ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

13. April 2017
von Hardy Gruene
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KLARTEXT: Fußball „nach Dortmund“

KLARTEXT

Von Martin Krauß

 

Nun also „nach Dortmund“.

Schon wieder muss der Fußball weiterrollen.

Wie er schon nach den Anschlägen von Paris während des Länderspiels Frankreich gegen Deutschland im November 2015, als dann das folgende Spiel in Hannover kurzfristig abgesagt wurde, weiterrollen sollte. Wie schon nach den Attentaten von Brüssel im März 2016, als unbedingt kurz darauf in Berlin das Spiel der DFB-Auswahl gegen England steigen musste. Das, so ist allerorten zu hören, sei ein politisches Zeichen. Nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus, also auf die Spieler von Borussia Dortmund heißt es wieder: Es sei ganz wichtig, dass die Fußballspiele stattfinden. Der Terror, von dem derzeit noch gar nicht bekannt ist, wer ihn in Dortmund ausgeübt hat, sei doch eine Kriegserklärung gegen unsere Art zu leben. Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer des BVB, hatte sich prompt bei der Mannschaft bedankt, „dass sie sich zur Verfügung stellt“. Sie tue dies, so Watzke, „weil unsere Demokratie und unsere freiheitliche Grundordnung auf dem Prüfstand stehen“.

Unsere Freiheit, unsere Demokratie, unsere freiheitliche Grundordnung, so muss man also vermuten, ist vor allem: anderen Menschen die Anweisung zu geben, gefälligst Fußball zu spielen! Befehlsempfänger der zumindest moralisch besseren Gesellschaft sind junge Männer, die als Vorbilder fungieren sollen. Wer sagt, die westliche Gesellschaft müsse ihre Liberalität weiter ausleben, meint mittlerweile: Die Fußballer sollen das tun. Nun, „nach Dortmund“, regt sich leiser Protest gegen diesen arg paternalistischen Umgang mit jungen Erwachsenen. Dortmunds Trainer Thomas Tuchel sagte, er und die Mannschaft hätten die Terminansagen der Uefa „als sehr ohnmächtig empfunden“. Den Spielern und ihm sei zu verstehen gegeben worden, „dass wir zu funktionieren haben“. Tuchel weiter: „Wir wurden von der Uefa behandelt, als wäre eine Bierdose gegen unseren Bus geflogen.“ Nuri Şahin, Mittelfeldspieler des BVB, sagte nach dem letztlich verlorenen Spiel gegen Monaco: „Ich weiß, dass wir sehr viel Geld verdienen, ein privilegiertes Leben haben. Aber wir sind auch nur Menschen, und es gibt sehr viel mehr als Fußball auf dieser Welt. Das haben wir vergangene Nacht gefühlt.“ Und Torsten Frings, mittlerweile Trainer bei Darmstadt, nannte die unsensible Spielansetzung eine „Frechheit“, er selbst hätte unter diesen Bedingungen nicht gespielt.

Wenn in beliebten Urlaubsorten und -ländern Serien von Anschlägen geschehen, sorgt das für massenhafte Stornierung von Flügen und Hotelbuchungen. Das ist naheliegend und niemandem, der es storniert, vorzuwerfen. Irritierend ist aber, dass diese Entscheidung, einen Ort der Gefahr aufzusuchen oder zu meiden, Fußballern nicht zugebilligt wird. Die Freiheit muss verteidigt werden, heißt es, aber nicht, in dem die Gesellschaft selbstbewusst die Freiheit auslebt. Sondern vielmehr wird so getan, als werde unser Way of Life vor allem durch die Fernseh-Liveübertragung eines Champions-League- oder Länderspiels verteidigt.

Seit gemunkelt wird, der Sport und ganz konkret der Fußball fördere das friedliche Zusammenleben, glaubt jeder, dem Sport Vorschriften machen zu dürfen. Dass sich im Pariser Stade de France Selbstmordattentäter während des Spiels Frankreich gegen Deutschland in die Luft sprengten, dass es in Hannover vor dem Deutschland-Niederlande-Spiel realistische Drohungen gab, dass zur gleichen Zeit in Bagdad 29 Menschen in einem Stadion ermordet wurden, dass BVB-Verteidiger Marc Bartra am vergangenen Montag einer Not-OP unterzogen werden musste und er wie all seine Kollegen unter Schock stand – all das wird von der hiesigen Öffentlichkeit zwar zur Kenntnis genommen, aber in einem Sinn, der dem Fußball eine Art Stellvertreterfunktion beimisst: Junge Gladiatoren in kurzen Hosen haben in die Arena zu schreiten und für uns die anstehenden Kämpfe auszufechten.

Es drückt sich hier die Vorstellung aus, Fußballspieler seien von uns bezahlte Marionetten. Sie hätten keine eigene Meinung, sie seien mal für eine gute, mal für eine schlechte Sache in Gebrauch. Das aber ist eine sehr hässliche und sportler- (und damit: menschen-)feindliche Vorstellung. Und mit einem halbwegs realistischen Sportverständnis hat sie auch nichts zu tun: Sport ist nämlich Produkt dieser Gesellschaft: so liberal und so rassistisch wie diese, so mutig und so feige, so schön und so hässlich. „Nach Dortmund“ kam ganz schnell die Spielansetzung: Keine 24 Stunden später wurde gespielt, das wurde mit der Freiheit, die gegen den Terror verteidigt werden müsste, verteidigt. So ganz nebenbei wurde der enge und für die Uefa sehr lukrative Fernsehzeitplan der Champions League gerettet.

Mit diesem Hinweis soll das hehre Ziel, eine freiheitliche Gesellschaft zu verteidigen, nicht denunziert werden: Ob Fußballspiele oder Weihnachtsmärkte oder Flughäfen – jeder Mensch soll das betreten dürfen, das er möchte. Nur, jeder Mensch heißt eben auch: jeder Fußballer. Und die Freiheit, die verteidigt wird, ist eben auch die, selbst zu entscheiden, ob man sich einer Gefahr aussetzt. Was man „nach Paris“, „nach Brüssel“ und „nach Dortmund“ endlich begreifen sollte ist, dass Profifußballer freie, eigenverantwortliche und selbstbewusste Menschen sind, die nicht zu gängeln sind. Nicht für die Fernseheinnahmen der Uefa und nicht für die Freiheit.

12. April 2017
von Hardy Gruene
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Forever blowing bubbles? – West Ham United am Scheideweg

Umzug in eine ungewisse Zukunft

Neues Stadion, anderer Klub? Bei West Ham United hat sich offensichtlich nicht nur der Spielort verändert. Ein Beispiel dafür, wie ein Klub seine Wurzeln verlieren kann.

von Mario Rauch

Schon der Weg zum Stadion war ein Erlebnis. Wer die Underground-Station Upton Park verließ, war mitten drin im Trubel, der an Spieltagen hier herrschte. Über die berüchtigte Green Street führte der Weg schnurstracks zum Boleyn Ground – dem Stadion, das aber eigentlich jeder nur Upton Park nannte, die Heimat des Premier League-Klubs West Ham United. Aus dem Queen’s Market mit seinen überdachten Markthallen drang auf diesem Weg der Geruch exotischer Früchte. In geselligen Snackbars entlang der Straße wurde multikulturelles Essen geboten. Und gegenüber vom Stadion blickten die Anwohner neugierig aus den Fenstern der Häuser, die sich nur einen Steinwurf entfernt vom Haupteingang des Stadion befanden.

Im Inneren waren die Fans nah dran am Geschehen. Das enge Stadion verhalf den nicht immer spielstarken Hausherren oft zu Außenseiter-Siegen gegen die Großen der Liga. Alles Geschichte. Längst haben die Abrissarbeiten am Upton Park begonnen. Im Mai 2016 fand nach 112 Jahren das letzte offizielle Spiel im Stadion von West Ham United statt. Die „Irons“ besiegten Manchester United 3:2. Es war ein schwacher Trost für die Fans, die schon damals ahnten, dass der Abschiedsschmerz noch lange nachwirken würde.

Mehr als ein halbes Jahr später hat sich diese Vorahnung bestätigt. Es ist ein kühler Februar-Abend, an dem wir in einem Pub in der Londoner Bow Road eintreffen. West Ham trifft später auf Manchester City. Die Bow Road liegt zwei Bahnstationen entfernt von der neuen fußballerischen Heimat des Klubs. Die „Hammers“ spielen seit Saisonbeginn im Londoner Olympiastadion, das inzwischen den Namen London Stadium trägt. Aber wahrscheinlich auch nicht mehr lange – die Verantwortlichen sind aktuell auf der Suche nach einem namensgebenden Sponsor. Im Pub treffen wir Francis Turner, den seine Freunde in Anlehnung an den bekannten Musiker nur Frank rufen. Mit dem Songwriter hat er jedoch nur den Namen gemeinsam. Er entspricht eher dem Klischee der früheren West Ham-Fans. Arbeiterklasse, schlecht gestochene Tattoos am Unterarm. Aber auch Typ raue Schale, weicher Kern, dem ohnehin anzumerken ist, dass seine wilden Zeiten hinter ihm liegen.

Er sitzt mit seinem 21-jährigen Sohn Marc am Tresen. Francis ist 47 und „schon immer“ West Ham-Supporter. Er weiß genau, worauf wir hinaus wollen. „Frag mich bloß nicht nach dem neuen Stadion“, sagt er mit einem freundlich-sarkastischen Unterton. Sein Sohn und einige andere West Ham-Fans im Pub springen ein, als Turner schweigt. Das größte Problem ist offensichtlich: Das London Stadium ist einfach kein klassisches Fußballstadion. Es wurde für die Leichtathletik-Wettbewerbe der Olympischen Spiele und der Paralympics im Jahr 2012 gebaut. „Viele Jahre haben wir leicht verächtlich in andere Länder geschaut und die Zuschauer in den Stadien in Rom oder Berlin belächelt, die meilenweit vom Geschehen entfernt sind. Jetzt wird über uns gelacht“, sagt Marc Turner. Doch nicht nur die fehlende Atmosphäre und Distanz innerhalb des Stadions ist ein Kritikpunkt. Das London Stadium liegt mitten im schicken Olympiapark. Allein der Fußweg von der nächstgelegenen Bahnstation (Stratford) dauert mindestens zehn Minuten. Und der führt nicht etwa über eine atmosphärische Straße wie die Green Street, sondern über abgesperrte Schnellstraßen und sterile Wege des Olympiaparks. Urige Pubs in Stadionnähe? Fehlanzeige. Auf dem Weg liegt nur noch die Stadium Bar Lounge. Der Name ist Programm. Francis Turner und seine Kumpels kann man sich in dem durchgestylten Lokal jedenfalls kaum vorstellen.

Spektakulär ja. Aber auch atmosphärisch? West Hams neue Heimat. (Foto Mario Rauch)

Im Stadion können sich die Fans passenderweise sogar Wein an den Getränkeständen bestellen. „Vielleicht war das im Upton Park sogar auch möglich. Aber im neuen Stadion fällt es besonders auf, weil es irgendwie symptomatisch ist“, sagt ein West Ham-Fan, den wir auf den Weinverkauf ansprechen. West Hams Hooligan-Legende Cass Pennant postete auf seiner Facebook-Seite ein Foto eines Fans, der während des Spiels im London Stadium einen großen Becher Popcorn futterte. „Das wäre im Upton Park niemals passiert. Auf keinen Fall“, lautete Pennants Kommentar. West Ham United setzt auch auf die Erschließung neuer Zielgruppen. Nicht nur die typischen Fußballfans sollen kommen. Wie andere Vereine wollen die Eigentümer des Klubs auch ein „family-friendly environment“, ein familienfreundliches Umfeld, erschaffen. Dass mit dieser Vorgabe auch mal zwei Welten aufeinanderprallen, zeigte sich bei den ersten Spielen im neuen Stadion. Schon im Vorfeld hatten Fans darauf hingewiesen, dass der Klub den Dauerkartenverkauf nicht in ihrem Sinne gesteuert habe. 50.000 Dauerkarten verkaufte West Ham. Die Folge war, dass supportwillige Fans und typisches Sitzplatz-Publikum sich vermischten. Dieses Szenario endete im Spiel gegen Watford in einer handfesten Keilerei, als die supportenden Fans sich weigerten zu sitzen. „New breed fans“ nennt Cass Pennant die neu erschlossenen Publikumsschichten, die im neuen Stadion ihre Chance nutzten, eine Dauerkarte zu ergattern.

Auch wenn es von den Verantwortlichen niemand öffentlich ausspricht: Mit dem Umzug ist offensichtlich auch der Klub im Wandel. Damit verbunden ist die Hoffnung, regelmäßig im Konzert der Großen der Premier League mitzuspielen. Wirtschaftlich war der Umzug in das London Stadium daher zunächst ein nachvollziehbarer Schritt. Zu neuen Vermarktungsmöglichkeiten kommt die Tatsache, dass West Ham lediglich 2,5 Millionen Pfund Miete pro Jahr an den Eigentümer, die öffentlich-rechtliche London Legacy Development Corporation (LLDC), zahlt. Alle weiteren Betriebskosten trägt der Eigentümer selbst. West Ham United musste sich zuvor zudem mit 15 Millionen Pfund an den Umbaukosten für Fußballbetrieb beteiligen. Angesichts der Gesamtkosten von insgesamt rund 272 Millionen Pfund für den Umbau ein geringer Betrag für einen Premier League-Klub.

Im Upton Park gab es keine Möglichkeit der Expansion. Trotz der Investitionen in das neue Stadion, mit denen unter anderem die Leichtathletik-Bahnen teilweise mit Tribünen überbaut wurden, ist die Distanz zum Feld von einigen Plätzen immer noch groß. Statt steiler Ränge erwartet die Fans eine Schüssel, die wie eine moderne Version des Wiener Ernst-Happel-Stadions wirkt. David Goldstone, Geschäftsführer der LLDC, ist trotz der Kritik vom Stadion überzeugt: „Es ist fantastisch geeignet für Rugby, Fußball und Konzerte. Es ist ein großartiger Multifunktions-Veranstaltungsort.“ Doch schon das Wort „multifunktionell“ löst bei vielen Fußball-Romantikern Allergien aus. Es steht quasi im Gleichklang mit Gewinnmaximierung und Kunden statt Fans.

„Viele Jahre haben wir leicht verächtlich in andere Länder geschaut und die Zuschauer in den Stadien in Rom oder Berlin belächelt, die meilenweit vom Geschehen entfernt sind. Jetzt wird über uns gelacht“ (Foto Mario Rauch)

Vielleicht ist es angesichts der Veränderungen rund um West Ham United logisch, dass mit Red Bull das Synonym der fortschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs seine Chance witterte. Angeblich gab der Brausekonzern ein Gebot zum Kauf des Klubs ab. Es dauerte mehrere Wochen, bis Red Bull dementierte, was weiteren Nährboden für Spekulationen bot. „Es wäre eine außerordentliche Dummheit, nach dem erfolgreichen Engagement in Leipzig jetzt auch an irgendeine Ergänzung in England zu denken“, betonte RB-Boss Dietrich Mateschitz dann allerdings gegenüber den „Salzburger Nachrichten“. Während das Schreckgespenst Red Bull also anscheinend zunächst kein Thema mehr ist, bleiben immer wieder Gerüchte über eine Übernahme des Vereins durch chinesische oder amerikanische Investoren.

Seit 2010 sind die Briten David Sullivan und David Gold Mehrheits-Eigentümer von West Ham United. Sie besitzen gemeinsam über 86 Prozent Anteile am Klub. „Wir werden ganz sicher nicht an ein chinesisches oder amerikanisches Konsortium verkaufen“, sagt David Sullivan. Der Geschäftsmann aus Wales verdiente sich seine erste Million übrigens mit Erotikshops und der Produktion von Softpornos. Und sein Treueschwur zu West Ham United geht noch weiter: „David Gold und ich gehen davon aus, dass irgendwann unsere Kinder übernehmen. Wir lieben West Ham und wir haben nicht vor, den Klub zu verlassen.“ Die Vehemenz des Dementierens spricht dafür, dass die Eigentümer angesichts der Identitätskrise der „Irons“ diesen heiligen Gral nicht auch noch opfern wollen.

Dass sich ein Premier League-Team heutzutage noch in britischen Händen befindet, ist schon fast eine Besonderheit. Mehr als die Hälfte der Klubs ist im Besitz ausländischer Investoren. Für Francis Turner im Pub an der Bow Road nur ein schwacher Trost. „So groß wäre der Unterschied bei anderen Investoren wahrscheinlich auch nicht“, sagt er fast resigniert. „West Ham United wird immer mein Klub bleiben. Daran wird sich nichts ändern. Aber unsere Beziehung war schon leidenschaftlicher“, betont er und seine Freunde am Tresen nicken zustimmend. Dass es nicht nur ihnen so geht, wird einige Stunden später deutlich. West Ham unterliegt an diesem Abend chancenlos mit 0:4 gegen Manchester City. Bereits eine halbe Stunde vor dem Abpfiff hat sich mehr als die Hälfte der 57.000 Zuschauer auf den Heimweg gemacht. „Das kommt davon, wenn man Kunden statt Fans möchte“, sagt John, ein älterer Mann neben uns auf der Tribüne. Er hatte uns zuvor noch erzählt, dass er kürzlich einen Brief seines Vereins erhalten habe, in dem er als „Dear customer“ angesprochen wurde. „Irgendwie bezeichnend“ fand er das.

Der verbliebene Rest der Zuschauer stimmt kurz vor Schluss im London Stadium noch einmal die inoffizielle Hymne des Klubs an: „I’m forever blowing bubbles“. Träume, die zerplatzen wie Seifenblasen. Darum geht es unter anderem in dem Song. West Ham United muss aufpassen, dass das Lied im Jahr 2017 nicht aktueller denn je wird.

Forever blowing bubbles? (Foto Mario Rauch)

 

 

 

7. April 2017
von Hardy Gruene
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Schwerpunkt in Ausgabe 8: Fußballvereine und Geldgeber

Fußballvereine und Geldgeber – das ist eine sensible Beziehung. Nicht erst seit RB, SAP, VW und Investoren aus aller Welt den Fußball mit Geld und Macht fluten.

In Zeitspiel-Ausgabe Nummer 8, die Ende April erscheint, widmen wir uns im Schwerpunkt ausführlich dieser vielfältigen und bisweilen so schillernden Beziehung, die schon lange vor dem Ersten Weltkrieg begann.

Außerdem im Heft: Legende Viktoria Köln, Global Game Fußballstadt Prag, Fankurve FC Homburg, Überleben im Turbokapitalismus: quo vadis Regionalliga? u.v.m.

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Handel. Infos und Bestellungen

26. März 2017
von Hardy Gruene
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ASERBAIDSCHAN: „The Land of Fire“

In der WM-Qualifikation läuft Deutschland („Die Mannschaft“) heute in Aserbaidschan auf. Ein Land, in dem der Fußball wahrlich nicht nur profaner Sport ist. Dazu ein Text aus unserer (komplett ausverkauften) Ausgabe #2 vom Oktober 2015, in der wir das Fußball-Land Aserbaidschan in der Rubrik „Global Game“ ausführlich vorgestellt haben.

 

Aserbaidschan: „The Land of Fire“

Von Hardy Grüne

Wenn Aserbaidschan in die internationalen Schlagzeilen gerät, ist es selten aus erfreulichen Gründen. So im Frühjahr 2015, als Amnesty International anlässlich der Europaspiele in Baku (Aserbaidschanisch: Bakı) zum wiederholten Mal einen kritischeren Umgang mit dem zwischen Russland, dem Iran und dem Kaspischen Meer gelegenen Land anmahnte. Massive Menschenrechtsverletzungen, eingeschränkte Pressefreiheit sowie der Zusammenbruch der Zivilgesellschaft sind jene Themen, mit denen Aserbaidschan im Westen vornehmlich verbunden wird. Das Land gilt als eines der undemokratischsten der Welt und wird in Sachen Pressefreiheit auf Rang 160 von 180 geführt.

Fußball-Lobbyismus

Eines der Instrumente, mit denen sich der autokratische Präsident Ilham Alijew eine bessere Außendarstellung verschaffen will, ist der Sport. Die ersten Europaspiele der Geschichte boten ihm im Frühjahr 2015 eine glänzende Gelegenheit dazu, und erwartungsgemäß spielten die internationalen Sportorganisationen auch bereitwillig mit. „Der Sport ist nicht in der Lage, politische Systeme zu verändern – und er kann auch politische Gefangene nicht befreien”, ließ Michael Vesper, Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (bedauernd?) ausrichten. IOC-Präsident Thomas Bach wurde unterdessen beim fröhlichen Gespräch mit Alijew gesichtet. Kein Wunder, denn der milliardenschwere Oligarch hatte für die 50 teilnehmenden Sportverbände sämtliche Kosten übernommen. Der Politologe Gerald Knaus bezeichnet diese Strategie als „Kaviardiplomatie”.

Fußball spielt eine wesentliche Rolle in der aserbaidschanischen Propagandapolitik. Als „The Land of Fire” bezeichnet man sich selbst. Das geht zurück auf das heute auf iranischem Gebiet gelegene Feuerheiligtum Tacht-i Suleiman. Mit diesem Slogan wirbt man unter anderem auf den Jerseys des 2014er-Champions-League-Finalisten Atlético Madrid, des französischen Traditionsklubs Racing Lens und Sheffield Wednesday aus der englischen Championship. „Die Beziehung zwischen Aserbaidschan und Atlético ist viel mehr als eine traditionelle, rein wirtschaftliche Beziehung zwischen einem Trikotsponsor und einem Klub”, jubelte Atlético nach Vertragsabschluss, denn „Sport ist eine exzellente Plattform für globale Kommunikation”. Zwölf Millionen Euro kassiert der Klub für anderthalb Jahre. Da vergisst man schon mal die Frage nach den Menschenrechten oder der Pressefreiheit. Anders reagierten die südamerikanischen Klubs San Lorenzo (Argentinien) und Peñarol (Uruguay), die nach Protesten der armenischen Gemeinden ihrer Heimatstädte einen Kontrakt mit „The Land of Fire” ablehnten.

Offiziell steht hinter „The Land of Fire” Aserbaidschans Tourismusindustrie. Tatsächlich aber ist es der Oligarch Hafiz Mammadow. Der Vorsitzende des Öl- und Gas-Konsortiums „Baghlan” ist im Fußball ein gut vernetzter Mann. Er ist Besitzer von Racing Lens und des zweifachen aserbaidschanischen Landesmeisters Baku FC sowie Teilhaber beim FC Porto und Atlético Madrid. Sein Interesse zielt vor allem auf zuschauerstarke und wirtschaftlich angeschlagene Traditionsklubs, bei denen er über seine finanzielle Beteiligung rasch die Kontrolle gewinnen kann. Dass auch seine Bäume nicht in den Himmel wachsen, zeigte die geplante Übernahme des englischen Traditionsklubs Sheffield Wednesday. Die nachgefragten 40 Millionen Pfund konnte Mammadow angesichts des einbrechenden Ölpreises sowie des kriselnden Rubels im Nachbarland Russland, an das Aserbaidschan wirtschaftlich eng gekoppelt ist, nicht aufbringen.

Auch die UEFA lässt sich gerne mit aserbaidschanischen Geldern unter die Arme greifen. 2013 unterzeichnete sie einen exklusiven Sponsorenvertrag über vier Jahre mit der staatlichen Ölgesellschaft SOCAR, die dafür 80 Millionen Euro zahlt. Dass im Gegenzug 2020 bei der Europameisterschaft auch in Baku um Punkte gestritten werden wird, ist da sicher kein Zufall. SOCAR-Gründer war übrigens 1992 der heutige Staatspräsident Ilhan Alijew, der das Unternehmen seinerzeit benutzte, um Aserbaidschans frischgewonnene Eigenstaatlichkeit zu stärken. Der heutige SOCAR-Chef Rovnag Abdullajew wiederum ist zugleich Vorsitzender des aserbaidschanischen Nationalverbandes AFFA. Kaukasus-Experte Thomas de Waal spricht in seinem Buch „The Caucasus” von „politischem Lobbyismus über den Fußball”.

Britische und deutsche Fußballwurzeln

Aserbaidschan ist ein zerrissenes Land mit fragiler Innenwelt. Die größte der drei Kaukasusrepubliken (neben Aserbaidschan noch Georgien und Armenien) stand über Jahrhunderte unter Fremdherrschaft und wurde 1813 beziehungsweise 1828 zwischen Persien (heute Iran) und Russland aufgeteilt. In den Wirren der Oktoberrevolution erlangte der russische Teil 1918 kurzzeitig seine Unabhängigkeit, die aber schon 1920 mit dem Einmarsch der Roten Armee wieder verlorenging. 1936 entstand daraus die Sowjetrepublik Aserbaidschan, deren Grenzen sich mit denen der heutigen Republik deckte. Aserbaidschans Reichtum war und ist das Öl. Vor dem Ersten Weltkrieg galt das Land als weltweit größter Erdölproduzent.

Fußball kam 1905 über britische Ölarbeiter in die heutige Hauptstadt Baku. 1911 wurde dort erstmals um eine Stadtmeisterschaft gerungen, die der „British Club” gewann. Darüber hinaus wurde schon früh auch in den vor rund 200 Jahren von deutschen Siedlern gegründeten Winzergemeinden Helenendorf (heute Göygöl), Annenfeld (Şamkir/Şǝmkır) und Traubenfeld (Tovuz) gekickt. 1912 lief unter dem Sokol-Banner erstmals eine Art Landesauswahl auf und gewann in Georgien mit 4:2. Zwei Jahre später entstand ein Regionalverband.

So richtig los ging es aber erst nach Einleitung der stalinistischen Industrialisierungspolitik in den frühen 1920er-Jahren. Dadurch kamen zahlreiche russische Arbeiter nach Aserbaidschan. 1928 stritten Teams aus Baku, Khankendi (heute Stepanakert), Gäncä, Quba, Şəki (Şaki) und Zaqatala erstmals um eine Republikmeisterschaft. Sieger wurde Hauptstadtklub Hamkarlar.

1930 entstand mit Temp Baku („Arbeit”) ein der Gewerkschaft unterstelltes Team, das 1938 in die zwei Jahre zuvor gebildete sowjetische Oberliga aufgenommen wurde und dort auf Klubs wie Spartak und Dinamo Moskau traf. Erstmals kam der „große Fußball” damit nach Aserbaidschan! Doch die Blau-Weißen stiegen direkt wieder ab, und 1940 trat an ihre Stelle mit Neftjanik („Kraftstoffarbeiter”) ein Nachfolger, der bis heute als Neftçi („Kraftstoff”) existiert und 1949 ebenfalls in die UdSSR-Oberliga aufstieg. Ungleich Ararat Erewan in der Nachbarrepublik Armenien gelang es dem Klub trotz Etablierung im sowjetischen Oberhaus jedoch nicht, zum fußballerischen Bannerträger des aserbaidschanischen Nationalgefühls aufzusteigen. Grund: für Neftçi spielten überwiegend russische Ölarbeiter.

Fußball-Legende Anatoli Banischewski

Zur Fußball-Legende wurde Neftçi-Angreifer Anatoli Banischewski, der 1966 mit der UdSSR zur WM nach England reiste und 2003 posthum zum „Spieler des Jahrhunderts” Aserbaidschans gewählt wurde. Der aus einer russischen Familie stammende und in Baku geborene Banischewski war sechs Jahre zuvor in ein diabetisches Koma gefallen und viel zu früh verstorben. ¸hnlich bekannt – vor allem in Deutschland – war Tofiq Bahramow; jener Linienrichter, der 1966 im WM-Finale beim umstrittenen dritten englischen Treffer zum Anstoßkreis zeigte und nach dem heute das Nationalstadion in Baku benannt ist.

1968 schickte das Land mit Kapaz Kirovabad (heute Gäncä) erstmals einen zweiten Vertreter ins sowjetische Oberhaus (Abstieg im ersten Jahr, keine Rückkehr), während Igor Ponomarjow 1988 mit der UdSSR olympisches Gold holte. Im Grunde genommen aber war Aserbaidschan im Sport über weite Strecken seiner Zugehörigkeit zur Sowjetunion durch Disziplinen wie Boxen, Schach und Gewichtheben bekannter als durch Fußball.

Krieg um Bergkarabach

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR und Erlangung der Unabhängigkeit 1991 geriet Aserbaidschan übergangslos in einen bereits seit 1988 schwelenden bewaffneten Konflikt mit Nachbar Armenien um die Region Bergkarabach (Russisch: Nagorny Karabach), die im Südosten des Kleinen Kaukasus liegt und mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird. Seit 1994 ist ein Großteil der abtrünnigen Enklave von Armenien besetzt, sind die Aserbaidschaner fast vollständig geflohen, existiert ein brüchiger Waffenstillstand. Inzwischen gibt es sogar einen eigenständigen Fußballverband, der 2015 ein Team zum ConIFA-World-Cup ins schwedische Östersund entsandte.

Der Fußball-Landesverband Azärbaycan Futbol Federasiyalarai Assosiasyasi (AFFA) wurde am 24. März 1993 gegründet und musste seine Qualifikationsspiele wegen des bewaffneten Konfliktes zwischen 1994 und 1996 im 1.000 Kilometer von Baku entfernten türkischen Trabzon austragen. Just im ersten „echten” Heimspiel in Baku gelang am 31. August 1996 beim 1:0 in der WM-Qualifikation über die Schweiz dann eine Sensation, die sich jedoch als Eintagsfliege erwies. Anschließend ging es mit Aserbaidschans sportlichen Geschicken steil bergab. Tiefpunkt war ein 1:2 in Liechtenstein am 14. Oktober 1998.

Zersplittete Nationalliga

Bereits 1992 war die Nationalliga „Yüksək Liqa” ins Leben gerufen worden, deren erster Sieger Neftçi Baku hieß. Der Fußball geriet jedoch rasch in einen von Eitelkeiten geprägten Machtkampf zwischen Fußball-Verbandschef Faed Masajew und Ilham Alijew, dem heutigen Landespräsidenten und damaligen Vorsitzenden des aserbaidschanischen NOC. Während Masajew schon zu Sowjetzeiten Aserbaidschans Fußball gelenkt hatte, war Alijew als Sohn des diktatorischen Staatspräsidenten Gaidar Alijew ins Amt gekommen. Der Streit eskalierte 2002, als der Spielbetrieb der Nationalliga zum Erliegen kam und die FIFA Aserbaidschan international sperrte. Erst als Alijew im Herbst 2003 seinem verstorbenen Vater auf den Posten des Staatspräsidenten nachfolgte, während Musajew von Neftçi-Präsident Mirzojew abgelöst wurde, entspannte sich die Situation. 2007 nahm die vom Nationalverband unabhängige Profiliga „Azərbaycan Premyer Liqası” ihren Spielbetrieb auf, während Rovnag Abdullajew 2008 die Verbandsgeschäfte übernahm.

Seit 2008: Fußball als Werbeträger

Unter dem früheren Präsidenten von Neftçi Baku und Mitglied der Nationalversammlung beziehungsweise Chef der staatlichen Ölfirma SOCAR wurde eine grundlegende Wende eingeleitet. Die brachliegende Fußballkultur des Landes sollte nun mit vereinten Kräften auf internationales Niveau gebracht und zum Werbeträger für Aserbaidschan werden.

Geleitet wurde der Prozess von Verbandssekretär Elkhan Mammadow, einem gewieften Funktionär, der zuvor schon Bakus Olympiabewerbungen 2016 und 2020 vorangetrieben und die U17-Frauen-WM 2012 sowie die U17-Männer-EM 2016 nach Aserbaidschan geholt hatte. Mammadow gilt als einflussreicher Funktionäre auf europäischer Ebene.

Fortan flossen massive Summen in den aserbaidschanischen Fußball. Zunächst entschuldete man durch Streichung der Steuerschulden die darbenden Erstligaklubs, von denen einige zwischenzeitlich Konkurs gegangen waren. Anschließend wurde erheblich in Infrastruktur und Personal investiert, kamen mit üppigen Gagen angelockte internationale Fußballer nach Aserbaidschan. Nicht verifizierbaren Angaben zufolge sollen Spitzenspieler heute bis zu 500.000 Euro im Jahr verdienen – vor Beginn der Fußballoffensive lag der Durchschnittsverdienst noch bei 250 Euro im Monat. Im Übrigen machte Aserbaidschan nicht nur im Fußball mobil. So wurde 2012 der European Song Contest ausgerichtet, was viele westeuropäische Länder erstmals auf das Land – und seine umstrittene Politik – aufmerksam werden ließ.

Um das Niveau der Nationalmannschaft zu heben, wurden renommierte Fußball-Lehrer wie Carlos Alberto und Berti Vogts angeheuert. Dass deren Erfolge übersichtlich blieben, lag nicht zuletzt an der mangelhaften Nachwuchsarbeit einer Region, die schon zu Sowjetzeiten nicht als Fußball- und Nachwuchshochburg gegolten hatte. Ex-Bundestrainer Vogts nahm jedenfalls im Oktober 2014 nach einem 0:6 zum EM-Qualifikationsauftakt gegen Kroatien wegen „mangelnder Perspektiven” seinen Hut.

Ligaschwerpunkt in Baku

Die Nationalliga besteht gegenwärtig aus zehn Mannschaften, die sich pro Saison viermal gegenüberstehen. Das Gros der Teams stammt aus dem Großraum Baku. Seit einiger Zeit erfolgreichster Klub ist mit Qarabağ Ağdam ein Klub, der aus der abtrünnigen Region Bergkarabach stammt und seine Spiele wegen des Konfliktes ebenfalls in der Hauptstadt austrägt. Während Ağdam heute eine verwaiste Ruinenstadt ist, standen die Blau-Weißen im Dezember 2014 dicht vor einer internationalen Sensation, als sie in den Gruppenspielen der Europa League gegen Inter Mailand nur knapp die K.-o.-Phase verpassten. Ironie der Geschichte: Als der Brasilianer Richard Almeida kurz vor Ende der 90 Minuten zum vermeintlichen Siegtreffer ins Schwarze traf, verweigerte der Linienrichter dem Treffer die Anerkennung – ausgerechnet im nach WM-1966-Linienrichter Tofiq Bahramow benannten Nationalstadion (Tofiq Bəhramov Stadionu).

2012 hatte mit Neftçi Baku erstmals eine aserbaidschanische Mannschaft die Gruppenspiele der Europa League erreicht. 2015 zogen mit Qarabağ Ağdam (gegen Young Boys Bern) und Qäläbä FK (gegen Panathinaikos) sogar gleich zwei aserbaidschanische Mannschaften in die Gruppenphase der Europa League ein – der bislang größte Kluberfolg für das Land.

Trotz verbesserter Qualität ist der Zuschauerzuspruch mager. Aserbaidschan ist eben keine klassische Fußballnation. Da können weder die internationalen Importe noch modernen Stadien etwas ändern. Auch nicht in der 2,2-Millionen-Einwohner-Metropole Baku, wo sämtliche Klubs trotz Eintrittspreisen von durchschnittlich einem Manat (entspricht etwa 85 Cent) unter Besucherzahlen zwischen 1.500 und 4.000 leiden. Aserbaidschans Fußballhochburgen sind die an der iranischen Grenze gelegene kaspische Seestadt Lankaran (Lənkəran), wo unter einem türkischen Schiffsbaukonsortium auch wirtschaftlich solide gearbeitet wird, sowie das ehemalige Kirovbad und nunmehrige Gäncä (Gəncə).

Viele Klubs abhängig von Sponsoren

Die meisten Klubs sind einseitig abhängig von ihren Sponsoren, hinter denen oftmals einflussreiche Oligarchen stehen. Verlieren sie die Lust, fallen die Klubs ins Bodenlose. Insgesamt 20 Vereine wurden seit 2007 aufgelöst – darunter der zweifache Landesmeister Şamkir FK (Şəmkir). Mit dem Verfall des Ölpreises und dem Absturz des Rubels haben sich die wirtschaftlichen Probleme auch auf Klubebene zuletzt noch verschärft.

Problematisch für die National-mannschaft ist unterdessen der hohe Anteil ausländischer Spieler in der Nationalliga. Inzwischen gilt die Regel, dass jeder Erstligist Nachwuchsarbeit betreiben muss und mindestens fünf Einheimische in der Startelf zu stehen haben. Für die Zukunft will man weiter an den Rahmenbedingungen feilen. „Infrastruktur, Grassroots-Fußball und Ausbildung sind unsere Prioritäten”, erklärte Verbandssekretär Elkhan Mammadow: „2010 teilten sich drei Erstligisten in Baku einen Platz. Nun haben alle ihr eigenes Stadion.” Die entstanden im Übrigen für die internationalen Sportereignisse Europaspiele, U17-Frauen-WM sowie U17-Männer-EM.

Vorrangiges Ziel ist die EM 2020, für die sich Aserbaidschan qualifizieren will. Oder vielleicht sogar muss – denn als Gastgeber zu fehlen, wäre ein herber Rückschlag für das Land. Über allem hängt jedoch der düstere Schatten der despotischen Führung mitsamt der eingangs thematisierten Vorwürfe. Das zeigte sich erneut im August 2015, als der regierungskritische Journalist Rasim Hüsejnow nach einem brutalen Überfall verstarb, nachdem er einen Spieler von Europa-League-Teilnehmer Qäbälä FK öffentlich kritisiert hatte.

Aserbaidschan: wahrlich ein „Land of Fire”.

5. März 2017
von Hardy Gruene
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Fußball in der Migrationsgesellschaft

In unserer dritten Ausgabe (Flucht, Vertreibung, Integration, Migration, Januar 2016) haben wir uns im Leitartikel ausführlich mit dem Thema Fußball und Migration beschäftigt und dabei einen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart geschlagen.

Kürzlich fand nun in Siegen eine Tagung zum Thema „Fußball in der Migrationsgesellschaft“ statt. Tim Frohwein hat daran teilgenommen und sich mit dem Mitinitator Carsten Blecher über den Stand der Dinge unterhalten.

„Vereine sollten sich hinterfragen, wie diversitätssensibel sie eigentlich sind“

Am 23.02.2017 fand an der Universität Siegen die 1. Siegener Fußball-Tagung statt. Über 70 Teilnehmer aus ganz Deutschland waren angereist, um über das Thema „Fußball in der Migrationsgesellschaft“ zu diskutieren – „und das zur Hochphase des Karnevals“, zeigt sich Mitinitiator Carsten Blecher mit der Resonanz zufrieden. Im Interview spricht er über den Sinn und Zweck der Veranstaltung – und gibt Einblicke in sein aktuelles Forschungsprojekt, in dessen Rahmen er untersucht, warum Menschen mit Migrationshintergrund in deutschen Fußballstadien unterrepräsentiert sind.

Herr Blecher, für die 1. Siegener Fußball Tagung haben Sie die Überschrift „Fußball in der Migrationsgesellschaft“ gewählt. Warum gerade dieses Thema?

Carsten Blecher: Mein Eindruck ist es – und diese Meinung teilen auch viele Kollegen –, dass das Thema „Migration im Fußball“ insgesamt eher unterforscht ist. Auf der Tagung sollten nun zum einen bisherige Forschungsergebnisse dazu vorgestellt und zum anderen ein Austausch unter themenverwandten Forschern ermöglicht werden. Dazu kommt bei mir ein ganz persönliches Interesse: Im Rahmen meines Promotionsprojekts beschäftige ich mich derzeit unter anderem mit der herkunftsbezogenen Zusammensetzung des Publikums in deutschen Fußballstadien.

Sie arbeiten nicht nur als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Siegen, sondern auch für das Kölner Fanprojekt, einer von der DFL und aus öffentlichen Töpfen finanzierten Einrichtung für Kölner Fußballfans. Waren es auch die Erfahrungen im Rahmen dieser Tätigkeit, die Sie dazu bewogen haben, dieses Promotionsprojekt zu starten?

Klar bekomme ich im Rahmen meiner Arbeit dort mit, wie sich zum Beispiel das Fanpublikum des 1. FC Köln zusammensetzt. Auch als regelmäßiger Stadionbesucher ist mir aufgefallen, dass man dort Menschen mit Migrationshintergrund unverhältnismäßig selten antrifft. Dazu kommt, dass ich mich seit Jahren mit Fußballforschung befasse. In Studien tauchte dabei immer wieder auf – meist als Nebenbefund –, dass das Fußballpublikum in Deutschland in Bezug auf die Herkunft tendenziell eher homogen ist. Systematisch hat sich diesem Phänomen bislang aber noch niemand wissenschaftlich angenähert. Und so kam mir die Idee, in diese Lücke zu stoßen und daraus mein Dissertationsprojekt zu machen.

Nun stecken Sie mittendrin in diesem Projekt. Was haben Sie bislang untersucht? Wie ist der aktuelle Stand der Ergebnisse?

Bislang habe ich mehrere fragebogengestützte Fanbefragungen bei Heimspielen des 1. FC Köln durchgeführt. Nach jetzigem Stand liefern die dort gesammelten Daten Hinweise darauf, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Fußballstadien eher unterrepräsentiert sind, dass sie dort also nicht so häufig anzutreffen sind, wie man es aufgrund ihres Anteils in der Gesamtbevölkerung annehmen müsste. Dazu habe ich noch qualitative Interviews mit fußballinteressierten Jugendlichen und mit Fanbeauftragen des 1. FC Köln geführt. Auch hier finden sich Belege für die These.

Bislang handelt es sich aber gewissermaßen nur um Vorstudien, die Ergebnisse erfüllen keinen Anspruch auf Repräsentativität. Jetzt gilt es, andere Vereine und deren Anhängerschaften in den Fokus zu nehmen.

Haben Sie auch schon Antworten darauf gefunden, warum Menschen mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert sind?

Ja, gerade die Interviews mit den fußballaffinen Jugendlichen waren hier sehr aufschlussreich. Unter den Befragten waren ja auch Jugendliche mit Einwanderungsgeschichte. Aus den Gesprächen mit ihnen geht hervor, dass die Vorliebe für einen bestimmten Verein – genauso wie bei deutschen Fußballfans eben auch – innerhalb der Familie weitergegeben wird. Man ist also Fan von Galatasaray Istanbul, weil zum Beispiel auch der Vater Fan dieser Mannschaft ist.

Die befragten Jugendlichen mit Migrationshintergrund gaben außerdem an, die Möglichkeit eines Stadionbesuchs gar nicht in Betracht zu ziehen, da sie nicht wüssten, wie sie an Karten für ein Heimspiel des FC kommen sollten. Das hat weniger mit mangelnden finanziellen Möglichkeiten zu tun, es fehlt ihnen vielmehr das Netzwerk.

Ein weiterer Grund, warum man von einem Stadionbesuch absieht, ist eine gewisse Furcht davor, diskriminiert zu werden. Eine türkischstämmige Befragte, die auch gelegentlich ins Stadion geht, gab beispielsweise zu Protokoll, dass sie sich in der Gesellschaft der überwiegend deutschen Fans dort unwohl fühle.

Gerade das letzte Beispiel zeigt ja, dass Vereinen hier gewissermaßen ein Fanpotenzial verloren geht. Sollte man nichts unternehmen, um das zu verhindern?

Zunächst mal glaube ich, dass man nicht versuchen sollte, Menschen die Vorliebe für einen bestimmten Verein einzureden. Trotzdem sollten sich Vereine, die gerne mehr Menschen mit Migrationshintergrund unter ihren Fans sehen würden, hinterfragen, wie diversitätssensibel sie eigentlich sind. Auf welche Zielgruppe sind die eigenen Kommunikationsmaßnahmen ausgerichtet? Wie tolerant stellt man sich in der Öffentlichkeit dar? Das sind Fragen, die sich die Vereinsverantwortlichen stellen sollten, wenn man dieses Fanpotenzial mobilisieren will. Allerdings: Handlungsdruck haben die Vereine hier eigentlich nicht, die Stadien in Deutschland sind ja voll.

Ökonomische Gründe, auf Fußballbegeisterte mit Migrationshintergrund zuzugehen, gibt es also weniger. Kann man den Vereinen stattdessen plausibel machen, dass es sehr wohl integrationspolitische Gründe gibt? Als Fan des ortsansässigen Fußballklubs dürfte man sich vermutlich in der Stadt, in der man lebt, noch ein Stückweit mehr zuhause fühlen.

Tatsächlich möchte ich Vereine mit meiner Forschung gerne auf diese Gründe aufmerksam machen. Gerade Flüchtlingen gelingt zum Beispiel die Eingewöhnung bestimmt besser, wenn sie sich mit dem lokalen Fußballverein identifizieren und sich dort als Teil einer Fanfamilie begreifen oder zumindest willkommen fühlen.

Interview: Tim Frohwein