ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

22. Juni 2017
von Hardy Gruene
1 Kommentar

KLARTEXT Sandsäcke gegen Geldsäcke

KLARTEXT: Sandsäcke gegen Geldsäcke

Von Hardy Grüne

Eine Erosion, so habe ich im Studium der Geografie gelernt, setzt nahezu unbemerkt ein, entwickelt sich schleichend und kommt dann ganz plötzlich zum Tipping point, an dem sie nicht mehr aufzuhalten ist. Der abschüssige und in der Regel aus ökonomischen Gründen von jeglichem haltenden Wurzelwerk befreite Boden rutscht ab und kann im schlimmsten Falle ganze Dörfer unter sich begraben.

Im Fußball ist die Erosion längst über ihren Anfang hinaus. Das größte Problem: eklatanter Vertrauensverlust in jene Personen, die dafür verantwortlich sind, dass „der Boden“ Stabilität hat. Nehmen wir allein die letzten Tage. Cristiano Ronaldo verkündet seinen Weggang aus Spanien, weil man dort sein kreatives Steuermodell nicht (mehr) gutheißt. Ex-Trainer und „the only one“ Mourinho steht wegen derselben Vorwürfe ebenfalls im Fokus der Ermittlungen. Auf Schalke versuchen sie, die Reste der Mitgliederbestimmung auszuschalten. Die UEFA sieht keinerlei Verbindungen zwischen Salzburg und Leipzig, wo man sich folglich auf Champions-League-Spiele freuen darf. Während man sich noch wünscht, beide Teams in einer Gruppe zu sehen, um auf den Aufschrei zu warten, verpflichtet RB einen Spieler von RB. Die „Leipziger Volkszeitung“, der durchaus Kenntnisse über das Konstrukt RB unterstellt werden darf, spricht vom „kurzem Dienstweg“.

Und nun gestern das grindelsche Beglückungsgeschenk für die insolvenzgeplagte Regionalliga Südwest, die schiefe Teilnehmerzahl durch ein Team aus China aufzufüllen. In Pirmasens, unglücklich abgestiegen und wegen der arg spät eingereichten Insolvenz von Hessen Kassel vor den Kadi gezogen, wird man sich schwer ärgern, die Talente aus dem fernen Osten wegen des Abstiegs nicht auf der Husterhöhe begrüßen zu können.

Jeder Einzelfall mag seine Berechtigung und Richtigkeit haben. Ronaldos Steuerexperte wird die gesetzlichen Schlupflöcher gesucht und gefunden haben. Im Falle Salzburg und Leipzig werden längst entsprechende Strukturen geschaffen worden sein, die der UEFA keine andere Wahl ließen. Das Kooperationsprogramm mit China ist bedeutungsvoll und im Kern durchaus zu unterstützen. Hessen Kassel hat natürlich zunächst in eigenem Interesse gehandelt, und auf Schalke versuchen die Geldgeber, ihre Investitionen vor dem Einfluss des „einfachen Volkes“ zu schützen. Alles erklärbar.

Und doch ist das Vertrauen in unsere Fußballführer längst am irreversiblen Tipping point der Erosionsbewegung angekommen. Man traut ihnen alles zu. Sogar eine chinesische Pflichtfreundschaftsspielmannschaft im Duell mit Klubs wie Kickers Offenbach, FSV Frankfurt oder Hessen Kassel, die im Versuch, sich den neokapitalistischen Bedingungen im Profiunterbau mittels waghalsiger Finanzpolitik anzupassen, verkalkuliert haben. Ehemalige Berufspolitiker wie Reinhard Grindel tun das, was sie am besten können: pragmatisch und emotionslos entscheiden und sich dabei auf eine mächtige Lobbyistenstruktur stützen. Grindel ist eben kein Fußballfunktionär mit „Herzblut“, sondern ein Parteifunktionär mit „strategischem Talent“. Und das macht es für uns Beobachter so fatal. Der Glaube, dass der Fußball, unser Fußball, in vertrauensvollen Händen liegt, ist bei vielen längst weitestgehend verschwunden. Man fühlt sich hilflos der Vereinnahmung des eigenen Lieblingssports ausgesetzt. Was danach kommt ist purer Fatalismus.

Man sehe „gute Vermarktungschancen“ heißt es in Bezug auf die vorgeschlagene chinesische Gastmannschaft in der Regionalliga. Geld muss sein, aber ja doch! In der Champions League, in der Bundesliga und auch in der Regionalliga. Aber das vorherrschende Credo „nur Geld zählt“ destabilisiert die Grundlage und nimmt „dem Fußball“ die Seele. Champions League und Bundesliga sind längst zu Marketingveranstaltungen verkommen, in denen eine kleine Oberschicht einsackt, was die breite Masse zu zahlen bereit ist. Man darf ja durchaus mal fragen, warum jemand wie Cristiano Ronaldo eigentlich Millionenbeträge am Fiskus vorbeibringen will. Sicher, wir alle achten bei unseren Steuererklärungen darauf, dass wir sämtliche Vorteile ausnutzen. Aber die dabei gesparten Hunderter sind nicht einmal Peanuts im Vergleich zur zusätzlichen Füllmenge des ronaldischen Geldspeichers.

Zugleich dürfen wir uns selbst nicht aus der Verantwortung entlassen. Denn der Jubel über jeden Investor oder Aktionen wie die geplante China-Integrierung in die Regionalliga ist – auch bei vielen Fans – unübersehbar. Er ist nicht zuletzt Ausdruck von Verzweiflung. Alle Vereine unterhalb der echten Königsklasse gieren nach Geldern. Weil sie nicht mehr mithalten können und händeringend versuchen, trotzdem den Anschluss zu halten. Stuttgart lagert seine Fußballer aus, Bochum diskutiert darüber, Rot-Weiss Essen hat grünes Licht, auf Schalke wird demnächst wohl auch einiges passieren. Es muss Geld her. Egal wie, egal woher und vor allem: sofort! Das Vereinssilber wird verscherbelt, um im Verdrängungswettbewerb nicht vorzeitig auf der Strecke zu bleiben. Kann üble Folge haben (siehe 1860), aber das Risiko muss offenbar sein. Motto: live or die.

Wir brauchen einen echten Wandel. Zumindest im unterklassigen Fußball. Viele von uns haben Champions League und Bundesliga doch längst aufgegeben. Erfreuen uns an einer Regionalliga, die noch „funktioniert“. Selbst wenn deren Meister am Ende der Saison vom DFB wie dereinst im Zirkus Maximus in tödliche Duelle geschickt werden. Und nun statt „Meister müssen aufsteigen“ ein chinesisches Gastteam als „Vermarktungschance“? Wie zynisch!

Wenn wir von dem Fußball, wie wir ihn kannten, noch etwas retten wollen, müssen wir jetzt handeln. Denn die Erosion ist längst unmittelbar vor dem Tipping point. Vielleicht ist sie auch schon drüber, dann müssen wir dringend die Dörfer unterhalb der Hänge sichern. Natürlich entsteht nach einer Erosion auch etwas neues. In der Natur oft nichts gutes. Da wächst nichts mehr, wo es früher reichhaltig sprießte. Weil die alles entscheidende Schicht mit den Mineralstoffen usw. für immer weggespült ist. Nackter Boden ist nicht fruchtbar, es braucht den Humus. Das gilt auch für den Fußball.

Der Fußball verkauft gegenwärtig seine Seele. Die Seelenverkäufer sitzen in den Verbänden, und diejenigen, die ihre Seelen verkaufen, tun dies entweder in purer Verzweiflung oder in nüchternem Kalkül. Es braucht den Crash. In der Champions League wie in der Regionalliga, die, die vielen Insolvenzfälle machen es deutlich, schlicht und einfach nicht funktionieren. Sorgen wir für den Crash. Handeln wir jetzt und verweigern uns. Verweigern uns der DFL und dem DFB, der UEFA und der FIFA, den Vermarktern und Eventmanagern, den Trikotverkäufern und Devotionalienhändlern. Denjenigen, die uns einbläuen, nur mit weiteren Investitionen sei ein Überleben gesichert. In einem 1860-Forum las ich kürzlich, „Ismaik hat uns nicht gerettet, er hat nur den Niedergang aufgehalten. Wenn wir damals Konkurs gegangen wären, würden wir heute möglicherweise als gesunder Verein in der 2. Bundesliga spielen“. Nicht immer ist das Geld eben der Retter. Manchmal ist es auch der Totengräber.

In diesem Sinne: lasst uns Sandsäcke gegen die Geldsäcke einsetzen, um die Erosion aufzuhalten.

31. Mai 2017
von Hardy Gruene
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KLARTEXT: TSV 1860, das erste Opfer des „modernen Fußballs“

KLARTEXT: TSV 1860, das erste Opfer des „modernen Fußballs“

von Hardy Grüne

„TSV 1860, das erste Opfer des modernen Fußballs“, schrieb ich gestern während der Spielunterbrechung im Relegationsrückspiel zwischen den Löwen und dem Jahn aus Regensburg.

Natürlich gab es auch vorher schon „Opfer“ des „modernen Fußballs“. Tennis Borussia unter der unheilvollen „Göttinger Gruppe“, einige der sogenannten „Kölmel-Klubs“, zu denen auch mein Verein Göttingen 05 gehörte, beispielsweise (der übrigens in seiner reinkarnierten Form als Doppelgänger just am Wochenende in die Bezirksliga abstieg, aber das nur am Rande.) Und natürlich ist es viel zu einfach und auch populistisch, dem „modernen Fußball“ den Niedergang der Löwen in die Schuhe zu schieben.

Der TSV 1860 ist für mich das „erste Opfer des modernen Fußballs“, weil bei dem Verein nahezu alles zusammenkommt, was wir heute unter dem schwammigen Kampfbegriff „moderner Fußball“ verbuchen: ein Besitzer mit viel Geld, wenig Sachverstand und spektakulärem Ego. Eine herausfordernde Situation mit dem absoluten Platzirschen des deutschen Fußballs in der Nachbarschaft, die durch das rasante Tempo der Kapitalisierung des Fußballs verschärft wurde. Eine bis ins Mark zerstrittene Mitglieder- und Anhängerschaft, die sich vor allem am Thema „Geld“ gespalten hat. Die eine Seite sieht in „noch mehr Geld“ den einzigen Ausweg, die andere Seite will „runter und im Amateurfußball neustarten“. Der Verlust der Heimat zugunsten eines dieser modernen Eventtempel. Und schließlich eine Fankultur, von der sich Teile derart radikalisiert haben, dass selbst ein Daniel Bierofka, 1860-Ikone schlechthin, vom Platz gejagt wird.

All das macht den TSV 1860 in meinen Augen zum „ersten Opfer des modernen Fußballs“.

Das ist der TSV 1860 auch deshalb, weil es sich um einen wirklich großen Verein handelt. Über das Potenzial der Löwen ist viel geschrieben worden. Alle sind sich einig, dass auch neben dem FC Bayern genügend Luft zum Atmen für einen erfolgreichen TSV 1860 in München wäre. Der Niedergang des Klubs, der im Übrigen, so ist zu befürchten, in der 3. Liga nicht zu Ende sein wird, ist damit umso tragischer.

Man kann sich als neutraler Fußballfan sicher „freuen“, dass es die Löwen erwischt hat. Neben dem HSV – oder vielleicht sogar noch mehr als der HSV – steht der TSV 1860 für alle Verfehlungen, die man sich als Fußballunternehmen so leisten kann aber nicht leisten sollte. Dass es gescheitert ist, dass Hasan Ismaik mit seiner „Führungspolitik“ Schiffbruch erlitten hat, erfüllt auch mich mit Genugtuung. Es ist ein deutliches Zeichen, dass Geld allein eben nicht reicht. Eine Botschaft, die hoffentlich auch in Hamburg ankommt.

Der Freude (und Häme) über den Abstieg darf nun aber gerne auch etwas Zurückhaltung und Empathie folgen. Denn der TSV 1860 ist einer jener Vereine, deren Anhänger schon früh im Kampf gegen die Veränderungen im Fußball aktiv waren. Das Dilemma 1860 begann ja nicht unter Hasan Ismaik. Es begann auch nicht unter Karl-Heinz Wildmoser. Es begann mindestens unter Dr. Erich Riedl, dessen Amtszeit 1982 zum Lizenzentzug und Absturz in die Bayernliga führte. Im Grunde begann es mit der Meisterschaft 1966 unter Max Merkel und Adalbert Wetzel, aus der rein gar nichts gemacht wurde. Fatal insofern, als der FC Bayern zur selben Zeit aufholte und schon drei Jahre später Nummer eins von München wurde und seitdem ist.

Ein Dorn, der den Löwen stets im Fleisch saß und Harakiri-Politik wie die von Dr. Riedl, Wildmoser und Ismaik erst möglich machte. Als ich 1996 für mein erstes Buch über den TSV 1860 in München recherchierte, traf ich eine zerstrittene Fanszene. Die Löwen spielten im Olympiastadion, vor dessen Toren die Inititaive „Rettet das Grünwalder“ Flugblätter verteilte. Überall stritten Löwen-Fans über den richtigen Weg. Die einen sagten, „Wildmoser muss weg, wir müssen zurück ins Grünwalder, wir brauchen eine Heimat“, die anderen sagten „Ohne Wildmoser wären die Lichter schon längst ausgegangen“. Die einen gingen nur noch zur Zweiten in die Bayernliga, die anderen glorifizierten Wildmoser zum Sonnengott. Aus diesem Disput ist der Klub bis heute nicht rausgekommen. Stattdessen hat sich der Riss über die Jahrzehnte noch vertieft. Auf der einen Seite die ARGE, brav und angepasst, auf der anderen Seite die Ultras, aber auch nicht nur die, rebellisch, nostalgisch, irgendwann fatalistisch.

Der TSV 1860 ist ein Symbol und Paradebeispiel, wie sich ein Verein – und dazu zähle ich an dieser Stelle auch die Anhänger – selbst zerfleischt. Und das muss die Warnung sein. Dass ein Klub sich zum Spielball umwandeln lässt und dies über Jahrzehnte erduldet ist eine Tragik, die betroffen macht. Ich habe nie verstanden, warum die Löwen-Fans das unbestreitbare Potenzial ihrer Fanmacht nicht nutzten, um den Klub in einen Fanverein umzuwandeln. In meinen Augen ist der TSV 1860 dafür so prädestiniert wie kaum ein anderer Traditionsverein in Deutschland. Stattdessen setzten sich immer wieder die Träumer durch, die von Champions League schwadronierten und die Veränderungen der Zeit negierten. Das liegt auch an den Anhängern, die die Konsequenzen der veränderten Rahmenbedingungen – mögliches/wahrscheinliches Ausscheiden aus dem Profilager, mindestens aber Herunterfahren der Ansprüche – nicht wahrhaben wollten und sich lieber dem Geldadel an die Brust warfen.

Der gestrige Abend hat aber noch etwas anders bestätigt. Wir haben in Deutschland ein Fanproblem. Am Montag der Böllerwurf von Braunschweig, der in meinen Augen ursächlich für das Wolfsburger Führungstor war, weil er die Konzentration des Publikums auf das Spiel störte. Die Szenen von München waren unfassbar, und dass das Spiel überhaupt zu Ende geführt werden konnte verdanken wir vor allem einer Regensburger Mannschaft, die angesichts des sicheren Vorsprungs cool blieb und ihren Erfolg nicht mit einem Urteil am grünen Tisch erringen wollte. Was der Jahn-Torwart wortwörtlich über sich ergehen lassen musste, ohne dass er dabei zur Meckerziege gegenüber dem Unparteiischen wurde gebührt höchsten Respekt.

Dass es möglich ist, das Spiel, den Fußball, derart in Geiselhaft zu nehmen, darf nicht geduldet werden. Ich sehe da im Übrigen weniger die „kriminelle Energie“, von der verbandsseitig vornehmlich gesprochen wird, als vor allem einen hohen Grad an Frustration und eine verantwortungslose Grenzenlosigkeit, die uferlos ist. Viele von denen, die Sitzschalen u.a. warfen werden sich im Recht gesehen haben. „Das ist mein Verein, der kaputt gemacht wird“. Das ist vielleicht sogar ein stückweit verständlich. Dann hört es aber auch schon auf, denn diese Selbstsucht ist egoistisch, anmaßend und zerstörerisch.

Aber auch das ist „moderner Fußball“: eine Fankultur, die in Teilen schauerlich selbstgerecht ist. Nur weil man sich im Fantrikot hinter das Tor stellt und 90 Minuten singt ergibt sich jedoch nicht das Recht auf Selbstjustiz, wie es gestern Abend geschah. Zugleich unterstreichen die Vorfälle die zunehmend angespannte Stimmung bei vielen Klubs – sei es Dortmund, sei es FC Bayern, sei es HSV, sei es Schalke. Der „moderne Fußball“ spaltet auch die Fankurven.

 

Hardy Güne veröffentlichte 2012 gemeinsam mit Claus Melchior das Buch „Die Löwen. Die Fußball-Geschichte des TSV München von 1860“ (Verlag die Werkstatt, Göttingen)

30. Mai 2017
von Hardy Gruene
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Klartext: Empört Euch!

KLARTEXT: Empört Euch!

Von Hardy Grüne

„Krieg dem DFB“. Man wünscht es sich etwas kleiner. Und dass der martialische Grundtenor nicht auch noch durch Pyro, Gesichtsmasken und eindeutigen Gesten unterstrichen würde. So fällt es schwerer, dem durchaus nachvollziehbaren Kern der Sache seine Zustimmung zu erteilen.

Vielleicht wäre ein „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ passender. Zumal Georg Büchner damit 1834 die sozialen Missstände seiner Zeit verurteilte – und um die geht es indirekt auch in der aktuellen Diskussion im Fußball, die in rasantem Tempo ihren Bezugsrahmen verliert. „Krieg dem DFB“ auf der einen Seite, „hohe kriminelle Energie“ auf der anderen Seite. Die Fronten sind zunehmend verhärtet.

Als Beobachter und gemeiner Fan steht man dazwischen und droht zerrieben zu werden. Mag die selbsternannten DFB-Krieger mit ihren Sturmhauben und feuchten Pyro-Träumen nicht unterstützen, teilt zugleich aber die inhaltliche Kritik am DFB als stellvertretendes Objekt für den Wandel des Fußballs insgesamt. Eine Diskussion, die längst ausgeartet ist. Wer mit den Pyrokriegern argumentiert, wird aus ihr ausgeschlossen, da er es angeblich mit „kriminellen Banden“ hält. Wer die Entwicklung im Profifußball kritisiert, kommt wahlweise in die Schublade des „Anti-Kapitalisten“ oder des „Traditionalisten“ und verwirkt sein Recht auf Meinung und Stadionbesuch, da „der Profifußball nun mal kapitalistisch“ sei. Nachgetreten wird dann auch noch, denn im Fußball sei doch eh längst „bis in die Kreisklasse alles von Geld verseucht“.

Das erinnert mich an die Zeit, in der ich zum Vegetarier wurde. Das ist rund 35 Jahre her. Damals erregten die Grünen um Petra Kelly die Nation. Als angehender Vegetarier, motiviert von einigen Schlachthof-Besuchen, blieben mir im gesellschaftlichen Kontext exakt zwei Möglichkeiten: ganz oder gar nicht. Ganz hieß, zwar auf Fleisch verzichten zu dürfen, dann aber zwingend auch allen anderen Errungenschaften der Moderne ade zu sagen: Auto fahren, der Umwelt in welcher Form auch immer Schaden zufügen oder auch nur zum Fußball zu gehen, denn da waren damals vermeintlich nur Proleten und Nazis. Als Vegetarier hatte ich hundertprozentiges Vorbild zu sein – oder war unglaubwürdig.

Als Kritiker der aktuellen Fußballstrukturen geht es mir nun wieder ähnlich. Wem unwohl dabei ist, dass vermögende Einzelpersonen ihre Dorfklubs oder selbstgegründeten Fußballunternehmen an allen vorbei in die Champions League hieven können oder wem die absurden Transfersummen und die immer flächendeckendere Kommerzialisierung bedrohlich erscheint, gerät in die Erklärungsfalle. „Die Entwicklung kann man nicht aufhalten“, wird einem naseweis vorgehalten. Ende der Diskussion. Das ist eine Einstellung, die an Lemminge erinnert und dem Fußball Schaden zufügt. Denn wenn ausschließlich diejenigen die Regeln bestimmen, die die Deutungsmacht haben – und das sind in unserer Welt nun mal oft diejenigen, die Geld, viel Geld haben – und die breite Masse nur ergeben hinterhertrottet, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn Helene Fischer die Halbzeitshow beim Pokalfinale machen darf oder der FC Bayern eine Agentur beauftragt, eine Choreo zu organisieren. Denn so sieht der Fußball aus Sicht der VIP-Loge, in der Fußball lustiger Zeitvertreib zwischen zwei Geschäftsdeals ist, aus. Yves Eigenrauch sprach kürzlich von „professioneller Kommerzialisierung“. Das trifft den Kern ziemlich gut.

Es ist naiv zu glauben, die Entwicklung ließe sich umkehren oder auch nur aufhalten. Um mit Erich Honecker zu sprechen: „Den Kommerz in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf“. Und die Entwicklung des Fußballs seit den 80er-Jahren hat ja zweifelsohne auch viele begrüßenswerte Aspekte. Zugleich ist es aber auch naiv zu glauben, man könne die Schrauben der „professionellen Kommerzialisierung“ endlos anziehen, ohne dass sich die Rahmenbedingungen verändern. „Krieg dem DFB“ und das Pfeifkonzert von Berlin sind zwei Konsequenzen, die zeigen, dass der Wendepunkt erreicht ist.

Fußball verliert den Kontakt zu einem Teil seiner Basis. Nicht nur durch den allgegenwärtigen Kommerz, nicht nur durch die katastrophalen Zustände von Organisationen wie FIFA, UEFA und DFB, nicht nur durch den „Krieg“ zwischen entrückten Funktionären und hinter Sturmhauben versteckten Fansoldaten, deren Interesse am Fußball beiderseits selbstsüchtig ist. Die Rasanz der Entwicklung geht zu schnell und betrifft zu viele Felder und einstige Nischen. Selbst der hochgejazzte „Tag der Amateure“ nervt inzwischen. Weil er wie eine Konfettikanone etwas befeiert, das über Jahrzehnte selbstverständlich war und in den letzten Jahren unter der Monopolisierung des Spitzenfußballs derart unter Druck geriet, dass er nun „von oben“ in einem Akt der Gnade hervorgehoben werden muss. „Seht her, wir feiern unsere Amateure, die echten Profis.“ Tatsächlich ist er aber nur ein Feigenblatt; wenngleich – das soll an dieser Stelle hinreichend gelobt werden – der Amateurfußball unterm Strich insgesamt davon profitiert.

Doch die Lachs-Häppchen genießt man zu allererst beim x-ten „German clasico“ zwischen dem FC Bayern und dem BVB, jüngst sogar erstmals in seiner Variante als U19-Finale zu haben. Es ist auch diese Konzentration auf nur zwei nationale Fußball-Pole, die anstrengt. „Ich würde mir mal wieder ein Pokalfinale zwischen zwei normalen Klubs wünschen, statt CL-Truppe unter sich oder vs. Außenseiter“, twitterte 11Freunde-Chefredakteur Christoph Biermann am Wochenende. Meine (und vermutlich auch Biermanns) Facebook-Timeline war unterdessen geflutet mit Artikeln über Borussia Dortmund, der Jubelfeier von Borussia Dortmund und der tragischen Beziehung zwischen Borussia Dortmund und seinem Trainer. Süddeutsche, Zeit, Welt, FAZ, FR, Tagesspiegel – sämtliche Medien berichteten in Endlosschleife, als gäbe es nichts anderes in der (Fußball)-Welt.

Es braucht dringend konstruktive Korrekturimpulse, denn einer Handvoll Gewinnern stehen inzwischen viel zu viele Verlierer gegenüber. Wie diese Impulse aussehen können, demonstrierten Fans des Blackpool FC am Wochenende in England. Aus Protest gegen den Eigentümer ihres Klubs boykottierten sie das Play-off-Finale ihres Teams. Sie verzichteten aktiv auf das wichtigste Spiel der jüngeren Vereinsgeschichte, weil sie den Zustand ihres Klubs für nicht mehr tragbar halten. Nachhaltige Entwicklung ging ihnen vor kurzfristigem Erfolg. Englands Presse sprach von einer „Weichenstellung“.

Auch wenn es Romantik ist zu glauben, der Profifußball würde seinen eingeschlagenen Weg noch einmal verlassen, ist es dringend nötig, die lähmende Betroffenheit und Enttäuschung in der breiten Masse der Fußballfans endlich abzulegen. Wir müssen aufzustehen und uns engagieren, um zumindest die Möglichkeit einer anderen Fußballkultur zu wahren. Ob in der Bundesliga oder der Kreisklasse – empört Euch!

28. Mai 2017
von Hardy Gruene
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Viktoria Köln: Wieder eine Zukunft

Heute steht für Regionalliga-West-Meister FC Viktoria Köln das erste Relegationsspiel gegen den FC Carl Zeiss Jena an. Dass zwei souveräne Meister um lediglich einen Aufstiegsplatz streiten müssen steht erneut – und zu Recht – scharf in der Diskussion.

Für Viktoria Köln markiert das Erreichen der Aufstiegsspiele dennoch einen großen Erfolg. Vor sieben Jahren war die Viktoria klinisch tot. Auflösung, Neustart in der Kreisliga D, hieß das Szenario. Doch es kam anders – nicht zuletzt dank des solventen und engagierten Unternehmers Franz-Josef Wernze, der die Viktoria wieder aufpäppelte. Für unsere Rubrik „Legende“ waren wir auf der „schäl Sick“ von Köln und haben im Sportpark Höhenberg einen Klub vorgefunden, der nach schwierigen Jahrzehnten endlich wieder ein Zukunft sieht.

Über neun Seiten berichten wir in Zeitspiel-Ausgabe #8 über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Viktoria, stellen die Fanszene vor und zeichnen den turbulenten Weg der Heimstatt in Höhenberg nach, deren Tribüne als die schönste in Köln gilt.

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Zeitschriftenhandel. Infos und Bezug.

 

 

25. Mai 2017
von Hardy Gruene
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Fußball in Prag: Klobása, Pivo und ganz viel Fußballkultur

In unserer Reihe „Global Game“ stellen wir in Ausgabe 8 kein ganzes Land vor, sondern lediglich eine Stadt. Das aber ist eine ganz besondere: Prag. Hier ein paar Auszüge und Eindrücke aus und von den insgesamt zwölf Seiten im Heft.

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Zeitschriftenhandel. Infos und Bestellung hier

 

Global Game: Städtereise Prag

Keine Lust auf moderne Arenen mit all dem Schnickschnack, der im großen Fußball heute so unverzichtbar scheint? Mal wieder Fußball zum Anfassen, ganz unaufgeregt, alltäglich und riech- wie beißfest? Dann ist Prag die richtige Adresse! Prag bietet alles, was man sich als leicht nostalgischer Fußballfan nur wünschen kann. Eine Vielzahl von namhaften Vereinen auf engem Raum, Stadien mit Charakter und Geschichte, legendäre Spielergenerationen, ein fachkundiges Publikum, das mehr am Spiel als am Event interessiert ist und eine Verwurzelung der Vereine in ihren Stadtteilen, wie sie früher überall Usus war. Dazu kommen ein großartiger und kostengünstiger Nahverkehr, all die anderen touristischen Attraktionen, die Prag so zu bieten hat sowie natürlich die dort noch immer gelebte Fußball-Gourmetkultur aus Pivo und Klobása; Bier und Bratwurst.

„Vítám tì v Praze“ – willkommen in Prag!

Klobása, Pivo und viel Fußballkultur

Geschichte und Tradition wabern in Prag aus jeder Pore. Das gilt auch für den Fußball. Prag war eines der ersten brodelnden Fußballzentren in Mitteleuropa und schon vor dem Ersten Weltkrieg stilbildend. Aus jenen Tagen stammen der Ruhm der Slavia sowie der Sparta, und damals wie heute versuchten sich Klubs wie Bohemians oder Viktoria Žižkov daran, die beiden Großen gelegentlich zu ärgern. Als Fußball in Deutschland in den 1920ern allmählich zum Volkssport wurde, war er in Prag längst lebendiger Bestandteil der Alltagskultur, wurden bereits Kinofilme im Zusammenhang mit dem Fußball gedreht, trafen sich in den Kaffeehäusern Intellektuelle und diskutierten über die Chancen ihrer Teams.

Böhmens Leistungsfußball bestand damals aus einer besseren Stadtliga, an der ausschließlich Prager Mannschaften teilnahmen und die 1925 als eine der ersten in Europa auf Vollprofibedingungen umstellte. Auch international waren Prager Mannschaften führend und gewannen zwischen 1927 und 1938 drei Mal den Mitropa-Cup, so etwas wie der Vorläufer des Europapokals.

Die politischen Turbulenzen der 1930er-Jahre mit der Abtrennung des Sudetenlandes und der Zerschlagung der Tschechoslowakei 1938 war ein Einschnitt, von dem sich Prags Fußball nie wirklich erholte. Zumal die neue politische Führung nach dem Zweiten Weltkrieg alles grundlegend umkrempelte. Sämtliche Traditionsvereine verschwanden bzw. bekamen andere Namen. Zum neuen Star am Prager Fußballhimmel wurde Armeeklub Dukla, den abgesehen von Militärs und Parteikadern jedoch kaum jemand sehen wollte. Sparta, Slavia, Bohemians etc. blieben auch unter verfremdeten Namen die Lieblinge des Volkes.

Nach dem Ende des Staatssozialismus folgte 1992 mit dem erneuten – und diesmal dauerhaften – Auseinanderbrechen der Tschechoslowakei der nächste große Einschnitt. Er korrespondierte mit existenziellen Finanzproblemen vieler Klubs, den Umwälzungen im europäischen Fußball vor dem Hintergrund der Champions-League-Reform und einem schier endlosen Exodus der heimischen Fußball-Talente.

Heute ist Prag – Tschechien – wie so viele vergleichbare Städte bzw. Länder aus dem ganz großen Fußball ausgeschieden. Man ist nur noch zweite Wahl im Glitzerlicht der globalen Marken aus Madrid, London und München. Selbst der langjährige Vorzeigeklub Sparta Prag kann kaum noch mithalten und erreichte zuletzt 2004 das Achtelfinale der Champions League. Zuletzt gelang in der Europa League immerhin der Gruppensieg, unter anderem errungen durch ein 3:1 über Inter Mailand. Doch die nostalgische Rührung, die Besucher in Prags charaktervollen Fußballstadien fast unweigerlich überkommt, hat zweifelsohne auch eine bedrohliche Seite.