ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

13. April 2019
von Hardy Gruene
Keine Kommentare

KLARTEXT Der DFB muss mehr Demokratie wagen

Der DFB muss mehr Demokratie wagen

Von Gerd Thomas

Jeden Tag werden neue Namen für den Posten des DFB-Präsidenten gehandelt. Einige sagen gleich ab, andere halten sich alles offen, wieder andere hoffen noch darauf, gefragt zu werden. Doch warum die Eile? Mein Vorschlag wäre, jetzt erst einmal nachzudenken und dann in Klausur zu gehen, wie ein moderner DFB eigentlich aufgestellt sein müsste. Mit Rainer Koch und Reinhard Rauball gibt es zwei Leute, die die Amtsgeschäfte mit großer Routine ein oder gar zwei Jahre im Tandem führen könnten. Sollte Rauball nicht länger wollen, wird sich ein anderer finden. Was soll passieren? Die großen Meilensteine sind gesetzt. Löw wird die Qualifikation zur EM schaffen, die Akademie wird gebaut, Vertreter für FIFA und UEFA werden sich finden.

Wichtiger als ein neuer Name ist jetzt, den gesamten Fußball mitzunehmen. Vielleicht ist es die allerletzte Chance, Amateure und Profis zu einen, statt die Schere weiter auseinandergehen zu lassen. Die Frage ist doch: Ist der DFB in dieser Form überhaupt zeitgemäß aufgestellt? Wie ist es um die Demokratie im größten Sportverband der Welt bestellt? Es gibt keine Gegenkandidaten bei Wahlen. Deren Ergebnisse liegen meist bei 100 %, das hätte sich nicht mal die DDR-Führung getraut. Widerspruch wird meist als Majestätsbeleidigung empfunden, übrigens auch in den Landesverbänden. Kritiker werden in die tägliche Arbeit nicht eingebunden, weswegen auch wenig Neues entstehen kann. Es gibt aber auch kaum konstruktive Runden außerhalb der „ehrenamtlichen“ Spitzen. Bilden sie sich doch mal ohne Zutun der Verbände, werden sie als Gefahr, von einigen gar als Feinde betrachtet.

Ich hatte vor einiger Zeit einen „Think Tank“ für den Amateurfußball angeregt. Als Delegierter des DFB-Amateurfußball-Kongresses musste ich jüngst erleben, wie die DFB-Spitze sich so etwas vorstellt. Langweiliger Frontalunterricht durch Wissenschaftler und unverständliche Vorträge von UEFA-Vertretern, noch langweiligere Podiumsdiskussionen mit dem verflossenen DFB-Präsidenten, nur sehr wenig Diskussion und Austausch in Workshops oder Arbeitskreisen. Am Ende hatten die meisten Delegierten gar das Gefühl, die Themen hätten eh schon vorher festgestanden, womöglich sogar die Ergebnisse und Prioritäten? Digitalisierung, Qualifizierung und Infrastruktur sind natürlich wichtig, für den DFB aber auch leicht zu steuernde Themengebiete. Die beiden ersten Punkte werden verordnet, über den dritten lautstark geklagt, ohne sich wirklich für Gespräche mit der Politik vorzubereiten und Konzepte auszuarbeiten.

Die Delegierten aus den Vereinen umtrieb vor allem das Thema Ehrenamt und die zunehmende Verantwortung, die Belastung, die Überforderung. Einige forderten zumindest höhere Steuerpauschalen, was vom Ex-Präsidenten Reinhard Grindel zurückgewiesen wurde. Er könne sich nicht vorstellen, dass mehr finanzielle Anreize helfen würden, denn das Ehrenamt müsse von Herzen kommen. Ein Mann, der fast eine Millionen jährlich für sein Ehrenamt bekam und nicht wusste, dass man eine Luxusuhr nicht einfach so annehmen darf, verhöhnt die delegierten Amateure. Und ihm wird von keinem seiner Kollegen widersprochen. Ist das wirklich der Stellenwert der Amateure im DFB? Falls ja, muss sich noch viel mehr ändern, als ohnehin schon passieren muss.

Es braucht jetzt eigentlich gleich den nächsten Kongress hinterher. Vielleicht nicht so opulent, auf jeden Fall aber ergebnisoffener. Und vielleicht mit Profis und Amateuren an einem Tisch. Denn wenn es die DFB-Spitze jetzt nicht schafft, dem Breitensport Aufbruch, Leidenschaft und Spaß an der Sache zu vermitteln, wird auch der nächste Präsident sehr schnell den Gegenwind der Amateurfußballer zu spüren bekommen. Moderne Führung setzt auf Motivation, auf Partizipation, auf Visionen.

Der DFB könnte eine der größten gesellschaftlichen Kräfte sein, aber er muss es auch wollen. Die gesellschaftliche Verantwortung muss endlich wahrgenommen werden. Nicht zuletzt daran wird sich der/die nächste Präsident/in messen lassen. Es reicht nicht, jährlich zwei oder drei Preise zu vergeben und den Nationalspielern ein paar „Respekt“-TV-Spots zu verordnen. Der größte nationale Einzelsportverband der Welt stellt mehr als 150.000 Teams im Spielbetrieb, er ist neben Schulen und Kitas der größte Träger der Kinder- und Jugendhilfe, auch wenn das nie jemand reklamiert. Zunehmende sportliche Seniorenarbeit und Gesundheitsprävention tragen ebenfalls zum Wohlbefinden der Gesellschaft bei. Warum eigentlich definiert sich der DFB immer noch in erster Linie über die Nationalmannschaft, den DFB-Pokal und Männerfußball in Ober-, Bezirks- oder Kreisliga? Der Fußball besteht aus weit mehr als Bayern gegen Dortmund und der anschließenden Pay-TV-Runde Rummenigge plus Watzke. Die großen gesellschaftlichen Errungenschaften liegen im klassischen Breitensport, bei den fast 25.000 Vereinen, von denen nur 56 (inkl. 3. Liga) im Profibereich tätig sind. Also nur rund 0,2 %, die aber den absoluten Löwenanteil der Berichterstattung für sich reklamieren und bekommen.

Es ist an der Zeit, dass die Amateurvereine endlich ihren Platz am Tisch einfordern. Ein bayerischer Kollege brachte beim Amateurfußball-Kongress in Kassel die Idee eines Amateur-Beirats beim DFB auf. Ich halte diesen Vorschlag für sinnvoll, die Umsetzung geradezu als notwendig. Denn auch in den Landesverbänden, die angeblich die Basis vertreten, sind kaum Leute im Amt, die wirklich noch wissen, wie es auf und neben dem Platz aussieht. Reinhard Grindel war viel an der Basis unterwegs, das muss man ihm lassen. Und dennoch kann ein hauptamtlich ehrenamtlicher Funktionär niemals ein adäquater Vertreter von Vereinen sein. Weil er nicht täglich erlebt, wie es ist, Trainer zu suchen, Eltern zu beschwichtigen, sich mit Behörden zu streiten, fehlende Beiträge einzuholen oder neue Schiedsrichter zu finden. Denkbar wäre auch ein Aufsichtsrat, bestehend aus Amateurvertretern und Profis, denn beide brauchen einander. Die Vertreter des Breitensports, also von 99,8 % der Vereine, müssen endlich in das Verbandsgeschehen des DFB eingebunden werden. So viel Mitbestimmung muss ein Verband in einer Demokratie aushalten. Besser noch wäre, die jetzigen Funktionäre würden proaktiv an solchen Partizipationsmodellen arbeiten.

Aber wollen die Amateure das überhaupt? Wollen die nicht lieber jammern als sich einmischen? Haben die meisten nicht längst resigniert? Viele Interviews dieser Tage vermitteln diesen Eindruck. So lange sie das Gefühl haben, sie werden nur zu Alibi-Treffen eingeladen und hinterher ändert sich nichts, werden sie maximal einmal mitmachen. Aber wenn sie ehrlich vermittelt bekommen, ihre Ideen sind gewünscht und können wirklich eingebracht werden, sogar mit Aussicht auf Umsetzung, dann werden sie sich engagieren. Leider verfestigt sich der Eindruck, dass 95 % der Funktionäre kein Interesse an solchen Prozessen haben. Der Rücktritt von Grindel bietet aber eine einmalige Gelgenheit zur Erneuerung auf breiter Basis. Vielleicht ist es die letzte.

Gerd Thomas

1. Vorsitzender des FC Internationale Berlin 1980 e. V.

 

Unsere aktuelle Ausgabe #14 mit folgenden Themen:

Leitartikel: Die andere Hälfte – Frauen und Fußball
Legende: Altona 93
Global Game: Fankultur Brasilien
Überleben im Turbokapitalismus: 1. FC Bocholt, TuS Celle FC, DFB-Amateurkongress
Krisensitzung: u. a. Viktoria 89 Berlin, Wuppertaler SV, Wattenscheid 09
Ausland: Notts County FC
Jays Corner: First Vienna FC 1894
Mottenkiste: Die ersten Länderspiele

… sowie die üblichen Rubriken wie Zeitspiel International, Willmanns Kolumne, Wappenstube, Gästeblock, Eintagsfliege, Abstauber, Collectors Corner, Nadelkissen, Singing Area, Unverzichtbares Wissen, Buchmacher, Stimme aus dem Kuchenblock etc.

Jetzt hier bestellen

12. April 2019
von Hardy Gruene
Keine Kommentare

Der Fußball der Zukunft – wie sehen wir ihn? Wir brauchen euch!

Liebe Zeitspiel-Gemeinde, jetzt brauchen wir Euch!

In der kommenden Ausgabe #15 wollen wir uns im Leitartikel „Überleben im Turbokapitalismus II“ mit dem Zustand des Fußballs unterhalb der Kommerzebene beschäftigen. Dabei wollen wir nicht nur jammern und stöhnen über all das, was vermeintlich „schlecht“ läuft, sondern vor allem schauen, wo es schon anders (besser) läuft und wie der Fußball eine überlebensfähige Zukunft bekommen kann.

Und da kommt Ihr ins Spiel: Zum einen suchen wir Vereine vorzugsweise ab 3. Liga bis 6. Liga, aber auch bis hinunter bis auf Kreisebene, die bereits neue Wege beschreiten. Die sich herausgelöst haben aus einem sich selbst verschlingenden Geldsystem und den Fußball und das Vereinsleben unter zeitgemäßem Rahmenbedingungen in den Vordergrund gerückt haben. Die nicht mehr um jeden Preis aufsteigen wollen sondern stattdessen darauf achten, sich nicht selbst ständig in Insolvenzgefahr zu bringen. Die zeitgemäße Nachwuchsarbeit betreiben, denen es gelingt, ihre Mitglieder für sich zu begeistern.


Gilt das für Euern eigenen Verein? Oder kennt ihr Vereine, bei denen das so ist? Dann gebt uns gerne einen Hinweis.

Zum anderen wollen wir von Euern Visionen, Utopien und Hoffnungen hören. Wie kann der Fußball im Jahr 2030 aussehen? Schickt uns kurze Statements, die wir sammeln und im Heft präsentieren. Dabei darf es sowohl um den „großen“ Fußball gehen als auch auf den in der Kreisklasse oder im Nachwuchsbereich.


Reclaim the game! Wir freuen uns auf Eure Beiträge unter redaktion (at) zeitspiel-magazin.de

12. April 2019
von Hardy Gruene
Keine Kommentare

Legende #15: Altona 93

Ein museumsreifes Stadion, ein Ruhm, der aus der Kaiserzeit stammt und ein Publikum, das so bunt wie fröhlich ist. Altona 93 ist kein gewöhnlicher Fußballklub sondern ein prächtiges Beispiel, wie Fußball auch in modernen Zeiten bodenständig und erfolgreich sein kann.

Wir haben den AFC besucht und einen prächtigen Nachmittag bei herrlichem Frühlingswetter in der Adolf-Jäger-Kampfbahn genossen. In unserer aktuellen Ausgabe #15 berichten wir auf zehn Seiten über den Hamburger Kultklub.

Die aktuelle Ausgabe jetzt hier bestellen. Oder gleich ein Testabo abschließen – zwei Ausgaben zum Probieren.

 

 

8. April 2019
von Hardy Gruene
Keine Kommentare

Notts County – „the whell fell off“

Nur ein paar Sekunden fehlten dem Notts County FC am Samstag, um erstmals seit Monaten die Abstiegsränge zu verlassen. Erst in der Nachspielzeit traf Abstiegsrivale Yeovil Town in Swindon doch noch zum Ausgleich und verdrängte die „Magpies“ damit wieder auf einen Abstiegsplatz.
Dennoch ist der Optimismus an der Meadow Lane nach dem in Unterzahl erstrittenen 2:2 gegen Northampton Town endlich wieder greifbar. Fünf Spieltag vor Serienende ist die Hoffnung zurück, den ältesten Ligaklub der Welt doch noch in der Football League zu halten.

Doch wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass der Traditionsverein in dieser Saison so brutal abstürzte? In der aktuellen Ausgabe #14 gehen wir den Ursachen auf die Spur und klären auch die Sache mit dem Fangesang „I had a wheelbarrow, the whell fell off.“

Jetzt hier bestellen

24. März 2019
von Hardy Gruene
Keine Kommentare

Zeitspiel-Ausgabe #14 jetzt lieferbar

Es ist vollbracht, unsere #14 ist da!

In unserem Leitartikel geht es diesmal um das Thema „Die andere Hälfte. Fußball und Frauen“.

Anlass ist die anstehende Weltmeisterschaft in Frankreich, die trotz aller gewonnener Popularität des Frauenfußballs noch immer tief im Schatten der des Männerfußballs steht. In bewährter Zeitspiel-Manier nähern wir uns dem Thema von allerlei Seiten, blicken in die Geschichte und die Gegenwart, versuchen, ein möglichst breites Spektrum zu erfassen. Insofern geht es auch nicht nur um Frauenfußball, sondern tatsächlich um „Frauen und Fußball“. Also um Fankultur und Journalismus, eine polnische Torfrau in Diensten von PSG mit Ultravergangenheit, um allerlei Initiativen und natürlich ganz viel um den Spielbetrieb zwischen Champions League und Kreisklasse. Und wir dürfen an dieser Stelle schon mal deutlich sagen: das Thema ist auch für (uns) Männer empfehlenswert!

Außerdem im Heft
Legende: Altona 93
Überleben im Turbokapitalismus: 1. FC Bocholt, TuS Celle FC
Zeitspiel aktuell: Der Amateurkongress des DFB in Kassel
Global Game: Fankultur in Brasilien
Zeitspiel International: Der tragische Niedergang des Notts County FC
Jays Corner: Hohe Warte des First Vienna FC
Mottenkiste: Das erste internationale Spiel in Deutschland

… sowie die üblichen Rubriken wie Willmanns Kolumne, Krisensitzung, Wappenstube, Eintagsfliege, Abstauber, Echte Liebe, Unverzichtbares Wissen, Buchmacher, Stimme aus dem Kuchenblock etc.

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Handel. Einzelheftbestellungen oder Abos über unseren Shop.