ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

23. Juni 2016
von Hardy Gruene
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100 Jahre Ernst Willimowski

100 Jahre wäre Ernst Willimowski – oder Ernest Wilimowski – am heutigen 23. Juni 2016 geworden. Seine Biografie steht exemplarisch für die politischen Wirren der Zwischenkriegsjahre und für die Kraft des Fußballs, jene zu überwinden.
Willimowski wurde 1916 als Deutscher in Kattowitz geboren, votierte 1922 für die polnische Staatsangehörigkeit und spielte als Ernest Wilimowski für den deutschen 1. FC Kattowitz (1927-34), den polnischen KS Ruch Chorzów (1934-39), dessen „Nachfolger“ Bismarckhütter SV (1939) sowie erneut den 1. FC Kattowitz (1939). Zugleich trug er seit 1934 das Leibchen der polnischen Nationalelf, mit der er 1938 zur WM nach Frankreich fuhr und sich beim legendären 5:6 gegen Brasilien mit vier Treffern in die WM-Historie schoss. Im Januar 1940 nach Chemnitz gewechselt, debütierte er 1941 – nun wieder als Ernst Willimowski – im Dress der großdeutschen Nationalelf und fand nach dem Krieg in der späteren Bundesrepublik eine neue Heimat.
In unserer nächsten Ausgabe #5 (erscheint im Juli) berichten wir in der Rubrik „Mottenkiste“ ausführlich über den Fußball in Ostoberschlesien bis 1945 und natürlich auch über Ernst/Ernest Willimowski/Wilimowski.

In München läuft derzeit eine Veranstaltungsreihe zu und über Ernst Willimowski. Weitere Infos hier: http://www.bfv.de/cms/spielbetrieb/neuigkeiten/2016_178443%20_100_jahre_ernst_willimowski_191845.html

20. Juni 2016
von Hardy Gruene
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Red Star – „gestörte Liebe“ oder „Tradition ohne Heimat“

Das Drama um den französischen Traditionklub Red Star FC (siehe unsere aktuelle Ausgabe „Le Foot – Frankreich spécial“) geht in die nächste Runde. In der kommenden Saison kehrt der bislang im 80 Kilometer von seiner Heimat Saint-Denis (im Norden von Paris) gelegenen Beauvais spielende Zweitligist zwar in die Metropolregion Paris zurück, nicht aber in sein angestammtes Stadion „Bauer“ (das nicht zweitligatauglich ist), sondern ins Rugbystadion Jean Bouin. Für die vehement um den Erhalt des vom Abriss bedrohten Stade Bauer kämpfende Fanszene des Klubs eine weitere harte Prüfung, die auch die Frage nach dem eigenen Verhalten aufwirft. Unser Redakteur Joachim Henn, der lange in Saint-Denis lebte und sein Herz an den Red Star FC verschenkte, über eine gestörte Liebe und ein „Lehrstück“ im „modernen Fußball“.

paris

Eigentlich könnte die Bilanz der abgelaufenen Saison des Red Star FC kaum besser sein: Nach fast 20-jähriger Abstinenz gelang es dem Traditionsverein aus der Pariser Banlieue nach einigen Startschwierigkeiten mühelos, sich in der zweiten französischen Liga zu halten. Am Ende wäre beinahe der Durchmarsch in die Ligue 1 geglückt, ein einziger Punkt trennte Red Star vom Aufstieg. Mit 36 Punkten aus 19 Spielen waren die grün-weißen mit Abstand erfolgreichstes Auswärtsteam der Liga, allein die Bilanz der Heimspiele ließ zu wünschen übrig. Aber was heißt schon Heimspiele? Da im altehrwürdigen Stade Bauer in seinem aktuellen Zustand keine Zweitligaspiele ausgetragen werden dürfen und das Renovierungsvorhaben in der Planungsphase ins Stocken geraten ist, musste eine Übergangslösung herhalten, die 80 km nördlich von Paris im provinziell-ruralen Städtchen Beauvais gefunden wurde. Das dortige Stadion mietete der Verein für kolportierte 50.000€ eine Saison lang an und bestritt die Partien vor durchschnittlich nicht einmal 2.000 Zuschauern, Gästefans inbegriffen – wobei selbst diese Zahl von nicht wenigen angezweifelt wird.

Da neben dem lokalen Fußballverein, dem ehemaligen Zweit- und heutigen Viertligisten AS Beauvais, für die kommende Spielzeit auch der örtliche Rugbyclub seine Ansprüche auf die Nutzung des städtischen Stadions angemeldet hat, muss Red Star weiterziehen. Nach einigen Wochen der Suche wurden die Vereinsverantwortlichen in der Hauptstadt fündig, wo es gelang, die Spielerlaubnis für das Stade Jean Bouin einzuholen. Das direkt hinter dem Prinzenpark gelegene Rugbystadion stellt nicht nur auf Grund seiner räumlichen Nähe zur PSG-Heimspielstätte schon die nächste Grausamkeit für die Fans dar. Im noblen 16. Arrondissement gelegen findet sich nach der „Einöde von Beauvais“ nun ein „aseptisches“ Umfeld, also wieder keine Umgebung, die ein mit dem heimischen Saint-Ouen vergleichbares Fußballerlebnis ermöglicht: schon mit einer nahegelegenen Kneipe als Treffpunkt für das Bier vor dem Anpfiff und für die dritte Halbzeit wird es schwierig.

Gleichzeitig sehen viele die (wenn auch vorübergehende) Ansiedlung in der Nähe des Prinzenparks sinnbildlich für den Wandel ihres Vereins, nämlich von dem des traditionsreichen Arbeitervereins aus dem Vorort, der sich plötzlich ganz in der Nähe zum von katarischen Investoren geleiteten Verein der Stars und Sternchen wiederfindet – also ungefähr dem genauen Gegenentwurf. Und Red Star ist nach dem Abstieg der Ligakonkurrenten Paris FC und US Créteil sportlich mittlerweile der einzige Gegenpart im Großraum Paris zu PSG und wird nun allgemein in der Rolle des „zweiten Pariser Clubs“ gesehen – nicht eben zum Missfallen der Vereinsführung.

Doch der Parc des Princes und Umgebung steht in Fußballkreisen nicht mehr nur für sportliche Übermacht dank Investorengeld, sondern auch für besonders rigide Richtlinien für den Stadionbesuch. In den letzten Jahren haben sich immer weniger Fußballfans und immer mehr Eventbesucher dorthin verlaufen. Nicht wenige von denen, die dort ihre Heimat verloren haben, glaubten sie im Stade Bauer wiederzufinden, wo man bis vor Jahresfrist noch bodenständigen Fußball in urbanem Milieu sehen konnte. Kein Wunder also, dass schon auf Grund der Voraussetzungen keine große Vorfreude auf die neue Saison aufkommt. Fluch und Segen, in jedem Fall wird auch dieser Aufenthalt nicht von Dauer sein: So verkündete die Pariser Bürgermeisterin Hidalgo: „Dieses Übergangsjahr gibt Red Star die Zeit, (s)ein Stadion im Département Seine-Saint-Denis zu finden.“

Die großzügige Unterstützung der Stadt Paris hat freilich ihren Preis: nicht genug damit, dass Red Star sich den Rasen künftig mit Stade Français, dem Club aus der obersten Rugbyliga des Landes teilen muss, es fällt auch eine Stadionmiete an, die irgendwo zwischen einem hohen sechs- und einem niedrigen siebenstelligen Betrag für diese eine liegen dürfte. Zu Recht fragt sich mancher Fan nun, warum der Vereinsvorstand sich so vehement gegen eine finanzielle Eigenbeteiligung am Ausbau des Stade Bauer gewehrt hat. Das vorgebrachte Argument lautete, man sehe weder eine Verpflichtung noch einen Sinn, für die Renovierung aufzukommen, da es sich ja um ein städtisches Stadion handele. Genau diese Mittel müssen nun eben für die Stadionmiete aufgebracht werden – mit dem Unterschied, dass sie keinerlei Investition in eine auch nur mittelfristige Lösung darstellen, sondern lediglich ein Erkaufen von weiterem zeitlichen Spielraum. Nachdem die Vereinsführung von vornherein alles auf die Karte Neubau mittels PPP im Industriegebiet von Saint-Ouen gesetzt hat, dieses Projetk auf Grund des Städtebauprojekts Grand Paris unterdessen allerdings gescheitert ist, bleibt ihre weitere Ausrichtung nebulös. Nach außen kommuniziert man den Wunsch einer baldmöglichen Rückkehr ins Stade Bauer – ohne freilich irgendeine Hand dafür krumm zu machen und wohl wissend, dass ab dem ersten Spatenstich eine Bauzeit von mehr als einem Jahr angesetzt ist, also weitere zwei Saisons der Wanderschaft anstünden. Eile täte also Not, doch auf der Vereinsagenda steht seit Jahren das Motto „auf Zeit spielen“, und vermutlich spekuliert man darauf, dass die Fans ihr geliebtes Stadion irgendwann vergessen oder aufgegeben haben oder sich eben eine andere Kundschaft gefunden hat. So bleibt die Fanvereinigung Collectif du Red Star Bauer mit ihrem crowdfunding für eine Stadionrenovierung (http://www.fosburit.com/projets/projet/2999-supporters-pour-bauer/) weiter auf sich allein gestellt und unterstellt der Vereinsführung den üblichen Opportunismus vor Beginn einer neuen Saison.

Eigentlich ist diese Posse ein Lehrstück darüber, wie wenig es heutzutage bedarf, um einen Verein bis in seine Basis hinein zu spalten, und zwar jenseits gewöhnlicher persönlicher Eitelkeiten oder der Seilschaften handelnder Personen und deren diskutablen Entscheidungen im sogenannten Tagesgeschäft. Sie zeigt die Diskrepanz des privatisierten Unternehmens (das er ist) und seiner Wahrnehmung als Gemeinschaftsgut oder gar als Teil des kulturellen Erbes, das er in den Augen von sehr vielen Menschen immer noch darstellt (und als solcher er in gewisser Weise mitbeansprucht wird). Selbst bei einem, wenn nicht dem letzten Überbleibsel des „football populaire“ Frankreichs. Für diese Erkenntnis war nicht einmal die Präsenz asiatischer Investoren vonnöten, über deren bevorstehende Ankunft spekuliert wird. Allerdings ist dieser Prozess auch selten so augenfällig wie bei einem Verein, der seine Heimat verloren hat und dessen Vereinspräsident nicht müde wird von einer nötigen, aber möglichen „Verpflanzung der DNA“ des Vereins zu fabulieren. Zur Erinnerung: mit kurzen, teilweise zwangsweisen Unterbrechungen hat Red Star 106 Jahre lang im Stade Bauer seine Partien ausgetragen. Wo, wenn nicht an einem solchen Ort, findet sich die Identität eines Vereins?

Viele der treuen Fans haben sich schon vergangene Saison vom sportlichen Geschehen abgewandt oder den Verein nur noch auswärts unterstützt. Andere sagen sich „auf ein Neues“ und verzichten auf die Fragestellung, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Stattdessen ergeben sich mit dem neu gefundenen Spielort wieder eine ganze Reihe praktischer Anforderungen und Bedürfnisse. Auf die Frage im Fanforum,  in welchem Sektor man sich zu den Heimspielen im Jean-Bouin-Stadion denn nun versammeln werde, hatte ein Nutzer immerhin schon eine klare Antwort: „im Gästeblock“.

13. Juni 2016
von Hardy Gruene
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ZEITSPIEL Zeitreise – vor 60 Jahren: Stade Reims im ersten Europapokal-Endspiel

wappen_reims_alt.svgHeute vor 60 Jahren standen sich in Paris der französische Meister Stade de Reims und Spaniens Titelträger Real Madrid im ersten Endspiel um den Europapokal der Landesmeister gegenüber. In einem laut zeitgenössischen Berichten „mitreißenden, dramatischen und absolut hochklassigen Spiel“ unterlagen die Franzosen nach zwischenzeitlicher 2:0- bzw. 3:2-Führung schlussendlich mit 3:4. Heute ist Stade Reims einer der legendärsten Klubs Frankreichs und wird als „Mythos“ bezeichnet.

In unserem aktuellen Heft (Ausgabe 4) hat sich Olaf Wuttke im Rahmen des Schwerpunkts „Le Foot – Frankreich Spécial“ mit dem „Mythos“ der Rémois beschäftigt. Nachstehend der komplette Artikel aus dem Heft. Stade Reims ist übrigens am Saisonende aus der League 1 abgestiegen und spielt 2016/17 in der L2.

Stade Reims und AS Saint-Étienne:  „L’amour fou – es kann nur pure Liebe sein“

Die heutzutage in Deutschland bekanntesten französischen Vereine sind zugleich diejenigen, die auch jenseits des Rheins zu den populärsten zählen – also an erster Stelle Olympique Marseille, aber auch Olympique Lyon, Paris Saint-Germain sowie die „Ausländer“ der AS Monaco, die bei Umfragen stets ganz vorne landen. Diese Beliebtheit hängt zweifellos vor allem mit ihren Erfolgen in jüngerer und jüngster Zeit, aber auch mit dem täglichen Medien-Ballyhoo rund um dortige Superstars, astronomische Saisonbudgets und tatsächliche oder vermeintliche Affär(ch)en zusammen.

Diese Phalanx der „Großen“ wird durch zwei Klubs angereichert, deren beste Zeit nahezu in grauer Vorzeit liegt: Das sind die Rot-Weißen von Stade de Reims und die Grünen der Association Sportive de Saint-Étienne, kurz auch SdR bzw. ASSE (oder Sainté bzw. les verts). Über kaum einen anderen Verein sind so zahlreiche Bücher geschrieben und verkauft worden wie über das Duo, und die Presse versteigt sich auch im 21. Jahrhundert noch zu wahren Hymnen, um beider Bedeutung zu beschreiben. Reims’ Wiederaufstieg in die 1. Liga 1970 beispielsweise wurde lyrisch als „Rückgabe des schönsten Ausstellungsstückes an das Museum des französischen Fußballs“ bezeichnet, und 2012 titelten „Le Monde“ („Ein Mythos stirbt niemals“) wie „France Football“ („Es gibt mythische Klubs und andere, die das nicht sind“) fast im Gleichklang, als den zwischenzeitlich böse abgestürzten Remois die abermalige Rückkehr ins Oberhaus gelang. Probleme in diesen Klubs mit Legendenstatus füllen regelmäßig auch die Leserbriefseiten im gesamten Land.

Zwei Provinzsstädte mit starken Firmen

Mit ihrer aktuellen Spielstärke ist diese frankreichweite Zuneigung nicht zu erklären: Anfang April 2016 weist die ASSE 32 Punkte Rückstand auf den Tabellenführer auf, schwebt Reims als 17. sogar in akuter Abstiegsgefahr. Da die letzten Meisterschaften bereits 54 (Reims) bzw. 35 (Saint-Étienne) Jahre zurückliegen, nimmt die Zahl der Franzosen, die eines dieser großen Teams noch mit eigenen Augen haben spielen sehen, naturgemäß stetig ab. Es muss also etwas anderes sein, was das Duo verkörpert.

Als erstes wäre da sicher die Tatsache zu nennen, dass Reims und Saint-Étienne die ersten französischen Klubs waren, die Europapokalendspiele erreichten (und dann verloren): die Rot-Weißen 1956 und 1959 gegen Real Madrid, die Grünen 1976 gegen Bayern München. Reims hatte 1953 immerhin die Coupe Latine gegen den AC Mai-land, Sporting Lissabon und FC Valencia gewonnen.

Als zweites rationales Argument kann die Zahl nationaler Trophäen dienen: ASSE hat es auf zehn Meistertitel – niemand in Frankreich hat mehr – und sechs Pokalsiege gebracht, SdR auf sechs Meisterschaften und zwei Coupes.

Drittens ist speziell mit Reims ein erster Höhepunkt der Nationalelf untrennbar verbunden, nämlich Platz drei bei der WM 1958. „L’Équipe“ schrieb damals „Die Mannschaften von Reims und Frankreich sind eins.“

Zudem weisen die Klubs einige frappierende Gemeinsamkeiten auf: Beide kommen aus innerfranzösischen Provinzstädten mit deutlich unter 200.000 Einwohnern, beide sind aus Betriebssportvereinen hervorgegangen (Reims aus der Société Sportive du Parc Pommery, einer Sektkellerei; Saint-Étienne aus der Amicale de la Société Casino, einer Supermarktkette). Und bei beiden wirkte zeitweise der „beste Erstligatrainer seit 1932“ („France Football“, 2013) bzw. „zweitbeste französische Trainer des Jahrhunderts“ („L’Équipe“, 2000) Albert Batteux, dem sie zusammen acht Meistertitel verdanken. Mit beiden Klubs verbindet man schließlich aber auch finstere Seiten (SdR 1970 und 1999 verbandsseitig unterstützte Aufstiege trotz fehlender sportlicher Qualifikation, ASSE Schwarzgeld- und Passfälschungsaffären in den 1980/1990ern).

Französischer „Kulturbesitz“

Aber all dies erklärt nur unzulänglich das anhaltende breite Interesse an zwei Vereinen, die zudem markante Unterschiede aufweisen. So blickt Saint-Étienne auf 63 offizielle Erstligasaisons zurück – Reims lediglich auf 33. Der längste ununterbrochene Zeitraum in der Unterklassigkeit betrug bei der ASSE sechs (1932–1938), bei Stade hingegen 33 Spielzeiten (1979–2012).

Völlig gegensätzlich ist auch die Atmosphäre auf den Stadionrängen: Während das Stade Geoffroy-Guichard in Saint-Étienne anschaulich „le chaudron“ („Hexenkessel“) genannt wird, zeichnet sich das Stade Auguste-Delaune der Remois durch große Zurückhaltung, häufig sogar regelrechtes Desinteresse des Publikums aus. Das führte schon in den 1950er-Jahren dazu, dass Reims seine Europapokal-Heimspiele und viele internationale Freundschaftspartien im 130 Kilometer entfernten, bestens besuchten Pariser Parc des Princes austrug. Auch die ASSE ließ sich übrigens nach ihrer Rückkehr vom Landesmeisterfinale 1976 zunächst auf den Champs-Élysées feiern – so wurden beide Klubs in der Hauptstadt zum Identifikationsobjekt und zum „Kulturbesitz“ aller Franzosen.

Selbst bezüglich ihrer Frauenfußballerinnen unterscheiden sich der Verein aus dem Zentrum der Champagnerproduktion und derjenige aus der alten Schwerindustriestadt. Reims gewann ab 1974 sechs Landesmeistertitel und gilt heute als erste französische Hochburg des modernen Frauenfußballs nach dem Zweiten Weltkrieg, während Sainté lediglich einen Landespokaltitel (2011) vorzuweisen hat.

Phänomen Vereinsliebe

1992 sah sich das insolvente Stade Reims gezwungen, seine 494 Einzelstücke umfassende Trophäensammlung für läppische 200.000 DM an den fußballbegeisterten Unternehmer Alain Afflelou („Frankreichs Fielmann“) zu verkaufen. Dies rief einen landesweiten Proteststurm hervor, der 1997 zur Rückgabe der Sammlung an den Klub führte – einer „quasi-religiösen Restitution“, wie „L’Équipe“ diesen Vorgang charakterisierte.

Tatsächlich wies aber auch der französische Fußball schon in der Frühzeit etliche Schatten auf, die mancher gerne erst der neuesten Zeit unterschiebt: breite Missachtung des Amateurismus spätestens nach dem Ersten Weltkrieg, „Ergebniskauf“ in der Profiliga (erstmals 1932/33 durch Olympique Antibes), Knebelverträge für Spieler, die sich bis 1969 zu Recht als „Sklaven der Vereine“ fühlten, oder Konkurse nebst merkwürdigen Lizenzverkäufen (Toulouse FC an Red Star 1967).

Und so ist das Phänomen der ewigen Vereinsliebe, ja, der Mystifikation sowohl von SdR als auch von ASSE ohne Rückgriff auf die oft irrationalen Aspekte der Beziehung von Menschen zum „heimeligen Rundledersport von damals“ gegenüber dem „kalten, fremdgesteuerten Professionalismus heute“ und einer gewissen nostalgische Verklärung der Vergangenheit als „sauber und authentisch“ nicht erklärbar. Hinzu kommen eine nachträglich Charismatisierung der Akteure, die gelebte Vereinstreue von Spielern wie Raymond Kopa oder Robert Jonquet in Reims und Rachid Mekhloufi bzw. Robert Herbin in Saint-Étienne sowie personelle Kontinuität auf den Trainerbänken wie in den Führungsetagen. Es ist vielleicht am Prägnantesten mit „Glaube, Liebe, Hoffnung“ ausgedrückt. (Olaf Wuttke)

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12. Juni 2016
von Hardy Gruene
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KLARTEXT Zu den Ausschreitungen von Marseille und Nizza

Da sind sie wieder, die üblichen Reflexe: „Das hat nichts mehr mit Fußball zu tun!“, „Das sind keine Fußball-Fans“.

Der Fußball grenzt sich ab von den Gewalttätern in Marseille, in Nizza. Die heile Welt des Fußballs, sie darf nicht gestört werden. Schon gar nicht von wilden Horden, die mit einer unfassbaren Brutalität vorgehen und nicht einmal mehr Rücksicht vor Menschenleben nehmen. Die Szenen aus Marseille sind schockierend, und es gibt keinerlei Rechtfertigung für eine derart eskalierende Gewalt. Da komme mir bitte auch niemand mit „Gewalt gab es schon immer beim Fußball“ oder „Ehrenkodex“. Zum einen bedeutet die Tatsache, dass Gewalt schon immer zum Fußball gehörte, längst noch nicht, dass wir sie einfach zu dulden haben, zum anderen gibt es beispielsweise in Russland keinen Ehrenkodex, wie er möglicherweise in hiesigen Hooligankreisen gewahrt wird – so zynisch letzteres klingt.

Was mir Sorge bereitet, ist dieser Reflex, dass „das alles nichts mit dem Fußball zu tun hat“. Es stimmt zwar – denn Fußball ist lediglich eine Projektionsfläche, bietet den Anlass, seine Neigungen auf derart perverse und menschenverachtende Art auszuleben – aber das heißt nicht, dass es sehr wohl etwas mit dem Fußball zu tun hat. Und es reicht vor allem nicht, Betroffenheit zu bekunden, gebetsmühlenartig auf ein „wir als Fußball sind nicht dafür verantwortlich“ zu verweisen und nach „Ausschluss“ oder „härteren Maßnahmen“ zu rufen. Der Fußball hat die Geister, die gegenwärtig in Frankreich marodieren, gerufen. Mit seiner Bedeutung, mit seiner emotionalen Aufgeblasenheit, mit seiner exzessiven Kommerzialisierung und Rund-um-die-Uhr-Medialisierung, die eine perfekte Bühne liefert. Er ist längst nicht mehr „nur ein Spiel.“

Da kann er sich nicht aus der Verantwortung ziehen. Und das gilt für jeden Einzelnen. Auch für uns, die wir uns in Abgrenzung zu den Gewalttätern von Marseille gerne als „die wahren Fans“ bezeichnen. Die Kommentarspalten quellen über vor Ratschlägen in Richtung „Arbeitslager“, „wegsperren“, „ausweisen“. Auch auf Zuschauerebene/Fanebene funktioniert der Reflex, sich abzugrenzen von denen, die den Fußball missbrauchen. „Das sind keine Fußballfans“, ruft man – und greift zu Bier und Salzstangen, um sich den Sessel für Deutschland gegen Ukraine zurechtzurücken.

Diese Ignoranz ist in meinen Augen Teil des Problems. Denn dass es während der EM zwischen Vertretern unterschiedlicher Nationen (ich greife jetzt absichtlich nicht zu Worten wie „Fans“ oder „Hooligans“) rappeln würde, musste jedem klar sein, der sich ein bisschen mit der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in Europa in den letzten Monaten beschäftigt hat. Für gewaltsuchende Hooligans stand die EM schon seit langem auf der Tagesordnung. Was dazugekommen ist, sind ein explodierender Nationalismus seit Krim-Krise und Syrien-Konflikt mitsamt Folgen, eine dramatisch zunehmende Diskussionsverweigerung und diverse politische Demagogen, die die Stimmung immer weiter angeheizt haben.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob Marseille schon der „Höhepunkt“ war. Bislang haben wir Russland, England, Frankreich und Polen als „Gewalttäter“ ausgemacht. Dabei wird es kaum bleiben. Frankreichs gewaltbereite Szene macht schon seit Wochen Stimmung gegen Türken („nicht willkommen“), und auch Deutschlands Hooligans werden die Bühne EM sicher gerne nutzen wollen. Am Mittwoch spielt Russland in Lille, am Donnerstag England in Lens. Randale vorprogrammiert. Die EM braucht braucht keinen ISIS, um in Gewalt zu ertrinken. Bitter.

Was wir in Marseille sehen, ist auch das gespaltene Europa. Die Folgen eines Rückzugs auf das Nationale als kleinsten gemeinsamen Nenner, den es zu verteidigen gilt. Die von Europa „ausgegrenzten“ Russen gegen die verhassten Engländer. Die sich immer noch als Weltreich fühlenden Engländer („rule Britannia, Britannia rules the waves“) gegen Franzosen. Franzosen gegen Engländer, mit denen sie „noch eine Rechnung offen haben wegen 98“. „Weiße“ Franzosen gegen Beurs aus den Vorstädten. Und mitten drin die Polizei, offenkundig überfordert, aber auch offenkundig bedenklich schlecht vorbereitet.

Ich bin regelmäßig mit Guingamp bei Auswärtsspielen in Frankreich unterwegs. Was mich immer überrascht hat, ist die völlige Verständnislosigkeit der Polizei gegenüber der Fankultur. So etwas wie „szenekundige Beamte“ sucht man zumeist vergeblich. Stattdessen wie gepanzert wirkende Männer, die ihre Visiere runtergeklappt haben und den Eindruck vermitteln, dass sie sich im Krieg befinden. Mir ist es noch nie gelungen, ein Gespräch mit einem französischen Polizisten im Stadion zu führen. Trage ich einen Fanschal, bekomme ich nur mürrische und knappe Anweisungen. Nach den Anschlägen von Paris gab es in Frankreich sofort ein Reiseverbot für Auswärtsfans. Ohnehin ein probates Mittel in Frankreich, hatte unmittelbar nach den Anschlägen zunächst jeder Verständnis dafür. Doch als es im Dezember noch immer nicht aufgehoben wurde, tauchte der Verdacht auf, dass man es am Liebsten wohl dauerhaft einführen würde. Fußballfans – vor allem Gästefans – werden in Frankreich traditionell als „Troublemaker“ betrachtet und auch so behandelt. Dabei ist es einerlei, ob OM mit Tausenden nach Paris reist (was dann wirklich ein Risikospiel ist), oder ob Guingamp mit einer Handvoll Fans in Marseille aufläuft. Auswärtsfan ist Auswärtsfan, und Auswärtsfan ist per se Gewalttäter.

An den Ausschreitungen von Marseille und Nizza waren auch einheimische Jugendliche beteiligt. Ich war im Mai in beiden Städten und habe die Atmosphäre in den Vorstädten erlebt. Dort brodelt es – und das nicht erst seit der EM. Die Hoffnungslosigkeit, das „sich ausgegrenzt“ fühlen, die Stigmatisierung vor allem der Maghrebiner – all das hat zu einer Parallelwelt geführt. „Die gegen uns“ – das ist das herrschende Credo. Verhärtete Fronten auf beiden Seiten, erschreckende Dialogverweigerung auf beiden Seiten. Das schafft Fronten, und Fronten brauchen Feindbilder. Wenn also nordirische Fans in einem Einkaufszentrum in Nizza von einheimischen Jugendlichen provoziert werden, kann ich mir das lebhaft vorstellen. Es ist dann auch ein Stellvertreterduell zwischen (vermeintlichen) Verlierern und Gewinnern. Und natürlich kann in dieser allgemeinen Lagerhaltung die Reaktion der Fans aus Nordirland nur sein, auf die Provokation einzugehen und ihrerseits zu provozieren. So ist der Fußball, so ist das Lagerdenken, so ist, darf man es so sagen?, der Nationalismus. In Marseille haben englische Fans sogar eine algerische Flagge benutzt, um die Einheimischen zu provozieren.

Um es klar zu sagen: die Gewalt, die wir gerade in Frankreich erleben, ist gesucht und gewollt. Das ist nicht das Produkt von Zufällen. Das ist das gezielte Suchen, das gezielte Provozieren. Es ist in meinen Augen auch der Ausdruck eines Europas, das sich immer mehr hinter seinen jeweiligen Mauern verschanzt und vornehmlich daran interessiert ist, seine eigenen Errungenschaften und meinetwegen „Werte“ zu verteidigen. Jeder für sich, alle gegen alle. In Frankreich zerbricht auch die europäische Idee. Nachzulesen übrigens in den Kommentarspalten der hiesigen Zeitungen und TV-Sender, in denen viele Deutsche nach den Vorfällen von Marseille Großbritannien den Brexit nahelegen. Ausschließen – ein probates Mittel im Fußball?

So lange wir ein so vereinfachtes Schwarz/Weiß-Bild haben, und so lange sich der Fußball mit all seinem Pomp, Kommerz, immensem Geld und gesellschaftlicher Bedeutung nicht wirklich diesem Klientel stellt, das er AUCH anzieht, wird diese Klientel ihn für ihre Zwecke benutzen und missbrauchen.

Es gibt Stimmen, die meinen, die Gewalttäter von Marseille seien „sturzbetrunken“ gewesen. Sicher ist es ungünstig gewesen, das Spiel erst um 21 Uhr anzupfeifen, so dass jeder reichlich Zeit hatte, sich volllaufen zu lassen. Doch wer die Videos sieht, sieht keine volltrunken herumtorkelnden Fans, er sieht strategisch und sehr „nüchtern“ vorgehende Gewalttäter. Bei den Engländern mag Alkohol noch eine Rolle spielen, bei den Franzosen und vor allem den Russen sicher nicht. In einem englischen Forum las ich von jemanden, der vor Ort in Marseille ist: „wir schaukeln uns ein bisschen mit Alkohol hoch, die Russen sind komplett nüchtern“. Zu sagen, die Gewalttäter seien „volltrunken“ und „nicht mehr Herr ihrer Sinne“ ist angesichts der schockierenden Bilder zynisch und ein weiterer Reflex des Fußballs im Sinne von „damit haben wir nichts zu tun“. Mal ganz abgesehen davon, dass selbst einem Volltrunkenen die Verantwortung für Szenen wie in Marseille bleiben sollte. Wer sich bewusst besinnungslos besäuft und dann Straftaten wie jene in Marseille begeht, kann sich nicht dahinter zurückziehen, besoffen gewesen zu sein.

„J’en ai marre, j’en ai ras de bol“, sagte gestern Abend ein Fanexperte im französischen Fernsehen – „ich bin es leid, ich habe die Schnauze voll“. Und meinte neben den Gewaltexzessen auch die beharrliche Weigerung des Fußballs, sich die Zusammenhänge anzuschauen.

Wovon ich persönlich aber auch „die Schnauze voll“ habe, sind diese Leute, die den Fußball für ihre Zwecke mißbrauchen. Vor anderthalb Jahren war ich mit Guingamp im Europa-League-Spiel bei Dinamo Kiew. Wir waren 32 Gästefans – und wurden in der zweiten Halbzeit von mehreren hundert Leuten angegriffen. Es steht für mich außer Frage, dass es einschneidender Maßnahmen bedarf, damit diese Europameisterschaft nicht völlig eskaliert. Und noch sind ja die eigentlichen Befürchtungen, was Gewalt während der EM betrifft, nicht eingetroffen. Man stelle sich nun noch vor, dass ISIS…

Frankreichs Sicherheitskräfte stehen in den nächsten Tagen vor sehr schweren Herausforderungen, denn Szenen wie die in Marseille zu verhindern, wenn Gruppen aufeinandertreffen, die offen Gewalt suchen und provozieren, ist schwer bis unmöglich. Und ich bin wirklich „ras de bol“ von diesen deprimierenden Bildern hochaufgerüsteter Polizeikräfte, umherfliegender Flaschen und prügelnder Dumpfbacken.

Hardy Grüne

10. Juni 2016
von Hardy Gruene
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Zum Start der EM 2016

Bevor nun das große Fest beginnt, wollen wir nicht versäumen, allen Freundinnen und Freunden von Zeitspiel eine je nach Lust und Einstellung intensive oder eben eher distanzierte/gleichgültige EM zu wünschen.

Dieser Kanal bleibt jedenfalls weitestgehend EM-frei – es dürfte ja genügend Informationsquellen zum Turnier geben.

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