Frankfurt, der „Fußballstadt der Frauen“, in München, wo Fußball auf den zahlreichen Bolzplätzen eine hohe Schule der sozialen Kompetenz darstellt oder in Hannover, wo Fußball gelebte Integration ist. Es ist jener Fußball, aus und mit dem wir wohl alle irgendwie leben.

Natürlich geht es auch um die großen Klubnamen und Spieler, denn es waren und sind die Großstädte, in denen die großen Erfolge gefeiert werden. In den 1920ern war es die Hochburg Nürnberg-Fürth, die 1950er gehörten dem Ruhrgebiet und die Bundesliga ist seit ihrer Gründung 1963 fest in den Händen der Großstädte.

Corona hat auch uns in Atem gehalten und dafür gesorgt, dass unsere Ausgabe #19 eine etwas ungewöhnliche Struktur bekommen hat. Der Legendenbesuch – geplant war Pirmasens – musste mangels Spielen entfallen, und auch die vielen kleinen und großen Neuigkeiten aus dem Unterbau blieben zwangsläufig aus. Wir haben die bereits kurz nach Beginn des Lockdowns einsetzende Diskussion um die Frage nach der Zukunft des (Profi-) Fußballs daher genutzt und eine Zukunftswerkstatt ins Leben gerufen, in der wir mit euch allen in die Diskussion gegangen sind und auch ein bisschen geträumt haben. Fazit: Ein anderer Fußball ist möglich – wenn wir ihn wollen!

Was sonst noch im Heft ist? Allerlei! Eine musikalische Reise nach Japan, ein aufregender Ausflug in die Geschichte und Gegenwart des Fußballs in Irland, Oligarchen in Bulgarien, eine Werkself im Trikot der deutschen Nationalmannschaft, leichtes Chaos bei der Frage nach dem Umgang mit der Saison 2019/20 im Unterbau der Profiligen, Berichte von Altona 93, Barmbek-Uhlenhorst und TuS Haltern sowie natürlich ganz viel von diesen Dingen, die wir am Fußball so lieben.

Ausgabe #19 mit dem Schwerpunkt „Großstadtfußball“ kann ab sofort direkt über unseren Shop bezogen werden. Als Einzelausgabe für 7,80 Euro, im Abo für 7 Euro oder im Testabo mit zwei Ausgaben ebenfalls für 7 Euro (Preise Ausland siehe Shop). Die Auslieferung erfolgt ab Mitte nächster Woche. Zeitspiel gibt es nicht im Zeitschriftenhandel sondern nur bei uns im Shop.

Ein Hinweis noch an alle Abonnenten, die sich fragen, ob ihr Abo ausgelaufen sein könnte: Wir schicken an diejenigen, bei denen dies der Fall ist, bis zum Wochenende per E-Mail einen Reminder. Solltet ihr also nichts hören, ist alles okay und ihr könnt euch auf die #19 freuen.

17. Juni 2020
von Hardy Gruene
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1920 – Als der Fußball Volkssport wurde

„Die goldenen Zwanziger“? Richtig! Und nur bei Zeitspiel gibt es die ganze Geschichte dazu. Unsere Nummer #18 mit dem Leitartikel „1920 – Als der Fußball Volkssport wurde“ liefert sämtliche Entwicklungen und Hintergründe zu einem wegweisenden und bahnbrechenden Fußballjahr, das die Grundlagen des heutigen Fußballs schuf.

Vor 100 Jahren schaffte der Fußball ziemlich schlagartig den Durchbruch. Bis zum Ersten Weltkrieg war er eine Domäne des Bürgertums gewesen, nach dem Krieg drängte die während des Krieges zum Fußball gekommene Arbeiterschaft in Massen auf die Spielfelder und Tribünen. 1920 war das Jahr, in dem der Fußball in Deutschland zum Volkssport und Deutschland eine Fußballnation wurde. Das alles geschah vor dem Hintergrund vieler politischer Konflikte und eines umfassenden gesellschaftlichen Aufbruchs.

Wir haben uns auf 38 Seiten diesem faszinierenden Fußballjahr genähert und eine Reise in eine Zeit unternommen, in der Fußball binnen kurzem und auf zahlreichen Ebenen das wurde, was er heute ist. Dabei schauen wir nicht nur auf die offensichtlichen Ereignisse wie das Meisterschaftsendspiel 1920 zwischen Nürnberg und Fürth, sondern auch hinter die Kulissen. Analysieren die politischen und wirtschaftlichen Einflüsse, diskutieren mit Experten über die damalige Fankultur und die anbrechende Kommerzialisierung, hinterfragen die Rolle des DFB und vergessen natürlich auch den Arbeitersport nicht. Denn 1920 war das Jahr, das den Fußball veränderte.

Wie sehr die Ereignisse von damals bis in das heute wirken und was sie heute noch sagen, hat unser Mitherausgeber Hardy Grüne im Heft in seinem Text „1920: Als die Zukunft begann“ zusammengefasst, den ihr im Anschluss findet.

Zeitspiel gibt es nur im Direktvertrieb und nicht im Zeitschriftenhandel. Ausgabe #18 hier direkt ordern oder gleich als Abo bzw. Testabo.

1920: Als die Zukunft begann

Von Hardy Grüne

2020 ist das Jahr der großen Jubiläen. Überall im Land erinnert man sich an die aufwühlenden Tage vor 100 Jahren, als vom Ersten Weltkrieg gezeichnete und oft traumatisierte junge Männer beschlossen, etwas gegen ihre Langeweile zu tun und Fußballvereine gründeten. Bis in die kleinste Landgemeinde drang der Fußballvirus damals und legte den Grundstein für das heutige Vereins- und Ligaspielnetz. Die Gründungswelle begann 1919, erreichte 1920 ihren Höhepunkt und ebbte bis 1922 allmählich aus. Danach war Fußball in Deutschland nicht mehr nur ein Spiel der Städte, sondern auch eines der Dörfer.

1920 ist das Jahr, in dem der Fußball in Deutschland zum Volkssport wurde.

100 Jahre später sind viele der Jubiläumsfeierlichkeiten, mit denen die mutigen Pioniere von damals geehrt werden, überschattet von Sorgen. Dem Fußball in der Fläche geht es bekanntlich nicht allzu gut. Vereinssterben, der dramatische Rückgang an Ehrenamtlichen, ein im Vergleich zu 1920 unvorstellbar vielfältigeres Freizeitangebot sowie die Entvölkerung des ländlichen Raums haben Spuren hinterlassen. Von vielen Jubilaren hörte man, dass das 100. Jubiläum noch gefeiert werden soll, perspektivisch eine Fusion mit einem Nachbarklub aber unumgänglich sein wird. Zahlreiche Klubs, die vor 100 Jahren voller Euphorie und Schwung die Fußballwelt eroberten, haben bereits aufgegeben. Im südniedersächsischen Eichsfeld beispielsweise, direkt vor meiner Haustüre, sind drei regional ruhmreiche Klubs schon vor Jahren zu einer Spielgemeinschaft zusammengegangen. Zwei von ihnen entstanden 1920 als reine Fußballvereine, der dritte war ein Turnverein, der 1920 eine Fußballabteilung erhielt. 1920 war das Jahr, in dem die heutige SG Bergdörfer ihre drei Fußballwurzeln erhielt.

Wenig ist überliefert von der Gründergeneration, außer, dass es überwiegend junge Männer waren, die den Ersten Weltkrieg in den Schützengräben verbracht hatten und über ihre dort gemachten Erfahrungen nicht gerne redeten. Bisweilen waren es in sich gekehrte, leicht grimmige oder verschrobene Menschen, gebrochen von dem Leid, das sie im Krieg erfahren hatten bzw. mit hatten ansehen müssen. Fußball gab ihnen Freude, Leichtigkeit, Kameradschaft und ein Ventil für jenen Drang nach Kräftemessen, der ihnen im Krieg eingetrichtert worden war. Viele von ihnen hatten nie gelernt, ihre Emotionen friedlich in den Griff zu bekommen. Insofern war Fußball ein Kriegsprofiteur, und auf den Fußballfeldern anno 1920 ging es durchaus wild her. Wenn die Alten vor Ort über alte Derbys zwischen Arminia Fuhrbach und dem FC Brochthausen, zwei der drei Gründervereine der SG Bergdörfer, erzählen, klingt das, als würden heutige Fußballfunktionäre umgehend das ganz große Maßnahmenpaket aufschnüren und als würde 2020 vermutlich keine einzige Partie regulär beendet werden, weil es ständig zu Beleidigungen, Unsportlichkeiten und keineswegs nur verbaler Schiedsrichterschelte durch das Publikum kam. Nein, Fußball 1920 war kein Ponyhof.

Die Alten erzählen aber auch von großer Kameradschaft zwischen den Spielern aller Teams und rauschenden Festen unter den Vereinen. Dass man sich dazu gegenseitig besuchte und dass die Folgen dieser Feste bis heute in allen drei Dorfchroniken zu erkennen sind. Denn so manch Langenhäger (Langenhagen ist der dritte Ort im Bergdörfer-Bunde) hat einen Elternteil in Brochthausen oder Fuhrbach oder andersherum. Fußball war auch Kontaktbörse, zumal im ländlichen Raum.

100 Jahre danach ist Fußball domestiziert. Er wurde von einem zentralen Bestandteil des Alltagslebens, an dem man vor allem aktiv partizipierte, zu einer gewaltigen Eventmaschine, die man bevorzugt mit Chips und Bier auf dem heimischen Sofa goutiert. Fußball ist so populär wie nie zuvor, doch Arminia Fuhrbach, der FC Brochthausen und der VfR Langenhagen sind schon seit Jahren nicht mehr in der Lage, eigenständig zu arbeiten. Wo früher jeder Verein auch noch eine zweite Herren, bisweilen sogar dritte Herren hatte und die meisten Nachwuchsjahrgänge besetzen konnte, braucht es inzwischen Auswärtige, um die Erste zu bestücken, werden die fußballaffinen Kids ständig im Elterntaxi umherkutschiert, um sie in einem der drei Orte zum gemeinsamen Training zu versammeln.

Fußball steckt 100 Jahre nach seinem Durchbruch zum Volkssport mitten im Leben und ist doch klammheimlich dabei, aus dem Zentrum des Alltags zu verschwinden. Was sich vor 100 Jahren geradezu explosionsartig über das gesamte Land ausbreitete, hat sich inzwischen verdichtet, ist an seinem Kopf ein Milliardengeschäft geworden, während es an seinem Rumpf abstirbt. So hat der DFB in den letzten zehn Jahren mehr als 18 Prozent seiner Nachwuchsmannschaften eingebüßt – neun Prozent seiner jugendlichen Mitglieder!

Wie war das damals und was ist geblieben von 1920 – dem wollen wir im Leitartikel „1920 – als der Fußball Volkssport wurde“ nachspüren. Anlass ist nicht nur das Jubiläum, denn die gegenwärtige politische und wirtschaftliche Stimmung im Land wird von vielen Historikern ja gerne mit den 1920er Jahren und der Weimarer Republik verglichen: Eine verunsicherte Bevölkerung, eine zersplitterte Parteienlandschaft, erregte Diskussionen um die politischen Flügel rechts wie links. Ein Volk, für das ausgelassenes und innovatives Vergnügen wichtiger ist als das duckmäuserische Untertanentum der Kaiserzeit bzw. das biedere „Leistung lohnt sich wieder“ der Kohl-Ära. Ein schöner Vergleich, der freilich keiner eingehenden Untersuchung standhält, denn 1920 und 2020 sind dann doch zwei sehr unterschiedliche Zeiten und Welten.

Anregungen zum Hinschauen auch in der Gegenwart aber gibt es! 1920 beispielsweise wurde im Sport engagiert und bisweilen polemisch über den damals aufstrebenden Fußball innerhalb der sozialdemokratischen Arbeitersportbewegung diskutiert. Von vielen Seiten, selbst gemäßigten und weltoffenen wie „Kicker“-Gründer Walther Bensemann, wurde das Gespenst des Sozialismus und eines drohenden Übergreifens der russischen Revolution an die Wand geworfen. Und die Politik ermahnt, die „Auswüchse“ zu zähmen. Dass im selben Jahr rechtsgerichtete paramilitärische Freikorps über den Fußball um Mitglieder warben und marodierend durch die Städte zogen und politische Morde begingen, fand weniger Einfluss in die Diskussionen vor allem im bürgerlichen Lager der Mitte. Diese Blindheit auf dem rechten Auge führte 1933 in die Tragödie des „Dritten Reiches“ (zu dessen ersten Opfern die Arbeitersportler gehörten). Und dass der bürgerliche Fußball – also der DFB – nach 1945 großen Wert darauf legte, von nichts etwas geahnt und es schon gar nicht gewollt zu haben, ist auch so ein bisschen konstruiert, wie auf den folgenden Seiten zu sehen ist.