ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

5. März 2017
von Hardy Gruene
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Fußball in der Migrationsgesellschaft

In unserer dritten Ausgabe (Flucht, Vertreibung, Integration, Migration, Januar 2016) haben wir uns im Leitartikel ausführlich mit dem Thema Fußball und Migration beschäftigt und dabei einen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart geschlagen.

Kürzlich fand nun in Siegen eine Tagung zum Thema „Fußball in der Migrationsgesellschaft“ statt. Tim Frohwein hat daran teilgenommen und sich mit dem Mitinitator Carsten Blecher über den Stand der Dinge unterhalten.

„Vereine sollten sich hinterfragen, wie diversitätssensibel sie eigentlich sind“

Am 23.02.2017 fand an der Universität Siegen die 1. Siegener Fußball-Tagung statt. Über 70 Teilnehmer aus ganz Deutschland waren angereist, um über das Thema „Fußball in der Migrationsgesellschaft“ zu diskutieren – „und das zur Hochphase des Karnevals“, zeigt sich Mitinitiator Carsten Blecher mit der Resonanz zufrieden. Im Interview spricht er über den Sinn und Zweck der Veranstaltung – und gibt Einblicke in sein aktuelles Forschungsprojekt, in dessen Rahmen er untersucht, warum Menschen mit Migrationshintergrund in deutschen Fußballstadien unterrepräsentiert sind.

Herr Blecher, für die 1. Siegener Fußball Tagung haben Sie die Überschrift „Fußball in der Migrationsgesellschaft“ gewählt. Warum gerade dieses Thema?

Carsten Blecher: Mein Eindruck ist es – und diese Meinung teilen auch viele Kollegen –, dass das Thema „Migration im Fußball“ insgesamt eher unterforscht ist. Auf der Tagung sollten nun zum einen bisherige Forschungsergebnisse dazu vorgestellt und zum anderen ein Austausch unter themenverwandten Forschern ermöglicht werden. Dazu kommt bei mir ein ganz persönliches Interesse: Im Rahmen meines Promotionsprojekts beschäftige ich mich derzeit unter anderem mit der herkunftsbezogenen Zusammensetzung des Publikums in deutschen Fußballstadien.

Sie arbeiten nicht nur als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Siegen, sondern auch für das Kölner Fanprojekt, einer von der DFL und aus öffentlichen Töpfen finanzierten Einrichtung für Kölner Fußballfans. Waren es auch die Erfahrungen im Rahmen dieser Tätigkeit, die Sie dazu bewogen haben, dieses Promotionsprojekt zu starten?

Klar bekomme ich im Rahmen meiner Arbeit dort mit, wie sich zum Beispiel das Fanpublikum des 1. FC Köln zusammensetzt. Auch als regelmäßiger Stadionbesucher ist mir aufgefallen, dass man dort Menschen mit Migrationshintergrund unverhältnismäßig selten antrifft. Dazu kommt, dass ich mich seit Jahren mit Fußballforschung befasse. In Studien tauchte dabei immer wieder auf – meist als Nebenbefund –, dass das Fußballpublikum in Deutschland in Bezug auf die Herkunft tendenziell eher homogen ist. Systematisch hat sich diesem Phänomen bislang aber noch niemand wissenschaftlich angenähert. Und so kam mir die Idee, in diese Lücke zu stoßen und daraus mein Dissertationsprojekt zu machen.

Nun stecken Sie mittendrin in diesem Projekt. Was haben Sie bislang untersucht? Wie ist der aktuelle Stand der Ergebnisse?

Bislang habe ich mehrere fragebogengestützte Fanbefragungen bei Heimspielen des 1. FC Köln durchgeführt. Nach jetzigem Stand liefern die dort gesammelten Daten Hinweise darauf, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Fußballstadien eher unterrepräsentiert sind, dass sie dort also nicht so häufig anzutreffen sind, wie man es aufgrund ihres Anteils in der Gesamtbevölkerung annehmen müsste. Dazu habe ich noch qualitative Interviews mit fußballinteressierten Jugendlichen und mit Fanbeauftragen des 1. FC Köln geführt. Auch hier finden sich Belege für die These.

Bislang handelt es sich aber gewissermaßen nur um Vorstudien, die Ergebnisse erfüllen keinen Anspruch auf Repräsentativität. Jetzt gilt es, andere Vereine und deren Anhängerschaften in den Fokus zu nehmen.

Haben Sie auch schon Antworten darauf gefunden, warum Menschen mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert sind?

Ja, gerade die Interviews mit den fußballaffinen Jugendlichen waren hier sehr aufschlussreich. Unter den Befragten waren ja auch Jugendliche mit Einwanderungsgeschichte. Aus den Gesprächen mit ihnen geht hervor, dass die Vorliebe für einen bestimmten Verein – genauso wie bei deutschen Fußballfans eben auch – innerhalb der Familie weitergegeben wird. Man ist also Fan von Galatasaray Istanbul, weil zum Beispiel auch der Vater Fan dieser Mannschaft ist.

Die befragten Jugendlichen mit Migrationshintergrund gaben außerdem an, die Möglichkeit eines Stadionbesuchs gar nicht in Betracht zu ziehen, da sie nicht wüssten, wie sie an Karten für ein Heimspiel des FC kommen sollten. Das hat weniger mit mangelnden finanziellen Möglichkeiten zu tun, es fehlt ihnen vielmehr das Netzwerk.

Ein weiterer Grund, warum man von einem Stadionbesuch absieht, ist eine gewisse Furcht davor, diskriminiert zu werden. Eine türkischstämmige Befragte, die auch gelegentlich ins Stadion geht, gab beispielsweise zu Protokoll, dass sie sich in der Gesellschaft der überwiegend deutschen Fans dort unwohl fühle.

Gerade das letzte Beispiel zeigt ja, dass Vereinen hier gewissermaßen ein Fanpotenzial verloren geht. Sollte man nichts unternehmen, um das zu verhindern?

Zunächst mal glaube ich, dass man nicht versuchen sollte, Menschen die Vorliebe für einen bestimmten Verein einzureden. Trotzdem sollten sich Vereine, die gerne mehr Menschen mit Migrationshintergrund unter ihren Fans sehen würden, hinterfragen, wie diversitätssensibel sie eigentlich sind. Auf welche Zielgruppe sind die eigenen Kommunikationsmaßnahmen ausgerichtet? Wie tolerant stellt man sich in der Öffentlichkeit dar? Das sind Fragen, die sich die Vereinsverantwortlichen stellen sollten, wenn man dieses Fanpotenzial mobilisieren will. Allerdings: Handlungsdruck haben die Vereine hier eigentlich nicht, die Stadien in Deutschland sind ja voll.

Ökonomische Gründe, auf Fußballbegeisterte mit Migrationshintergrund zuzugehen, gibt es also weniger. Kann man den Vereinen stattdessen plausibel machen, dass es sehr wohl integrationspolitische Gründe gibt? Als Fan des ortsansässigen Fußballklubs dürfte man sich vermutlich in der Stadt, in der man lebt, noch ein Stückweit mehr zuhause fühlen.

Tatsächlich möchte ich Vereine mit meiner Forschung gerne auf diese Gründe aufmerksam machen. Gerade Flüchtlingen gelingt zum Beispiel die Eingewöhnung bestimmt besser, wenn sie sich mit dem lokalen Fußballverein identifizieren und sich dort als Teil einer Fanfamilie begreifen oder zumindest willkommen fühlen.

Interview: Tim Frohwein

3. März 2017
von Hardy Gruene
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Schlechte Nachrichten aus der Vertriebsabteilung: Ausgabe Nummer #2 („Süße Hölle Aufstiegsspiele“) ist nun ebenfalls komplett ausverkauft (die Ausgabe #1 gibt es ja schon länger nicht mehr).

Wir danken für euern grandiosen Support und weisen gerne noch mal auf die Abo-Möglichkeiten hin http://www.zeitspiel-magazin.de/wir-fuer-euch-abo-und-bezug .

Die Ausgaben #3 bis #7 sind übrigens noch lieferbar, wobei es bei den Ausgaben #3 und #4 in absehbarer Zeit wohl ebenfalls knapp wird.

2. März 2017
von Hardy Gruene
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Argentinien und sein Versuch, wieder um Punkte zu spielen

Kommt es morgen Abend zum Saisonstart in der „Tierre Santa“ von San Lorenzo de Almagro?

Aktueller Update Freitag, 3. März, 15 Uhr Ortszeit Buenos Aires

Die für heute geplanten Partien San Lorenzo gegen Belgrano Cordoba und Rosario Central gegen Godoy Cruz Mendoza sind gerade abgesagt worden. Am Abend ist ein weiteres Meeting, auf denen die Lage beraten werden soll. Die 2. bis 4. Liga (Ascenso) wollen angeblich am Wochenende spielen.

Aktueller Update Freitag, 3. März, 12 Uhr Ortszeit Buenos Aires

Frische News aus Absurdistan, resp. Argentinien. Nun doch Spielerstreik, wiewohl die Entscheidung nicht bei allen Vereinen auf Zustimmung stößt. Es geht um die ausstehenden Zahlungen der Klubs an die Spieler in den vier Profiligen. Der Verband hat Sanktionen angekündigt für jene Teams, die nicht antreten. Man denkt über die Entsendung von Jugendmannschaften nach. Belgrano de Cordoba ist nach Buenos Aires geflogen, will aber nach Aussage von Kapitän Farré dort nur auflaufen „wenn es zu einer Regelung bezüglich der Außenstände der Klubs an die Spieler kommt“. Von San Lorenzo, Belgranos Gegner um 21.20 Uhr Ortszeit, heißt es: „wir werden sehen was während des Tages noch passiert“. Darauf bin auch ich gespannt…

 

Originalbeitrag, Stand Donnerstag 2. März, 14 Uhr Ortsteut Buenos Aires

Es sind „interessante“ Tage im argentinischen Fußball – wenn sie auch etwas turbulent sind. Donnerstag, 14 Uhr Ortszeit, ist jedenfalls noch nicht klar, ob der Ball in der Primera Division ab morgen wie geplant rollt. Die Ereignisse im Zeitraffer: Erst gab es Streit zwischen Vereinen und Nationalverband AFA wegen der TV-Rechte, die nach dem Ende des „Futbol para todos/Fußball für Alle“-Agreement (da hatte der argentinische Staat die Kosten übernommen, mit der Wahl von Mauricio Macris zum neuen Präsidenten wurde das Agreement nicht verlängert) neu vergeben werden mussten. Das war die Ursache für den ersten Streik und die Verlegung des Saisonstarts von Anfang Februar auf den 3. März.

Kaum hatte man sich geeinigt, kündigte die Spielergewerkschaft FAA mit Hinweis auf massive Verdienstausfälle einen weiteren Streik an (fast alle Klubs sind hochverschuldet), womit der Saisonstart 3. März erneut gefährdet war. Auch das wurde gelöst (die Regierung zahlte gestern 390 Millionen Pesos, etwa 24 Millionen Euro) – als plötzlich die Polizei Sicherheitsbedenken anmeldete. Nachdem auch die beseitigt worden waren, schien tatsächlich alles perfekt zu sein – bis die FIFA gestern Nachmittag verkündete, Absatz 2 von Artikel 87 des gerade erst abgesegneten neuen Verbandsstatus nicht zustimmen zu wollen. Darin geht es um die Prüfung der Eignung möglicher Präsidentschaftskandidaten für die am 29. März terminierten Wahlen zum AFA-Vorstand. Nach Ansicht der FIFA verstößt der Artikel gegen die ethischen Richtlinien der FIFA-Statuten.

Damit schien der Saisonstart Stand gestern Nachmittag endgültig ins Wasser zu fallen. Wie es weitergeht, ist jedoch noch immer unklar. Das Team von Belgrano Cordoba, das morgen Abend in Buenos Aires gegen San Lorenzo spielen soll, sitzt jedenfalls inzwischen im Flugzeug. Gestern hatte es noch geheißen, man bekäme keine Plätze im Flieger mehr und könne daher nicht anreisen. Als die AFA drohte, dass eine Mannschaft, die nicht antritt, mit Punktabzug bestraft würde, soll der Verein angeblich die zweite Mannschaft in einen Bus gesteckt und nach Buenos Aires losgeschickt haben. Was stimmt – und was nicht – ist gegenwärtig jedoch nicht so genau zu unterscheiden.

Abgesehen vom noch immer unsicheren Saisonstart droht Argentinien aber viel Dramatischeres: nämlich eine internationale Sperre durch die FIFA wegen des angesprochenen Artikels 87. Das Sportblatt „Olé“ sah in seiner heutigen Ausgabe jedenfalls schon die Teilnahme an der WM 2018 in Gefahr (siehe Bild).

Die Stimmung im Land und unter den Fans schwankt zwischen Sarkasmus und Wut. Die chronisch korrupte Fußballführung wird nur noch bespöttelt, und die Sehnsucht nach einer grundlegenden Reform des Fußballs ist riesengroß.

Update 15:30 Ortszeit: inzwischen sind von der AFA auch die Spiele der zweiten bis vierten Liga terminiert und mit Schiedsrichtern besetzt worden. Es deutet also einiges darauf hin, dass es nun wirklich losgeht. Aber Stimmungswechsel gab es in den letzten Tagen genügend, das muss also nichts heißen.

28. Februar 2017
von Hardy Gruene
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Zeitspiel unterwegs: Montevideo

Unser Redaktionsmitglied Hardy Grüne ist derzeit in Südamerika auf den Spuren des Fußballs unterwegs. Ab und an gibt er uns vorab schon mal ein paar Eindrücke, die Ihr via Faceboook verfolgen könnt (es ist kein Facebook-Account nötig!). Hier die Berichte vom vergangenen Wochenende:

 

Die erste Hälfte des Wochenendprogramms in Montevideo ist rum, und es waren zwei völlig verschiedene Fußballausflüge. Bei Defensor gegen Juventud am Freitagabend versammelte sich ein sehr gemütliches, leider aber auch überschaubares Publikum und sah ein 2:1 für den Gastgeber, das etwas schmeichelhaft ausfiel. Hat aber bis auf die Handvoll Gästefans niemanden gestört. Das Estadio Luis Franzini – eine Perle direkt am Meer gelegen und in einem charaktervollen Barrio voller netter Bars und Restaurants. Nur der vorgelagerte Rummelplatz störte ein wenig, zumal er die Anfeuerungsrufe der Defensor-Mannen und Frauen bisweilen übertönte.


 

Ganz anders sah die Lage am Samstagnachmittag bei Montevideo Wanderers gegen Peñarol aus. Wahre Heerscharen Peñarolistas machten sich auf den Weg in den Parque Prado, wo der Parque Alfredo Victor Viera mit seinen rund 7.500 Plätzen trotzdem nicht ganz gefüllt war und vor allem die auf zwei Seiten verteilten Gästefans ganz schön in der gleißenden Sonne brieten. Dafür konnten sie schon nach acht Minuten quasi sämtliche Nervosität bezüglich des Spielausgangs beiseite legen, denn zwei fette Klopfer der Gastgeber sorgten für eine frühe 2:0-Führung. Endstand 4:0 für Peñarol.
Das mit dem Karten-/Ausweischeck wird übrigens konsequent durchgezogen, und es ist auch eine gewisse Entschlossenheit zu spüren, die Gewalt insgesamt einzudämmen. Die Ticketbeschaffung ist aber, wenn man das System erstmal durchblickt hat, ziemlich einfach. Gucken, über welches Unternehmen der Gastvereine seine Tickets anbieten (Redpagos oder Abitab), in einer der überall zu findenden Läden gehen, Wunsch vortragen, Platz aussuchen, bezahlen. Aber den Pass nicht vergessen, ohne den geht nichts. Bei Spitzenspielen haben Socios in der Regel bis drei Tage vorher Vorkaufsrecht, läuft der freie Verkauf also nur über zwei Tage. Und: unbedingt spätestens am Tag VOR dem Spiel kaufen – am Spieltag geht nix.

 

 

Wer einen Tango zum Vereinslied macht, kann nichts Böses im Sinne haben. Als die Rampla Juniors am Sonntagnachmittag zum Lokalderby gegen Danúbio aufliefen, erklang über den Stadionlautsprecher leicht blechern der „Viejo Rampla Tango“ und zauberte eine fast surreale Stimmung. Ohnehin ist das Estadio Olimpio der Rampla Juniors ein surrealer Ort. Es gibt nur zwei Tribünen, die anderen beiden Seiten sind offen zum Río de la Plata und erlauben beeindruckende Aussichten auf die Skyline von Montevideo. Willkommen in Uruguay erster Liga.

Aber Rampla Juniors, das ist auch der Stadtteil Cerro, und da geht es ein bisschen bodenständiger zu als in der mondänen Kernstadt. Ständig wechseln die Bilder von Dritte-Welt-Szenarien über seit langem stillgelegte Industrieanlagen zu modernen Einfamilienhäusern, um die sich meistens ein ziemlich hoher Zaun zieht und in deren Garage ein Mercedes Benz steht. Cerro ist kein einfacher Barrio von Montevideo.
Das Duell Rampla Juniors gegen Danúbio zählt zu jenen Spielen, bei denen die Atmosphäre eher angespannt ist. Man mag sich nicht. Schon lange vor dem Anpfiff wurden allerlei Nettigkeiten ausgetauscht, und auch die Polizei rauschte einmal in Windeseile und mit Blaulicht an. Sportlich hatte Gastgeber Rampla Juniors die Nase vorn. In einem qualitativ eher mäßigen Spiel stand am Ende ein 2:0-Sieg, der durchaus als verdient zu bezeichnen war. Und dann war da ja noch diese eindrucksvolle Kulisse. Ach ja, und wer in den Viejo Rampla Tango mal reinhören möchte: https://www.youtube.com/watch?v=UlyxgorINS4


Anschließend ging die Fahrt zur Cancha von Nacional, wobei sich ein spannendes Gespräch mit dem Taxifahrer entwickelte. Der outete sich früh als Peñarol-Anhänger und hatte wenig freundliche Worte für Nacional über, bestand aber zugleich darauf, als Hincha zwar voller Leidenschaft zu sein, Gewalt aber abzulehnen. „Wir haben in Uruguay sehr viele tolle Fans, die ich Hinchas nennen will, die mit ihren Mannschaften leben und sterben, die anderen Klub und deren Fans aber trotzdem akzeptieren. Auch wir von Peñarol die von Nacional. Es gibt aber leider bei vielen Vereinen auch Leute, die suchen nur die Gewalt. Ich nenne die Fanáticos. Und die machen den Fußball für alle kaputt. Wir sind es alle leid, dass man nicht einfach zum Fußball gehen kann und sich gegenseitig Respekt zollt.“ Dann ließ er mich in Stadionnähe raus, wünsche mir viel Spaß und rief noch ein „pass auf Dich auf“ hinterher.
Um 20:17 Uhr, eigentlich hatte das Spiel um 20 Uhr losgehen sollen, war Schluss mit dem schönen Fußballtag. Als die Balljungen die Luft aus den im Mittelkreis aufgestellten aufblasbaren Werbeflaschen ließen, war perfekt, was sich seit einigen Minuten angedeutet hatte. „Es hat einen Vorfall gegeben“, hatte mir mein Platznachbar um kurz vor acht mitgeteilt. Mehr wusste er auch nicht. Nun zuckte er nur mit den Schultern, meinte „Das Spiel ist abgesagt“, erhob er sich und ging schweigend davon. Ich saß noch eine Weile da und konnte es kaum fassen. Mein letztes Spiel in Uruguay und dann ein Abbruch. Später erfuhr ich dann in den Fernsehnachrichten die Hintergründe. Ein Nacional-Anhänger hatte einen Ordner angegriffen und ihn geschlagen. Nach dem neuen Reglement zur Eindämmung der Gewalt ein Vorfall, der zwingend zum Abbruch des Spiels führt – bzw. in diesem Fall zur Absage. Man will rigide durchgreifen, auch wenn das bedeutet, dass die Tat eines Einzelnen von allen anderen ausgebadet werden muss.
Mich hat der Fall ratlos hinterlassen. Und im Grunde genommen auch alle anderen Fußballfans in Uruguay. In den Foren wird überwiegend Verständnis für den Abbruch gezeigt. Die Tageszeitung „El Observador“ titelte „Una suspensión polémica“ und diskutierte über vier Seiten pro und contra der Entscheidung. Uruguay – ein Land ringt um sich und seinen Fußball.

19. Februar 2017
von Hardy Gruene
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Zeitspiel Unterwegs: Ausgesperrt bei Racing Montevideo

25.000 auf der „Süd“ mussten heute draußen bleiben (oder fanden sich auf der „Nord“ ein) – ich leider auch. Der Plan war ganz simpel: Racing gegen Liverpool, ein ziemlich unscheinares Duell zwischen zwei eher unscheinbarer Vereine aus dem Nordwesten von Montevideo. Früher kein Problem – zum Stadion fahren, ein Ticket kaufen, reingehen. Heute eine Herulesaufgabe. Denn seit heute gibt es im uruguayischen Fußball eine neue Eintrittskartenpolitik. Man muss sein Ticket spätestens am Tag vor dem Spiel bei einem von zwei Ticketagenturen gekauft haben. Notwendig ist der Pass, denn dessen Nummer wird mitsamt Name auf das Billet gedruckt. Einlass gibt es nur mit Ticket und dazugehörigem Dokument.
Dass man das durchaus ernst sieht, habe ich heute erfahren. Weil ich gestern zu spät ankam, konnte ich kein Ticket mehr erwerben, und sämtliche Versuche, mit Presseausweis, Reisepass und der aktuellen Zeitspiel-Ausgabe (mit der Reportage über Chile) Einlass zu finden schlugen fehl. Der Grund: man hat einfach Angst. Nationalverband AUF hat die Klubs strikt angewiesen, niemanden außerhalb des neuen Systems hineinzulassen. Kontrolliert wurde das durch ein Polizeiaufgebot und vor allem eine zusätzliche Abordnung des Verbandes, mit der dann auch mein „Fall“ ausgiebig und mit großem Bedauern abschlägig beurteilt wurde.
Uruguay hat seit langem ein Gewaltproblem im Fußball, und dieses System soll helfen, es zu lösen. Ich habe da meine Zweifel. Denn zumindest bei Racing ist es nun so, dass der Zuschauerzuspruch – ohnehin schon überschaubar – vermutlich noch weiter zurückgehen wird. Ein spontaner Stadionbesuch ist ja schließlich nicht mehr möglich.
Für morgen habe ich bereits ein Billet für das Abendspiel zwischen Peñarol und Boston River in der Tasche, wohingegen ich für den schon seit Wochen ausverkauften Parque-Prado-Schlager zwischen River Plate und den Montevideo Wanderers am Nachmittag schwarz sehe. Eigentlich hatte ich mich da auf den Schwarzmarkt verlassen. Bei Racing aber wurde heute tatsächlich bei jedem Einzelnen der Pass mit der Eintrittskarte abgeglichen – selbst bei Journalisten und TV-Leuten! Das dürfte morgen nicht anders sein. Zwar hat mir ein Platzwart beim Besuch des River-Stadions „Saroldi“ am Nachmittag versichert, er würde mich morgen in jedem Fall reinlassen („komm einfach eine Stunde vorher an dieses Tor, da werde ich warten“), dass ihm das wirklich gelingt glaube ich nach den heutigen Erfahrungen jedoch nicht.
Abenteuer Fußball…

Hier aber nun zumindest ein paar optische Eindrücke aus dem Racing-Umfeld.

 

Sieht gar nicht so wild aus – ein Vorbeikommen gab es dennoch nicht.